Küsten im Wandel
von Claudia Wolff
Die Küstengebiete unseres Planeten befinden sich in einem ständigen Wandel, genauso wie das Klima. Je schneller sich das Klima verändert, desto dynamischer wandeln sich auch die Küstenregionen der Erde. GeoZeit hat nachgeforscht wie uns dieser Wandel vor Ort beeinflussen könnte und wie Schleswig-Holstein sich anpassen wird.

- Küstenabschnitt auf Fehmarn
Allen Küstenbewohnern im Lande ist das Sturmtief Daisy noch im Gedächtnis. Im Januar 2010 wütete Daisy über der deutschen Ostseeküste. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 122 Kilometer pro Stunde verursachte Daisy eine schwere Sturmflut und starken Wellengang. Zahlreiche Hafengebiete, zum Beispiel in Flensburg und Lübeck wurden überflutet. Auf der Insel Fehmarn, in Lübeck und zwischen Dahme und Kellenhusen drohten die Deiche zu brechen. Immer häufiger liest man in den Medien von höheren Sturmfluten, die immer mehr Menschenleben fordern und größere Sachschäden verursachen. Was macht die Küstenregionen so anfällig?
Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind vom Meer bedeckt. Dadurch ergibt sich eine rund 1,6 Millionen Kilometer lange Küstenlinie. Das entspricht einer Wegstrecke von 20mal um die Erde. Die Anfälligkeit eines Gebietes entsteht jedoch erst durch den Menschen. Ein Naturereignis führt nur dann zu einer Katastrophe, wenn es sich auf den Menschen auswirkt.

- Bevölkerungsverteilung in Europa*
Die Bevölkerung in Küstengebieten wächst dreimal schneller als überall sonst auf der Welt. Genau deshalb werden die Küstenregionen in Zukunft wohl die anfälligsten Regionen für Naturkatastrophen sein. In vielen Gebieten hat sich die Küstenbevölkerung in den letzten 50 Jahren verzehnfacht bis verdreißigfacht, wie zum Beispiel in der Karibik. Hinzukommt, dass sich in der Nähe der Küste immer mehr Vermögen konzentriert. Deshalb findet man besonders an Küstenstreifen eine hohe Industrialisierung und Besiedlungsdichte vor. In Schleswig-Holstein beispielsweise befindet sich kein Ort mehr als 60 Kilometer von der Nord- oder Ostseeküste entfernt. „Dadurch leben 300.000 Einwohner in Schleswig-Holstein in potenziell überflutungsgefährdeten Gebieten“, so Doktor Jacobus Hofstede vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein.
„Bereits ein Viertel der Flächen Schleswig-Holsteins sind heute überflutungsgefährdet“, berichtet Hofstede. Davon sei die komplette Westküste betroffen. Wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt, werden auch die Menschen der Ostküste und vor allem die Hafenstädte Flensburg, Eckenförde, Lübeck und Kiel betroffen sein. „Bei einer Sturmflut wie im Jahr 1872, bei der der Wasserstand etwa drei Meter höher lag als heute, würde die komplette Innenstadt Kiels rund um den Kleinen Kiel überflutet sein“, verrät Hofstede. Nimmt also das Ausgangsniveau des Wasserspiegels zu, könnten solche Überflutungen häufiger auftreten.

- Küstenregionen unter 5m über Normalnull*
„Inzwischen ist sicher, dass die Klimaerwärmung den Meeresspiegel künftig ansteigen lassen wird. In welchem Umfang sich dieser Anstieg vollzieht, ist jedoch noch unsicher“, weiß Professor Athanasios Vafeidis, Mitglied im Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“. Die Wissenschaftler des Cluster möchten einen Beitrag zur Klärung der Entwicklung des Ozeans im Spannungsfeld zwischen Wandel, Chancen und Risiken leisten. Schließlich ist der Ozean noch weit weniger als die Oberfläche des Mondes erforscht.
Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) erwartet bis zum Jahr 2100 als mittlere Schätzung einen allgemeinen Meeresspiegelanstieg von 59 Zentimetern gegenüber heute. Eine solche Entwicklung würde auch an den Küsten Schleswig-Holsteins zu einem höheren Ausgangsniveau führen. Dadurch laufen Sturmfluten deutlich höher aus. In den letzten 100 Jahren beispielsweise ist der Wasserstand weltweit um 20 Zentimeter gestiegen. Dies hat auch an der Ostküste Schleswig-Holsteins dazu geführt, dass Sturmfluten um etwa 10 bis 20 Zentimeter höher auflaufen, als noch vor 100 Jahren. „Generell geht man davon aus, dass die Auwirkungen des Meeresspiegelanstiegs erst Mitte des Jahrhunderts signifikant sichtbar werden“, erklärt Vafeidis.
Steigt der Meeresspiegel an, dann nimmt auch die Küstenerosion in Schleswig-Holstein zu. Ein typisches Beispiel ist die Insel Sylt. Denn die Küstenzone ist touristisch sehr reizvoll. Sie bietet gute und zahlreiche Erholungsmöglichkeiten. Um das zu bewahren, werden dort jährlich viele Tonnen Sand vor die Küsten gespült, um den Küstenabbruch zu verhindern.
Dies ist aber nur eine von vielen Anpassungsmaßnahmen. Denn um die negativen Auswirkungen für das Land so gering wie möglich zu halten, ist die Anpassung des Küstenschutzes auf allen Gebieten unerlässlich. Vor allem die Entwicklung des Hochwasserschutzes und die Küstensicherung vor Landabbruch sind als wichtigste Reaktionen auf den Meeresspiegelanstieg für Schleswig-Holstein zu nennen. „Unsere Deiche müssen künftig so verstärkt werden, dass wir nicht nur mit einem höheren Meeresspiegel, sondern auch mit Unsicherheiten umgehen können“, erklärt Hofstede. Denn momentan wissen die Gelehrten noch nicht, um wie viel der Meeresspiegel steigen wird. Die Deiche werden so gebaut, dass die betroffenen Regionen vor einen Anstieg um einen halben Meter geschützt sind. Doch sollte der Meeresspiegel weiter steigen, können die Deiche ohne Probleme um einen Meter verstärkt werden. Neben dem Küstenschutz sind aber auch die Pflege des Katastrophenschutzes und die Raumordnung wichtige Aufgaben, um vor künftigen Naturereignissen gewappnet zu sein. Denn besonders gefährdete Gebiete sollten nicht weiter bebaut werden.

- Flachküste an der Westküste Schleswig-Holsteins
Ein Sturmtief, wie Daisy, könnte im Zuge des Klimawandels Ende des Jahrhunderts zehn bis fünfzehn Kilometer pro Stunde höhere Windgeschwindigkeiten aufweisen. Die Strände wie wir sie heute vorfinden, sind nur eine Momentaufnahme. Denn der Grenzraum zwischen Land, Meer und Atmosphäre befindet sich in einem ständigen Wandel. Veränderungen der Temperatur oder Wasserstandshöhe führen zur Verlagerung der Küsten. Ein Wandel des Klimas wird zukünftig einen zusätzlichen Druck auf die Küstenregionen unseres Landes ausüben.
Es ist also an der Zeit sich an den zukünftigen Wandel anzupassen. Getreu dem Motto: Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe!
*Bilder zur Verfügung gestellt von A.Vafeidis
Weitere Informationen:
Intergovernmental Panel on Climate Change
www.ipcc.ch
World Ocean Review
http://worldoceanreview.com/
Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein
http://www.schleswig-holstein.de/LKN/DE/LKN_node.html







