Ausbildung junger Migranten – Eine gesellschaftliche Aufgabe

von Benjamin Ditel

Bildung wird als eines der höchsten Güter in der Gesellschaft angesehen. Die PISA-Studie belegt, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark durch die soziale Herkunft begünstigt wird. Besonders schlecht steht es um Jugendliche mit Migrationshintergrund.
Die Industrie- und Handelskammer zu Kiel will gezielt Lehrstellen in Migrantenbetrieben akquirieren, um besonders diesen Jugendlichen Chancengleichheit zu bieten.
Sedef Atasoy im Beratungsgespräch.
Sedef Atasoy im Beratungsgespräch.

Das Projekt „Ausbildungsplatzakquise in Migrantenbetrieben“ wurde Anfang 2006 ins Leben gerufen, um die Anzahl der Lehrstellen in Betrieben mit Migrationshintergrund zu steigern. Nach zwei Jahren Projektzeit wurde auf Grund des bisherigen Erfolgs die Laufzeit um zwei weitere Jahre bis Ende 2009 verlängert.

Die Finanzierung erfolgt durch das „Zukunftsprogramm Arbeit“ des Landes Schleswig-Holstein mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Schwerpunkte legt das Zukunftsprogramm in der Stärkung des Beschäftigtenpotentials, der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und Integration von benachteiligten Personen in den Arbeitsmarkt.

Direkter Kontakt

Sedef Atasoy (28) ist Akquisiteurin in dem Projekt. Die Volljuristin hat selbst einen türkischen Migrationshintergrund und spricht vier Sprachen. Der Fahrstuhl summt, als dieser sich auf den Weg in den Keller macht. Frau Atasoy ist auf dem Weg zu den Firmenwagen, sie hat heute einen Termin mit einem Migrantenbetrieb.

Um den Unternehmen mit Migrationshintergrund den Weg zur Ausbildung zu erleichtern, tritt Frau Atasoy direkt an die Betriebe heran. Werden rechtliche Rahmenbedingungen nicht erfüllt, lotet sie aus, welche Möglichkeiten es gibt, um den Betrieben das Ausbilden zu ermöglichen. Ist ein mangelhafter Informationsstand festgestellt, versorgt sie diese mit dem nötigen Wissen. Trifft Sedef Atasoy auf Interesse, fährt sie auch mehrmals zu den Betrieben. „Ich berate über alles, was mit dem Thema Ausbildung zu tun hat, und begleite anschließend das Ausbildungsverhältnis, damit es erfolgreich zum Abschluss gebracht werden kann“, erzählt Frau Atasoy.

Schafft sie es, die Betriebe zu überzeugen auszubilden, betreut sie diese bei auftretenden Fragen oder Problemen. So gibt Sedef Atasoy Unterstützung bei der Zusammenarbeit mit Behörden oder dem Ausfüllen von Formularen und Anträgen. Auch bei der Suche nach Auszubildenden hilft die IHK zu Kiel. Einige Betriebe haben schon Personen im Hinterkopf, die sie gerne ausbilden möchten. Sollte dies nicht der Fall sein, gibt es die Möglichkeit, über die Lehrstellenbörse der IHK geeignete Jugendliche und junge Erwachsene zu finden. Im Internet können sich Bewerber und Unternehmen vorstellen und nach dem gewünschten Partner suchen.

Warum ist eigentlich ein Projekt mit diesem Ziel von Wichtigkeit? Antworten lassen sich in einem offiziellen Papier der Bundesrepublik Deutschland finden.

Status Quo 2008

Am 2. April legte Bundesbildungsministerin Schavan den Berufsbildungsbericht 2008 vor. In diesem jährlich erscheinenden Bericht wird der Ausbildungsmarkt für das Vorjahr bewertet. Das Jahr 2007 gilt als Erfolgsjahr, da seit 2001 wieder über 600.000 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zu verzeichnen sind. Es wurde somit der zweithöchste Wert seit der Wiedervereinigung erreicht. Als Grund werden der allgemeine Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt und der Erfolg des Ausbildungspaktes angeführt.

