Angeln und Fischen bringt's Brot von den Tischen
von Leopold Schick
16,4 kg Fisch haben die Deutschen pro Kopf im Jahr 2007 konsumiert. Knapp 6 % mehr als im Jahr zuvor, Tendenz steigend. Doch der seit Jahren weltweit anhaltende Trend zu mehr Fischkonsum, hat in Europa laut Wissenschaft und Naturschutz nahezu zur Ausrottung der Bestände geführt. Vor allem zum Leid der kleinen Fischer.
An diesem Morgen ist es klirrend kalt im Fischereihafen von Möltenort. Minus 4 Grad Celsius und eine steife Briese aus Nordost. Der „Tümmler“, wie einer der Kutter getauft ist, liegt an seinem Anleger und schaukelt knarrend hin und her. Einzelne Möwen gleiten das Ufer entlang. Sie halten wie immer Ausschau nach etwas Essbaren am Hafen. Ein paar Fischer arbeiten an ihren Booten. Die ganze Umgebung scheint die aufgehende Sonne zu absorbieren um ein kleines bisschen Wärme zu erhaschen. Ein intaktes Winteridyll an der Kieler Förde?
„Fischer heiß ich, bin Fischer und hab einen eigenen Fischkutter“, stellt sich Björn Fischer vor. Der 40 Jährige Heikendorfer fährt schon in der siebten Generation auf die Ostsee hinaus um vor allem Dorsche und Wildlachs zu fangen. „Den Kutter habe ich 2001 von meinem Vater übernommen und fischen tue ich jetzt seit 25 Jahren.“ Auf den ersten Eindruck wirkt der Beruf für Außenstehende manchmal sehr romantisch, doch das täuscht. „Es ist ja nicht nur das Fangen von Fisch! Dadurch, dass wir geringe Fangquoten haben, die Preise schlecht sind und der Brennstoff teuer, müssen wir unseren Fisch selbst vermarkten, um einen möglichst hohen Preis zu erzielen.“ Außerdem bedeute die Wartung der Fanggeräte viel zusätzliche Arbeit, wie Schweißen und andere handwerkliche Tätigkeiten. „Eigentlich ein Rundum-Beruf“, sagt er mit ein wenig Stolz in der Stimme.

- Björn Fischer im Fahrhaus seines Kutters SK14 "Tümmler" und bei Wartungsarbeiten im frostigen Fischereihafen von Möltenort (unten).
Leider sieht es aber für Björn Fischer und viele der anderen kleinen Fischer schlecht aus. Der Erlös aus ihren Fängen deckt oftmals nicht einmal die Kosten, welche durch Personal, Wartung und Treibstoff entstehen. Mehr Fisch, um höhere Einnahmen zu erzielen, dürfen sie aber nicht fangen.
Die jahrelange Überfischung hat nämlich, laut Wissenschaft, den Dorsch bis an die Grenze seiner Reproduktions-fähigkeit gebracht. Dies ist ein Grund von vielen, warum die EU seit 1983 die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) betreibt, welche 2002 reformiert wurde und der Entscheidungsträger für die Bewirtschaftung aller EU-Gewässer ist. Somit auch für die Fangquoten der Fischer in der Ostsee.
Total Allowable Catches (TACs) werden diese Quoten eigentlich genannt und jährlich vom Ministerrat der EU auf Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen verhandelt und festgelegt. Die TACs sind die zulässigen Gesamtfangmengen für die jeweiligen Fischarten und Fanggründe, welche zwischen den Nationen aufgeteilt, und in Form von Quoten an den einzelnen Fischer weitergegeben werden. Rechtlicher Eigentümer ist der Staat. Die Fischer dürfen dann für das entsprechende Jahr ihre Quote ausfischen. Darüber hinaus gefangener Fisch wäre illegal und würde mit empfindlichen Geldstrafen sanktioniert werden.
Für Björn Fischer heißt es dann hoffen, dass die Kollegen noch Quote abgeben können. „Beim Dorsch, da sind wir mit der Quote immer sehr knapp. Die haben wir in der Regel im Mai ausgefischt, können aber mit etwas Glück von anderen Fahrzeugen etwas kriegen, die halt weniger gefangen haben oder nicht so viel brauchen.“, erklärt er.
Auch die Mindestgröße der Fischarten, die Maschenweite der Netze und die Fangtechniken sind vorgeschrieben. Das bedeutet für die Fischer, dass zum Beispiel Dorsche unter 38 cm wieder über Bord gehen müssen. Große Maschen und Fluchtfenster im Netz helfen zwar den Beifang klein zu halten, die Fische, die trotzdem hängenbleiben und untermaßig sind, sterben aber meistens bevor sie wieder ins Meer geworfen werden. Zur Freude der wartenden Möwenschwärme. Für Björn Fischer ein unsinniger Vorgang: „Die haben das Mindestmaß für Dorsch vor zwei Jahren ja raufgesetzt, um 2 cm, aber die Maschenweite nicht erhöht. Das ist im Prinzip Blödsinn! Das bedeutet Fisch, den du vorher mitnehmen konntest, musst du jetzt wegschmeißen.“

