Die Kieler Bahnhofsmission

Von Handschuh bis Herzinfarkt

Von Sebastian Heier

Täglich frequentieren rund 25.000 Reisende den Kieler Hauptbahnhof. Für außerplanmäßige Zwischenfälle und Probleme aller Art steht die Bahnhofsmission Kiel den Reisenden mit Rat und Tat zur Verfügung. Jörg Ortmann ist ehrenamtlicher „Bürgerarbeiter“ und arbeitet hier 30 Stunden in der Woche. GeoZeit berichtet von großen und kleinen Problemen während eines ganz normalen Arbeitstages.
Die Mission befindet sich unmittelbar neben dem Bahnsteig.
Die Mission befindet sich unmittelbar neben dem Bahnsteig.

Seinen Arbeitstag beginnt Jörg Ortmann um sechs Uhr am Morgen. Eine Stunde bevor die Mission für Reisende ihre Türen öffnet. Summend betritt der 43jährige den Dienstraum und informiert sich über neue Aufträge für den Tag. Trotz der frühen Stunde ist er zu Späßen aufgelegt. Der gebürtige Kieler gehört zu derjenigen Sorte von Norddeutschen, die gerne von Anfang an auf das „Sie“ verzichten. In der Zeit bis zur Öffnung wird geputzt, Statistik geführt und Kaffee gekocht. Um sieben Uhr ist der Linoleumboden noch nicht vollständig getrocknet. Ein angenehmer Duft geht von den frisch befüllten Kaffeekannen aus und überlagert den des Putzmittels. In den Räumen ist es hell, warm und deutlich leiser als auf dem hektischen Bahnsteig. Bereits nach wenigen Minuten wird Ortmanns Sprachtalent auf die Probe gestellt: ein junger Mann, Mitte 30, müde, orientierungslos und voller Gepäck, benötigt Informationen für seine Weiterreise. Er spricht nur gebrochenes Englisch, kaum Deutsch und welches seine Muttersprache ist, wird während des Gespräches auch nicht klar.

Es kostet 20 Minuten, einen Becher Kaffee, das Sprachtalent der Mitarbeiter, sowie akrobatische Gesten mit Händen und Füßen, bis das Problem des Mannes einigermaßen deutlich wird: er sucht einen Zug nach Kopenhagen. Mehr mit Händen als Worten verdeutlicht Ortmann, dass der Mann zunächst nach Hamburg fahren muss. Ob seine Vermittlung letztlich erfolgreich war, wird selbst beim Abschied nicht wirklich deutlich. „My friend“, verabschiedet sich der Mann. Offenbar bekam er die Informationen, die er brauchte. „Sprachschwierigkeiten gehören dazu“, so Ortmann. „Aber sobald die Leute nicht gleich das bekommen, was sie wollen, verstehen sie plötzlich nichts mehr. Blöd ist es, wenn sie dann kein Englisch sprechen.“ Jörg Ortmann arbeitet seit Oktober 2011 in der Mission. Früher hat er selbst bei der Deutschen Bahn gearbeitet. Dort war er „Mädchen für Alles“, wie er gerne betont. Ein Herzinfarkt hat ihn vor zwei Jahren dann für einige Zeit aus seiner beruflichen Laufbahn – und fast aus dem Leben –  geworfen. „Ich habe überlebt“, bilanziert Ortmann, der heute vollständig genesen ist. „Seit dem Infarkt sehe ich das Leben mit anderen Augen.“ Ursprünglich wurde er auf seinen Posten durch das Arbeitsamt aufmerksam. „Ich habe nie darüber nachgedacht, einmal bei einer Bahnhofsmission zu arbeiten.“ Mittlerweile steht es für ihn außer Frage, dieser Tätigkeit dauerhaft nachzugehen: „Das ist so ein Bahnhofsmission-Virus, der einen so schnell nicht mehr los lässt.“

Die Bahnhofsmission Kiel existiert bereits seit 1897 und wird von der evangelischen und katholischen Kirche getragen. Neben der hauptamtlichen Leitung sind insgesamt 19 Ehrenamtliche im Schichtdienst von sieben bis 18.30 Uhr tätig. Die Mission unterhält ein enges Netzwerk zu anderen Bahnhofsmissionen in Deutschland, der Caritas und der Diakonie, sowie zu sozialen Einrichtungen in Kiel und Umgebung. Nicht zu vergessen ist der Kontakt zur Deutschen Bahn, die gleichzeitig der wichtigste Geldgeber ist. Miete muss die Bahnhofsmission nicht zahlen und auch Strom- und Wasserrechnung übernimmt die Bahn. Pro Monat nehmen etwa 900 bis 1000 Personen die Hilfe in Anspruch. Das Aufgabenspektrum erstreckt sich über ein weites Feld: Auskünfte, Reiseorganisation, Weitervermittlung, Seelsorge in akuten Notsituationen und die Begleitung und Betreuung im Bahnhof gehören hier zum Alltag.

