Sozialphobie - krankhaft schüchtern
"Gesellschaft? - Nein, danke!"
von Diana Lüdtke
Peter Körner* aus Rostock- 26 Jahre alt, groß, von schlanker Gestalt, gelernter Elektriker für Betriebstechnik. Er leidet, wie geschätzte acht Prozent der Bevölkerung, an einer „sozialen Phobie“, der panischen Angst vor anderen Menschen, die in regelmäßigen Abständen in unterschiedlicher Intensität auftritt. GeoZeit sprach mit ihm über das Leben mit der Krankheit, über die Folgen und über die Therapie.
GeoZeit: Peter, seit wann leidest du unter dieser Krankheit?
Peter Körner: Nun, das lässt sich so genau schwer sagen. Mir war die Krankheit als solche ja zunächst gar nicht bewusst. Die Vorahnung, dass irgendwas nicht mit mir stimmte, kam erst nach ein paar Jahren und die genaue Diagnose wiederum erst Jahre später durch meinen Psychotherapeuten.
GeoZeit: Das heißt, wenn Du einmal zurückblickst, warst Du etwa wie alt bei den ersten Andeutungen und dem Bewusstwerden der Krankheit?
Peter Körner: Ich schätze, die ersten Anzeichen dafür gab es so im Alter von 12 oder 13 Jahren. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, niemanden mehr besucht oder Besuch empfangen und bin kaum rausgegangen. Wenn ich dann doch mal raus musste, habe ich mich sehr beeilt, war sehr gestresst und angespannt. Diese ersten Symptome waren mir damals aber nicht direkt bewusst. Das kam erst im Alter von etwa 15 oder 16 Jahren. Da merkte ich, dass ich mich immer mehr von allem zurückzog. Rausgehen und das Reden mit anderen Menschen empfand ich als unnormal. Für mich war es damals Normalität, im „sicheren“ Zuhause zu bleiben, allein. Ich habe nur gemerkt, dass ich was habe, was andere da draußen nicht haben. Als ich dann 22 war, besuchte ich das erste Mal meinen zukünftigen Psychologen und der stellte dann die Diagnose.
GeoZeit: Das scheint ein langer Weg gewesen zu sein. Was denkst Du, führte zu diesen Verhaltensänderungen im Teenageralter und schließlich zur sozialen Phobie?
Peter Körner: Ich denke, die 6. Klasse damals auf der Realschule war so ein Knackpunkt. In dieser Klassenstufe gab es viele Sitzenbleiber, die sehr charakterstark waren, sodass die Schwächeren eher in den Hintergrund gedrängt wurden und, so wie ich, lieber einen Rückzieher machten. Ich war von Anfang an Außenseiter und ständigen Hänseleien der anderen ausgesetzt, fühlte mich stets fehl am Platz. Zudem saß ich noch ganz vorne und war somit den Blicken und „Attacken“ der anderen ausgesetzt. Oft wurde ich mit irgendetwas beschmissen und Freunde hatte ich nur, wenn es ums Abschreiben ging. Auf dem Schulhof war ich dann doch immer allein. Meine zunächst guten Schulnoten führten bei vielen zu Neid und Missgunst. Ich zeigte mich kooperativ, um es den anderen recht und mich natürlich auch beliebt zu machen. Ich ließ mir einreden, nichts zu können und nichts wert zu sein. Meine schlechter gewordenen Noten bestätigten dies natürlich noch, sodass ich immer mehr an mir selbst zweifelte. Dann gab es noch ein Ereignis damals in der Straße, wo ich wohnte. Es war Winter, ich baute Schneefiguren, die von Freunden zerstört wurden. Das verstärkte nur noch die Angst rauszugehen und die Angst, von anderen verletzt zu werden.
GeoZeit: Hast Du damals mit irgendjemandem über diese Probleme gesprochen oder konntest Du Dich jemandem anvertrauen?
Peter Körner: Eigentlich nicht. Sehr selten habe ich mit meiner Mutter darüber gesprochen und das war schon peinlich, weil wer möchte in dem Alter schon auf seine Mutter hören?
GeoZeit: Wie hast Du diese schwierige und belastende Situation bis zum Schulabschluss aushalten können?
