Weder Schüler, Student noch erwerbstätig
von Malte Blockhaus
Sie brechen ihre Schulbildung ab, sind nicht unter den Studenten an der Uni zu finden und sind am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt benachteiligt. Auf fast die Hälfte aller männlichen Migranten in Deutschland zwischen 21 und 25 Jahren trifft das zu. Auch in Schleswig-Holstein kennt man dieses Problem. Dr. Cebel Kücükkaraca, Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein, will die Situation verbessern.

- Kämpft für Integration: Dr. Cebel Kücükkaraca
Ein Fünftel aller Deutschen sind Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Viertel aller Einwanderer lebt in städtischen Gebieten mit niedrigem Einkommen. Ein Drittel aller Neugeborenen in Deutschland sind Einwandererkinder. In bestimmten Stadtteilen liegt der Anteil der jungen Migranten in Kindergärten und Schulen bei circa 70 Prozent. Etwa 40 Prozent der jungen männlichen Migranten sind weder Schüler noch Studenten, weder Erwerbstätige noch Zivildienstleistende. Auch in Schleswig Holstein leben viele Migranten. Es sind etwa 350.000 und davon etwa 19.400 in der Landeshauptstadt Kiel. Der überwiegende Anteil von ihnen stammt aus der Türkei (25 Prozent) und ist durchschnittlich zwischen 6 und 25 Jahren alt.
Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein
Dr. Cebel Kücükkaraca kennt sich in Integrationsfragen aus wie kein anderer, ist er doch als Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Schleswig Holstein (TGS-H) maßgeblich am Integrationsprozess der hier im Land lebenden Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt.
Die TGS-H ist ein Migrantenselbsthilfeverein, der landesweit durch diverse Projekte und ein buntes Kulturprogramm an der Integration von Migranten in der hiesigen Gesellschaft arbeitet. Wo Probleme bestehen wird versucht, durch ehrenamtliche Arbeit Lösungen zu finden und die betroffenen Menschen mit einzubeziehen. Durch diverse Projekte, Veranstaltungen und Freizeitaktivitäten bemüht sich die TGS-H besonders intensiv um Jugendliche mit Migrationshintergrund.
„Sie sitzen zwischen zwei Stühlen“
Eines der Hauptprobleme ist laut Dr. Kücükkaraca, dass die Jugendlichen zwischen den Kulturen hin- und hergerissen sind und darunter ihr seelisches Gleichgewicht leidet. „Sie sitzen bekanntermaßen zwischen zwei Stühlen. Sie müssen in der Schule, zu Hause und in ihrer Freizeit die Gelegenheit bekommen, ohne wertende Urteile, über ihre Probleme zu reden, um eine sinnvolle Synthese beider Welten zu finden“. Vor allem Bildungsprobleme behindern diese Menschen. Das beginnt schon in der frühkindlichen Erziehung, wo die Weichen für Sprach- und Entwicklungsverzögerungen gelegt werden.
„Die Jugend ist unser aller Zukunft“
Die Bildungsprobleme von Einwandererkindern bestehen schon sehr lange und viele beteiligte Akteure hatten sich bereits daran gewöhnt, dass gut mehr als ein Drittel aller Migrantenkinder in Deutschland keine ausreichenden Schulabschlüsse bzw. Ausbildungserfolge erzielen. „Damit können wir uns nicht abfinden. Jedem Schüler und jeder Schülerin muss, unabhängig vom ethnischen Hintergrund, die Chance gegeben werden, von einer bestmöglichen Ausbildung zu profitieren. Die Jugend ist unser aller Zukunft und wir müssen dafür sorgen, dass die Jugendlichen selbstständig und selbstbewusst ihre Zukunft gestalten und planen können“, so der Landesvorsitzende.
Integration durch Ausbildung
Die TGS-H hat mehrere erfolgreiche Bildungs- und Ausbildungsprojekte ins Leben gerufen,
welche die Defizite im Schul- und Ausbildungssystem, die vor allem jungen Menschen mit Migrationshintergrund den Erfolg in der Schule und in der Ausbildung verhindern, beheben sollen. Die Jugendlichen gelangen durch intensive, professionelle Betreuung, Motivationsarbeit und Coaching leichter an eine Ausbildung und absolvieren diese mit Erfolg. “Die Projekte der TGS-H setzen dort an, wo bestehende Strukturen versagt haben. Jugendliche werden schon vor Beendigung der Schule in die Projektarbeit einbezogen, damit der Übergang von der Schule in die Ausbildung gelingt. Darüber hinaus werden in Betrieben mit Migranteninhabern Ausbildungsplätze akquiriert und mit den Jugendlichen besetzt“. Die Koordinationsarbeit zwischen den Kammern, Betrieben, Schulen, Eltern und weiteren Organisationen ist bei den Projekten von zentraler Bedeutung.
