Der etwas andere politische Protest

von Christoph Karius

Vor gut 30 Jahren wurden in Kiel mehrere Häuser besetzt. Die meisten der besetzten Häuser standen mitten in der Stadt und sollten abgerissen werden, um für die Stadtsanierung Platz zu schaffen. Die politischen Interessen der Besetzer gingen jedoch weit über den Erhalt der Gebäude hinaus.
Blick vom Bahnhof auf den alten Sophienhof*

Wer heute den Kieler Bahnhof in Richtung des Sophienhofs verlässt, steht vor einem großen Neubau, in dem sich ein Wohn- und Einkaufszentrum verbirgt. Anfang der 1980er Jahre erschien den Besuchern Kiels, die den gleichen Weg genommen hatten, noch ein ganz anderes Bild. An der gleichen Stelle standen alte Häuser, mitten im Zentrum, in denen der etwas andere politische Protest stattfand.

Politisch waren die Verhältnisse mit den heutigen kaum vergleichbar. Es war eine Zeit, in der links und rechts wesentlich weiter auseinander standen und Gleichberechtigung in vielen Bereichen noch nicht Einzug gehalten hatte. Ebenso weit gefächert, wie sich die gesellschaftlichen Probleme darstellten, waren in den Kieler besetzten Häusern verschiedene Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen aktiv.

Besetzung der Häuser am Sophienhof*

„Es ging einem nicht nur um Wohnungsbaupolitik, den wenigsten ging es allein um den Erhalt der Häuser. Man war eher gesamt politisch interessiert und aktiv, so dass sich verschiedene Gruppierungen in den Häusern gebildet haben – ganz stark vertreten war zu der Zeit die Anti-AKW Bewegung oder die Frauenbewegung", erinnert sich Claudia Schmidt, die selbst Bewohnerin in den besetzten Häusern war und bis zum Ende der Besetzung im Sophienblatt 26 gelebt hat. "Die Interessenlagen waren nicht nur zwischen den Einzelnen unterschiedlich, sondern waren auch in den Leuten vielfältig. Gerade die Besetzung der Häuser am Bahnhof war auch dahingehend politisch bedeutsam, dass diese einen zentralen Platz in Kiel darstellten. Es waren Orte, an denen viele Leute vorbeikamen und man eben auch Viele erreichen konnte“, berichtet Schmidt.

Das Sophienblatt hatte bereits 1844 durch den Anschluss der Kieler Innenstadt an Hamburg-Altona an Bedeutung gewonnen. Der Bau der ersten Eisenbahnlinie in Schleswig-Holstein hatte in Kiel zu Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum geführt. Das Gebiet um den heutigen Kieler Bahnhof ist von dieser Entwicklung besonders betroffen gewesen, so dass sich das Sophienblatt zur Hauptverkehrsstraße in Richtung Süden entwickelt hat. Die Städteplanung hatte schon früh das Ziel verfolgt, diese verkehrliche Anbindung durch den Bahnhof zu nutzen. Ebenfalls sollte eine repräsentative Umgebung am Sophienblatt geschaffen werden, um nach Kiel einfahrende Besucher von der Bedeutung der Stadt zu überzeugen. In diesem Zusammenhang entstanden um die Jahrhundertwende an diesem Ort großstädtische Bauten.

Sophienblatt 26 (links), 24b und der Sophienhof (rechts)*

Als sich die Städteplanung nach dem zweiten Weltkrieg erneut mit der Entwicklung auseinander gesetzt hat, hielten ganz andere Aspekte Einzug, die in einem Sanierungsplan festgeschrieben wurden. Schlagwörter, wie die „Autogerechte Stadt“ oder „Siedlungen frei von Hinterhöfen“, waren damals Leitbilder der modernen Stadt.

