Deutsche Seemannsmission in Kiel

Die Seele der Förde

von Christian Nowack

1,3 Millionen Seeleute befahren die Ozeane weltweit. Die Mitarbeiter der 38 Stationen der Deutschen Seemannsmission betreuen das „vergessene Volk“ rund um den ganzen Globus. Auch in Kiel ist für das Wohl der Seeleute gesorgt.
Auf ein Wort mit jedem Seemann. Marion Hahl ist überall willkommen.

Ein einziges Grau umringt das Kieler Ostseekai-Terminal an diesem Vormittag, zwei Tage vor Heiligabend. Nasskaltes Winterwetter scheint als Vorbote schlechter Nachrichten zu fungieren. Das grelle Gelb einer Warnschutzjacke lässt die kleine Gestalt vor dem Tor des Terminals förmlich aufleuchten. Die Jacke gehört Marion Hahl, eine der ehrenamtlichen Bordbetreuerinnen der Kieler Seemannsmission. In der maritimen Welt scheint sie sich bestens auszukennen. Wie selbstverständlich gebraucht sie einen Fachjargon, den nicht jede Landratte versteht und erklärt schnell die Umstände des anstehenden Schiffsbesuchs. „Mal sehen ob es schon Neuigkeiten gibt“, sagt sie gespannt und betritt die Gangway der Transatlantic, ein amerikanischer Frachter von 101 Meter Länge. Heimathafen New York. Ein dick vermummter Seemann verlässt grußlos das Schiff. Seine schlechte Stimmung sagt nichts Gutes voraus.

„Die Transatlantic liegt seit sieben Wochen mit Motorschaden in Kiel“, erklärt Marion Hahl. An Deck trifft sie auf einen weiteren, kurzärmlig gekleideten Seemann und das bei gefühlten zwei Grad. „Eyyy Maaarion, how are yaaa???“, begrüßt er sie freudig. Es folgt ein kurzes Gespräch auf dem Weg zum Eingang der Schiffsaufbauten, wo sich weitere Besatzungsmitglieder versammelt haben. Hände werden geschüttelt und die eine oder andere Umarmung findet statt. Marion Hahl ist keine Unbekannte auf dem Schiff und wird sofort gebeten Platz zu nehmen. Es ist Mittagszeit auf der Transatlantic. Beinahe die gesamte Mannschaft drängt sich in die sieben Quadratmeter große Messe. Bratkartoffeln mit Bratwurst und Sauerkraut hat der Koch „Cockie“ gezaubert.

Mehrmals wird zum Mitessen eingeladen, doch Marion Hahl ist nicht zum Essen gekommen. Sie möchte die Crew der Transatlantic zu den Weihnachtsfeierlichkeiten der Kieler Seemannsmission einladen. Der Ausgang des Testlaufes der Maschine vom Vortag könnte dies jedoch verhindern. Bisher sei nichts bekannt, bemerken einzelne Crewmitglieder. Schulterzucken und Ratlosigkeit, gepaart mit einer Spur Wehmut machen sich breit. Sollte der Testlauf erfolgreich gewesen sein, wäre ein Auslaufen kurz vor Weihnachten die Folge. Ein Heiliger Abend irgendwo auf hoher See.

Die Transatlantic am Ostseekai in Kiel.
Die Transatlantic am Ostseekai in Kiel.

Auch an Heiligabend finden Schiffsbesuche der Seemannsmission statt. Begleitet von einem Bläserchor werden kleine Geschenke in Form von Kieler Sprotten Schokolade verteilt oder gratis Telefonkarten an die Mannschaften weitergegeben. Bei einem Gottesdienst in Holtenau berichten einzelne Seeleute unterschiedlicher Nationalität, welche Traditionen in deren Heimat an Weihnachten gepflegt werden. Zusätzlich findet am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Nikolausgemeinde in Kiel ein philippinischer Gottesdienst statt. Laut Statistik fahren mehr als 330.000 Philipinos zur See. Selbst ein philippinischer Pfarrer ist zu Besuch und hält die Messe auf Tagalog, der philippinischen Landessprache.

An Weihnachten laden manche Bordbetreuer sogar Seeleute zu sich nach Hause ein. Bei längerer Verweildauer in der Kieler Förde bekommen die Schiffe eigens einen Bordbetreuer zugeteilt. So wird Vertrauen aufgebaut und es entsteht eine enge Bindung zur Crew. Das macht Seelsorge überhaupt erst möglich, denn auch beinharte Seebären sind gelegentlich, aber gerade in der Weihnachtszeit, von Heimweh betroffen.

Von seinem Büro aus überblickt Rudi Saß das Treiben in der Schleuse.
Von seinem Büro aus überblickt Rudi Saß das Treiben in der Schleuse.

Die Koordination der Schiffsbesuche übernimmt Rudi Saß. Rudi Saß ist Seemannsdiakon, Chef der Bordbetreuer und beratendes Mitglied im Vorstand der Kieler Seemannsmission e.V.. Sein Tag beginnt im Seemannsheim direkt an der Holtenauer Südschleuse. Ein kleines, unscheinbares Einfamilienhaus, keine 20 Schritte vom Nord-Ostsee-Kanal entfernt.
 