Peter Körner: Ich habe die Schule gewechselt und besuchte schließlich ein Fachgymnasium. Dort herrschte ein komplett anderes Klima als auf der Realschule. Es gab keine Sitzenbleiber und man konnte sich besser in die Klasse integrieren und Kontakte knüpfen. Es war fast unnormal, dass mich keiner ausgelacht oder schräg von der Seite angesprochen hat. Trotzdem blieb ich irgendwie alleine. Woher sollte ich auch wissen, wie es anders geht?
GeoZeit: Die Erfahrungen, die Du in der Schule gemacht hast, waren also der Hauptgrund für Deine soziale Phobie. Wie ging es nach der Schulzeit weiter?
Peter Körner: Nach der Schule wurde es eigentlich nur noch schlimmer. Die Symptome und Anzeichen der Krankheit wurden immer deutlicher und bestimmten zunehmend meinen Alltag. Ich konnte mich in der Öffentlichkeit nicht mehr frei bewegen. Tätigkeiten, die für andere vollkommen normal sind und zum Alltag dazugehören, konnte ich kaum oder nur unter größtem Stress hinter mich bringen.
GeoZeit: Von welchen Tätigkeiten sprichst Du genau?
Peter Körner: Einkäufe erledigen zum Beispiel. Mit der Straßenbahn fahren, auf eine Party gehen und Spaß haben, jemanden besuchen oder Besuche empfangen, in der Stadt bummeln, ins Kino gehen oder eben wichtige Dinge erledigen, wo man direkt mit fremden Menschen in Kontakt kommt.
GeoZeit: Wie ging es Dir in diesen Momenten oder wie machte sich die Krankheit bemerkbar?
Peter Körner: Ich hatte einfach panische Angst. Angst vor fremden Menschen und deren Reaktion auf mich. Angst vor ungewohnten Situationen. Das ständige Gefühl von anderen beobachtet und analysiert zu werden, war unerträglich. Wenn ich wusste, dass ich die Wohnung verlassen muss, um etwas zu erledigen, wurde ich zunehmend nervöser, bekam schwitzige Hände, war sehr angespannt und bekam zum Teil auch heftige Magenkrämpfe. Ich fing an zu zittern, fühlte mich sehr unwohl, konnte nichts essen und musste dennoch vermehrt zur Toilette.
GeoZeit: Und wie erging es Dir dann außerhalb Deiner Wohnung?
Peter Körner: Draußen, in der Öffentlichkeit, habe ich den Blickkontakt zu anderen Menschen grundsätzlich vermieden und versuchte mich so unauffällig, wie möglich, durchzuschleusen. Auch bestimmte Orte wurden einfach umgangen. Wenn sich der direkte Kontakt zu einer Person nicht vermeiden ließ und ich mich notgedrungen auch mit dieser unterhalten musste, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Vergleichbar mit einer Blockade im Kopf. Demzufolge brachte ich auch keine klaren Sätze mehr zustande und fing zum Teil an zu stottern und hektische Bewegungen zu machen. Aus der Verunsicherung heraus, verstrickte ich mich oft in Widersprüche oder musste während eines Gesprächs länger nachdenken. Gespräche waren sowieso kaum möglich, und wenn, dann nur sehr kurz. Man würde ja gerne, man kann es aber nicht, weil die Ängste viel zu stark sind. Die Sozialphobie hinderte mich daran, freie soziale Kontakte aufzubauen, was mich wiederum einsam machte und das wollte ich natürlich trotz Krankheit nicht sein.
GeoZeit: Gibt es Situationen oder Beispiele, die das besonders verdeutlichen?
Peter Körner: Naja, wenn ich zum Beispiel mit der Straßenbahn irgendwo hinfahren musste. Wenn niemand an der Haltestelle stand, war ich erleichtert und konnte durchatmen. Umso angespannter war ich, wenn ich schon von Weitem sah, dass ich nicht der Einzige bin. In der Straßenbahn selbst suchte ich mir stets unauffällige Sitzplätze aus, möglichst einen Einzelsitz. Um mich von meiner Umgebung wenigstens akustisch abzuschotten, hörte ich Musik oder ließ einfach meine Ohrstöpsel von der Arbeit drin. Ein anderes Beispiel: Meine Kamera war kaputt. Ich musste also zurück zum Reklamationsservice des Fachmarktes und sie zur Reparatur abgeben. Dort war es sehr hell. Ich hatte das Gefühl, etwas leisten zu müssen, weil ich durch das Licht ja noch mehr auffiel. Ich hatte keine Ruhe, stand unter größtem Stress. Suchte ständig nach Dingen zum Spielen, meine Finger oder wackelte mit dem Knie, guckte mich ständig nach den anderen Menschen um, weil ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Reden konnte ich in dem Fall auch wieder nur mit dem Boden. Der Weihnachtsmarkt oder sonstige Orte, wo Massen von Menschen zusammenkommen, wäre auch so eine Situation. Gegen den Strom zu laufen, geht überhaupt nicht. Mit dem Strom ist schon problematisch genug. Je mehr Menschen einem entgegenkommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, angesehen zu werden. Wenn dich jemand anguckt, fühlst du dich durchbohrt. Als würden sie von deiner Angst wissen, was für mich natürlich sehr peinlich wäre. Ich machte mir ständig Gedanken darüber, was andere über mich denken könnten und lebte mit der Illusion, ich würde seltsam auf andere wirken, sodass sie folglich sowieso nichts mit mir zu tun haben wollen würden.
