Sonar - Höllenlärm im Meer
Uns platzt der Schädel
von Henning Dörner
In den Tiefen der Meere ist es zwar dunkel aber keineswegs leise. Schiffsverkehr, Ölbohrungen und das Militär erzeugen einen lebensgefährlichen Schall für die Meeresbewohner. Vor allem Wale und Delfine ändern ihr Verhalten, fliehen aus ihren Gebieten, verlieren die Orientierung und verenden in vielen Fällen am Strand. Meeresschützer schlagen Alarm und fordern endlich leisere Ozeane, denn es gibt Alternativen.

- Delphine spielen im Ozean (Quelle: WDCS)
Stellen Sie sich vor, hunderte Presslufthammer würden Tag für Tag vor ihrer Haustür hämmern. Was uns in den Wahnsinn treiben würde, erleben die Meeresbewohner rund um die Uhr. „In unseren Meeren gibt es Lärmquellen die bis zu 260 Dezibel laut sind. Der Schalldruck ist vorsichtig geschätzt mehr als 10.000 Mal so groß wie der eines Presslufthammers in einem Meter Abstand“, berichtet Nicolas Entrup, Geschäftsführer des WDCS (Whale & Dolphin Conservation Society) Deutschland. Vor allem die Schifffahrt trägt zur Lärmbelastung in unseren Ozeanen bei. Diese hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts in einigen Gebieten verdoppelt. Aber nicht nur die steigende Anzahl von Schiffsmotoren erzeugt Lärm in unseren Gewässern. Auch die Erdölfirmen lassen es ordentlich krachen. Zur Erkundung möglicher Erdgas- und Erdölvorkommen werden Schallwellen mit Hilfe so genannter „Airguns“ durchgeführt. Dabei werden eine Vielzahl zeitlich aufeinander abgestimmte Explosionen ausgelöst. Der Schall der dadurch erzeugt wird, durchquert das Wasser und geht in den Boden. Zurück kommt ein Echo, welches von Unterwasser-Mikrophonen aufgezeichnet wird. Schließlich stellt laut des WDCS auch Sonar im Bereich des Militärs eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

- U-Boot des Militärs (Quelle: WDCS)
Aus Filmen kennt jeder die geheimnisvollen Pings von U-Booten. Mit der starken Aussendung der Sonarwellen werden andere Schiffe, Minen und U-Boote in großer Entfernung geortet. Doch diese Signale sind für die Meeresbewohner unzumutbar laut. Dazu kommt, dass sich Schall unter Wasser wesentlich effizienter verbreitet als an Land. Ein Beispiel von Karsten Brensing, Meeresbiologe im Bereich Umweltverschmutzung und Fischerei soll das Problem verdeutlichen. „Wenn ein solches Signal in Island ausgesandt wird, dann hätten wir auf den Straßen in Kiel Schwierigkeiten uns zu unterhalten.“ Das sind immerhin über 1700 Kilometer. Die Meeresbewohner leben in einer akustischen Welt und für sie ist das Gehör das wichtigste Sinnesorgan. Sie können sich damit orientieren, Nahrung orten und mit Artgenossen durch Laute kommunizieren. Die Folgen durch die Lärmbelastungen können laut Brensing lebensgefährlich sein. „Es kommt zu zeitweisen oder auch permanenten Gehörschäden und zur so genannten Maskierung“. Dies bedeutet, dass die Tiere für sie wichtige Signale nicht mehr vom Hintergrundkrach unterscheiden können. Die Tiere können sich dann nicht mehr untereinander verständigen, verlieren die Orientierung und werden aus ihrem Gebiet vertrieben.
Auch das Verhalten der Meeresbewohner wird beeinflusst. Ein weiteres Beispiel soll das verdeutlichen. Die meisten Menschen die einen Presslufthammer auf der Straße hören, machen einen großen Bogen darum und zeigen eine Verhaltensreaktion. Ähnlich ist es bei Walen. Nur das sie keinen Bogen machen sondern durch Sonare aufgescheucht werden und in Panik Richtung Meeresoberflächen schwimmen. Dabei tauchen sie viel zu schnell auf und bekommen ähnliche Symptome wie bei der gefährlichen Taucherkrankheit, die auch bei den Menschen bekannt ist. Es bilden sich kleine Stickstoffgasbläschen im Blut, die letztlich zu Gewebszerreißungen führen. „Das ist ein schlimmer Tod“, unterstreicht Brensing.

