Ein Kieler Wahrzeichen

Unter Pflegern und Seehunden

von Johannes Geist

Eines der beliebtesten Ausflugsziele in Kiel ist das Seehundbecken des IFM-GEOMAR an der Kielline. Das angeschlossene Aquarium bietet spannende Einblicke in die Unterwasserwelt der Ostsee. GeoZeit schaut hinter die Kulissen und trifft den Herrscher über die Aquarien.
Die Seehunde im Kieler Aquarium sind eine Hauptattraktion
Die Seehunde im Kieler Aquarium sind eine Hauptattraktion

Früh am Morgen ist an der Kiellinie noch nichts los. Nur das hektische Kreischen der Möwen von den leeren Stegen stört die Ruhe des anbrechenden Tages. Aus dem Seehundbecken vor dem Aquarium des IFM-GEOMAR lugt ab und zu ein Kopf aus dem Wasser. Die Seehunde sind schon wach und schauen neugierig was so alles vor ihrer Tür passiert. Nicht nur die Seehunde sind schon auf den Beinen, auch aus dem Büro von Ralf Traulsen dringt schon Licht.

Er ist der Erste zu dieser frühen Stunde. Der Tierpfleger ist eine imposante Gestalt. Ein großer Typ mit langem blondem Haar, zum Pferdeschwanz zusammengebunden und Bart. Für ihn beginnt der Arbeitstag nicht wie man meinen möchte umringt von Tieren, sondern zunächst allein in seinem Büro vor dem Computer. Er verschafft sich einen Überblick über die anstehenden Aufgaben des Tages. Die bekommt er oft per Mail zugeschickt, außerdem teilt er die anderen Mitarbeiter des Aquariums für den Tagesdienst ein. „Es ist wie auf einem Schiff“, erläutert Traulsen. „Der Leiter des Aquariums ist der Kapitän, der den Kurs angibt und ich bin der Steuermann, der die Mannschaft anweist.“

Trotz der Berufsbezeichnung Tierpfleger hat der gelernte Softwareentwickler in erster Linie mit der Technik des Aquariums zu tun. Ohne die Technik könnten die vielen Meeresorganismen nicht an Land gehalten werden, denn Salzgehalt und Wassertemperatur müssen individuell an die Bedürfnisse der Tiere angepaßt sein. Die Anlage des Aquariums verfügt über vier voneinander getrennte Wasserkreislaufsysteme, die in den 15 Schaubecken und dem Robbengehege für einen ständigen Wasserdurchfluss sorgen.

Das Leben aller Organismen im Aquarium hängt an der Technik
Das Leben aller Organismen im Aquarium hängt an der Technik

Spezielle Lampen über den Schaubecken simulieren das Tageslicht und unterdrücken das Algenwachstum. Ein fortschrittliches Filtersystem sorgt dafür, dass sämtliche angefallenen Schadstoffe aus dem Wassersystem gelöst werden.

Für Ralf Traulsen geht es heute zuerst in den Technikraum, denn es gibt wieder etwas zu reparieren. Ein Gewirr von Leitungen und Hebeln erwartet ihn, für den Laien ein unbegreifliches Chaos. Im hinteren Teil des Raumes quillt Schaum aus mehreren mehreren zylindrischen Behältern. Jedes auch so kleinste bisschen Platz wurde hier genutzt. „Die meisten kriegen Panik, wenn sie die ganzen Rohre hier sehen“, grinst der technikbegabte Tierpfleger. Wasserrauschen und unaufhörliches Plätscher erfüllt den Raum. Der Geruch von Salz liegt in der Luft und an den Verbindungsstücken der Rohre haben sich auch schon weiße Salzkrusten gebildet. Auf seine ruhige, besonnene Art, schreitet der Techniker zur Tat. Ein Biofilter, der mit Hilfe von Bakterien das Wasser von Schadstoffen befreit, muss repariert werden. Für Traulsen kein Problem.

Der Filter besteht aus einem mannshohen, durchsichtigen Zylinder, der mit lauter schwarzen, kleinen Plastikteilchen gefüllt ist. „An den Plastikstückchen sammeln sich Bakterien, die unerwünschte Abfallprodukte umwandeln“, erläutert der Tierpfleger. „Die Arbeit an der Anlage ist nicht immer einfach. Oft muss man improvisieren oder Bauteile neu erfinden." Der 37jährige macht sich mit Ruhe und Geduld an die Arbeit.

Währned Traulsen schon am Filtersystem arbeitet, trudeln um kurz nach acht langsam die anderen Mitarbeiter ein. Für die angehende Tierpflegerin Jasmin Naujoks ist der erste Gang an jedem Morgen der zum Seehundbecken.  „Robben sind auf jeden Fall meine Lieblingstiere“, offenbart die 23jährige mit der auffälligen Brille und dem Palästinenserschal um den Hals. Jasmin ist im dritten Lehrjahr und bald mit ihrer Ausbildung fertig. „Eigentlich hätte ich verkürzen können, aber ich wollte lieber noch ein bisschen länger hier arbeiten“, erklärt sie.

