JVA Kiel - Leben und Resozialisierung
Strafe oder Chance zum Neuanfang?
von Diana Lüdtke
§2 StVollzG: Leben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten und der Schutz der Allgemeinheit. Das ist das erste und wichtigste Ziel des Strafvollzugs. Der Gedanke der Strafe rückt zunehmend in den Hintergrund. Gesellschaftliche Wiedereingliederung und die Anpassung an allgemeine Lebensverhältnisse hingegen spielen eine immer größere Rolle. Am Beispiel der JVA Kiel zeigt GeoZeit den Alltag im Gefängnis und erläutert die Maßnahmen, die dazu beitragen, Straffälligen zurück ins Leben zu verhelfen.
Die JVA Kiel ist eine von fünf Justizvollzugsanstalten in Schleswig- Holstein. Während in der JVA Neumünster der Erstvollzug und Jugendvollzug stattfindet, wird in Kiel der Regelvollzug durchgeführt. Das heißt, die Haftdauer beträgt nicht mehr als 3 Jahre und der Inhaftierte befand sich vorher schon mindestens einmal in Haft. In Kiel sitzen vor allem Kleinkriminelle ihre Haftstrafe ab. Zu den Delikten gehören Diebstahl, Körperverletzung, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Drogenhandel und Beschaffungsdiebstahl, kleinere Sexualdelikte, Betrug und auch das Fahren ohne Führerschein. „Die Scheidung von meiner Frau und meine damalige Alkoholsucht führten dazu, dass ich permanent schwarz gefahren bin und auch mal Alkohol gestohlen habe, sodass ich irgendwann meine Strafe absitzen musste“, berichtet Harald Müller*, ein ehemals Inhaftierter der JVA Kiel. Schwerwiegendere Straftaten, wie Mord oder Vergewaltigung, werden in der JVA Lübeck verbüßt.
Die JVA Kiel wurde in den 20er Jahren erbaut, besitzt fünf Etagen und einen Kreuzgang im Zentrum. Die Zellen sind somit um insgesamt vier Innenhöfe angeordnet. Zusätzlich befindet sich westlich gelegen der sogenannte Freistundenhof. Die JVA verfügt insgesamt über 290 Haftplätze, von denen zur Zeit 212 belegt sind. Die Anzahl der 20- 30jährigen Häftlinge liegt bei 35 Prozent, die der 30-40 Jährigen bei 30 Prozent und die restlichen 35 Prozent machen die über 40 Jährigen aus. Unter der Leitung von Jan Dose sind circa 160 Personen beschäftigt, welche die Häftlinge betreuen und verwalten. „Es gibt 8 Abteilungen im geschlossenen Vollzug mit jeweils circa 35 Gefangenen, 5 Abtei-lungsbeamten und einer Vollzugsabteilungsleitung. Der offene Vollzug mit 25 Plätzen ist in Haus 6 untergebracht“, erklärt Abteilungsleiter Ulf Henning.
Der Tag für die Gefangenen beginnt um 6.30 Uhr mit einem Glockenzeichen. Sonntags und an Feiertagen ertönt dieses erst um 7.30 Uhr. Eine halbe Stunde später werden die Hafträume aufgeschlossen und das Frühstück ausgegeben. Währenddessen können eventuelle Anträge, Post oder Arztmeldungen an die Beamten abgegeben werden. 7.20 Uhr beginnt für etwa 60 Prozent der Inhaftierten die Arbeit. In der JVA Kiel gibt es eine Vielzahl an Beschäftigungsmöglichkeiten. „Als Arbeitsbetriebe gibt es Unternehmerbetriebe, Schlosserei, Tischlerei, Küche, Waschküche, Bau- und Malerkolonne, Druckerei und Buchbinderei“, fügt Ulf Henning hinzu. „Während meiner zwei jährigen Haftstrafe habe ich ein Jahr im Unternehmerbetrieb für die WEKO Hamburg gearbeitet und Etiketten geklebt. Dabei war besonders die erbrachte Leistung wichtig und es musste täglich ein bestimmtes Pensum erreicht werden“, berichtet Harald Müller. Für einige Häftlinge gibt es auch die Möglichkeit der Beschäftigung in der Außenkolonne, vorausgesetzt sie nutzen diese Zeit, um ihrer Arbeit nachzugehen und nicht für private Angelegenheiten. Die Arbeit wird größtenteils nach Eignung und Wunsch vergeben und unterliegt einer hohen Fluktuation. Im Jahr sitzen im Schnitt 1000 Gefangene ihre Strafe in der JVA Kiel ab. Während die einen ihrer Arbeit nachgehen, werden die anderen unbeschäftigten Gefangenen um 7.30 Uhr wieder eingeschlossen. 