In dem Bericht wird die Brisanz für Jugendliche mit Migrationshintergrund auf dem Ausbildungsmarkt deutlich. So erreichen rund 40% aller jugendlichen Bewerber ohne Migrationshintergrund einen dualen Ausbildungsplatz. Bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist es mit 29% weniger als jeder Dritte.
Aus dem Berufsbildungsbericht geht hervor, dass die Gründe für den schlechten Übergang ins Berufsleben von Jugendlichen mit Migrationshintergrund vielschichtig sind. So wird zum Beispiel häufig lediglich ein Hautpschulabschluss absolviert und die Noten fallen im Schnitt schlechter aus als die ihrer Klassenkameraden. Auch das Elternhaus spielt eine große Rolle. So sind die Eltern oft schlecht qualifiziert und die soziale Einbindung vor Ort gestaltet sich schwierig. Das größte Problem jedoch ist, dass bereits allein der Migrationshintergrund des Jugendlichen einen Nachteil bei der Ausbildungssuche darstellt. Laut des Bundesbildungsberichtes lassen sich die expliziten Gründe hierfür allerdings nicht erklären.

Hand drauf! – Ein Pakt wurde geschlossen

Im Juni 2004 wurde der „Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland“ beschlossen. Dabei soll der Fachkräftenachwuchs gesichert und allen Jugendlichen, die ausbildungswillig und –fähig sind, ein Ausbildungsangebot unterbreitet werden. Besonders die duale Berufsausbildung (Ausbildung im Betrieb und an einer beruflichen Schule. Anm. d. A.) soll gefördert werden. Bei dem Pakt handelt es sich um eine Zusammenarbeit verschiedener Akteure aus Wirtschaft und Politik. Am 5. März 2007 wurde der Ausbildungspakt bis 2010 verlängert.

In einer Erklärung zur Ausbildung von Migranten wird die besonders schwierige Situation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund dargestellt. Des Weiteren wird eine Fülle von Empfehlungen ausgesprochen, wie die Situation zu verbessern sei. Als zentrale Voraussetzung für die Integration in die Ausbildung wird die Ausbildungsreife angesehen. Deshalb liegt der Schwerpunkt der Handlungsempfehlungen in einer verbesserten schulischen Ausbildung, da gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund oft schlechter als ihre Mitschüler abschneiden. Aber auch der Hilfestellung für Betriebe wird eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Besonders Kleinbetriebe müssen organisatorische Unterstützung erhalten und Betrieben mit Migrationshintergrund soll die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen erleichtert werden.  

Rahmenbedingungen
Nicht nur im Studium ist eine gute Recherche die halbe Miete. Sedef Atasoy verbringt einen Teil ihrer Arbeit damit, geeignete Unternehmen aufzuspüren.
Nicht nur im Studium ist eine gute Recherche die halbe Miete. Sedef Atasoy verbringt einen Teil ihrer Arbeit damit, geeignete Unternehmen aufzuspüren.

Betriebe mit Migrationshintergrund sind in den letzten 15 Jahren zu einem immer stärker werdenden Wirtschaftsfaktor geworden. Die Anzahl der Betriebe steigt, trotzdem bilden sie deutlich weniger aus als Betriebe ohne Migrationshintergrund. „Sie bilden fünfmal weniger aus. In Deutschland sind es insgesamt nur 6%“, weiß Frau Atasoy.

In den Regionen Kiel, Rendsburg und Neumünster gibt es ungefähr 2.200 Unternehmen mit Migrationshintergrund. Jedoch ist nicht jedes geeignet, Ausbildungsplätze anzubieten. Das Berufsbildungsgesetz schreibt dabei vor, welche Voraussetzungen ein Betrieb erfüllen muss. Also steht für Sedef Atasoy zuerst Recherchearbeit an. So muss zum Beispiel ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Fachkräften und Auszubildenden vorhanden sein.

