Regionalgeld statt Euro
von Leopold Schick
„Kann Was“, „Urstromtaler“, „Landmark“ oder „Havelblüte“. Können Sie noch folgen? Nein? Alle diese Namen und noch viele andere mehr, stehen für eine Idee: Die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe durch die Nutzung eines regional gültigen Geldes. Begeben wir uns auf Spurensuche in Kiel, mit ein paar „Kann Was“ in der Tasche.
„Fünf Kann Was bitte“, rechnet der freundliche Kellner mir vor. Völlig selbstverständlich nimmt er die etwas ungewohnt aber recht professionell anmutenden Scheine entgegen. Ich habe gerade das erste Mal in meinem Leben mit „Kann Was“ bezahlt. Mitten in Kiel, im „Kaiserlich“, einem kleinen Café im Hauptbahnhof. Eigentlich fühlt es sich nicht anders an, als mit Euro zu bezahlen, zumindest vom Wert her.

- Frank Schepke und Falk Münchbach (v.l.) vom Verein Regionalgeld Schleswig-Holstein e.V.
Hinter dem Regionalgeld steckt jedoch weit mehr als nur sein materieller Wert. Der „Kann Was“ wurde ins Leben gerufen, um durch regionale Gültigkeit regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken und damit einem Abfließen von Kapital aus der Region vorzubeugen.
„Wenn du heute in den Supermarkt gehst und mit Euro zahlst, dann ist dein Geld morgen in der Firmenzentrale dieses Supermarktes irgendwo in Süddeutschland“, erklärt Frank Schepke, Vorstand des Vereins Regionalgeld Schleswig-Holstein e.V. Der engagierte Mittsiebziger ist Gründer des „Kann Was“ und betreibt den biologisch-dynamischen Landwirtschaftsbetrieb „Hof Seekamp“ nahe Löptin. Wie er auf die Idee kam, ein Schleswig-Holsteinisches Regionalgeld zu etablieren?
Als Unternehmer habe er irgendwann gemerkt, dass das gegenwärtige Finanzsystem einen entscheidenden Fehler besitze: „Es wird immer mehr Geld durch Kapitalerträge verdient, als durch ehrliche Arbeit.“ Dieses Kapital konzentriere sich auch geographisch immer mehr auf die großen Wirtschaftszentren, in denen die Zentralen der großen Konzerne zu Hause sind. Die Folge seien wachsende regionale Disparitäten.

- Von außen gut sichtbar. Hier nimmt man den Kann Was an.
„Am Anfang habe ich 20.000 „Kann Was“ gedruckt und mit viel Aufklärungsarbeit 10.000 in meinem Bekanntenkreis in den Umlauf bringen können“, erzählt Frank Schepke vom Beginn der Initiative. Nach und nach kamen immer mehr Teilnehmer dazu. Mittlerweile beteiligen sich etwa 200 Gewerbetreibende in ganz Schleswig-Holstein an dem Projekt. Apotheken, Rechtsanwälte, Restaurants, Hofläden und viele weitere mehr haben bereits den Aufkleber „Hier wird der Kann Was als Zahlungsmittel akzeptiert“ im Eingang ihres Geschäfts kleben.
Der Name des Geldes rührt übrigens von einer seiner Grundideen. Der Mensch lebt von dem, was er gelernt hat, was er kann. Jeder kann etwas, und das soll er als produzierte Ware oder Dienstleistung anbieten können.
Besonders interessant ist, dass der „Kann Was“ mit einer sogenannten Umlaufsicherung versehen wurde. Die Gültigkeit der Scheine wird nämlich durch eine silberne Jahresmarke zeitlich begrenzt. Behält man das Geld über den Jahreswechsel hinaus, verliert der Kann Was zwei Prozent seines Wertes. Das führt dazu, dass es sich nicht lohnt das Geld zu sparen und als Kapital anzuhäufen. Es bleibt im Umlauf, wird öfter ausgegeben und hat damit eine höhere Wertschöpfung. Die zwei Prozent der Umlaufsicherung, eine Negativverzinsung, tragen außerdem dazu bei, dass der Verein Regionalgeld Schleswig-Holstein e.V. Geld für seine Arbeit zur Verfügung hat. Nach abgelaufenem Jahr bekommt man für 100 schließlich nur noch 98 neue „Kann Was“ oder Euro zurück. „Eine sehr übersichtliche Menge Geld, die bei insgesamt 20.000 „Kann Was“ zusammenkommt“, unterstreicht Frank Schepke. 400 Euro pro Jahr benötigt der Verein, um den Verwaltungsaufwand bestreiten zu können und beispielsweise neue Scheine zu drucken . Das ganze funktioniere vor allem durch das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder.