Jüngste Schlagzeilen machte das AIM-Projekt der TGS-H („Ausbildung und Integration für Migranten“), welches vom Wirtschaftsministerium Schleswig-Holstein aktuell eine Förderung von 81.000 Euro erhält und damit die Fortführung des Projekts sichert. Seit 1998 wurden in den AIM-Beratungsstellen in Kiel, Lübeck und Elmshorn
insgesamt 1086 Jugendliche betreut und davon 561 erfolgreich an ausbildende Betriebe vermittelt. Weiterhin ist es der TGS-H im Rahmen von AIM gelungen, über Betriebsakquise 348 zusätzliche Lehrstellen zu schaffen.
„Endlich Bewegung in der Integrationspolitik“
Die Konzipierung, Planung und Durchführung der Programme und Projekte erfordert unzählige Stunden und die Mitarbeit vieler ehrenamtlicher Mitglieder und Freunde des Vereins. Ohne das Engagement einer ganzen Reihe von Partnern, auch aus der Politik, die an diese Arbeit glauben und die erzielten Erfolge schätzen, wäre das Niveau der jetzigen Projektarbeit nicht erreicht. „Die Integrationsdebatten und politischen Entscheidungen der letzten Jahre haben viel Bewegung in die Einwanderungs- und Integrationspolitik gebracht.“ Wichtig ist Dr. Kücükkaraca dabei stets die Forderung, Einwanderer und ihre Organisationen selbst an politischen Entscheidungsprozessen aktiv zu beteiligen. Selbst wenn nicht alle Beteiligten ganz einer Meinung sind, ist die TGS-H mit einer Politik des Förderns und Forderns einverstanden, sofern die politische Entscheidungsfindung mit der Partizipation der Einwanderer stattfindet. „Es ist unabdingbar, die vielen Integrationsinitiativen zu bündeln, um langfristige Maßnahmen zu ermöglichen, die dauerhafte Verbesserungen und feste Strukturen bei der Integration von Einwanderern herbeisteuern“, so Dr. Kücükkaraca.
„Wenn etwas kaputt ist, muss man es reparieren“
Dr. Kücükkaraca will den jungen Migranten vermitteln, dieses Land als ihre neue Heimat anzuerkennen. „Sie leben und sterben hier. Sie sind ein Teil der Gesellschaft, aber die Gesellschaft erwartet auch etwas von den Migranten. Es ist letztlich auch unser Land, und das müssen wir gemeinsam gestalten. Man kann die Schuld nicht nur im Bildungssystem oder in den gesellschaftlichen Strukturen suchen. Von allein gelingt keine Integration. Alle müssen dazu beitragen. „Wir haben 40 Jahre lang gesehen, dass zu wenig geschehen ist. Wir müssen die jüngst entwickelten Konzepte umsetzen und unsere Gesellschaft von der Notwendigkeit der Integration überzeugen. Es ist doch so, wenn etwas kaputt ist, muss man versuchen es zu reparieren. Aber ich wünschte mir, statt dieser Reparaturarbeit lieber von Null anfangen zu können, die Kinder also schon vor dem Schuleintritt optimal zu unterstützen, damit auch sie die gleichen Chancen bekommen wie alle anderen“.
„Ich will nicht zuschauen, ich will beitragen“
Motivation bekommt Dr. Kücükkaraca auch durch Anerkennung aus der Politik. Wenn er zum Beispiel erneut von Bundespräsident Horst Köhler für sein Engagement ausgezeichnet wird. Aber die meiste Kraft schöpft er aus seiner inneren Haltung. „Ich sehe die Probleme und wo wir uns hinbewegen. Ich will nicht tatenlos zuschauen, sondern mich an der Integration der Migranten aktiv beteiligen. Da ich schon seit 25 Jahren hier lebe, fühle ich mich dieser Aufgabe verpflichtet. Jeder Mensch sollte in dem Land, in dem er lebt, zur Gesellschaft etwas beitragen“.







