Fernwärme gegen die soziale Kälte

von Leopold Schick

 „Nach dem Rathaus ist man schlauer“, lautet ein Deutsches Sprichwort, welches auf Kiel bezogen, zumindest räumlich zutreffen mag. Denn mitten in Kiel, zwischen Exerzierplatz und Rathaus, ist ein innovatives Wohnprojekt entstanden, das darauf zielt, Menschen unter einem  Dach zu vereinen, für die Wohnen mehr bedeutet, als nur die eigenen vier Wände.
Nicht nur von außen modern und zukunftsweisend. Der Neubau an der Ecke Rathausstr./Kleiner Kuhberg in Kiel.
Nicht nur von außen modern und zukunftsweisend. Der Neubau an der Ecke Rathausstr./Kleiner Kuhberg in Kiel.

Kleiner Kuhberg Nummer 42. Nein, dies ist nicht die Adresse eines reetgedeckten Bauernhofes irgendwo im verschlafenen Ostholstein. An dieser Straße mitten in der Innenstadt von Kiel präsentiert sich seit Sommer 2008 ein zukunftsweisendes Wohnprojekt. 45 Bauparteien haben sich unter dem Namen „Wohnen am Rathausturm" zu einem Mehrgenerationenhaus zusammengeschlossen, in dem Kommunikation untereinander sowie nachbarschaftliche Hilfe groß geschrieben wird. Das Ganze, durch seine zukunftsorientierte Bauweise, auch noch umweltgerecht.

„Der Oberbegriff ist sozial-ökologisches Gruppenwohnprojekt", sagt Kirstin Rupp. Sie ist Diplom Volkswirtin bei der Projektentwicklungsgesellschaft Conplan GmbH und begleitet das Projekt seit 2005. „Wichtige soziale Kriterien sind hierbei die Barrierefreiheit, damit Menschen mit Handicaps nicht ausgegrenzt werden, die Finanzierbarkeit über Mieten und sicherlich auch die Integration verschiedener Altersgruppen.“ Denn beispielsweise gerade als alleinerziehendes Elternteil könne man vom Potential der Gemeinschaft besonders profitieren und dürfe nicht durch einen zu hohen finanziellen Aufwand ausgeschlossen werden.

Deshalb ist die Finanzierung des Projektes nicht, wie ursprünglich geplant, nur in Form von Eigentumswohnungen erfolgt. 28 der 45 Wohnungen sind in Kooperation mit der Wohnungsbaugenossenschaft Steinbeker Hof entstanden und preiswert zu mieten. Zwischen 4,95 und 7 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche liegt die Miete, abhängig davon, wie gut die Anzahl der Personen zur Fläche der Wohnung passt und ob Einkommensgrenzen eingehalten werden.Begünstigt wird das Ganze durch die ökologisch fortschrittliche Bauweise. Denn die verwendeten Baumaterialien, die Nutzung von Fernwärme und der erreichte Dämmstandard erfüllen die Voraussetzungen für zinsgünstige Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Bedingung um Mieter zu werden ist allerdings auch eine Investition in Höhe von 15 Prozent der Baukosten, für die jeweilig gewünschte Wohnung, in Genossenschaftsanteilen. Bei einer Wohneinheit von 60 Quadratmetern sind das immerhin 18.000 Euro.

Auch Christina Auferkorte und ihr Sohn fühlen sich im Laubengang des Hauses gut aufgehoben.
Auch Christina Auferkorte und ihr Sohn fühlen sich im Laubengang des Hauses gut aufgehoben.

