Stadtplanung in Flensburg-Engelsby
Ungewöhnliches Engagement
von David Hugenbusch
Erhebliche städtebauliche und soziale Probleme kennzeichneten den Flensburger Stadtteil Engelsby in den 90er Jahren. Dies veranlasste engagierte Bürger dazu, selbst aktiv zu werden. Mehr als 30 Jahre später trägt die lange und beschwerliche Stadterneuerung offenkundige Früchte. Auch die Polizei hält das schlechte Image von einst für vergessen.

- Zum positiven Wahrzeichen des Stadtteils. Renoviertes Gebäude am Franz-Schubert-Hof.
Es ist ein kalter und wolkenloser Dezembermorgen. Die Sonne spiegelt sich in den zahllosen Fenstern des achtgeschossigen Gebäudes Franz-Schubert-Hof 21 im Flensburger Stadtteil Engelsby. Dirk Krause (40), Leiter der Polizeistation Engelsby/Tarup, tritt durch den großzügig verglasten Eingangsbereich des Gebäudes nach draußen. Er zieht den Kragen seiner Uniformjacke zum Schutz gegen die Kälte etwas höher. Sein Kollege Detlef Ziesemer (44) folgt ihm mit dem Sprechfunkgerät in der Hand. Ein alter Mann kommt den beiden über den gepflasterten Fußweg entgegen und grüßt die beiden Polizisten. Man kennt sich. Die drei Männer wechseln einige Worte. Dann machen sich Krause und Ziesemer auf zu ihrer Streife durch den Stadtteil.
Das Wohnungsunternehmen stellt den beiden Beamten und zwei weiteren Kollegen die Räumlichkeiten in dem Gebäude kostenfrei zur Verfügung – voll ausgebaute Küche und Badewanne inklusive. Schon die Lage der Polizeistation in einem Wohnhaus lässt erahnen, dass es sich um ein ungewöhnliches Engagement handelt. „Aus heutiger Sicht könnte man belächeln, dass die Polizei eine Dienststelle in einem Gebäude untergebracht hat, in dem Senioren wohnen und wo betreutes Wohnen angeboten wird“, meint Ziesemer. Als die Station 1998 eröffnet wurde, sah es in dem Stadtteil noch ganz anders aus. Nicht nur bauliche Verfallserscheinungen und eine veränderte Sozialstruktur führten zu einem Imageverlust des Stadtteils. Auch die Unsicherheit und Kriminalitätsfurcht war groß. „Zu dieser Zeit war die zentrale Straße Franz-Schubert-Hof ein absoluter Brennpunkt. Das war der Grund, warum die Polizei in diesem Gebäude ihre Dienststelle eingerichtet hat“, fügt Ziesemer hinzu.

- Dirk Krause und Detlef Ziesemer haben den ganzen Stadtteil im Blick.
Auch Wulf Dau-Schmidt kann sich an diese Zeit noch gut erinnern. Der Kieler Sozialpädagoge stellt sich als Stadtplaner und Stadtteilmanager die Frage, wie das negative Image eines Stadtteils verbessert und die Wohnqualität erhöht werden kann. „Als ich 1993 mit meiner Arbeit in Flensburg-Engelsby begann, fand ich einen absolut stigmatisierten Stadtteil vor, mit sehr hohem Leerstand und mit einem sehr negativen Ruf, was Geborgenheit angeht“, erinnert sich der 57-Jährige. Es ging so weit, dass das damalige Wohnungsunternehmen beantragte, den Franz-Schubert-Hof umzubenennen, weil der Ruf so schlecht war. Als von den 35 Wohnungen im Franz-Schubert-Hof 21 nur noch vier vermietet waren und Vandalismus und Vermüllung stark zunahmen, zogen Bewohner des Stadtteils die Reißleine. Ein Bürgerforum wurde gegründet und das Planungsbüro ‚dau-schmidt.tornow’ als externer Berater und Moderator eingesetzt. Man wollte der Achtlosigkeit und Stigmatisierung ein Ende bereiten. Dau-Schmidt bemühte sich, alle Parteien in dem Stadtteil – vom Mieter über den Hausbesitzer bis zum Wohnungsunternehmen – an einen Tisch zu bringen. „Wir haben ein Stadtentwicklungskonzept angeboten und innerhalb der darauf folgenden sechs Jahre umgesetzt“, berichtet der Sozialpädagoge.