„Das Seemannsheim ist sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr geöffnet“, verkündet Rudi Saß feierlich. Sieben Betten bieten hier eine Übernachtungsmöglichkeit für durchreisende Seeleute, die entweder an Bord gehen oder von Bord kommen. Meist wird an der Schleuse innerhalb der Crew gewechselt. „Hier werden bis zu 1450 Übernachtungen pro Jahr verzeichnet“, so Rudi Saß. Den Haushalt führen acht Damen, welche durch abwechselnden Schichtdienst die durchgehenden Öffnungszeiten möglich machen. Es ist mehr eine Herzensangelegenheit als ein Job. Eine Arbeit mit viel ehrenamtlichem Charakter. Im Ostuferhafen, sowie Nordhafen oder auf der Lindenauwerft sind zudem 20 ehrenamtliche Bordbetreuer im Einsatz und folgen dabei dem Motto der Deutschen Seemannsmission – „support of seafarers’ dignity“, was soviel bedeutet wie „Achtet die Würde der Seeleute“.

Neben Schiffsbesuchen bei denen aktuelle Zeitungen in jeweiliger Landessprache, an Bord gebracht werden, organisiert die Seemannsmission Ausflüge zu umliegenden Sehenswürdigkeiten oder bietet Transfer in den Seemannsklub „Baltic Poller“. Hier, unweit vom Ostuferhafen, finden die Seeleute eine Möglichkeit den Arbeitsalltag zu vergessen. Es wird gekickert, Billard gespielt und via Internet mit Angehörigen geskypt oder gechattet. Dieser Service ist sehr beliebt und die Rechner sind allzeit ausgelastet. „Natürlich kommt bei einem Bierchen auch das ein oder andere Gespräch zustande“, fügt Rudi Saß hinzu, denn auch im Seemannsklub wird Zwischenmenschliches groß geschrieben.

Jedoch bietet sich nicht immer die Gelegenheit für ein Gespräch. Bei Schiffsbesuchen in der Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals bleiben knappe 20 bis 30 Minuten. Dass muss ausreichen, um nach dem Rechten zu sehen, Zeitungen da zu lassen und „Gute Reise“ zu wünschen. Dann geht die Fahrt auch schon weiter.

Dabei Postkarten oder Briefe für Angehörige durch die Seemannsmission mitzunehmen, ist für Rudi Saß selbstverständlich. Auch so manches Monatsgehalt vertrauen die Seeleute dem Diakon an. „Einige kommen in mein Büro und drücken mir 2000 Dollar in die Hand, mit der Bitte, ich solle das Geld nach Hause überweisen“, erzählt er. Auf Quittungen oder andere Formalitäten wird hier meist verzichtet. „Solches Vertrauen ist der weltweiten Vernetzung der Seemannsmissionen zu verdanken“, schwärmt Rudi Saß. Rund um den Globus werden die Missionen geschätzt und geachtet. Nicht jeder Seemann kennt alle Häfen der Welt, aber jeder Seemann kennt die Seemannsmission.

Marion Hahl verlässt die Transatlantic.
Marion Hahl verlässt die Transatlantic.

Der nächste Hafen der Transatlantic scheint nach wie vor ungewiss. Auch der Kapitän ist sich nicht sicher. „We don’t know nothing“, schimpft er verärgert. „Maybe we leave to Klaipeda, tonight.“
Es ist still geworden in der Messe. Damit hatte niemand gerechnet. Der Testlauf der Maschine scheint erfolgreich verlaufen zu sein. Die Besatzung stellt sich darauf ein, bald wieder einen anderen Hafen anlaufen zu müssen.
Marion Hahl trifft Absprachen um später wenigsten ein paar kleine Geschenke vorbeibringen zu können. Sie solle zum Dinner vorbeikommen, sagt der Bootsmann. Danach werden alle von Bord sein. Wahrscheinlich der letzte Landgang vor Heiligabend. Schweren Herzens geht Marion Hahl von Bord des Schiffes.
An diesem Abend das letzte Mal.

Deutsche Seemannsmission e.V.

Die Deutsche Seemannsmission ist als selbstständige diakonische Einrichtung Teil der evangelischen Kirchen in Deutschland.
1854 wurde in Bremen das erste Seemannsheim gegründet. 40 Jahre später folgten Seemannsmissionen in Brunsbüttel, Schleswig, Hamburg, Flensburg und Kiel. Heute zählt die Deutsche Seemannsmission 38 Stationen weltweit, davon 17 in deutschen Städten. Der Dachverband befindet sich in Bremen.
Mehr als 700 Mitarbeiter widmen sich haupt- und ehrenamtlich dem Wohl der Seeleute. Die Missionen werden von Seemannspastoren  oder Diakonen geführt. Die Arbeit wird außerdem durch Sozialarbeiter oder den BFD (Bundesfreiwilligendienst) unterstützt.
Die Seemannsmission arbeitet mit anderen Missionen anderer Länder zusammen und ist Mitglied der International Christian Maritime Association (ICMA).

www.seemannsmission.org
www.deutsche-seemannsmission-kiel.de