Feste Querung verbindet Länder und spaltet Meinungen

Brücke für Fehmarn

von Sara Schreib

Die gesamte Region rund um die Querung - also Schleswig-Holstein und Süd-Dänemark - soll durch den Bau der neunzehn Kilometer langen Querung vor allem wirtschaftlich gestärkt werden. Diskutiert wird zurzeit noch der Weg, den die Querung nehmen soll: Brücke oder Tunnel. Wirtschaftliche Vorteile sieht Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Jost de Jager in einer Stellungnahme trotzdem bereits jetzt: "Die Wirtschaft wird durch die schnelle Verbindung über die Vogelfluglinie profitieren.
Geplante Lage der Fehmarnbeltquerung.
Geplante Lage der Fehmarnbeltquerung. Quelle: Femern A/S

Die Strecke von und nach Skandinavien ist 160 Kilometer kürzer als die Jütlandroute und mit fester Querung und Ausbau der Hinterlandanbindungen wesentlich schneller. Geschäftspartner, Kunden, Zulieferer werden besser erreichbar sein. Exportorientierte Unternehmen werden ebenso profitieren wie das Logistik- und Transportgewerbe. Entlang der europäischen Achse wird es Neuansiedlungen und Firmenexpansionen geben, dies schafft Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Der Tourismus wird auf Sicht von der schnellen Verbindung ebenfalls profitieren, die bessere Erreichbarkeit wird zusätzliche Gäste aus Skandinavien bringen."

Der Tunnelquerschnitt.
Der Tunnelquerschnitt. Quelle: Femern A/S

Aber auch die Umwelt muss berücksichtigt werden

Der Fehmarnbelt ist eine schmale Wasserstraße, in der das Wasser niemals steht, sondern konstant in Bewegung ist. Damit diese komplexen Strömungen durch den Bau nicht allzu stark verändert werden, beobachten Forscher der Planungsgesellschaft Femern A/S mit Hilfe von dreizehn Bojen den Belt. Diese senden Daten über Temperatur, Salzgehalt, Strömung, Biomasse und Ähnliches an Femern A/S. So kann über einen längeren Zeitraum beobachtet werden, welche Bauweisen am umweltverträglichsten sind. Auch die Trinkwasserversorgung der Inseln Fehmarn und Lolland soll nicht gefährdet sein, da das Trinkwasser in beiden Fällen nicht aus dem Bereich der Querung gefördert wird.
Um die Fauna möglichst wenig zu beeinflussen und Veränderungen nicht zu umfangreich zu gestalten, werden die Tiere ständig von Mitarbeitern der Femern A/S beobachtet. Man will damit die Gewohnheiten der einheimischen Lebewesen dokumentieren: Flugrouten, Rast- oder Nistplätze und Laichorte. So sind bei dem Bau einer Brücke gerade Vögel beeinflusst, da sie diese als Barriere empfinden könnten und sich neue Flugrouten suchen müssten. Auch das Licht der Straßenbeleuchtung könnte die Tiere irritieren. Aus Umweltgründen spricht daher vieles für den Bau eines Tunnels, da so der Einfluss auf die Tierwelt am geringsten sein wird.
Darüber hinaus wird die äußere Erscheinungsform der Querung sowohl auf Fehmarn als auch auf Lolland die Landschaft erheblich beeinflussen. Femern A/S hat es sich deshalb als Ziel gesetzt, das Design der Querung - sei es nun eine Brücke oder ein Tunnel - möglichst passend in die von Eiszeiten geprägte Landschaft zu integrieren. So ist nun die Planungsgesellschaft davon überzeugt, die Querung ließe sich dann ohne größere Auswirkungen auf die Umwelt umsetzen.

Christiane Stodt-Kirchholtes
Christiane Stodt-Kirchholtes

Ängste der Anwohner: „Wir verkaufen Idylle an Touristen“

Doch hier scheiden sich die Geister, wie bei jeder Veränderung. So befürchtet Anwohnerin Christiane Stodt-Kirchholtes, Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Stadtvertretung auf Fehmarn und stellvertretende Vorsitzende des Naturschutzbundes (NABU) Fehmarn, dass die Ostseeinsel zum Brückenpfeiler degradiere: „Für die Menschen auf der Insel würde sich die Situation sehr verschlechtern. Man lebt hier überwiegend vom Tourismus“, so die 48jährige Mutter von drei Kindern im Interview. „Wir verkaufen eigentlich Idylle an Touristen, doch davon wird durch die größte Baustelle Europas und die entstehende Transitstrecke nicht mehr viel übrig bleiben.“

