Klein Istanbul an der Förde
Integration trotz Segregation?
von Daniel Lippke
Der Kieler Stadtteil Gaarden gilt als Problemviertel. Sowohl die Arbeitslosenquote als auch der Ausländeranteil liegen hier deutlich über dem Kieler Durchschnitt. Häufig sind es die mangelnde Sprachkenntnisse, welche den Migranten den Weg auf den Arbeitsmarkt versperren. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wohnumfeld und den Integrationschancen seiner Bewohner? In der Stadt Kiel setzt sich ein breit gefächertes Netzwerk für die Integration von Migranten ein.
Selim Humbaraci (Name vom Autor geändert) hantiert eifrig an den Kabeln seiner neuen Satellitenschüssel herum. Er ist vor 6 Jahren aus der Türkei nach Kiel gekommen und ihm gefällt es hier. Auf das türkische Fernsehen möchte er aber dennoch nicht verzichten. Er will informiert bleiben über die Geschehnisse in dem Land, in dem er aufgewachsen ist und in dem noch immer der Großteil seiner Familie lebt. Im Deutschen Fernsehen wird nur selten über sein Land berichtet. Wenn aber seine neue Satellitenschüssel angeschlossen ist, kann er fast alle türkischen Kanäle empfangen. Vielen Menschen in seinem Stadtteil Gaarden scheint es genau so zu gehen - an fast jedem Balkon hängt eine Satellitenschüssel.
Gaarden Ost ist einer von bundesweit 498 Sozialräumen, denen von der Bundesregierung ein besonderer Entwicklungsbedarf zugesprochen wird. „Ein besonderer Entwicklungsbedarf entstehe dann, wenn soziale Ungleichheit zunimmt, Stadtteilzentren die wirtschaftliche Basis genommen wird sowie Defizite bei Wohnungen und Wohnumfeld vorhanden sind“. So lautet die nüchterne Beschreibung eines bundesweiten Förderprogramms zur Stadtteilaufwertung. All dies trifft auf Gaarden zu.
16200 Menschen leben in dem Stadtteil am Kieler Ostufer. Die Arbeitslosenquote liegt mit 20% weit über dem Kieler Durchschnitt. Fast jeder Dritte hier hat einen Migrationshintergrund, jeder Vierte einen ausländischen Pass. Die Hälfte von ihnen stammt aus der Türkei (Kieler Statistik 2007).
Das Gaarden anhaftende Ghetto- Image und zu wenige Investitionen in Bausubstanz und Wohnumfeld lassen besser gestellte Bewohner und Geschäfte abwandern. Das günstige Mietniveau lässt im Gegenzug immer mehr sozial schwache Gesellschaftsmitglieder nachrücken. Drogenkonsum und soziales Elend gehören zumindest in einigen Teilen von Gaarden zum Stadtbild.
Das lokale Gewerbe hat sich seinem Kundenstamm angepasst. Neben Sozialläden werben Call- Shops mit günstigen Auslandstarifen um Kunden. Die Kioske verkaufen Tageszeitungen in mehreren Sprachen und jedes zweite Geschäft bietet importierte Waren aus den verschiedensten Ländern an. Deutsch muss man hier nicht sprechen, auch mit türkisch kann man am sozialen Leben teilnehmen. „Klein Istanbul“ wird Gaarden auch von den Bewohnern anderer Kieler Stadtteile genannt.
Familie Humbaraci ist es wichtig, dass die Kinder zuerst die Sprache ihrer Eltern und Großeltern richtig lernen. Erst danach sollen sie Deutsch lernen. Auch deswegen haben sie die Satellitenschüssel gekauft. „Mit türkischem Fernsehen ist es für die Kinder leichter, die türkische Sprache zu erlernen“, erklärt Herr Humbaraci und sucht dabei weiter nach der bestmöglichen Positionierung seiner neuen Satellitenschüssel.
Für das Referat für Migration der Stadt Kiel sind mangelnde Deutschkenntnisse ein Hauptgrund für den hohen Anteil ausländischer Mitbürger im sozial schwächeren Teil der Gesellschaft. Die Deutschkenntnisse und Bildungsabschlüsse sind oft nicht ausreichend und so sind die Chancen von Migrantenkindern auf dem Arbeitsmarkt weiterhin gering. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration. Der Arbeitsmarkt ermögliche Migranten, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, lasse Kontakte mit Einheimischen entstehen und erleichtere die soziale und kulturelle Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft, heißt es im aktuellen Integrationsbericht der Stadt Kiel.
Doch was sind die Gründe für die Sprachprobleme von Migranten? Der hohe Ausländeranteil in Stadtteilen wie Gaarden, die Satellitenschüsseln oder der Unwille von Migranten sich zu integrieren?
„Ich glaube, das eigentliche Kernproblem in einem so genannten Ghettoviertel wie Gaarden ist nicht der kulturelle Background, sondern die Frage des sozialen Milieus. Wenn ich mir diesen Stadtteil angucke und weiß, wie viele Harz4- Empfänger hier leben, dann hebt sich die Frage des kulturellen Hintergrundes irgendwann auf, es ist dann eher eine soziale Milieu- Frage“, erklärt Frau Ünsal, Leiterin der Migrationserstberatung des Integrationscenters Ost.