11.30 Uhr endet die Arbeitszeit am Vormittag für die Häftlinge, sodass um 12.00 Uhr das Mittagessen ausgegeben werden kann. Die Mittagspause endet um 12.30 Uhr. Die unbeschäftigten Häftlinge werden erneut eingeschlossen, während diejenigen, die einer Tätigkeit nachgehen, ihre Nachmittagsschicht antreten. Diese Schicht endet schließlich um 16.00 Uhr. Gleichzeitig werden die Hafträume der Unbeschäftigten aufgeschlossen und die Gefangenen können ihren eigenen Beschäftigungen nachgehen und ihre Freizeit nach ihrem Belieben und Möglichkeiten nutzen, zum Beispiel ein Buch lesen, welches sie per Liste beim Büchereiwart bestellen können. In der Zeit von 16.00 Uhr bis 16.30 Uhr findet das Betriebeduschen statt, gefolgt von der Betriebefreistunde. Allen Gefangenen wird es gewährt, dreimal pro Woche zu duschen. Abendessen wird um 17.40 Uhr ausgegeben. Ab 18.00 Uhr können die Gefangenen für 1,5 Stunden an Fortbildungskursen und Gruppenarbeiten teilnehmen, Sport treiben oder sonstige Freizeitveranstaltungen besuchen. 19.30 Uhr schließen sich die Türen, sodass die Häftlinge den Rest des Abends in ihrer Zelle verbringen.
Am Wochenende und an Feiertagen wird in den Werk- und Eigenbetrieben nicht gearbeitet. Der Vor- und Nachmittag dient vor allem der Selbstbeschäftigung und der Freizeit. „Ich habe mich meistens vom allgemeinem Trubel abgesondert und damit bin ich auch gut gefahren“, erklärt Müller.
Ausgang bekommen nur wenige Gefangene, da dieser besonderen Auflagen unterliegt. Der Häftling darf weder alkohol- noch drogenabhängig sein. Er darf keiner groben Deliktgruppe angehören, wie zum Beispiel der Gruppe der Sexualstraftäter, und es dürfen keine offenen Ermittlungsverfahren bestehen. Jedem Gefangenen wird im Monat mindestens eine Stunde und maximal zwei Stunden Besuch gewährt. Dabei muss der Besuch von maximal drei Besuchern mindestens eine Woche vorher schriftlich beantragt werden. Weitere erlaubte Kontaktmöglichkeiten sind der Briefverkehr und das Telefonieren über einen Zugangspin. Dabei sind Postsendungen unbegrenzt, Pakete jedoch dürfen nur dreimal im Jahr entgegengenommen werden. Zu Weihnachten sind fünf Kilogramm erlaubt, zu Ostern drei Kilogramm und zum Geburtstag ebenfalls drei Kilogramm. Der Inhalt der Paketsendungen wird vorgeschrieben. Für die Insassen der JVA besteht jeden zweiten Montag und Dienstag und jeden vierten Dienstag im Monat die Möglichkeit, selbstständig in der Zeit von 9 bis 18 Uhr einkaufen zu gehen. Sonstige Freistunden müssen vormittags jeweils erfragt werden.
Die Tage der Häftlinge ähneln sich sehr stark, sodass nach kurzer Zeit eine Gewöhnung einsetzt und die Haftzeit oftmals zeitlich verschoben wahrgenommen wird. „Man muss sich eben sein eigenes Bild schaffen. Oft gibt es depressive Tage, an denen man dann zum Arzt geht“, erläutert Müller. Weniger als die Hälfte der Insassen verbringt den Tag in der Zelle. Einzelzellen verfügen über sieben Quadratmeter und „... sind vor allem für die arbeitenden Häftlinge vorgesehen“, weiß Harald Müller. Sie sind ausgestattet mit einem Bett, einem schmalen Kleiderschrank, einem Regalbrett, einer Bilderholzleiste, einem kleineren Schrank, einem längeren Schreibtisch und einem Stuhl, einem Mülleimer und einem Fernseher. Jeder Haftraum besitzt zudem eine kleine Waschkammer mit einem Waschbecken, einem Spiegel und einer Toilette. Dieser Teil des Raumes wird durch einen dunkelgrünen, schwer brennbaren Vorhang vom Rest der Zelle abgetrennt. Das Fenster ist von außen mit einem weißen Gitter versehen. Neben Einzelzellen gibt es auch Gemeinschaftszellen, die sich durch ein Etagenbett und eine räumlich abgegrenzte Waschkammer von den Einzelhafträumen unterscheiden.
