Fremde Arten im Wattenmeer
Aliens im Watt - Globalisierung unter Wasser
von Hannah Sliwka
Durch die Klimaerwärmung begünstigt, erobert die Pazifische Auster das Wattenmeer. „Neobiota“ nennen die Biologen derartige eigentlich gebietsfremde Arten mit „Migrationshintergrund“. Die Miesmuschel, bisher die bedeutendste Muschelart im Nationalpark Wattenmeer, ist der exotischen Artgenossin momentan unterlegen. Viele Vögel sind auf die Miesmuschel spezialisiert und finden nun weniger Nahrung. Ökologischer Flurschaden oder kulinarischer Segen? An Austern scheiden sich die Geister.

- Prof. Dr. Karsten Reise ist Spezialist für fremde Arten.
Karsten Reise geht nicht mehr barfuß ins Watt. Dabei liebt er es, knietief im Schlick zu stecken und das modderige Nass zwischen den Zehen zu spüren. Der 64-Jährige ist habilitierter Küstenbiologe an der Wattenmeerstation des Alfred Wegener Instituts auf Sylt. Von seinem Bürofenster blickt er auf ausgedehnte Wattflächen. Er forscht vor allem entlang der Niedrigwasserlinie; dort, wo sich bei Ebbe das Wasser nur kurz zurückzieht. Wattwürmer und Touristen trifft man hier selten. Stattdessen nimmt seit einiger Zeit eine rasiermesserscharfe Auster das Terrain ein und macht jede Barfußwanderung zur Höllentour. Reise nimmt ein Glas von der Fensterbank und greift hinein. In seinen Händen hält er eine gigantische Auster; 27 cm misst sie. "Das größte Exemplar ist das nicht. Bis zu 30 cm erreichen sie." Mit den Fingern fährt er über die raue Muscheloberfläche und zählt die Wachstumsstreifen auf der Schale. "Sieben Jahre alt ist diese Auster schätzungsweise."
Austern gibt es im Wattenmeer eigentlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die europäische Auster ist durch Überfischung an der deutschen Nordseeküste ausgestorben. Aktuell ist es die Pazifische Felsenauster, die das größte Wattgebiet der Erde erobert und im Nationalpark die Ökologie auf den Kopf stellt. „Neobiota“ nennen die Biologen derartige gebietsfremde Arten mit „Migrationshintergrund“. Die Pazifische Auster stammt ursprünglich aus südostasiatischen Gewässern und ist im Weltnaturerbe gewissermaßen ein Alien.
Als Larve wurde sie aus einer niederländischen Aquakultur ins deutsche Wattenmeer verfrachtet und in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts zu Konsumzwecken in List auf Sylt gezüchtet. Seit 1985 liefert Dittmeyers Austern-Compagnie von hier aus ihre Sylter Royal an Kunden in ganz Deutschland. „Wir bekommen unsere Austern als Setzlinge aus Irland“, erklärt Christoffer Bohlig, 31, studierter Ingenieur und Austernfischer bei Dittmeyer. “Ihr weiteres Leben verbringen die Austern in Netzsäcken im Watt.“
Den Winter verbringen die Austern in Kulturbecken; draußen im Watt ist es jetzt zu kalt für sie. Zwei bis drei Jahre braucht eine Auster bis zur Marktreife. Umströmt und genährt vom Meerwasser der Aquakultur bringt sie dann 70 bis 80 Gramm auf die Waage.

- Delikatesse frisch aus der Kultur, eine geöffnete Auster.

- Zum Schutz vor zu niedrigen Temperaturen werden die Austern im Winter eingelagert.

- Austernfischer Christoffer Bohlig bei der Arbeit.
Für 1,30 Euro geht eine ausgewachsene Auster über die Ladentheke. „Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit, Zeit und Aufwand in der Zucht stecken, dann ist das vergleichsweise günstig“, erklärt Bohlig, nimmt eine Auster aus der Kiste und mustert sie prüfend. „Wir sind hier keine Goldgrube. Wir arbeiten kostendeckend.“ Rund 2 Millionen Austern befinden sich in der Aquakultur, geschätzte eine Milliarde haben es bisher ins Wattenmeer geschafft.