Um die Genossenschaftsanteile bezahlen zu können, musste Christina Auferkorte einen Kredit aufnehmen. Die 30 Jährige Erzieherin wohnt mit ihrem 5 jährigen Sohn in einer Dreizimmerwohnung mit Terrasse zum begrünten Innenhof. „Dass es auf einen niedrigen Energieverbrauch ausgelegt wurde und auch, dass es ein Mehrgenerationenhaus ist“, sind zwei Motivationsgründe für Christina Auferkortes Beteiligung. „Und obwohl es mitten in der Stadt liegt, gibt es einen geschützten Innenhof, wo die Kinder auch mal unbeaufsichtigt spielen können“, fügt sie hinzu. Vom breiten Altersspektrum im Haus können übrigens alle Bewohner profitieren. „Die Älteren unterstützen die Jungen ein bisschen, und umgekehrt. Wenn man dann irgendwann nicht mehr kann, sagen die vielleicht: Komm ich mach mal eben mit bei dir sauber“, hofft Klaus-Jürgen Speck und lacht.

Der rüstige, 71 Jahre alte Kieler war sofort überzeugt, als er die Pläne Anfang 2005 in der Zeitung sah. „Da kannste im Grunde genommen ja bleiben, wenn du in so eine Gemeinschaft integriert bist“, habe er zu sich selbst gesagt. Zwar biete das Projekt kein betreutes Wohnen im klassischen Sinne, allerdings bestehe die Möglichkeit einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch zu nehmen, wenn er irgendwann mal den Bedarf haben sollte.

Vor seiner Wohnungstür gefällt es Herrn Speck besonders gut, denn im Laubengang herrschen dank der guten Isolation auch während des Winters Zimmertemperaturen.
Vor seiner Wohnungstür gefällt es Herrn Speck besonders gut, denn im Laubengang herrschen dank der guten Isolation auch während des Winters Zimmertemperaturen.

Doch danach sieht es noch lange nicht aus. Denn wenn Herr Speck nicht gerade mit seinem Kerzenhandel auf dem Wochenmarkt am Exerzierplatz steht, trägt er früh morgens Zeitungen im Innenstadtbereich aus. „Die Lage macht mich rundherum happy“, strahlt er. Alle wichtigen Versorgungsmöglichkeiten sind zu Fuß erreichbar und für sein kleines Auto, das er nur für entferntere Ziele benutzt, konnte er einen der Stellplätze in der hauseigenen Tiefgarage mieten. Damit im Haus überhaupt so etwas wie eine Gemeinschaft entstehen kann, gibt es verschiedene Treffpunkte. Im Erdgeschoss ist ein Gemeinschaftsraum entstanden, in dem die Bewohner sich zu Versammlungen und Freizeitaktivitäten verabreden können. Der Raum ist noch ziemlich uneingerichtet und es hallt, wenn man sich hier unterhält. Neben ein paar Pflanzen, Stühlen und Tischen gibt es eine Ecke mit zwei Kaffeemaschinen und einem Kühlschrank. Die Akustik wird zusätzlich durch Maschinenlärm von nebenan gestört, weil die Handwerker dabei sind, die Gewerbeeinheit auszubauen. Dort entsteht in der nächsten Zeit ein China Restaurant.

Als zusätzlichen Treffpunkt gibt es aber noch den sogenannten Laubengang, von dem ein Großteil der Wohnungstüren abgeht. Er ist durch eine vollverglaste Fensterfront über mehrere Etagen zur Straße abgetrennt. Ein mildes Klima eröffnet sich dem Betrachter hier. Die Holzverkleidung der inneren Wände riecht erfrischend natürlich und erfüllt auch ihren akustischen Zweck. Diverse Treppen im Raum schaffen Verbindungen zwischen den Stockwerken und bilden gleichzeitig Abstellmöglichkeiten für Pflanzen. Auch mitten im Winter ist der Laubengang ein angenehmer Aufenthaltsort, weil das dicke Glas nach Außen die Kälte abhält.

Laubengang
Der "Laubengang" ist Windfang, Terasse und Kommunikationszentrum zugleich.