GeoZeit: Du hast eben von Helligkeit gesprochen in der einen Situation. Haben Lichtverhältnisse Auswirkungen auf die Intensität der Sozialphobie?
Peter Körner: Ohja. Bei Helligkeit ist sie stärker ausgeprägt als bei Dunkelheit. Du bist auffälliger, das heißt, die Gefahr angesehen zu werden, beobachtet zu werden, bewertet zu werden ist viel größer als in der Dunkelheit. Einladungen zur Party habe ich mithilfe von Ausreden immer abgelehnt, doch wenn ich doch mal mitgegangen bin, war es für mich auf der Party im Dunkeln erträglicher, als im Hellen. Blickkontakt war bedingt möglich, ich konnte mehr aus mir herauskommen und war damit ruhiger und entspannter. Oft handelte es sich um Szenepartys. Seltsame Menschen, die alle ihre eigenen Probleme hatten, sodass ich eher in der Masse unterzugehen schien. Sie stellten somit weniger eine Bedrohung für mich dar, was es für mich einfacher machte. Kontakte konnte ich dort nur knüpfen, indem ich versucht habe, die Sozialphobie zu unterdrücken. Dies war aber nur bei Menschen möglich, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, verständnisvoll und sensibel waren, denn diese waren oft einfühlsamer, übten weniger Druck aus, fragten mich nicht so viele Dinge, sodass ich beim Reden ruhiger werden konnte.
GeoZeit: Dir gelang es also trotz Krankheit, Bekanntschaften zu schließen?
Peter Körner: Ja. Vereinzelt wurden sogar Freundschaften daraus, die bis heute anhalten. Das macht es mir leichter, den Alltag zu überstehen, da sie mir das nötige Vertrauen, den Rückhalt und vor allem auch die Sicherheit geben, die ich brauche.
GeoZeit: Welche Folgen hatte die Sozialphobie für Dein zukünftiges Leben, auch in Hinblick auf eine Berufsausbildung?
Peter Körner: Abgesehen von der sozialen Isolation und damit verbundenen Einsamkeit, nahm man natürlich auch Dinge einfach so in Kauf, weil Schweigen weniger stressig ist, als diskutieren. Das heißt, ich ging allem, was mit Diskussionen und Konflikten zu tun hatte, aus dem Weg. Somit verzichtete ich oftmals auf Dinge, die mir eigentlich zustanden. Ich wählte immer den Weg des geringsten Widerstandes.
Hinsichtlich meiner weiteren Ausbildung gab es natürlich Probleme. Ich habe zunächst keinen Ausbildungsplatz gefunden, weil die Angst vor unvorhersehbaren Situationen und vor dem Bewerbungsgespräch viel zu groß war. Ich musste vorher immer genau wissen, was ich mit wem zu tun habe. Ich brauchte einfach die Sicherheit auch um einer möglichen Verletzung durch andere aus dem Weg zu gehen. Durch Kontakte meiner Mutter bekam ich schließlich eine Zivildienststelle, bei der ich mich auf dem letzten Drücker beworben habe. Das war die einzig richtige Wahl, denn zur Bundeswehr wollte ich nicht. Ich hätte kein Zimmer teilen und mit den anderen niemals kameradschaftlich mitziehen können. Also blieb mir letztendlich nur der Zivildienst.
GeoZeit: War dieser Schritt, den Zivildienst anzutreten, die entscheidende Wende für Dich?