Damit verbunden war eine Umstrukturierung der Innenstadt, was zur Vertreibung der Mieter aus diesem Bereich führte. Diese Entwicklung verstärkte die damals ohnehin schon vorhandene Wohnungsnot, da durch den 2. Weltkrieg etwa 44 Prozent des gesamten bewohnbaren Raums in Kiel zerstört wurde. Die Folge für die etwa 270.000 Einwohner Kiels war ein Mangel an Mietwohnungen in der Innenstadt und auch ein damit verbundener Anstieg der Mietpreise.

Besetzter Herzog am Sophienhof*

Immobilienspekulation hatte diesen Prozess weiter verstärkt. Häuser wurden aufgekauft und vorerst nicht genutzt. Nach meist längerem Leerstand wurden diese Häuser dann abgerissen, um Platz für Neubauten zu schaffen. In dieser Zeit wurde Mettenhof erbaut, womit dem Wohnraummangel in Kiel entgegenwirkt werden sollte. Die „Neue Heimat“ war das Wohnungsunternehmen, das die Errichtung der Siedlung betrieben hatte und sie entwickelte sich zum symbolischen Feindbild für die Wohnsituation in Kiel.

„Die Besetzung der Häuser war mit der Stimmung verbunden, dass wir das Recht dazu haben. Den Abriss der alten Häuser haben wir so empfunden, dass die etwas nachhaltig zerstören, was im Nachhinein nicht reparabel ist, jedoch unsere Zukunft ist. Gleichzeitig sollte auch signalisiert werden, dass das Leben in der Innenstadt lebenswert ist und die Leute nicht in die Satellitenstädte abgeschoben werden sollten. Die Besetzung war dann eine Form der Aneignung und auch direkter Einflussnahme“, erklärt Claudia Schmidt.

Das Leben in den Häusern war neben der gemeinsamen politischen Bewegung auch durch die starke Gemeinschaft geprägt. Zusammen essen, renovieren und auch feiern gehörten genauso zur Lebenseinstellung. Die Zimmer und Häuser wurden in Eigenregie wieder bewohnbar gemacht. Dabei war das Zusammenleben nicht unproblematisch, weil sich einige Bewohner mehr in gemeinsame Aufgaben einbrachten als andere. Durch Aktionen, wie den „Tag der offenen Tür“, sollten Außenstehenden die Möglichkeit geboten werden, einen Eindruck vom Leben in den Häusern zu bekommen.

„Das Wohnen an sich war unwichtig, es war eigentlich nur eine Nebensache. Man hat von morgens bis abends Politik gemacht. Das fand zwar an diesem Ort statt und man war dadurch auch vernetzt – man wollte es natürlich auch noch ganz nett haben. Aber es ging eher darum, sein politisches Bewusstsein zu leben. Und durch das Wohnen in besetzten Häusern hatte man natürlich auch schon eine politische Identität“, beschreibt Claudia Schmidt.

In regelmäßigen Versammlungen, etwa in Form des Hausplenums, haben sich die Bewohner getroffen und gemeinsam diskutiert. Gewalt als politisches Instrument wurde generell abgelehnt, auch wenn man sich offiziell solidarisch mit der damaligen RAF erklärt hatte. Dazu sagt Claudia Schmidt: „Wir waren alle der RAF nicht nahe, also wir haben deren Politik abgelehnt. Wir haben uns aber solidarisch erklärt, weil wir das, was in den Gefängnissen passiert ist, auch als Folter empfunden haben“.

Räumung der besetzten Lerche II durch Polizisten*

Geändert hat sich die Situation, als zeitgleich in Berlin mehrere Häuser geräumt wurden und es dabei zum Tod eines Demonstranten kam. Der erste Tote in den Reihen der Hausbesetzungsbewegung zeigte auch in Kiel Wirkung. „Der Dialog ist Tod“, stand auf den Transparenten. Später kam es auch in Kiel zu Räumungen von besetzten Häusern. Großes Aufsehen erregte damals die Räumung der „Lerche II“ in Kiel. Dieses Haus stand in der Lerchenstraße, welche das Sophienblatt mit der Hopfenstraße verbunden hatte. Heute wird diese ehemalige Verbindung durch den Sophienhof überdeckt. Ein Großaufgebot der Polizei und Wasserwerfer wurden eingesetzt, um das Haus zu räumen. Bei damit verbundenen Demonstrationen kam es zu Ausschreitungen mit der Polizei und auch zur Stürmung des Kieler Rathauses.

