Ein alternativer Stadtentwicklungsplan für Berlin Kreuzberg

Kiezwandler in SO36

von Nikolai Rohmann

Auf dem Kinderbauernhof im Görlitzer Park tummeln sich eigentlich jede Menge Kinder, doch jeden Dienstagabend treffen sich hier die „Kiezwandler“ aus Berlin. Sie gehen an diesen Abenden der Frage nach: Wie können wir - vor unserer Haustür beginnend - die Welt gemeinsam erdölunabhängig, klimafreundlich und lebenswert umgestalten?
"Grüner Dienstag" im Kinderbauernhof
"Grüner Dienstag" im Kinderbauernhof

Seit Stunden fällt Regen auf die Straßen von Berlin Kreuzberg. Ein eisiger Wind pfeift durch die weiten Straßen. In der Dunkelheit wartet der Kinderbauernhof im Görlitzer Park auf Menschen, die sich hier am „Grünen Dienstag“ treffen möchten. Der Weg zum Eingang ist von einer großen und tiefen Pfütze versperrt. Über Holzpaletten steigend erreicht man aber doch trockenen Fußes den Eingang. Es ist kurz nach 19 Uhr und die ersten Personen treffen ein. Der große Raum im Kinderbauernhof wird für den Abend umgeräumt. Ein Stuhlkreis entsteht und ein Infostand mit Flyern und Büchern wird aufgebaut. Immer mehr Leute aus den verschiedensten Bezirken Berlins treffen ein und bedienen sich am klimafreundlichen Buffet. Couscous-Salat, Grünkohl zur kalten Jahreszeit, Bio-Pils und Fruchtsäfte.

Seit mehr als einem Jahr treffen sich hier im Kinderbauernhof die Kiezwandler am „Grünen Dienstag“. Ihr Ziel ist es, die Idee der „Transition Town“ in Berlin Kreuzberg zu verwirklichen. Sie folgen dem Wunsch, Berlin als Energie- und Kulturwendestadt in ein erdölfreies Zeitalter zu führen. Die Idee kommt ursprünglich aus der englischen Stadt Totnes und verbreitet sich von dort über die ganze Welt. In Städten organisieren sich Menschen und wollen Impulse für Veränderungen der Lebensweise und des globalen Wirtschaftssystems setzen. So auch an diesem 16. November 2010 in Berlin Kreuzberg.

Thomas sitzt in einer Ecke des Raums gemütlich auf einer Couch. Er hat die Gruppe „Kiezwandler in SO36“ mit gegründet. Bevor es diese Gruppe gab engagierte er sich in der Hochschulgruppe „Grüne UNI“ an der Technischen Universität in Berlin. Im Fokus der Kiezwandler stehen die Kieze rund um den Görlitzer Park, genannt SO36, erklärt Thomas. Nicht nur „Kiezwandler in SO36“ hat Thomas mit gegründet, sondern auch den „Grünen Dienstag“ im Kinderbauernhof. Thomas erläutert, dass bei diesen regelmäßigen Treffen Ideen entwickelt, Projekte entworfen, Meinungen ausgetauscht und sich gegenseitig Mut gemacht werden. Auf einem Energiewendekiezplan könne man existierende ökologische Projekte, Energiefresser und neue Ideen eintragen. So entsteht langsam ein Entwurf, wie man den Kiez gemeinsam erdölunabhängig, klimafreundlich und lebenswert umgestalten kann.

Görlitzer Park in Berlin Kreuzberg
Görlitzer Park in Berlin Kreuzberg

Das aktuell größte Projekt sieht vor, Obstbäume im Görlitzer Park zu pflanzen. Die Idee hat sich in enger Zusammenarbeit mit dem türkisch-deutschen Umweltzentrum entwickelt, erzählt Thomas. Die geplante Aktion wurde an das Bezirksamt herangetragen und von diesem genehmigt. Thomas sieht den Erfolg für die gute Zusammenarbeit mit dem Amt in der Vorgehensweise der Kiezwandler. Es gehe darum, selbst etwas zu machen. Man komme nicht vorwärts, wenn man nur erzählt was schlecht ist. Ideen müssten an die Ämter herangetragen und die Umsetzung selbst durchgeführt werden. Kein Lobbyismus, keine Kampagnen und Proteste, sondern Bürgerbeteiligung Kunst, Kultur und kreative Bildung. So beschreibt es Rob Hopkins in dem wichtigsten Buch für die Kiezwandler, „The Transition Handbook“.