Ein geringer Bildungsgrad der Eltern wirkt sich häufig negativ auf die Sprachentwicklung des Kindes aus. Nicht nur beim Erlernen der Zweitsprache Deutsch, auch bei der Muttersprache sehen die AWO- Mitarbeiter Schwächen bei Kindern aus bildungsärmeren Familien. Sprachwissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass ein sicheres Beherrschen der Muttersprache die Basis für das erfolgreiche Erlernen weiterer Sprachen bildet. Beim Erlernen einer neuen Sprache wird immer die Muttersprache zu Vergleichszwecken herangezogen. Wenn diese nicht sicher beherrscht wird, entstehen Probleme beim Erwerb weiterer Sprachen.
Die Förderung der Sprachkompetenzen, sowohl der Muttersprache als auch der Zweitsprache nehmen daher einen großen Teil in den 2007 vom Referat für Migration herausgegebenen „Handlungsempfehlungen für die Integration von Migrantinnen und Migranten in der Landeshauptstadt Kiel“ ein.
„Man kann auch in einer Umgebung, in der viel Türkisch gesprochen wird, sehr gut Deutsch sprechen lernen. Wir haben dafür ja auch Beispiele in Gaarden. Besonders in der zweiten Generation gibt es Migranten, die hier sehr gut Deutsch sprechen gelernt haben und nun studieren gehen“, erklärt Frau Ünsal.
Für Zuwanderer bietet eine Nachbarschaft von kulturell und sprachlich ähnlich sozialisierten Menschen gerade bei ihrer Ankunft eine enorme Hilfestellung. Ein Stück Heimat in der Fremde verhindert soziale Isolation und vermittelt Kontakte zum Arbeitsmarkt. Es ist vielleicht sogar die beste Integrationshilfe, die man finden kann.
Herr Humbaraci, der noch immer mit dem Montieren seiner Satellitenschüssel beschäftigt ist, grüßt auf Türkisch einen vorbeigehenden Nachbar. Er würde auch gerne mehr mit seinen deutschen Nachbarn sprechen, aber die sind immer „etwas geschlossen“, erklärt er in gebrochenem Deutsch. Ein weiterer Grund warum er gerne in Gaarden wohnt- fast alle seine Freunde leben hier in der direkten Umgebung.
Aber auch wenn Integration nicht den Beitritt in einen Schützenverein oder das regelmäßige Schauen des „Musikantenstadels“ beinhaltet, ist ein sozial und ethnisch homogenes Lebensumfeld mit Blick auf längerfristige Integrationschancen nicht ausschließlich positiv zu bewerten. Die Netzwerkstrukturen, die ein Stadtteil wie Gaarden bietet, sind begrenzt. Kontakte zum Arbeitsmarkt beschränken sich häufig auf das untere Marktsegment. Die räumliche und soziale Abkapselung von sozial besser gestellten Gesellschaftsmitgliedern kann schnell zu einem Käfig werden, der auch nachfolgende Generationen gefangen hält.
Mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes am 1 Januar 2005 definiert sich Deutschland als Einwanderungsland und hat die Integration seiner Zuwanderer zur Pflichtaufgabe des Staates erhoben. In Form des „Nationalen Integrationsplans“ (2006) wurden allgemeine Handlungsempfehlungen an die Kommunen ausgesprochen, die es vor Ort den lokalen Gegebenheiten anzupassen und umzusetzen gilt.
In Kiel arbeitet ein Netzwerk aus Stadtplanern, Sozialpädagogen, Schulen und Vereinen zusammen, um aus diesen Empfehlungen konkrete Maßnahmen zu erstellen. Eine erste Evaluation ihrer Arbeit wurde im Mai 2008 unter dem Titel „Integrationsbericht der Landeshauptstadt Kiel 2007“ veröffentlicht. „Die Bemühung um eine interkulturelle Öffnung und die Wahrnehmung des Integrationsprozesses als Querschnittsaufgabe lassen auf eine zukünftig erfolgreiche Integrationspolitik blicken“, heißt es im Resümee des Integrationsberichtes.
Während Herr Humbaraci sein Werkzeug zusammenpackt, erklärt er, dass er nicht nur türkisches Fernsehen sondern auch deutsches guckt. „Aber nur gucken nützt nichts, wir müssen Leute finden, die mit uns sprechen. Wir haben viel zu sagen, können es aber oft nicht…“.
Weitere Informationen
Kieler Statistiken nach Stadtteilen:
www.kiel.de/Aemter_01_bis_20/04/Statistik/Publikationen/Statist.Ber.192_Kieler_Stadtteile2007.pdf
Kieler Referat für Migration:
www.kiel.de/Aemter_30_bis_52/53/Amtsverzeichnis_53/Referat_fuer_Migration.htm
Handlungsempfehlungen für die Integration von Migrantinnen und Migranten in der Landeshauptstadt Kiel (PDF):
www.kiel.de/Aemter_30_bis_52/53/Migration/Forum/HANDLU1.pdf
IntegrationsCenter Ost:
www.awo-kiel.de/cms/index.php