„Es liegt ja eine Wohnung neben der anderen. Der Eine hat da Tisch und Stuhl, der andere hat da Pflanzen stehen und die Fenster sind alle offen“, schildert Herr Speck die Situation. „Da spielt sich auch alles ab, das ist das eigentliche Kommunikationszentrum“. Christina Auferkorte gefällt die Situation auch sehr gut:  „Man geht dann mal vorbei und klingelt. Das ist halt nicht so dieses Anonyme, dass man vergessen wird. Zum Beispiel, wenn irgendjemandem etwas passiert ist, der liegt dann in der Wohnung rum und keiner merkt es. Das könnte uns hier in der Gemeinschaft nicht passieren.“ Außerdem sei sie sich sicher, dass wenn sie mal unerwartet weg müsse, sich immer jemand im Haus finde, der ihren Sohn mal schnell nehmen könne. Das sei bis jetzt aber noch nicht notwendig gewesen.

Herrn Speck ist der Austausch zwischen den Bewohnern bisher aber noch zu klein. Kennen tue er erst gut zehn der Mitbewohner richtig. „Die anderen habe ich natürlich alle mal gesehen, auf dem Richtfest und auch auf den Versammlungen aber eine richtige Gemeinschaft ist es ja noch nicht geworden, das stört mich aber nicht, denn das kann es ja noch werden.“

Die tatsächliche Umsetzung des Konzeptes in die Praxis scheint also die Achillesferse zu sein. „Man braucht schon eine hohe Identifikation mit dem Projekt, denn das Ganze verlangt vom Einzelnen mehr an Mitdenken und Entscheidungsfähigkeit als es anfänglich aussieht. Denn man kann sich als Bewohner in solch einem Projekt niemals hinstellen und sagen‚ nun lass mal die Anderen machen“, mahnt Frau Rupp. Vor allem die, die in den Planungsprozess von Anfang an einbezogen gewesen seien, hätten es einfacher gehabt. Ein großer Teil ist erst im späteren Projektverlauf mit eingestiegen und hat dementsprechend auch weniger Zeit zur Eingliederung gehabt.

Kirstin Rupp von der Conplan GmbH begleitet die Projektplanung seit 2005
Kirstin Rupp von der Conplan GmbH begleitet die Projektplanung seit 2005

Als weiteres Problem hat sich die gleichmäßige Verteilung der Altersgruppen herausgestellt. So ist die Gruppe der über 50 Jährigen stark vertreten, es sind aber nur wenige junge Leute oder Familien im Haus zu finden. „Es ist schwierig zu sagen warum. Vielleicht liegt es daran, dass sich Familien, wenn sie schon ihr Eigenkapital in die Hand nehmen, lieber dazu entschließen ein Einfamilienhaus zu bauen“, vermutet Frau Rupp. Auch sei es eventuell ein Stück weit auf die Lage der familientauglichen Vierzimmerwohnungen im Gebäude zu schieben. „Von dort kann man eben nicht in den Hof hineinsehen, ob bei den spielenden Kindern alles in Ordnung ist“, ergänzt sie.

Dennoch ist das Projekt erfolgreich, wie an der Zufriedenheit der Bewohner zu sehen ist. „Das ist eigentlich alles so geworden, wie ich mir das vorgestellt habe. Deswegen habe ich auch nie den Gedanken gehabt, hier abzuspringen“, sagt Herr Speck. Und Frau Auferkorte bestätigt ebenfalls nach kurzer Überlegung: „Nachteile kann ich eigentlich auch nicht entdecken.“

Bis zum Frühjahr sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein und auch für Frau Rupp heißt es dann Abschied nehmen. „Es gibt ja eine Hausverwaltung und außerdem werden die Bewohner dann intern ihr Zusammenleben organisieren“, sagt sie mit etwas Erleichterung in der Stimme.

Im Großraum Kiel entstehen mittlerweile mehrere neue Wohnprojekte dieser Art. Auch fördert die Bundesregierung durch ihr „Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren Frauen und Jugend mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds generationenübergreifende Projekte in ganz Deutschland.

Weiterführende Links:

Wohnen am Rathausturm
Offizielle Homepage des Projektes

Conplan GmbH
Betriebs- und Projektberatungsgesellschaft

„Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser“
Bundesministerium  für Familie, Senioren, Frauen und Jugend