Thomas weist darauf hin, dass es neben den Projekten aber das Wichtigste ist, die Leute im Kiez zusammen zu bringen. Man müsse zeigen, dass man da ist und Ideen hat. Dafür gibt es den „Grünen Dienstag“, an dem sich heute Abend über 30 Personen zusammengefunden haben. Nachdem das Buffet fast leer ist setzen sich alle in den aufgebauten Stuhlkreis.

Die „Grünen Dienstage“ im Monat November stehen unter dem Motto „Anders wirtschaften oder das gute Leben“. Die erste Frage an diesem Abend wird von einer jungen Frau in den Raum geworfen: „Was ist an Geld doof?“ Sofort entsteht eine angeregte Diskussion. Geld vermittelt zwischen Menschen die wir nicht kennen und führt stets eine Welle nicht sichtbarer Aktionen mit sich, antwortet ein älterer Mann. Pavlik gehört zu den jüngeren Personen im Stuhlkreis und beteiligt sich auch an der Diskussion. Da er nur Englisch und Polnisch spricht werden seine Beiträge spontan in Deutsch übersetzt. Er lebt seit über zwei Jahren ohne Geld, erklärt er den anderen. Laut Pavlik existiert Geld nur in der Vorstellung einiger Personen. Geld richte sich nicht nach physischen oder chemischen Gesetzen. Diese Äußerungen werfen bei den anderen Personen im Raum Fragen auf. Eine Frau fragt Pavlik was wohl sei, wenn mal die Brille kaputt ist.

Wiener Straße in Berlin Kreuzberg
Wiener Straße in Berlin Kreuzberg

Neben dem „Grünen Dienstag“ im Kinderbauernhof  gibt es den „Weltraum“ als zentrale Anlaufstelle für die Kiezwandler. Thomas erklärt den „Weltraum“ als einen Nachbarschaftsladen im Kiez. Etwa fünfzehn Nachbarn haben sich zusammengetan und bezahlen die Miete. Hier finden Veranstaltungen, Kleidertauschpartys und Wohnzimmerkino mit sozialökologischen Filmen statt. Thomas erzählt weiter, dass im Keller des „Weltraums“ Gemüse gelagert wird. Ein Bauer aus Brandenburg beliefert einen Stamm von Leuten im Kiez. So entsteht laut Thomas eine Erzeuger-Verbraucher Gemeinschaft. Grundlage dafür sei ein solidarischer Ansatz. Der Bauer erhält ein Festgehalt und von den Kunden bezahlt jeder das, was er kann. Wenn jemand weniger Geld hat, kann er beim Bauern aktiv mithelfen. Es geht letztendlich um den Aufbau einer lokalen Kreislaufwirtschaft, beschreibt Thomas. Dazu gehörten nicht nur lokale und saisonale Produkte, sondern auch beispielsweise das Bauen von Möbeln.

Nicht im „Weltraum“, sondern beim „Grünen Dienstag“ geht die Diskussion langsam zu Ende. Pavlik antwortet der Frau, dass er im Fall einer kaputten Brille seiner langen Erfahrung, dass es auch ohne Geld geht, vertraut. Dieser Abend scheint in der Gruppe mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet zu haben. Es ist nach 22 Uhr und man fängt an gemeinsam den Raum aufzuräumen, die Reste vom Buffet zu essen und sich noch ein wenig auszutauschen. Die Stimmung unter den Kiezwandlern ist fröhlich und freundlich. Thomas meint, dass die Kiezwandler in der Nachbarschaft sehr bekannt seien, speziell in der Ökoszene. Er sieht auch den Fortschritt und einen neuen Schwung in der Nachhaltigkeitsszene, aber macht auch darauf aufmerksam, dass man dranbleiben muss. Das Licht geht aus im Kinderbauernhof und die letzten Personen verlassen das Gebäude. Durch das verregnete und windige Kreuzberg gehen die Kiezwandler zurück nach Hause.