Im täglichen Leben kann aber von einer auf die andere Sekunde auch alles sehr schnell gehen: ein Mann bricht auf dem Bahnsteig mit einem Herzinfarkt zusammen. Wie es der Zufall will, ist Ortmann nur wenige Schritte entfernt und leistet umgehend erste Hilfe. Der Mann hatte bereits gemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt und noch versucht, Hilfe bei der Mission zu suchen. Soweit kam er dann nicht mehr. Ortmann meldet den Notfall umgehend bei der Feuerwehr. „In medizinischen Notfällen aller Art zögere ich nie, den Rettungsdienst um Unterstützung zu bitten“, so Ortmann. Nach wenigen Minuten trifft der Rettungswagen ein und übernimmt die Notfallversorgung. Heute war Ortmann nicht nur Ersthelfer, sondern auch Vermittler. Der Mann wollte in einem bestimmten Krankenhaus behandelt werden. Durch Ortmanns diplomatisches Geschick erklärten sich die Rettungsassistenten schließlich dazu bereit. Wenige Tage später bedankt sich der Mann für die gute und schnelle Betreuung. Er gehört zu den zwei Dritteln, die sich für die Hilfe bedanken. „Rückmeldungen geben ein schönes Gefühl. Für mich ist dies die beste Motivation für meinen Job.“ Für solche Situationen sind die Mitarbeiter ausgebildet. Fundierte Erste-Hilfe-Kenntnisse sind nur ein Teil der Schulungen, die die Helfer vor ihrem ersten Einsatz erhalten. „Man muss sich sicher fühlen und für alle Situationen gewappnet sein“, bilanziert Ortmann.

"Ich gehe jeden Morgen mit einem guten Gefühl zum Dienst".
"Ich gehe jeden Morgen mit einem guten Gefühl zum Dienst".

Neben solchen dramatischen Ereignissen, die mehrmals pro Monat auftauchen, sind es oftmals die ganz kleinen Sorgen, mit denen es Ortmann täglich zu tun bekommt. Menschen mit Handicap oder Reisende, die sich an fremden Bahnhöfen unsicher fühlen, benötigen oftmals Hilfe beim Umsteigen oder Finden ihres Zuges. Menschen rufen für kleine Auskünfte an, zum Beispiel ob der Passbildautomat im Bahnhof noch existiert. Menschen, denen das Leben stärker zugesetzt hat, bekommen jederzeit einen kostenlosen Kaffee, einen kurzen Schnack oder einen guten Zuhörer für psychische Probleme. Schlaf- und Essmöglichkeiten bekommt man hier allerdings nicht. Die Datenbanken und Erfahrung der Mitarbeiter bieten jedoch immer eine Möglichkeit, um auch auf dem steinigsten Weg weiter zu helfen.

Das schönste Ereignis war für Ortmann jedoch ein gänzlich unspektakuläres. „Bei einem meiner Rundgänge durch den Bahnhof bemerkte ich einen vergessenen Handschuh am Bahnsteig. Zunächst dachte ich mir nichts dabei und ließ ihn liegen. Einige Zeit später meldete sich ein alter Mann bei mir – auf der Suche nach einem schlichten Handschuh.“ Ortmann identifizierte den Stunden zuvor gesehenen Handschuh als den des altes Mannes und konnte das gute Stück wenig später seinem Besitzer übergeben. Der Mann brach in Tränen aus. „Es handelte sich um ein altes Familienerbstück und hatte für den Mann einen hohen ideellen Wert. Es gab Zeiten im Leben des Mannes, in denen es keine Handschuhe gab. Der Verlust wäre eine Katastrophe für ihn gewesen.“

So sind sie, die Sorgen und Probleme der Reisenden. Ob dramatisch, banal alltäglich oder winzig. Sie alle vereint eine Gemeinsamkeit: sie sind menschlich. „Hier ist jeder anders. Ein 'Geht nicht' gibt es für uns hier nicht“, bekräftigt Ortmann. Ob Handschuh oder Herzinfarkt: Die Bahnhofsmission hilft.

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