Zur selben Zeit stellte die Stadt Flensburg Überlegungen an, die Polizeiarbeit neu aufzustellen. „Die Polizeidirektion wollte wieder mehr Nähe zum Bürger schaffen“, erklärt Polizeihauptkommissar Krause. Anstatt die Arbeit von den großen Revieren aus durchzuführen, war die Idee, dort zu sein, wo die Menschen leben. So eröffnete 1996 die erste ‚Flensburger vor Ort Station’ in dem Gebäude Franz-Schubert-Hof 21. Die Polizisten sind diesem – für Schleswig-Holstein bis heute außergewöhnlichen – Konzept treu geblieben und rundum zufrieden. Einen Polizeiwagen gibt es nicht. Krause und Ziesemer bewältigen ihre Streife zu Fuß. „Die Basis dieser Stationsarbeit ist es, in den Stadtteil zu gehen und ansprechbar zu sein“, so Krause. „Es nützt nichts, wenn ich mit dem Auto durch den Stadtteil fahre. Da würde mich doch niemand anhalten.“ Zu Fuß aber sei man auch für die kleinen Probleme und Sorgen ansprechbar, betonen die beiden.

- Wulf Dau-Schmidt zeigt ein Planungsmodell der neuen Häuser.
Nicht nur die Polizei hat sich verändert. Zusammen mit engagierten Bürgern, Kommunalpolitikern und dem hiesigen Bauunternehmen initiierte Dau-Schmidt eine rundum Erneuerung des Stadtteils. Die negativen Wahrzeichen wie das Hochhaus Franz-Schubert-Hof 21 und sein Nachbargebäude wurden von Grund auf saniert. Eine freundlichere Fassade und großflächige Verglasung erhöhen heute die Wohnqualität und tragen ein positives Image nach draußen. Die ungenutzten Freiflächen wurden in Spielplätze und attraktive Aufenthaltsbereiche umgewandelt. Soziale Projekte, wie ein neuer Bürgertreff, ein regelmäßiges Stadtteilfest und Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche, runden die Umstrukturierung ab. Für Dau-Schmidt ist ein solcher umfassender Ansatz der Schlüssel zum Erfolg. „Alle Qualitätsverbesserungen müssen parallel laufen. Es lohnt sich überhaupt nicht, an den Bauten etwas zu ändern, wenn ich nicht auch gleichzeitig mit den Menschen zusammenarbeite.“
An der Kreuzung Beethovenstraße und Mozartstraße treffen die Polizisten auf Kinder der nahe gelegenen Grundschule. Die Gruppe grüßt die beiden freudig. „Habt ihr bald Ferien“, fragt Ziesemer. „Ja“, rufen die Kinder. „Morgen haben wir nur noch vier Stunden.“ Die Beamten haben sich über die Jahre durch regelmäßige Besuche in Schulen, dem Jugendzentrum, aber auch Senioreneinrichtungen und Sportvereinen ein gutes Netzwerk in dem Stadtteil aufgebaut. „Dadurch erreichen wir einen ganz anderen Kontakt zum Bürger, was Prävention und auch was Aufklärung von begangenen Straftaten angeht“, ist Krause überzeugt. Sein Kollege Ziesemer erinnert sich an einen Fall, den er als relativ neuer Beamter in der Dienststelle zu bearbeiten hatte. „Ich bekam einen Fahrraddiebstahl zur Kenntnis. Daraufhin habe ich mit Kindern und Jugendlichen vor Ort gesprochen, am Nachmittag stand der Täter fest und das Fahrrad war wieder da.“ Der Polizeihauptmeister wusste, wen er fragen muss. „Wäre ein Streifenwagen in den Stadtteil gefahren, hätte dieser niemals so viele Informationen und Anhaltspunkte bekommen wie ich.“
Durch die Mozartstraße treten die beiden Polizisten den Rückweg an. Nach wenigen hundert Metern biegen sie auf einen von Birken gesäumten Fußweg ein. Diese ‚Grüne Achse’ verbindet den neu gestalteten Stadtteilpark mit dem Franz-Schubert-Hof. Die viergeschossigen Zeilenbauten fügen sich mit ihren kleinen Vorgärten uns gepflegten Rasenflächen gut in die Umgebung ein. Neue Beleuchtungsanlagen fördern das Sicherheitsgefühl, Parkbänke und Spielplätze laden zum Verweilen ein. Anfangs war die Skepsis groß. Die Bürger rechneten damit, dass Vandalismus die Umgestaltungen wieder zunichte machen würde. Dau-Schmidt hört solche Bedenken oft, wenn es um den Umbau und die Erneuerung eines Stadtteils geht. Dann betont er, wie wichtig es ist, die Initiative zu ergreifen. „Wenn ich als Wohnungsunternehmen, als Stadt oder als Sozialträger sichtbar positiv handele und bauliche Strukturen – wie Fassaden oder Beleuchtung – eher empfindlicher mache als vandalismussicher, dann reagieren die Bewohner auch positiv darauf und die Zerstörung geht zurück.“

- Zu Fuß unterwegs. Dirk Krause und Detlef Ziesemer auf Streife.
