Wollen und Wirklichkeit
von Corinna Thiel
In den Bus einsteigen, eine Arztpraxis aufsuchen oder durch die Stadt bummeln. Tätigkeiten, die zum Alltag gehören und eigentlich keine Probleme bereiten. Sitzt man aber im Rollstuhl, ändert sich nicht nur die Perspektive, sondern auch banal wirkende Dinge können Schwierigkeiten bereiten. GeoZeit war unterwegs um die Barrierefreiheit in Kiel zu testen.

- Treppen sind ein unüberwindbares Hindernis für Rollstuhlfahrer
Es ist sieben Uhr morgens. Kiel ist noch leise und kalt. Die helle Atemluft wird im Licht einer Ampel zu bunten, flüchtigen Wolken. Die Straßen sehen noch unbewohnt aus und wer noch nicht aus dem Haus muss, der bleibt lieber im warmen Bett. Draußen ist nur, wer zur Arbeit oder zum Arzt muss. So wie Sabine Dittmann. Sie ist auf dem Weg zu einer psychiatrischen Gemeinschaftspraxis, möchte früh da sein, vor den Patienten. Sie hat einen Zollstock dabei, ein Lasermessgerät und einen Block auf den Knien. Sabine Dittmann, eine kleine Frau mit kurzen Haaren und einem schelmischen Lächeln, sitzt im Rollstuhl und vermisst Arztpraxen nach ihrer Tauglichkeit für andere Rollstuhlfahrer. An diesem Morgen hat sie Glück: Eine ebenen erdige, automatische öffnende Eingangstür, ein breiter Zugang zum Fahrstuhl, der genügend Raum zum Wenden lässt. Nur in einen Notfall darf sie jetzt nicht geraten, der rote Alarmknopf hängt so hoch, dass er für jeden Rollstuhlfahrer ein unüberwindliches Hindernis darstellt.
„Von den ungefähr 600 Kieler Arztpraxen sind etwa 20 Prozent barrierefrei“, so Sabine Dittmann, die alle nacheinander mit ihrem Rollstuhl angefahren und vermessen hat. Die Daten werden vom Verein „Unterwegs ohne Grenzen“ erhoben und in einem Rollstuhlführer veröffentlicht. Dabei arbeitet der Verein eng mit dem Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Kiel zusammen. „Die Reaktionen der Ärzte sind sehr unterschiedlich, das reicht von Begeisterung über Skepsis bis Ablehnung“, so Sabine Dittmann. Aber auch die Praxen, die sich weigern ihr Zugang zu gewähren, werden in dem „Rolliführer“ erwähnt. Heute Morgen sind wir früh unterwegs, um den Praxisablauf nicht zu stören. Wir sind nicht die ersten, aber die Praxis ist noch geschlossen. Außer uns wartet noch eine nervöse ältere Frau, die uns misstrauisch beäugt, wie wir die Türenbreite der Praxis vermessen. Dann kommt die Sprechstundenhilfe und Sabine Dittmann beginnt sofort mit ihrer Arbeit, vermisst Schwellenhöhen, Türklinken, Liegen, die Waschbeckenhöhe und notiert alle Ergebnisse auf einem kompliziert aussehenden Erhebungsbogen. Der Bogen ist nach einem Standard konzipiert der in Hamburg entwickelt wurde, sodass nach und nach Rollstuhlführer entstehen, die alle auf dem gleichen Prinzip beruhen und so, nach einem Einarbeiten, schnell lesbar sind. Der Verein für den Sabine Dittmann arbeitet, hat nach diesem Prinzip den bereits existenten Rollstuhlführer für die Stadt Kiel erstellt, sowie einen für die beiden Nordseeinseln Föhr und Amrum.

