Empfangsanlage in der Max-Eyth-Straße
Signale aus dem All
von Jesko Mühlenberend
Auf dem Campus befinden sich Gebäude die Jeder kennt. Die Wenigsten wissen aber wirklich, was in ihnen vorgeht. Wenn der Lageplan nicht weiterhilft, wird es interessant, in die Geschichte der Universität einzutauchen. Eins dieser Bauwerke ist das Antennengebäude in der Max-Eyth-Straße.
- Die alte Radiosternwarte auf dem Campus der CAU.
An der Uni wirken manche Phänomene kurios. Wer zum ersten Mal hinter der organischen Chemie entlangfährt und auf eine riesige Dampfwolke zusteuert, ist garantiert verunsichert. Dann die Erkenntnis – flüssiger Stickstoff wird angeliefert. Unbeirrbare fahren durch. Hinter dem Stickstoff zeichnen sich Konturen ab, der Campus gibt sich als Filmkulisse. Aus dem Nebel entsteht ein Monstrum aus Metall. 7,5 Meter im Durchmesser ist die riesige „Satelliten-Schüssel“, die dem Vorbeifahrenden die kalte Schulter zeigt. Was kann das sein? Eine Abhörstation aus Zeiten des kalten Krieges? Vielleicht noch älter? Eine Geheimwaffe des Dritten Reichs? Oder doch nur eine Satelliten-Schüssel? Wem es keine Ruhe lässt, der hält an. Eine Info-Tafel führt in die Irre – zeigt die ganze Uni – verrät nichts über das Gebäude. Dann ein blaues Uni Schild am Gebäude – endlich die Antwort : Kammerorchester und akademischer Chor – Arbeitsgemeinschaft Musik und Chor.
Kein Chor geschweige denn ein ganzes Orchester passt in dieses Gebäude. Die Jalousien sind heruntergelassen. Eine Klingel gibt es nicht. Das Gebäude schweigt. Doch das Kammerorchester gibt den Tipp und löst das Rätsel. Die offizielle Adresse lautet: „Kammerorchester der CAU, Max-Eyth-Str. 15, Alte Sternwarte“.
Die Sternwarte als Kuppelgebäude mit Teleskop ist als Bild im Kopf. Wie können mit einer Antenne Sterne beobachtet werden? Sterne sind hell, leuchten, senden Licht zur Erde. Aus dem Physikunterricht ist bekannt: Licht ist eine elektromagnetische Strahlung, genau wie Radiowellen, und Antennen empfangen Radiowellen. Warum also nicht mit einer Antenne Sterne beobachten? Radioastronomie nennt sich das Teilgebiet, das astronomische Objekte mittels Radiowellen beobachtet und untersucht.
Wer tief in die Geschichtsbücher der Universität blickt, erfährt mehr über die Sternwarte. Nach dem Krieg zog die Uni in die Gebäude der Electroacustic (ELAC) und die astronomische Forschung wurde wieder aufgenommen. 1952 entstand in Zusammenarbeit mit der theoretischen Physik eine radioastronomische Empfangsanlage, der Vorläufer der heutigen Anlage. Prof. Dr. Detlev Koester der Abteilung Astrophysik erzählt: „Damit stand eins der zwei ersten Radioteleskope Deutschlands in Kiel“.
Politische Auflagen machten bei der Planung 1949 den Bau einer Spiegelantenne unmöglich. Telefunken-„Tannenbaum“-Antenne lautete der Name des Provisoriums. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ermöglichte 1956 den Bau des jetzigen Teleskops mit Spiegelantenne. Drei Jahre später war die neue „alte“ Sternwarte bereit zum Blick hinauf. Der Star Trek Fan weiß: „Der Weltraum – unendliche Weiten“. Aber schon Goethe wusste: "Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!". Goethe sollte Recht behalten. Die Sternwarte blickt nur auf einen Stern – unsere Sonne. In der Wissenschaft heißt das: „Laufende Registrierung der solaren Radiofrequenzstrahlung auf mehreren Frequenzen“.
- Seit 15 Jahren nicht mehr bewegt: Beim Versuch die Antenne zu bewegen, würde sie wahrscheinlich aus der Verankerung brechen.
„Mit der Sternwarte wurde regelmäßig die Gesamtsonne überwacht. Wurde diese unruhig und es kam zu sogenannten Radio-Flares, Ausbrüchen auf der Sonne, stellte die Anlage automatisch eine höhere zeitliche Auflösung ein“, erklärt Koester. Kiel konnte in den folgenden „Jahresberichten Astronomischer Institute“ regelmäßig vermelden: „Am Radioteleskop wurden die Registrierungen der Sonnenstrahlung fortgesetzt. Mehrere Ausbrüche wurden mit hoher Zeitauflösung untersucht.“ Die Ergebnisse wurden laufend mit anderen Instituten ausgetauscht.
Siebzehn Jahre Forschung vergingen bis zum Einzeiler im Jahresbericht: „Zum 31.12.1976 wurde die Arbeit der Radiosternwarte im Wesentlichen beendet.“ Nicht nur im Wesentlichen – das Aus für die Radiowarte war gekommen.
Es folgten fast zehn Jahre Leerstand. Bis sich 1985 der Auftrag radikal änderte. Nicht der Empfang von Radiowellen sondern das Senden von Schallwellen war das Gebot der Stunde, als das Kammerorchester unter der Leitung von Dr. Klaus Mader das Gebäude übernahm. „Das war eine düstere Ecke, bevor das Studentenwohnheim und der Fußweg gebaut wurden“, erinnert sich Dr. Mader. Einschusslöcher in den Fenstern waren die Zeugen des Verfalls. Als eines Tages im Waldstück nebenan anstatt mit Kleinkaliber mit Vollautomatik geschossen wurde, blieb ihm nur der Sprung unter den Schreibtisch. „Aber das ist jetzt auch schon 20 Jahre her.“
Heute befinden sich in dem Gebäude hauptsächlich Büroräume und die Handbibliothek des Orchesters. Nur die Teeküche zeugt noch von den nächtlichen Sternbeobachtern. Die Technik wurde entfernt, nur von außen bleibt der Schein vergangener Zeiten. Eine Reaktivierung ist ausgeschlossen. „Selbst wenn die nach heutigen Maßstäben total veraltete Technik noch vorhanden wäre, der Spiegel ist so stark korrodiert, er würde vermutlich bei dem Versuch ihn zu bewegen schlicht herunterfallen,“ erzählt Koester.
Zu schade um eine Anlage, für die sich sogar das Deutsche Museum in München interessiert hat. An den Kosten scheiterte jedoch die große Reise. Als vor 15 Jahren nahe der Sternwarte angefangen wurde zu bauen, schien das Schicksal besiegelt. Die Antenne war im Weg, sollte abgesägt werden. „Da habe ich mich quer gestellt“, erzählt der jetzige Nutzer Klaus Mader. Und hatte Erfolg. Die Antenne wurde ein letztes Mal hochgefahren bis sie in der jetzigen Position fixiert wurde. Nun trotzt sie mit der schmalen Schulter den Westwinden – und natürlich den Studenten.