- Steffi Wahl platzt der Schädel (Quelle: WDCS)
Der internationale Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS platzte bei diesen Bildern der Schädel und startete im Herbst 2010 ihre Kampagne „Sonar Sucks“. „Ziel ist es diese Gefahren aufzuzeigen und in die Öffentlichkeit zu tragen, um so Druck auf die Politik und Entscheidungsträger auszuüben“, so Entrup. Die Kampagne bindet die Öffentlichkeit und auch viele Prominente ein, um unterschiedliche Aktionen, Proteste und Aktivitäten zu starten. Unter anderem unterstützt die Kielerin Steffi Wahl die Kampagne in Norddeutschland. Sie ist ehemalige Vize-Weltmeisterin im Windsurfen und zählt zu einer der erfolgreichsten Surferin in Deutschland. Zusammen mit der WDCS wird sie sich dafür einsetzen, gerade im Bereich Sport weitere Helfer zu gewinnen. „Gerade Wassersportler, die so gerne auf Nord- und Ostsee unterwegs sind, sollte der Schutz der Tiere am Herzen liegen", erläutert Wahl. Für die größte Protestaktion der Kampagne sorgte die Sprengung eines Schweinswals. Dieser Wal wurde nicht extra für diese Aktion getötet, sondern war Beifang in einem Fischernetz. „Tatsache ist, dass jährlich mehr als 300.000 Wale und Delfine im Beifang qualvoll verenden. Über 100.000 Wale sind vom Lärm betroffen.

- Gestrandeter Wal vor der Küste Neuseeland
Da stellten wir uns die Frage, was muss denn noch passieren, dass sich die Öffentlichkeit Gedanken macht“, argumentiert Entrup. Auch wenn es die Schifffahrt, das Militär und die Untersuchungen in der Zukunft weiterhin in den Meeren geben wird, gibt es Alternativen zu den „Krachmachern“. „Beispielsweise können bei Untersuchungen nach Bodenschätzen Verfahren angewandt werden, bei denen sich die Schallquellen direkt über dem Meeresboden befinden“, erklärt Brensing. Mit diesen Verfahren wird der Schall nicht durch das Wasser geleitet und gefährdet die Meeresbewohner nur in geringen Maße. Im Bereich des Militärs geht es um ein möglichst starkes Echo, um die U-Boote orten zu können. Die Forderung, die Sonare leiser zu stellen, wird vermutlich wenig Anklang finden. „Allerdings gäbe es die Möglichkeit, die Geräte nur in Meeresarealen und zu Zeiten zu betreiben, in denen keine Delfine und Wale anwesend sind“, ergänzt der Meeresbiologe.
Auch bei der Schifffahrt deutet nach ersten Erkenntnissen alles darauf hin, dass der Lärm eingeschränkt werden kann. Durch konstruktive Maßnahmen, wie der genauen Abstimmung zwischen Propeller und Schiffsrumpf, kann der Unterwasserlärm maßgeblich reduziert werden. Daher fordert auch der WDSC mit ihrer Kampagne eine Festlegung von Grenzwerten beim Einsatz von Lärmquellen, Entwicklung alternativer Technologien, sowie die sukzessive Reduktion von Unterwasserlärm. Denn man würde keinem Menschen auch nur annähernd so viel Krach zumuten, wie es im Moment in unseren Meeren der Fall ist.