Der Ausbilder hat dann ebenso pädagogische wie fachliche Eignung vorzuweisen. „Fachliche Eignung bedeutet, dass jemand entweder den Beruf erlernt haben muss oder aber eine bestimmte Zeit in diesem gearbeitet hat“, erklärt Sedef Atasoy. Hat der Ausbilder den Beruf nicht erlernt, muss er mindestens das Eineinhalbfache der Ausbildungszeit als Berufserfahrung nachweisen können. Die pädagogischen Fähigkeiten werden normalerweise durch den Ausbildereignungsschein erlangt. Bis Ende Juli 2009 ist jedoch jeder Ausbilder von der Ausbilderprüfung befreit.

Nicht immer ist es Betrieben möglich, die kompletten Lehrinhalte der Ausbildungsordnung zu vermitteln. In diesem Fall klärt Frau Atasoy über die Möglichkeit der Verbundausbildung auf. Bei dieser schließen sich mehrere Betriebe zusammen, um alle Lehrinhalte vermitteln zu können.

Fehlende Informationen

Oft haben die Betriebe keine Informationen zum dualen Bildungssystem. Die Gründe sind auch hierfür vielschichtig. Ein Grund ist, dass viele der Betriebsinhaber nicht im deutschen Bildungssystem aufgewachsen sind. Andere haben einfach keine Zeit gefunden, sich zu informieren. Dabei wären viele Betriebe ausbildungsberechtigt, sie wissen es nur nicht.

Eine zielgruppengerechte Beratung gab es vor dem Projekt „Ausbildungsplatzakquise in Migrantenbetrieben“ nicht, weiß Sedef Atasoy. „Man hat festgestellt, dass Betriebe mit Migrationshintergrund Vorbehalte gegenüber Institutionen hegen und Beratungsangebote der Kammern viel seltener wahrnehmen.“  

Verständigungsproblem
Die IHK zu Kiel setzt nicht nur bei der Beratung auf Transparenz. Sowohl von außen wie auch von innen sorgt die Architektur für Durchblick.
Die IHK zu Kiel setzt nicht nur bei der Beratung auf Transparenz. Sowohl von außen wie auch von innen sorgt die Architektur für Durchblick.

Sprachliche Barrieren sind oft ein großes Problem für Betriebe, wenn es um die Möglichkeit des Ausbildens geht. Viele möchten ausbilden, aber Informationen in ihrer Heimatsprache gibt es nicht. Die Vielsprachigkeit Atasoys hilft ihr dabei, mit den Unternehmensinhabern kommunizieren zu können. „Sprachliche Barrieren kann ich oft durch meinen eigenen Migrationshintergrund überwinden.“

Das Projekt beschränkt sich nicht nur auf Jugendliche mit Migrationshintergrund. Jedoch ist es den Betrieben oft wichtig, dass die Bewerber zweisprachig aufgewachsen sind, da oft ein Teil ihres Kundenstammes kein Deutsch spricht. „Dabei möchten die Betriebe nicht gegen das Gleichbehandlungsgesetz verstoßen“, versichert Sedef Atasoy, „es geschieht aus dem Bedürfnis heraus, dass der Kundenkreis aus einer bestimmten Gruppe stammt.“

Ausbildung als gesellschaftliche Aufgabe

Der Integrationsgedanke von Jugendlichen mit Migrationshintergrund steht bei dem Projekt „Ausbildungsplatzakquise in Migrantenbetrieben“ im Vordergrund. Ebenso wichtig ist auch die Integration der Betriebe mit Migrationshintergrund in die deutsche Wirtschaftsstruktur. In ihnen steckt viel Potenzial. Die Zahl dieser Unternehmen steigt stetig, die wenigsten neuen Betriebe bilden jedoch aus. Mit eigenen Fachkräften könnten die Betriebe langfristig ihre Position auf dem Markt stärken und sichern. Allerdings müssen die Betriebe dementsprechend Verantwortung übernehmen. Sedef Atasoy versucht, ihnen die Angst davor zu nehmen. Von Bedeutung ist die Vorbildfunktion der Betriebe gegenüber Jugendlichen und anderen Unternehmen. „Die Gewinnung der Migrantenbetriebe als Vorbilder, so genannten Multiplikatoren, ist ein wichtiges Ziel“, erklärt Frau Atasoy.