Peter Körner: Naja, auch dort plagten mich schon im Voraus starke Selbstzweifel und ich glaubte, es nicht zu schaffen. Der Zivildienst verlief aber positiv. Ich konnte das Kapitel Schule endlich abhaken und mit den Leuten kam ich auch zurecht. Natürlich wusste niemand etwas von meiner Krankheit. Vom Arbeitsamt wurde mir dann ein Ausbildungsplatz angeboten, da ich mich ja selbst kaum beworben hatte. Meiner Mutter zur Liebe habe ich diesen Platz dann angenommen und begann somit eine Lehre zum Elektriker. Auf der Arbeit dann waren mir die Menschen am liebsten, die mir kurze, klare Ansagen machten und meine Arbeit nicht kommentierten. Arbeiten konnte ich allein immer am besten. Ich hatte meine Ruhe und musste niemanden ansehen und wurde auch nicht angesehen.
GeoZeit: Das klingt doch positiv. Was gab Dir letztendlich den Anstoß, eine Therapie anzufangen?
Peter Körner: Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich mit 17 eine Therapie beginne. Diesen Gefallen wollte ich ihr jedoch nicht tun und habe es als nicht so schlimm abgetan. Zudem war das Vertrauen zu meiner Mutter damals auch nicht so ausgeprägt. Mit 22 Jahren ging ich dann schließlich das erste Mal zum Psychologen. Meine damalige Freundin hat sich von mir getrennt, ich kam mit meinem Leben nicht mehr zurecht, war nicht selbstständig genug, um Altlasten abzuhaken.
GeoZeit: Wie genau sah die Therapie damals aus?
Peter Körner: Insgesamt ging die Therapie 2 Jahre lang, einmal die Woche. Zunächst hat der Arzt mich erstmal stabilisiert, da ich starke Selbstzweifel hatte und sehr unsicher war. Ich hatte anfangs immer Angst, dass das, was ich sage, nicht der Wahrheit entspricht und konnte ihn auch nicht ansehen beim Reden. Nach einem Jahr erst haben wir uns mit der Sozialphobie direkt auseinandergesetzt. Mein Verhalten und die Symptome analysiert. Auch dann erst habe ich mit meiner Mutter und Bekannten darüber gesprochen, da ich mich durch meinen Arzt sicherer fühlte. Er hat schließlich studiert. Er hat mir verdeutlicht, dass der erste Schritt der Wichtigste ist. Man muss sich dem Problem bewusst werden und es hinterfragen. Es wäre nicht schlimm, wenn etwas Peinliches passiert und ich wäre nicht der einzige Mensch, auf den die Augen gerichtet sind. Dinge, vor denen ich Angst habe, wären ganz normal und dürften nicht gemieden werden. Durch die Therapie habe ich mehr zu mir selbst gefunden, sodass ich wieder an Selbstbewusstsein gewonnen habe und die Dinge positiver sah. Leider wurden von der Krankenkasse nur 2 Jahre Therapie übernommen, sodass ich gezwungen war, erst mal für 2 Jahre auszusetzen, was meine Angst wiederum verstärkte. Wie sollte es ohne Arzt weitergehen?
GeoZeit: Wie ging es dann nach der Therapie weiter?
Peter Körner: Meine Sozialphobie ist durch die Therapie besser geworden. Mir wurde bewusst, dass ich früher vieles vermieden habe und dass es Zeit braucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es ist sehr wichtig, positive Erfahrungen zu sammeln. Durch die Behandlung habe ich Fortschritte gemacht. Ich habe meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und eine längere Beziehung geführt. Ich wusste ja gar nicht mehr, wie sich Erfolg anfühlt.
GeoZeit: Die Krankheit ist heute also weniger stark ausgeprägt als früher?
Peter Körner: Definitiv, ja.
GeoZeit: Was hast Du Dir für Deine Zukunft vorgenommen? Wie soll es weitergehen?
Peter Körner: Zunächst werde ich über die Abendschule mein Abitur nachholen, weiter an mir und meinem Selbstbewusstsein arbeiten, vielleicht auch wieder mit der Hilfe meines Arztes, denn jetzt sind die 2 Jahre Wartezeit vorbei.
GeoZeit: Dann wünsche ich Dir viel Glück und Erfolg dabei und danke Dir für das interessante Gespräch.
* Name geändert
Weitere Informationen
Selbsthilfegruppe „Sophie Kiel“ sophie-kiel.gmxhome.de
Selbsthilfe Sozialphobie www.sozphobie.de










