Außer Kontrolle

von Sabrina Klein

Menschen mit Zwangsneurosen sind im Alltag gehandikapt. Normalste Dinge werden zu einer unüberwindlichen Herausforderung. Die meisten Betroffenen können keiner Arbeit nachgehen, so stark ist die Beeinträchtigung der Zwänge. Ohne eine die Unterstützung der Familie ist ein nahezu normales Leben und Fortschritte im Kampf gegen die Neurosen unmöglich.
System - Menschen mit Zwangsneurosen entwickeln ihr eigenes Ordnungsprinzip.
System - Menschen mit Zwangsneurosen entwickeln ihr eigenes Ordnungsprinzip.

Er bleibt noch einmal stehen und dreht sich um. Er geht in die gemütliche kleine, weiße Küche mit den liebevollen, blauen Accessoires. Er schaut in zum Herd. Er wird langsam etwas nervös und geht auf den Herd zu. Dann dreht er alle Knöpfe nacheinander mit zittriger Hand auf die höchste Stufe, nur um den Herd dann sofort wieder auszuschalten. Dabei bilden sich kleine Schweißperlen auf seiner Stirn, die langsam über sein Gesicht laufen. Man hört seinen Atem, der immer kürzer wird, fast panisch. Er lässt seine Hände über die Herdplatten schweben. Hin und her, hoch und runter. Die Herdplatten sind kalt. Als könne er es nicht glauben, wiederholt Bernd Hecker* dieses „Ritual“. So oft, bis er sich sicher ist, dass der Herd aus ist und nichts passieren kann. „Das kann an einem Tag zehn Minuten dauern, am nächsten Tag wiederum bis zu zwei Stunden in Anspruch nehmen“, erklärt er beschämt. Bernd Hecker leidet unter einem Putz- und Kontrollzwang, zwei von unzähligen Arten der Zwangsneurose. Er ist einer von etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland, die gegen diese innere Kraft nicht ankommen. Der Betroffene hält seine Handlungen selbst für unsinnig und sogar verrückt, doch er unterwirft sich diesem Zwang, reagiert mit großer Angst, Schweißausbrüchen, Atemnot bis hin zur Ohnmacht. Dabei kennt doch jeder das Gefühl der Unsicherheit. Man fragt sich, ob der Stecker vom Bügeleisen noch in der Steckdose steckt oder die Tür richtig verschlossen ist. Doch Zwangsneurotiker spüren diesen Zwang in jeder Minute und kommen nicht gegen ihn an. Die Angst, dass etwas passieren könnte ist einfach zu groß. Schon im nächsten Augenblick öffnet Bernd Hecker den Küchenschrank. Genau sieben Putzlappen liegen gebügelt und der Farbe nach geordnet in dem Regal. Für jeden Tag in der Woche ein eigener Lappen. Er streicht über das oberste Tuch, ein blaues, und legt es bei Seite, wiederholt dies mit den nächsten vier Tüchern und nimmt dann schließlich ein lindgrünes Tuch in die Hand und schließt den Schrank. „Der Herd ist jetzt voller Keime.“

Keime von seinen eigenen Händen. Er erträgt sie nicht. Zu groß ist die Angst krank zu werden. Also nimmt er den Lappen und hält ihn für siebzehn Sekunden unter lauwarmes Wasser. Dabei zählt er leise mit. Dann geht er langsam zum Herd und achtet penibel darauf keinen Wassertropfen von seinem Lappen zu verlieren. Das würde nämlich bedeuten, dass er den kompletten Küchenboden auf der Stelle putzen muss. Er wischt über die Knöpfe und auch über die glänzende Herdplatte, die er zuvor nicht berührt hat. Es herrscht eine Totenstille. Man hört nur das sanfte Wischen auf der Herdplatte. Im nächsten Moment öffnet sich die Haustür und Bernds kleine Tochter Eva kommt herein. Sie summt „Oh Tannenbaum“ und läuft aufgeregt zu ihrem Vater. Sie riecht nach gebrannten Mandeln, denn sie kommt gerade von ihrem Schulausflug vom Weihnachtsmarkt. Ihre blonden Löckchen sind unter einer Weihnachtsmannmütze versteckt. „Papi, guck mal was ich heute in der Schule gemacht habe.“ Sie zieht aus ihrem kleinen, geblümten Rucksack ein gequetschtes Bündel aus Alufolie. Sie will ihrem Vater die selbstgebackenen Plätzchen zeigen. Bernd Hecker aber reagiert gereizt. Er wurde gerade beim Putzen unterbrochen. Was für andere Menschen kein Problem ist, kostet ihn viel Kraft. Denn nun muss er wieder von vorn beginnen, oder er wird durch einen neuen Zwang dafür bestraft, dass er seine Aufgabe nicht beendet hat.