- Die Scheine sind mit Schleswig-Holsteinischen Wahrzeichen bedruckt. Den Zwanziger schmückt das Lübecker Holstentor.
Zu Hause vor dem Computer, vertiefe ich mich in das Thema Geld ein wenig mehr. Denn über die Webseite des Kann Was (-->siehe Infobox) gerät man schnell auf verschiedene andere Webseiten und Initiativen. Dort erfahre ich mehr über das von vorschnellen Kritikern gern auch als „Schwundgeld“ bezeichnete Zahlungsmittel.
Jene Negativverzinsung, die ihm den Namen „Schwundgeld“ einbrachte, hätte auf die Gesamtwirtschaft gesponnen nämlich einen viel weitreichenderen Effekt. Er geht zurück auf die Theorie des Kaufmanns und Finanztheoretikers Silvio Gesell (1862-1930). Er erkannte schon Ende des 19. Jahrhunderts, dass das existierende Finanzsystem soziale Ungleichgewichte verstärkt und plädierte deshalb für ein sogenanntes „Freigeld“.
In unserem Finanzsystem verleihen Sparer und Kapitalgeber ihr Geld primär an Kreditnehmer, die damit Waren und Dienstleistungen produzieren wollen. Die Kreditzinsen lagern die Produzenten über den Preis auf die Käufer ihrer Produkte um, da auch sie Profite machen wollen. Ist das Produkt zum Beispiel eine große Maschine zur Produktion anderer Waren und der Käufer muss sich für diese Investition einen Kredit besorgen, kommt der Kreislauf doppelt in Gang. Der Käufer dieses zweiten Produktes bezahlt dann noch mehr versteckte Zinsen, die eigentlich nichts unmittelbar mit dem Produkt zu tun haben. So kommt es dazu, dass in den Waren, die wir alle kaufen, Kosten versteckt sind. Verlöre das Geld mit der Zeit aber seinen Wert, wäre also negativ verzinst wie der „Kann Was“, käme es nicht zu einer zunehmenden Konzentration von Kapital. Das Geld nutzte einem dann nur als Tauschmittel und das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich würde nicht verstärkt. Soviel zur Theorie.

- Peter von Wildenradt ist seit Anfang an vom Kann Was überzeugt.
In der Realität wieder angekommen, stapfe ich jetzt mit meinen „Kann Was“ die Fleethörn entlang und suche ein Farbengeschäft. Das habe ich im Online Branchenbuch des „Kann Was“ gesehen und will den Inhaber einmal fragen, was ihm die Regionalwährung eigentlich bringt. Bei nur 20.000 „Kann Was“, die sich im Umlauf befinden, können die Gründe wohl kaum ausschließlich betriebswirtschaftlicher Natur sein. Der Inhaber des Naturbauhauses „gesund&farbig“Peter von Wildenradt ist ein großgewachsener und äußerst freundlicher Mensch. „Mich hat einfach das Prinzip des Regionalgeldes überzeugt“, erzählt er. Aus diesem Grund sei er von Anfang an beim „Kann Was“ dabei gewesen. „Es bringt mir einen Imagegewinn in einer politisch korrekten Szene und sicherlich hat sich auch mein potenzieller Kundenkreis ein wenig vergrößert“, sagt er. Als ich ihn frage, was er denn mit seinen eingenommenen „Kann Was“ macht, sagt er schmunzelnd: „Damit zahle ich die Stallmiete für das Pferd meiner Tochter“. Das steht nämlich in der Pferdepension ‚Hof Villa Wittschap‘ in Russee, welche auch den „Kann Was“ akzeptiert.
Mit dem Angebot von „ökologischen und gesunden Baustoffen“ passt Peter von Wildenradt gut in das Bild der teilnehmenden Läden im „Kann Was“ Netzwerk. Durchblättert man das virtuelle Branchenbuch, tauchen öfter Begriffe wie „ökologisch“, „bio“ oder „Hofladen“ auf. Das liegt sicherlich auch daran, dass mit einem ökologisch bewussten Konsum oftmals auch eine kritischere Einschätzung des Marktes in Verbindung steht, vor allem also Gewerbetreibende mit alternativem Angebot beim „Kann Was“ teilnehmen.
Sicherlich hat die Initiative, trotz höherer Wertschöpfung der einzelnen Geldeinheit, mit 20.000 „Kann Was“ bisher eine wirtschaftlich kleine Bedeutung. Ihr aktueller Wert liegt jedoch vielmehr in der Aufklärungsarbeit, um ein kritisches Bewusstsein für Geld in der Bevölkerung zu fördern. „Die meisten Leute halten Geld für ein Naturgesetz, aber das ist es nicht“, empört sich Frank Schepke. Er und sein Verein wollen zukünftig weiter aufklären und für die Idee werben. Doch dafür braucht es Argumente, wie zum Beispiel viele teilnehmende Gewerbe.
Als Fußgänger und Radfahrer fällt mir nämlich auch auf, dass die Möglichkeiten für den Lebensmitteleinkauf innerhalb von Kiel durchaus noch begrenzt sind. Der „Kann Was“ zahlende Kunde muss sich vor allem bei besagten Hofläden im Kieler Umland versorgen, welches ein gewisser Hemmungsgrund für die Teilnahme sein könnte. Auch Peter von Wildenradt sieht darin einen wunden Punkt: „Das Spektrum an Läden in Kiel muss sicherlich noch größer werden“, bestätigt er. „Das würde den „Kann Was“ für den Nutzer auch attraktiver machen.“ Mitmachen, lautet also die Devise. Denn davon lebt ein Netzwerk nun einmal.
Weiterführende Links:
www.kannwas.org
Offizielle Homepage des Projektes
http://kannwas.mycontent.org/folder_woeinkaufen/folder_listen
Branchenbuch des Kannwas
www.regionales-wirtschaften.de
Allgemeine Informationen zum Thema