Wird ein Straffälliger inhaftiert, wird ihm gewährt, persönliche Dinge, wie zum Beispiel CDs, Bilder, Fotos und Bücher mit auf die Zelle zu nehmen. Die Kleidung ist einheitlich. Jeder Gefangene trägt eine Jeans und ein Sweatshirt. Das Verhältnis der Bediensteten zu den Gefangenen lässt sich als professionell distanziert beschreiben. Respekt voreinander zu haben ist dabei unabdingbar. „Man muss den Beamten Folge leisten, sonst hat man schlechte Karten. Und es herrscht schon eine gewisse Hierarchie unter den Bediensteten“, stellt Müller fest. Unter den Häftlingen selbst sieht es anders aus. „Das Hackprinzip. Hier herrscht eine gewisse Rangordnung unter den Gefangenen. Es gibt Stärkere und Schwächere. Sexualstraftäter haben es dabei besonders schwer“, berichtet Ulf Henning. „Das Leben in der JVA ist wirklich kein Zuckerschlecken. Freunde und Kumpel gibt es nicht. Mit der Zeit habe ich mir mein eigenes Verhaltensmuster gestrickt“, fügt Harald Müller hinzu.
Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft und die Vorbereitung auf ein Leben ohne Straftaten ist das Ziel des Strafvollzugs. Dafür gibt es in der JVA Kiel eine Reihe von Angeboten seitens der Stadt, ehrenamtlicher Verbände und der JVA selbst. Jeder Gefangene hat Anspruch auf derartige Resozialisierungsmaßnahmen, das ist gesetzlich vorgeschrieben. „Die Wartezeiten sind allerdings sehr lange“, erzählt Müller. In der JVA Kiel sind etwa 60 ehrenamtliche Helfer tätig, welche die Häftlinge auf ihrem Weg in die Freiheit unterstützen, begleiten und sie vereinzelt bis zu sechs Monate nach der Haft noch betreuen. „Da gibt es beispielsweise die Drogenhilfe Kiel, Suchtberater, Schuldnerberater, Bewährungshelfer und die Stadtmission, die sich unter anderem um Wohnungsfragen kümmert“, erklärt Jo Tein vom schleswig- holsteinischen Verband für soziale Strafrechtspflege. Des weiteren werden mehrmals wöchentlich bestimmte Seminare innerhalb der JVA angeboten, wie zum Beispiel soziales Training, Antigewalttraining und – therapie, Selbsthilfegruppen, wie die der anonymen Alkoholiker, Alphabetisierungsunterricht, verschiedene Literatur- und Musikangebote, Gesprächskreise und verschiedene Sportgruppen. „Mittlerweile ist das Angebot aber bereits eingeschränkt. Früher gab es zum Beispiel auch eine Keramikgruppe, die von Studenten geleitet wurde oder man konnte sich an Sportgeräten die Zeit vertreiben“, bemerkt Harald Müller.
In der JVA Kiel ist es möglich, bei Bedarf einen Hauptschulabschluss nachzumachen und an berufsvorbereitenden beziehungsweise an beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen, beispielsweise der Besuch von EDV Kursen oder das Schreiben von Bewerbungen. Um von diesen Angeboten Gebrauch machen zu können, sind ein Antrag und eine Genehmigung erforderlich. Trotz der Vielzahl von Angeboten und Maßnahmen ist die Rückfallquote jedoch sehr hoch. „Viele der Häftlinge sind sozusagen Pflegefälle und quasi lebensuntüchtig aufgrund einer schlechten Kindheit und damit zusammenhängenden Defiziten und Versäumnissen. Eine Beziehung zu einer Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, kann sich dabei positiv auswirken und ist sehr wichtig. Sie gibt dem Häftling Halt und führt dazu, dass er lernt, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Ulf Henning. Dennoch werden in Schleswig Holstein von 100.000 Einwohnern nur 53 straffällig mit anschließendem Haftaufenthalt, die geringste Inhaftierungsquote europaweit.
„Ich sehe meiner Zukunft positiv entgegen und meine Entlassung als Chance. Dafür brauche ich allerdings unbedingt eine Betätigung. Ich könnte mir vorstellen, als Hausmeister oder Pflegehelfer zu arbeiten. Das wäre was für mich. Ich habe mich bereits als Bauhelfer beworben und werde einfach langsam anfangen und mich vorsichtig rantasten“, blickt Müller der Zeit danach entgegen.
* Name geändert
Weitere Informationen
JVA Kiel
www.schleswig-holstein.de/JVAKIEL/DE/JVAKIEL_node.html
Stadtmission Kiel
www.stadtmission-kiel.de/Stadtmission_Kiel__C1FB7C6090B049AEA030101F5162851D.htm
Verband für soziale Strafrechtspflege
www.soziale-strafrechtspflege.de