Die Angst vor Keimem ist permanent.
Die Angst vor Keimem ist permanent.

Die Gründe für solche inneren Zwänge sind noch nicht geklärt. Bei einigen Patienten waren Ereignisse in der Kindheit Hauptursache für diese Erkrankung, bei anderen wiederum kann die genetische Veranlagung ein Grund dafür sein. Die Krankheit beginnt meistens schon im Kindesalter, doch erkannt wird sie oftmals erst viele Jahre später. Die Zwangshandlungen treten zuerst nur sehr selten auf, steigern sich aber von Zeit zu Zeit. Da den meisten Betroffenen nicht bewusst ist, dass sie wirklich krank sind, oder es ihnen unangenehm ist, sich zu outen, dauert es von den ersten Symptomen bis zum Aufsuchen eines Arztes nicht selten bis zu sieben Jahre. „Drei Jahre ist mein erster Arztbesuch jetzt her“, erinnert sich Bernd Hecker. „Seitdem hat er schon viele Fortschritte gemacht“, erzählt seine Frau Carina. Sie stand ihrem Mann während der ganzen Zeit bei. „Sie hatte in der Vergangenheit viel unter meinen Zwängen zu leiden, aber ohne sie hätte ich diesen Schritt bis hin zur Therapie wahrscheinlich nie gewagt.“ Eine von wenigen Ausnahmen, denn viele Ehen oder Partnerschaften zerbrechen an den Zwangsneurosen. Doch nicht nur das Privatleben von Bernd Hecker hat gelitten. Seit knapp vier Jahren ist er jetzt arbeitslos. Mit stockender Stimme erzählt er, dass er seinen Beruf als Kranschlosser nicht weiter ausüben konnte: „Zu dieser Zeit war ich nicht mehr Herr über meinen Körper. Ich musste während der Arbeitszeit immer wieder nach Hause fahren, weil ich der festen Überzeugung war, dass unser Haus brennt und meine Tochter weinend in ihrem Zimmer hockt.“

Sogenannte Zwangsgedanken haben zu seinen Zwangshandlungen geführt. Da er nun erfolgreich eine Therapie macht, will er auch wieder in das Berufsleben zurückkehren. Er hat an diesem Tag ein Vorstellungsgespräch bei einer sozialen Einrichtung. In seinen alten Beruf zurückkehren, das kann er noch nicht. Zu groß ist die Angst durch den Schmutz zu erkranken. „Ich würde wahrscheinlich den ganzen Tag nur putzen“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. In der sozialen Einrichtung hingegen würde er anderen Zwangserkrankten von seinen Erfahrungen erzählen und ihnen bei ihrem langen Behandlungsweg helfen. Der Heilungsprozess bei Zwangsneurosen dauert über Jahre und ist nur selten mit einem hundertprozentigen Erfolg verbunden, denn heilbar ist diese Krankheit nicht. Doch mit Hilfe von Psychotherapien in Verbindung mit dem Einsatz von Antidepressiva wurden in der Vergangenheit große Erfolge erzielt, die den Betroffenen ein normales Leben ermöglichen. Anschließend können mit Expositionsübungen weitere Erfolge erreicht werden. Dabei werden die Patienten mit ihrer Angst direkt konfrontiert und müssen sie aushalten. Sie lernen nach und nach mit diesen Reizen umzugehen.