Im Falle einer festen Querung würden außerdem 1500 Arbeitsplätze bei Fehmarns größtem Arbeitgeber Scandlines bedroht sein, da damit gerechnet würde, dass das Unternehmen den Fährbetrieb reduziere oder ganz einstelle. Von Arbeitsplätzen seien aber nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch deren Familien abhängig: „Mein Mann arbeitet in einer Kurklinik hier auf Fehmarn - aber welche Krankenkasse schickt denn Kurpatienten auf eine Baustelle?“ verdeutlicht die ebenfalls als Ärztin tätige Querungs-Gegnerin. „Auch die ökologischen Auswirkungen, vor allem auf die Ostsee, sind gravierend. Durch die Querung wird ein durch die EU ausgeschriebenes Flora-Fauna-Habitat-Gebiet einfach durchschnitten. Auch die Zufuhr von Sauerstoff, die in der Ostsee sowieso schon äußerst begrenzt ist, kann durch das Bauwerk unterbunden werden. Die Ostsee könnte so auf längere Zeit zu einem toten Meer werden.“ So hofft Christiane Stodt-Kirchholtes noch immer auf einen für sie und einige andere Gegner positiven Ausgang der Debatte. Dabei setzt sie auf Paragraph 22 des deutsch-dänischen Staatsvertrages: Der besagt, dass bei grundlegender, insbesondere finanzieller Veränderung der Bedingungen beide Vertragspartner neu verhandeln dürfen. „Und das wollen wir auch, weil hier einfach keine Akzeptanz für das Vorhaben da ist.“

Weitere Argumente der Gegner

Darüber hinaus hat sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bei der Europäischen Kommission beschwert. Folgende Kritikpunkte finden sich auf der Internetseite: Erstens sei auf eine strategische Umweltprüfung verzichtet worden. Dieses Instrument sei extra geschaffen worden, um auch Grundsatzentscheidungen unter Beteiligung der Öffentlichkeit auf ihre Umweltverträglichkeit hin zu untersuchen. Zweitens würde gegen drei wichtige Umweltrichtlinien verstoßen werden: Vogelschutz, Habitatschutz und Meeresschutz. Die Projektleitung berufe sich zudem auf unrealistische Verkehrsprognosen. Nicht berücksichtigt würden negative Umweltauswirkungen wie Vogelschlag und Zerschneidung von Nahrungs- und Rastgebieten. Darüber hinaus sei die gesamte Finanzierungsplanung sehr unsicher. Diese sollte ursprünglich größtenteils privat finanziert werden, dafür reichten jedoch die Einnahmen aus Maut und Eisenbahnbetrieb nicht aus. Es müssten also doch wieder öffentliche Gelder verwendet werden. Auch die hochgelobte Verbesserung der Arbeitsplatzsituation sehe der BUND noch nicht kommen, da eine Ansiedlung von Unternehmen entlang der Route kaum zu erwarten sei. Diese würden sich eher in den Ballungsräumen Kopenhagen und Hamburg niederlassen. Auch seien die während der Bauphase entstehenden Arbeitsplätze prädestiniert dafür, durch ausländische Arbeiter besetzt zu werden.
Der BUND schlägt nun als Alternative einen Ausbau bestehender Verkehrswege vor, außerdem die Instandsetzung der Bahnverbindungen und ein optimiertes Fährkonzept. So könne man mit weitaus geringeren Kosten und viel weniger Auswirkungen auf die Umwelt die künftigen Verkehrsströme im südlichen Ostseeraum bewältigen.

Zuversichtlich ist hingegen das Ministerium

Karin Druba, Leiterin der Projektgruppe Feste Fehmarnbeltquerung des Ministeriums für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein sieht das Projekt dagegen nicht in Gefahr: "Die Beschwerde des BUND ist am 15. November 2010 abgewiesen worden, da die Kritikpunkte  durch die Stellungnahme der Bundes widerlegt werden konnten." Die Kosten für den Bau einer Brücke (5,2 Milliarden Euro) oder eines Tunnels (5,1 Milliarden Euro), für den sich Femern A/S Ende 2010 ausgesprochen habe, trage das Königreich Dänemark - die Hinterlandanbindung hingegen müsse Deutschland finanzieren. Dass alle Anwohner dagegen sind, sei so auch nicht zutreffend: Auf der jüngsten Informationsveranstaltung von Femern A/S auf Fehmarn am 14.1.2011 mit rund 450 Teilnehmern habe es zwar kritische Stimmen gegeben, aber es seien bei weitem nicht alle Anwohner dagegen gewesen.
Der schleswig-holsteinische Verkehrsminister Jost de Jager ist ebenfalls zuversichtlich: "Schleswig-Holstein wird von der festen Fehmarnbeltquerung wirtschaftlich profitieren. Wenn es uns gelingt, eine Produktionsstätte mit Bauhafen (Anmerkung: Kiel hat allerdings kein Interesse mehr am Bauhafen, Kieler Nachrichten vom 21.01.11) nach Schleswig-Holstein zu bekommen, könnten bis zu 1000 Arbeitsplätze in der Bauphase entstehen. Allein an der Baustelle in Puttgarden werden etwa 200 Arbeitskräfte beschäftigt sein. Es geht jetzt um das ‚wie‘ und nicht mehr um das ‚ob‘ der Realisierung.“