Befindet sich am Ende ihrer Ausbildung zur Tierpflegerin, Jasmin
Befindet sich am Ende ihrer Ausbildung zur Tierpflegerin, Jasmin

Ihre Arbeit besteht hauptsächlich aus der Pflege der vielen Meerestiere. Das beinhalte vor allem die Fütterung und einen täglichen Gesundheitscheck. „Außerdem gilt es die anderen Becken der Aquariumsbewohner zu säubern", erklärt die Azubi. Daneben gehören Führungen für Besucher zu ihren Aufgaben. „Eine Führung mit Kindern macht mir besonders Spaß“, meint Naujoks.

Nach der rituellen Begrüßung der Seehunde macht sich die Auszubildende an die Arbeit. Ihr erster Auftrag an diesem Tag ist es, die Futterbehälter in den Schaubecken aufzufüllen. Mit speziellem Fischfutter geht es auch für sie hinter die Kulissen. Aus Besuchersicht ist die Technik nicht zu sehen. Spezielle Lampen simulieren Tageslicht und sorgen so für die Beleutung der Becken. Das Futter füllt die Pflegerin in einen Kasten, der das Futter gleichmäßig über einen längeren Zeitraum selbstständig im Becken verteilt. Naujoks nächste Aufgabe ist nicht so angenehm. Sie muss einen Filter von Fischkot und anderem Dreck befreien. Beim Öffnen des Plastikzylinders strömt ihr ein unangenehmer Geruch von Verwesung entgegen. „Gut, dass für solche, eher unangenehme Herausforderungen, immer ein Praktikant in der Nähe ist“, lacht die Pflegerin.

Die Jungtiere werden zum Teil direkt aus Hand gefüttert
Die Jungtiere werden zum Teil direkt aus Hand gefüttert

Um zehn Uhr steht dann die erste von zwei Seehundfütterungen an. „Für mich ist das immer einer der Höhepunkte am Tag“, jauchzt die 23jährige, während sie die Tür zum Robbenaußengehege öffnet. In einem kleinen Zwischenraum steht bereits das vorbereitete Futter für die Meeressäuger. Zwei Metalleimer, bis über den Rand gefüllt mit Fisch. Mit den zwei prall gefüllten Eimern schreitet Naujoks nach draußen auf die Plattform vor dem Gebäude. Hier wird sie bereits von sechs hungrigen Mäulern erwartet. Die Seehunde kennen das Ritual. Gegenüber, auf der anderen Seite des Beckens, hinter einer Absperrung, warten Fußgänger gebannt auf das bevorstehende Spektakel. Die aufgeweckte Nachwuchspflegerin ist routiniert bei der Sache. Sie spricht mit den Tieren und wirft ihnen abwechselnd Fische zu. Über Zeit und Erfahrung hat sich zwischen Tier und Mensch Vertrauen aufgebaut. Das vorlaute Robbenmännchen Jimmy kommt ständig zu ihr auf die Plattform gerobbt, frech genug um den Fisch direkt aus dem Eimer zu klauen. Selly und Luna, die beiden Robbenbabys, brauchen dagegen besondere Fürsorge und bekommen ihren Fisch direkt aus der Hand der Tierpflegerin.

Als nächstes zeigt die Pflegerin, dass sie die Tiere auch im Griff hat. Mit Handzeichen, Pfeifgeräuschen und Kommandos gibt sie den Tieren Anweisungen, die die Robben dann als eingeübte Tricks durchführen. Was vor allem den jüngsten Zuschauern ein Lächeln ins Gesicht zaubert, ist für die Seehunde mehr als nur eine Show. „Wir machen das vor allem zum Training für die Seehunde, damit sie aktiv bleiben und beschäftigt werden“ , erklärt die Azubi.

Als die Eimer leer sind, ist auch die Fütterung zu Ende. Das bedeutet für die Tierpflegerin Händewaschen und erst einmal Pause. In einem Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter kann sie sich ausruhen und etwas essen. Die 23jährige schreibt dem Aquarium eine große Bedeutung zu. „Den Kielern sind ihre Seehunde und ihr Aquarium schon sehr wichtig. Man könnte sagen, es ist eine Art Wahrzeichen“, äußert sie nachdenklich.

Gegen 16 Uhr ist dann langsam Feierabend. Während Jasmin Naujoks schon gegangen ist, macht der Technikpfleger Traulsen noch mal einen Rundgang und überprüft seinen Mailpostkasten. Morgen geht es dann wieder los und der Alltag beginnt von neuem im Kieler Aquarium, das zu Kiel gehört, wie seine Seehunde. Ein Wahrzeichen am Westufer der Kieler Förde.