- Sabine Dittmann testet Kiels Arztpraxen auf Barrierefreiheit
Heute ist sie zufrieden, sogar ein wenig positiv überrascht, in dem modernen Ärztehaus gibt es sowohl eine separate Behindertentoilette als auch in der Praxis eine, die für Rollstuhlfahrer bedingt geeignet ist. „Oft sind die Dinge gut gemeint und dann nicht ganz bis zu Ende gedacht, sodass sie dann doch nicht so gut sind“, berichtet Sabine Dittmann. Wir stehen auf dem Parkplatz vor dem Sophienhof. Es ist immer noch dunkel, fast nächtlich und ich komme mir ein bisschen wie ein Detektiv auf der Suche nach Barrieren vor. Und es ist wirklich ein bisschen vergleichbar, ich suche Spuren die mir bislang verborgen geblieben sind, weil ich nicht auf sie geachtet habe. Denn ich komme an jeden Münzschlitz auf dem Parkplatz, Sabine Dittmann nicht. Die Parklücken sind breit, die Zufahrt eben und auch die Parkplätze mit dem Rollstuhlsignum gekennzeichnet, jedoch ist es einem Rollstuhlfahrer nahezu unmöglich, ohne fremde Hilfe die Gebühren zu bezahlen. Wieder eins der Beispiele des „Nicht-zu-Ende-Denkens“. Barrierefreiheit bedeutet jedoch, dass „bauliche und sonstige Anlagen (…) in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ So steht es in §4 des Behindertengleichstellungsgesetztes, das es erst seit 2002 überhaupt gibt. Komplette Barrierefreiheit zu erreichen ist ein sehr hohes Ziel, denn auch Sehbehinderte, Gehörlose und andere Wahrnehmungs- und Körperbehinderte haben spezielle Anforderungen an bauliche Maßnahmen. Im Kieler Hauptbahnhof, der auch schon ausgezeichnet wurde, ist ein hohes Maß an Barrierefreiheit anzutreffen. Wir fahren mit dem Fahrstuhl und als der Übergang zu den Gleisen von einer monotonen Frauenstimme angesagt wird, steigen wir aus, werden von den Leitschienen im Boden bis zu den Gleisen geführt und können über eine abgestufte Rampe den Bahnhof wieder verlassen. Nur den eigentlichen Zweck eines Bahnhofs, das Zugfahren, bezeichnet Sabine Dittmann als „eines der letzten Abenteuer der Menschheit“. So sei es zwar, nach vorheriger Anmeldung, möglich, in einen Zug zu gelangen, aber ihr sei schon mehrmals passiert, dass sie dann am Zielbahnhof erst von den Müllmännern beim Säubern des Zuges entdeckt worden wäre und vorher schlicht und einfach vergessen wurde.
Sabine Dittmann erzählt das nebenbei, es klingt wie eine amüsante Anekdote, aber man erahnt die Schwierigkeiten, das Komplizierte an einem Leben mit dem Rollstuhl, der zwar Hilfsmittel ist, aber oft spezielle Planung erfordert und damit im Mittelpunkt eines Tagesablaufs steht für Menschen steht, die auf ihn angewiesen sind. Vor dem Bahnhof wird der neue Busfahrplan verkauft. Wir rollen die vorbildliche Rampe herunter und stehen vor einer 17Zentimeter hohen Stufe. Dahinter gibt es den Fahrplan, jedenfalls wenn man sich auf die Stufe stellen könnte. Sabine Dittmann rollt an die Stufe und klopft von unten an die Scheibe. Der Verkäufer zeigt sich kooperativ und reicht den Fahrplan aus dem Fenster. Auf meine Frage meint er nur: „Na, das muss halt so gehen“. Auch hier, in dem ausgezeichneten Vorzeigebahnhof, wurde nicht konsequent barrierefrei gedacht und gehandelt.
Langsam zeigt sich im Osten ein heller Schimmer, als wir auf dem Kieler Weihnachtsmarkt stehen. Alleine, denn noch sind alle Buden geschlossen und keine Musik quält das Gehör. Auch das Klohäuschengitter ist verschlossen, aber wie in einem richtigen Detektivroman kramt Sabine Dittmann einen Schlüssel hervor, der erstaunlicherweise das Türchen öffnet. Und so warte ich hinter dem Gitter, während vor dem Gitter auf einmal der Klohäuschenmann steht und selbiges öffnet und dann erschrocken bis erstaunt guckt, als er mich sieht. „Stehen Sie hier schon lange?“, fragt er mich beherzt und gibt sich mit der Antwort zufrieden, dass ich auf eine Rollstuhlfahrerin warte. Ich selber weiß jedoch nicht, warum ihn diese Erklärung beruhigt. Das klärt sich erst auf, als mir Sabine Dittmann von dem CBF-Schlüssel erzählt, der auf fast allen Autoraststätten, Museen, Bahnhöfen und in Ämtern passe. Ein Beispiel für eine sehr sinnvolle Hilfestellung, denn der Schlüssel für die Behindertentoiletten befindet sich auch in großen Einkaufszentren meist bei schlecht ausgeschilderten Rezeptionen.