- Die Miesmuschelbestände (rechts) sind im Wattenmeer bedroht. Schuld ist die Pazifische Auster (links).
Karsten Reise war 1991 der Erste, der im nördlichen Wattenmeer eine wilde Pazifische Auster fand. Seitdem fühlt sich die Exotin im gesamten Wattenmeer heimisch. Zwischen 2003 und 2004 kam es zu einer buchstäblichen Invasion im Watt. Heute gibt es keine Muschelbank mehr ohne Pazifische Austern. Reise betrachtet diese Entwicklung mit Sorge: „Es gibt keine andere Art, die so auffallend das ökologische Gefüge verändert hat wie die pazifische Auster.“ Behutsam legt er die Muschel zurück ins Glas und stellt es auf die Fensterbank.
Bisher war die Miesmuschel die bedeutendste Muschelart im Wattenmeer. Doch momentan sie ist der exotischen Artgenossin unterlegen. „Die Pazifische Auster ist gewissermaßen in der Poleposition. Sie hat keine Fressfeinde, wird größer und schwerer“, erläutert der Biologe. Wächst sie auf einer Miesmuschel, so wird diese abgedrückt und erstickt. Aussterben wird die Miesmuschel deshalb nicht. Sie ist jedoch zur Untermieterin in den Austernriffen geworden. Zwischen den Austern ist sie zwar sicher vor Fressfeinden, muss sich ihre Nahrung jedoch mit den Austern teilen und wird deshalb weniger groß. Auch die Klimaerwärmung macht der Miesmuschel zu schaffen. Milde Winter bereiten ihr Probleme bei der Vermehrung.
Auch für die muschelfressenden Vögel bedeutet die Auster einen Verlust an Nahrung. Das ist keine Geschmacksache. Es gelingt den Vögeln bisher nicht, den harten Austernpanzer zu knacken. „Seitdem die Auster die Oberhand hat, sieht man nur noch wenig Eiderenten hier auf Sylt“, bedauert Reise. Er schaut aus dem Fenster; sein Blick verliert sich in der Weite des Watts.
„Bisher ist keine heimische Art durch die Pazifische Auster ausgestorben“, bemerkt er. Im Gegenteil, die Anzahl der Arten hat sich durch sie sogar erhöht. Als blinde Passagiere fanden mit der Auster zahlreiche andere Arten, wie die Warzige Seescheide, kleine Felsenkrabben, Plankton und mikroskopische Algen ihren Weg ins Wattenmeer.

- Dr. Klaus Koßmagk-Stephan von der Nationalparkverwaltung in Tönning
Die Globalisierung macht auch unter Wasser nicht halt. Aus wärmeren Gegenden eingeschleppte Exoten nutzen andere Organismen wie die Auster als Wassertaxi oder gelangen über den internationalen Schiffverkehr an die Nordseeküste. Hier werden sie immer mehr zu Nutznießern der globalen Erwärmung und zum Ärgernis der Naturschützer. „Biologische Globalisierung“ oder „McDonaldisierung unter Wasser“ nennt Reise das. Leider bedeutet Artenzahl nicht natürliche Vielfalt. „Es verhält sich ganz ähnlich wie auch in der Musik, der Kultur und der Sprache. Es geht Vielfalt verloren“. Dr. Klaus Koßmagk-Stephan, 57, vom Nationalparkamt in Tönning ist derselben Meinung: „Es kann nicht das Ziel sein, dass es im Watt bald aussieht wie in einer x-beliebigen Stadt. Links Schlecker, rechts Rossmann, geradeaus Aldi.“ Er lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. „Naturschutz ist fremdenfeindlich“, pointiert er. Noch gibt es im Weltnaturerbe Wattenmeer Arten, die andernorts selten sind. Doch schon bald könnte die japanische Viereckskrabbe der heimischen Strandkrabbe die Nahrung streitig machen. Diese ist wiederum Nahrung für zahlreiche Seevögel. Reise sorgt sich vor allem um die weltweit steigenden Wassertemperaturen. Sie begünstigen die Ausbreitung der Fremden aus dem Süden. „Es bedarf einer verstärkten Kontrolle des Schiffsverkehrs. Außerdem sollten wir fremde Arten nicht durch Aquakulturen aussetzen.“ Bohlig hat eine etwas andere Sichtweise als die Biologen: „Das Wattenmeer in Frankreich funktioniert auch. Und wenn unser Wattenmeer in 50 Jahren durch die Klimaerwärmung so aussieht wie in Frankreich, ist es immer noch Wattenmeer.“ Mit Gummischuhen steht er im Kulturbecken und stapelt rote Austernkisten aufeinander. „Der Mensch hat seinen Teil zur Klimaerwärmung beigetragen, deshalb muss er auch mit den Folgen leben. Nicht die Austern sind das Problem. Das Problem ist der Klimawandel selbst.“ An Austern scheiden sich bekanntlich die Geister. Für die einen ein wirtschaftlicher Segen und kulinarischer Genuss, für die anderen ein ökologischer Flurschaden. „Nationalparks sind keine Experimentierfelder für den Menschen“, erklärt Koßmagk-Stephan. „Sie sollen dem Ziel dienen, dass Wildnis stattfindet und Natur Natur sein darf. Der Mensch ist gut beraten, wenn er die Finger davon lässt.“