Nach jedem Betreten der Wohnung muss der Boden gesäubert werden.
Nach jedem Betreten der Wohnung muss der Boden gesäubert werden.

Leicht nervös baut Bernd Hecker das Bügelbrett auf und holt ein weißes Hemd mit zarten schwarzen Nadelstreifen und einen schwarz-grauen Pullover aus seinem Schrank. „Aber Papa, das hast du doch gestern erst glatt gemacht“, greift Eva ein. „Das stimmt, aber für das Vorstellungsgespräch muss alles gut aussehen, daher bügle ich es vorsichtshalber noch einmal.“ Er weiß, dass das nicht stimmt, denn er holt anschließend noch weitere Sachen aus seinem Schrank. Alles ist nach Farben geordnet. Diese Sachen bügelt er jeden Tag um sie anschließend in das oberste Fach des nussfarbenen Kleiderschranks zurück zu legen. „Da ich selbst nicht perfekt bin, versuche ich das mit perfekt gebügelter Wäsche auszugleichen. Noch so ein kleiner Tick“, fügt er fast entschuldigend hinzu. Bei jeder Aufgabe, die Bernd Hecker erledigt ist er hochkonzentriert und geht seinen weiteren Tagesablauf durch. Er muss den Geschirrspüler ausräumen. Doch anstatt die weißen Porzellanteller mit ihrem blauen, geschwungenem Rand in den Küchenschrank zu stellen, lässt er lauwarmes Wasser in die beige Steinspüle und fügt einen kleinen Tropfen Spülmittel mit Apfelduft hinzu. Er wird alle Teller, Tassen, Gläser und Töpfe sowie das Besteck noch einmal abwaschen, denn er hat Angst, dass noch etwas am Geschirr hängen geblieben sein könnte. Langsam nimmt er ein Teil nach dem anderen, untersucht es mit leicht zusammen gekniffenen Augen noch einmal nach Flecken und spült es dann ab, um es dann anschließend zu trocknen. Sobald er damit fertig ist, holt er den blauen Bodenstaubsauger aus dem Schlafzimmer und beginnt die komplette Wohnung zu saugen. „Das macht er immer, wenn jemand nach Hause gekommen ist“, sagt Tochter Eva achselzuckend. „Papa sagt immer, dass man an den Schuhen so viel Schmutz hat, dass der gleich wieder weggesaugt werden muss, damit wir nicht krank werden.“ Ihre Eltern haben ihr schon vieles über Papas Krankheit erzählt, aber richtig verstehen kann sie das alles noch nicht. „Sie sagt oft, ich solle doch einfach aufhören zu putzen. Einfach den Lappen weglegen. Aber das ist leider nicht so einfach.“ Liebevoll nimmt er seine Kleine auf den Arm und streicht ihr über die Locken. „Wünsch dem Papa gleich ganz viel Glück, ja?“. Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange und gibt ihrem Vater ihren kleinen, grünen Plüschfrosch Quaki. „Der bringt dir auch Glück“, fügt sie strahlend hinzu.

Bernd macht sich auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch. Er geht zu Fuß, denn er hat Angst, dass sein glatt gebügelter Anzug wieder Falten bekommen könnte. An der Einrichtung angekommen klopft er mit schweißnassen Händen an die weiße Bürotür von Frau Bloch. Nun muss er seine Zwänge kontrollieren. Er betritt das Büro. Nach einer knappen Stunde ist das Gespräch beendet. Erleichtert verlässt Bernd Hecker das Büro. „Solche Gespräche kosten immer sehr viel Kraft, da ich Angst habe zu versagen und ich mich meinen Ritualen wieder hingebe. Aber es hat alles sehr gut geklappt“, fügt er stolz lächelnd hinzu und macht sich auf den Weg nach Hause. Noch am gleichen Abend erhält er eine Zusage von der sozialen Einrichtung und kann so einen weiteren Schritt auf ein „normales“ Leben zumachen.

*Name geändert