Abriss der ehemals besetzten Lerche II*

In den anderen besetzten Häusern am Sophienhof war eine Räumung nicht so einfach möglich, da es neben den Besetzern auch noch Mieter mit legalen Mitverträgen gab. Für die offiziellen Nochmieter wurden Gelder gesammelt, um die Miet- und Prozesskosten bezahlen zu können. "Öffentlichkeitsarbeit war gerade auf Grund der Tatsache notwendig, dass die „Kieler Nachrichten“ mit der Berichterstattung die öffentliche Meinung nicht gerade zu Gunsten der Besetzer beeinflusste", so Schmidt.

Dass die Hausbesetzter nicht unbedingt bei allen Bürgern Sympathie genossen, zeigten immer wieder Bepöbelungen auf der Straße, das Einschlagen von Fensterscheiben, aber auch das Legen von Brandsätzen in den Häusern. „Das Einwerfen von Fensterscheiben war eher nervig, wobei natürlich die Brandanschläge schon als beklemmend empfunden wurden. Wer genau dahinter stand, wusste man nicht“, erklärt Claudia Schmidt.

Andererseits gab es aber auch Unterstützung aus der Bevölkerung, die sich vor allem in Form von Sachspenden zeigte. Die Spenden bestanden aus Allem, was man zum Leben brauchte. Auf Spenden war man auch deshalb angewiesen, da zu der Zeit nur die wenigsten Bewohner arbeiten gingen und Geld verdienten. In den Häusern lebten die unterschiedlichsten Leute, vom Studenten über den Arbeitslosen bis hin zu Professoren. Beispielsweise lebte dort auch der Künstler Raffael Rheinsberg. Auch Kunsthistoriker und das Amt für Kultur- und Denkmalschutz sprachen sich für den Erhalt der Häuser aus. Durch Architekten wurden alternative Verkehrs- und Bebauungspläne für den Bereich am Sophienblatt vorgelegt, um den Abriss der Häuser zu verhindern.

Blick vom Bahnhof auf den heutigen Sophienhof*

Nachdem jedoch auch die letzten verbleibenden Mieter durch die Stadt im Sophienblatt 26 gekündigt werden konnten und kurz darauf der Strom abgestellt wurde, war klar, dass die Räumung unmittelbar bevorstand.
Die Besetzter räumten daraufhin das Haus freiwillig. Im Juni des Jahres 1983 wurden dann die letzten Häuser am Sophienblatt abgerissen und der Weg für eine Neuausgestaltung am Bahnhof freigemacht. Im Jahr 1988 wurde dann der neue gleichnamige Wohn- und Geschäftszentrum eröffnet.

Durch Verhandlungen mit der Stadt bekam man die „Alte Meierei“ zugesprochen. „Der Zustand der „Alten Meierei“ war allerdings so schlecht, dass darin wohl eher ein Beschäftigungsprogramm seitens der Stadt zu sehen war, als eine wirklich bewohnbare Ersatzunterkunft“, beschreibt Claudia Schmidt.

Eine andere Entwicklung hat in der Hansastraße stattgefunden. Die Hansastraße 48 konnte durch Anleihen der Stadt abgekauft und der Abriss verhindert werden. Hier findet sich heute noch immer ein Kultur- und Kommunikationszentrum, das damals die Bedingung für die Überschreibung des Hauses war. Heute finden dort auch regelmäßig Konzerte, Theater und andere kulturelle Veranstaltungen statt.

*Bilder zur Verfügung gestellt von Claudia Schmidt