Auch Krause und Ziesemer loben die Arbeit in dem Viertel. „Wenn ich einen Stadtteil habe, der regelmäßig gesäubert und gepflegt wird, dann fühlen sich die Bürger wohl und leisten ihren Beitrag, damit es auch so bleibt“, unterstreicht Ziesemer. Das hiesige Wohnungsunternehmen hatte einen großen Anteil an der erfolgreichen Umsetzung der Planungskonzepte. „Wenn man sich dann auch noch Moderatoren wie Herrn Dau-Schmidt mit ins Boot holt, die aufzeigen können, wie man die Probleme am besten anpackt, kann ein solches Vorhaben gelingen“, fasst Krause zusammen. Zum Bedauern der beiden zieht sich das Wohnungsunternehmen – nach dem Verkauf der Wohnungen an einen internationalen Finanzfond – mehr und mehr aus dem Stadtteil zurück. Das Mieterbüro wurde aufgelöst. Die Kommunikation läuft nur noch über ein Call-Center. „Das merken wir auch“, meint Krause. „Der Stadtteil wird nicht mehr so sehr gepflegt.“ Für den Außenstehenden sind diese Veränderungen kaum zu sehen. Letztlich sind es aber die unterschwelligen Zeichen, die Zufriedenheit und den Ruf eines Stadtteils ausmachen. Krause bleibt an einem der Gebäude kurz stehen und deutet auf die Namensschilder. „Früher war es so, dass der Haumeister bei Neuzuzügen ein einheitliches Namensschild auf Briefkasten und Klingel geklebt hat. Heute klebt jeder sein eigenes Schild auf. Das passt dann auch nicht mehr zusammen.“
Dau-Schmidt hofft, dass sich das Wohnungsunternehmen nicht ausschließlich auf seine Kernaufgaben zurückzieht. „Wenn sich alle um die Kerne kümmern, dann stellt sich die Frage, wer sich um das Fruchtfleisch kümmert“, philosophiert Dau-Schmidt. Dafür sind Menschen wie Krause und Ziesemer wichtig, die Kriminalprävention und Zusammenarbeit mit den Bürgern zu ihren Kernaufgaben zählen. „Sieht man den Auftrag der Polizei ganz eng, beinhaltet dieser die Gefahrenabwehr und Strafverfolgung“, so Krause. Aber die Beamten sind überzeugt, dass auch ihre soziale Arbeit wichtig ist, damit sich ein Stadtteil nicht zurückentwickelt.
Nach ein paar Minuten erreichen die Polizisten wieder den Franz-Schubert-Hof. Neben der Präsenz im Stadtteil muss die Büroarbeit erledigt werden.
Auch wenn Engelsby noch kein ‚fertiger’ Stadtteil ist, sind die beiden mit dem jetzigen Zustand sehr zufrieden. Daher werden sie auch weiterhin auf Streife gehen, mit den Bürgern sprechen und Probleme gemeinsam anpacken.
Städtebau und Kriminalitätsprävention – Landespolizeiamt SH
Herausforderungen für die Stadt der Zukunft – Präsentation von Wulf Dau-Schmidt
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