- Der „Tümmler“ (links) an seinem Liegeplatz im Fischereihafen von Möltenort
Ein weiteres Problem, das ihm seit einiger Zeit zu schaffen macht, sind die steigenden Brennstoffpreise. Da er den Wildlachs und mehr als die Hälfte seiner Dorschquote in der Ostsee östlich von Bornholm fischen muss, hat er lange Anfahrtswege, die für ihn immer teurer werden. „Im Moment ist der Brennstoff ja nun etwas billiger geworden, aber wenn ich dann 24 Stunden bis zum Fangplatz fahren muss, dann sind da schon mal ein paar Liter mehr weg!“ Ob ein Schlepp-, Stell- oder Treibnetz benutzt werden darf, ist wiederum durch die Landesfischereiordnung bzw. die EU-Richtlinien für jede Fischart vorgeschrieben.

- Wenn es auf Lachsfangtour geht, hilft Senior Sigfried Fischer gerne mit. Gemeinsam mit dem Gesellen Jan-Philipp Vongehr holt er die Lachse vom Haken der Langleine.
Wenn es für Björn Fischer mit seinem Gesellen Jan-Philipp Vongehr und Vater Siegfried Fischer von Anfang November bis Ende Januar auf Lachsfang vor Bornholm geht, muss er mittlerweile aber auf alle Netze verzichten. Der Lachs wird mit Langleinen geangelt. „Das sind so 1300-1500 Haken, je nach Wetterlage“, erläutert er. Auf der letzten Tour mussten sie drei Tage im Hafen auf Bornholm den Sturm abwarten. Zuviel Wellengang für den „Tümmler“. Als sich die unruhige See gelegt hatte, ging es dann aber los. „Die Haken werden mit gefrorenen Sprotten bestückt und an der Langleine ausgelegt.“ Zu Dritt eine mühsame Arbeit. „Morgens um 4 werden die Angeln ausgelegt und wenn es wieder hell ist, so gegen 9, fangen wir an die wieder einzuholen. Abends, ungefähr um 19 Uhr, sind wir fertig mit Einholen. Dann werden die Fische geschlachtet und vereist“, erzählt Björn Fischer weiter. Der Fang variiere natürlich mit jedem „Hol“. Mal seien es 100 Lachse, manchmal nur 20. „Die größten wiegen so 10 bis 12 KG, auch mal einer 15. Aber im Schnitt kann man sagen, dass die so 4 bis 5 Kilo schwer sind.“
Wenn der Laderaum seines knapp 15m langen und 27 Jahre alten Kutters nach 5 bis 6 Tagen voll genug ist, geht es mit 300 PS und 9 Knoten wieder Richtung Kieler Förde. Im Heimathafen angekommen, verkaufen Sie dann ihren Fang direkt vom Kutter. Wie auch an diesem Sonntagmorgen.
Schon auf dem Weg nach Heikendorf sind an den Straßen gelbe Plakate zu sehen, die den frisch angelandeten Ostseewildlachs anpreisen. Es dämmert, am Horizont ist ein goldener Streifen zu sehen und der Hafen liegt wieder einmal verschlafen da.
Der „Tümmler“ ist für den Verkauf schon hergerichtet. Mit einer Plane ist ein Dach über den Behelfstresen gespannt. Darauf liegt er, der Ostseewildlachs. Ein paar zugeschnittene Medaillons und Hälften, die das zarte rosa Fleisch präsentieren, und vor allem ganze Fische bis zu einem Meter lang. Ihre silbernen Schuppen reflektieren die grellen Scheinwerfer des Kutters. Nur 12 Euro pro Kilo kostet ein ganzer Fisch, ein willkommenes Schnäppchen für die Fischliebhaber und Gastronomen, die sich an diesem Morgen hier eingefunden haben.