Wenn die Arbeit Früchte trägt
Haluk Kasal fühlt sich dem Stadtteil Gaarden verbunden.
Haluk Kasal fühlt sich dem Stadtteil Gaarden verbunden.

In der Elisabethstrasse im Kieler Stadtteil Gaarden befindet sich das Lebensmittelgeschäft „Aziz Feinkost“. Dort bekommt man eine Vielzahl an südländischen Spezialitäten geboten.

Haluk Kasal (33) ist geborener Kieler mit türkischem Migrationshintergrund. Schon sein Vater besaß in den frühen 1970ern einen Feinkostladen in Kiel. Nach der Schule half Haluk Kasal in dem Familienbetrieb aus und lernte so die Kniffe des Geschäftslebens. 1995 gründete er sein eigenes Unternehmen und ist bis heute Inhaber von „Aziz Feinkost“.

Sedef Atasoy stieß im Zuge ihrer Recherchearbeit auf den Betrieb und es stellte sich heraus, dass sich Herr Kasal bereits mit dem Thema Ausbildung befasst hatte. Einen Beruf erlernte er nicht, allerdings hat er schon viel Berufserfahrung im Einzelhandel sammeln können. Er fand nicht die Zeit, den Ausbildereignungschein absolvieren zu können. Frau Atasoy klärte ihn auf, dass die Ausbilder-Eignungsprüfung bis Ende Juli 2009 ausgesetzt worden ist. „Das Angebot von der IHK ist etwas sehr, sehr Gutes und ich finde es wichtig, dass der Ausbilderschein auch in Zukunft ausgesetzt wird“, lobt Haluk Kasal.

Ab dem 1. August 2008 wird das Unternehmen eine Person im Lehrberuf „Verkäufer“ ausbilden. Herrn Kasal ist es wichtig, jungen Menschen eine Perspektive zu bieten. „Unser Betrieb ist zwar klein, aber wir haben die Chancen, wenigstens einen Jugendlichen von der Straße zu holen und von nichts kommt nichts“, erklärt er. Besonders für einen Stadtteil wie Gaarden ist dieses Projekt wichtig. Der Ausländeranteil und die Arbeitslosigkeit sind hoch. Daraus entstehen auch viele Vorurteile in der Kieler Bevölkerung. „Man kann nicht sagen, dass Gaarden nicht zu Deutschland oder Kiel gehört. Viele Jugendliche Ausländer sitzen hier auf der Straße und haben keinen Ausbildungsplatz“, berichtet Haluk Kasal.

Ein großer Teil der Kundschaft des Betriebes spricht nur Türkisch. Deshalb legt Haluk Kasal viel Wert darauf, dass der oder die Auszubildende diese Sprache beherrscht. Türkisch wird, wie in anderen Unternehmen zum Beispiel Englisch, als qualifizierender Faktor angesehen. „Es ist für mich sehr wichtig, dass, wenn ich nicht hier bin, den Kunden auch weitergeholfen werden kann“, erklärt er.

Der geschaffene Ausbildungsplatz im Betrieb „Aziz Feinkost“, ist einer von vielen Erfolgen, die das Projekt „Ausbildungsplatzakquise in Migrantenbetrieben“ verzeichnen kann. Es wird deutlich, dass ein Bedarf nach Informationen und Beratung besteht.  

Weiterführende Links

IHK Schleswig-Holstein

www.ihk-schleswig-holstein.de

„Zukunftsprogramm Arbeit“ des Landes Schleswig-Holstein

www.schleswig-holstein.de/MJAE/DE/Arbeitsmarkt/Foerderung/Zukunftsprogramm/ZukunftsprogrammArbeit__node.html__nnn=true

„Pakt sucht Partner“ – Seite der IHK zum Ausbildungspakt

www.pakt-sucht-partner.de

Ausbildungspakt – Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Ausbildung-und-Beruf/ausbildungspakt.html

Berufsbildungsbericht 2008 – Bundesministeriums für Bildung und Forschung

www.bmbf.de/de/berufsbildungsbericht.php