- Unerreichbar - Zu hoch angebrachte Automaten sind nur ein Hindernis im Alltag
Geschickt rollt Sabine Dittmann über den Weihnachtsmarkt, alle paar Meter hebt sie mit einem kleinen Schwung die Vorderräder in die Luft, immer dann, wenn der Straßenbelag durch Kopfsteinpflaster unterbrochen wird. Sie schüttelt nur mit dem Kopf während sie erzählt, dass trotz festgelegter DIN bei dem Straßenneubau wieder Kopfsteinpflaster verlegt wurde, in welchem sich die oft Vorderräder der Rollstühle verhaken. Das Quergefälle der Regenabflussrinnen stellt ein weiteres Hindernis dar, ebenso verhindert der weihnachtliche Rindenmulch das Erreichen der Stände, ein Problem, das sogar schon im Beirat besprochen wurde. Die Lösung – quergelegte Zufahrtswege aus Holz. Und wie schon so oft an diesem Tag waren sie gut gemeint, erreichen jedoch nicht das Ziel, das in diesem Fall der Glühweinstand wäre, sondern führen daran vorbei in eine Sackgasse die vor einem Mülleimer endet, den ein aufmerksamer Standbesitzer dort festgebunden hat. Mir kommt dieser Morgen wie ein Eintauchen in eine andere Stadt vor. Kiel ist nach wie vor Kiel, aber ich sehe es mit anderen Augen, achte auf Bordsteinhöhen, Wegebreiten, versperrende Poller und Bushaltestellen an denen Niederflurbusse nichts bringen, weil die Einstiegshöhe trotzdem unüberwindbar ist. Dieses Gefühl, mit anderen Augen durch die Stadt zu laufen, wird in Seminaren vom Verein „Unterwegs ohne Grenzen“ ganz bewusst herbeigeführt zum Beispiel für die Mitarbeiter des Bauamtes der Stadt Kiel. Diese müssen dann einen ganzen Tag mit Sehbehinderung oder im Rollstuhl ihre Stadt neu entdecken, neu kennenlernen, um für die Probleme behinderter Menschen sensibilisiert zu sein. Thomas van Kann, vom Amt für Familie und Soziales, äußert sich ganz begeistert über diese Erfahrung, er hat Kiel als Blinder erlebt. Er scheint fast erfreut darüber zu sein, dass man ihn anruft und zur Barrierefreiheit in Kiel befragt.
Trotz eines knappen Budgets von jährlich 150.000 € für barrierefreie Bauprojekte ist er zuversichtlich, dass Kiel auf einem guten Weg sei, durch kleine Maßnahmen große Verbesserungen herbei zu führen. So gab es einen Erhebungsbogen, den jeder Bürger ausfüllen konnte, mit welchem auf schwierige Ecken, Ampelübergänge oder Parkplätze in Kiel hingewiesen werden konnte. Es gab ungefähr 100 Rückmeldungen, die ihren Platz auf der Prioritätenliste gefunden haben und auf Realisierung warten. Manches wird lange warten müssen, denn die Mittel sind begrenzt und die Umbaukosten meist kostenintensiv und nicht immer so leicht zu verändern wie der zu hoch hängende Briefkasten am Rathaus. Wie ein besonderes Bonbon bekomme ich noch ein Beispiel für Barrierefreiheit präsentiert: Die Toilette im Gesundheitsamt. Ein großer Raum mit farblicher Kontrastkante, das Klo von beiden Seiten zugänglich, ein Wickeltisch, Handtuch- und Seifenspender in gut erreichbarer Höhe, das hohe Fenster lässt sich bequem von unten öffnen, eine Notfallschnur reicht bis zum Boden und im Spiegel kann ich meine Hüfte betrachten. Auch hier kommt der CBF-Schlüssel zum Einsatz. Zurück auf der Straße, bittet mich Sabine Dittmann, den Zugang zu einer Arztpraxis zu überprüfen. Der Treppenlift ist kaputt, seitdem jemand eine Büroklammer in die Mechanik fallen ließ. Ich werde also ausgestattet mit Zollstock, Bleistift und dem Lasermessgerät und steige die Treppe hoch. Um die Ecke, vor dem 65 Zentimeter breiten Fahrstuhl grinst mich dann eine Stufe an. Sie ist 19 Zentimeter hoch und damit 16 cm über der Norm für Rollstühle. Das weitere Messen kann ich mir hier sparen, denn für Sabine Dittmann wäre es nicht möglich in die Praxis zu kommen.