- Sonnenaufgang im Möltenorter Hafen. Frischeren Fisch gibt es nur direkt in der Ostsee.
10 Meter weiter liegt der andere Möltenorter Kutter, der parallel auf Fang war. Sein Besitzer verkauft auch frisch gefangenen Lachs aus der östlichen Ostsee. Im letzten Jahr durften die beiden Lachsfischer zusammen ungefähr 7000 Fische fangen, und obwohl die Lachsquoten dieses Jahr um 5% gekürzt wurden, können Björn Fischer und sein Kollege noch genügend fischen. „Mit dem Lachs haben wir keine Quotenprobleme, weil wir nur zwei deutsche Fahrzeuge sind, die noch fischen“, sagt er. Seine Haupteinnahmen bekommt er jedoch durch den Dorsch, und der ist knapp. Für das Jahr 2009 wurden die Dorschquoten in der westlichen Ostsee um 15 % gekürzt. Der Bestand der östlichen Ostsee hat sich zwar soweit erholt, dass die Quoten um 15 % angehoben werden konnten, doch dahin ist es, wie gesagt, ein weiter Weg von Heikendorf.
So sind die Fischer ein politischer Spielball der EU und müssen viel Flexibilität zeigen um überhaupt noch wirtschaften zu können. Das gehe manchmal soweit, dass Fischer der westlichen Ostsee trotzdem Quoten für die östliche Ostsee bekämen, obwohl ihr Fahrterlaubnisschein für diese Region gar nicht gelte. Die Beroffenen können dann mit anderen Fischern ihre Quoten tauschen. „Wenn Sie jemanden finden“, zweifelt Björn Fischer, „das ist meistens schwierig!“

- Die Fischer beim Verkauf des frisch gefangenen Ostseewildlachs'
Das Finanzinstrument der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) ist der Europäische Fischereifonds (EFF), welcher Gelder in Höhe von 3,8 Mrd. Euro für den Zeitraum 2007 bis 2013 zur Verfügung hat. Die Einhaltung aller, für den EU Fischereisektor festgelegten Vorschriften, wird durch Kontrollen der Mitgliedsstaaten gewährleistet. In Deutschland liegt diese Verantwortung sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene. Die Länder sind für die Überwachung der Fischereibestände an Land (Binnengewässer, Aquakulturen, etc.) sowie innerhalb der 12-Meilen-Zone auf See zuständig. Der Bund überwacht die Aktivitäten und Bestände zur See, außerhalb der 12-Meilen-Zone. Außerdem übernimmt er durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Koordination der gesamten Fischereiüberwachung.
Insgesamt ist die Chance kontrolliert zu werden für die Fischer sehr hoch. Wie auch Björn Fischer zu berichten weiß: „Wenn wir hier zu Hause fischen, grad so in der Eckernförder Bucht, das ist ein beliebtes Revier für den Wasserschutz. Fast jeder Fischkutter hat da inzwischen sein eigenes Aufsichtsboot.“ Zwei Stunden bevor er fischt muss er sich bei den Behörden anmelden und jeden Fang in sein Logbuch eintragen. „Es vergeht eigentlich kein Tag, wo die nicht kommen und kontrollieren. Und dann wird halt gezählt!“ Die Fangmenge darf höchstens 8 % von der über Funk angekündigten Menge abweichen, sonst zahlt er Strafe.
Was in Zukunft aus ihm und seiner vierköpfigen Familie wird, das sind noch ‚ungefangene Fische‘. Die Situation ist schwierig.
Auf die Frage, was er dem maltesischen EU-Fischereikommissar Joe Borg gern einmal zurufen würde, wenn er ihn auf der Straße treffen würde, antwortet Björn Fischer fair: „Der soll einfach mal mit auf See kommen, sich das mal angucken. Ich glaub, dass die manchmal ein bisschen weltfremd sind, die sich das alles ausdenken. Es wird immer von Überfischung geredet und wir kleinen Fischer sind dann die Greifbaren, weil wir zu sehen sind. Die sollen mal da östlich mit hinkommen und sehen, was da von Schweden, Finnland und Dänemark für Schiffe rumfahren. Da kann man von Überfischung reden und soll die riesen Fahrzeuge mal ankreiden. Uns kleine Fischer können die mal in Ruhe lassen!"









