Bio-Essen in der Mensa

Glaubensfrage Mittagessen

Von Lisa Körte

In den letzten Jahren ist das Angebot an Bioprodukten stetig gewachsen. Auch in den Mensen der Uni Kiel kann man Bio-Gemüse essen. Aber wie "bio" ist die Mensa wirklich? Hinzu kommt ein Grundproblem für die Mensen des Studentenwerkes und auch für die Studenten: Wer das "Bio-Essen" will, muss tiefer in die Tasche greifen. 
Es steht BIO auf dem Speiseplan

Strahlender Sonnenschein fällt durch die breiten Fenster. Langsam füllt sich der große Saal, in der Küche kommt jedoch noch keine große Hektik auf. Das Team ist gut eingespielt und das Mittagessen größtenteils schon im Voraus zubereitet. Soßen werden aufgewärmt, Pommes Frites gebrutzelt.
Heute lautet das Tagesspezial: Ein halber Meter Currywurst mit Pommes und die ersten Hungrigen beäugen schon interessiert das Angebot. Langsam beginnen die Massen vor der Theke  zu drängeln. An der Wand hält ein kleiner Magnet den Speiseplan an seinem Platz. BIO steht darauf.

Seit fünf Jahren arbeitet das Studentenwerk mit den Hamburger Ökomarkt e.V. zusammen. Der Ökomarkt wurde 1986 von engagierten Verbrauchern und Öko-Landwirten begründet. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht über ökologischen Landbau zu informieren. Sie beraten Erzeuger und Verbraucher, organisieren Kochkurse und Workshops zum Thema gesundes Essen aus nachhaltig schonendem Anbau. Mit ihren Aktionen setzen sie sich auch für ein bewussteres Konsumverhalten ein.

Gemeinsam mit den Kieler Mensen wird jedes Jahr eine Bio-Aktion auf die Beine gestellt. In diesem Jahr konnte man sich an zwei Tagen Bio-Gerichte in den Kieler Mensen schmecken lassen. "Bio für´s Klima" hieß die Aktion. "Bei dem ersten Gericht sind zwei entscheidende Punkte zusammengekommen", bemerkt Kristin Dahl, Zuständige für die Qualitätssicherung in den Mensen. Erstens habe zeitgleich die Vollversammlung der Studenten stattgefunden, weswegen einige Esser ausgeblieben seien, und zweitens habe man sich gehörig im Preis verkalkuliert, so die Lehren aus den anfänglichen Schwierigkeiten der Aktion.

"Wir haben die Gerichte erst kurz vorher geplant und den Preis mit 3,40 Euro viel zu hoch angesetzt", gibt sie zu. Das hat mit Sicherheit einige abgeschreckt und sich auch gleich deutlich in den Verkaufszahlen widergespiegelt. Das Nudelgratin am ersten Tag der Aktion wurde kaum gekauft. Die Kartoffelpuffer für 1,90 Euro gingen da schon um einiges besser weg. Fünfzehn Prozent der verkauften Mahlzeiten machte das Bio-Gericht an diesem Tag aus. Bei insgesamt fünf angebotenen Gerichten ist das ein guter Schnitt.

Schon in den 90er Jahren begann die Mensa Produkte aus biologischem Anbau zu verwenden. Die Mensa II war dabei der Vorreiter. In einem Projekt wurde erstmals ein komplettes Bio-Gericht angeboten, was damals noch einige Schwierigkeiten mit sich brachte. Bio-Qualität war nur über frisches Gemüse zu bekommen. Das war bei den großen Mengen, die in der Mensa gebraucht werden, damals noch schwer zu organisieren und ein Bio-Gericht jede Woche das ganze Jahr über war nicht zu bewerkstelligen. "Wir haben uns deswegen für den Weg der kleinen Schritte entschieden", erzählt Frau Dahl.

Der erste Schritt war es, täglich eine Bio-Komponente zur Auswahl zu stellen. Jeden Mittag kann man sich seitdem in den Kieler Mensen entscheiden, ob man lieber normalen Broccoli oder doch eher Bio-Erbsen essen möchte. Wenn man an dem Tag allerdings keine Erbsen essen möchte, sieht es schlecht aus. "Mittlerweile gibt es Tiefkühlware in Bio-Qualität, das macht die Durchführung natürlich viel einfacher", so Dahl. Einige Lebensmittel wie zum Beispiel die Vollkornnudeln werden in den Mensen nur noch in Bio-Qualität verarbeitet.

Aufgepasst: Hier wird mit Bio-Lebensmitteln hantiert

Bereits seit über einem Jahr wird in der Mensa II einmal in der Woche nun bereits ein vegetarisches Bio-Gericht angeboten. Die Aktion "Bio für´s Klima" ist gleichzeitig auch der Startschuss für das wöchentliche Bio-Gericht in der Mensa I gewesen. Vegetarisch ist es vor allem aus Kostengründen. In allen Mensen des Studentenwerks werden im Jahr zusammen etwa 17.000 Kilogramm Gemüse aus ökologischem Anbau verbraucht. Das klingt erst einmal viel, ist aber auf den Tag umgerechnet verschwindend wenig. 

Nur 65 Kilogramm Bio-Gemüse werden täglich verkocht, der größte Teil davon in der Mensa I und II. Teilt man das Gemüse auf die 2000 Essen auf, die jeden Tag allein in der Mensa II serviert werden, wären es gerade einmal 30 Gramm pro Mahlzeit. Auf alle Mensen verteilt ist es noch weniger.

Seit 2004 wurde Schritt für Schritt in allen Mensen des Studentenwerks Fleisch aus artgerechter Tierhaltung eingeführt. Etwa einmal wöchentlich wird Fleisch des Neuland e.V. angeboten. Die Auflagen, die der Verein an die Tierhaltung stellt, sind teilweise sogar strenger als beim deutschen staatlichen Bio-Siegel. Der Besuch von einem der Neuland-Betriebe hatte die Küchenleitung überzeugt. 2004 geschah es auch, dass dem Studentenwerk als einem der ersten Gastronomiebetriebe in Schleswig-Holstein die BIO-Zertifizierungsurkunde überreicht wurde. Man kann sich also sicher sein. Da wo Bio draufsteht, ist in der Mensa auch wirklich Bio drin. Leider steht das noch nicht auf allzu vielen Dingen.

Aber ist da nicht mehr drin? Wie wäre es denn zum Beispiel mit einem Einheitspreis für alle Gerichte? Zwei Euro für jede Hauptkomponente, um damit mehr Bio für kleineres Geld anbieten zu können. Der Vorschlag stößt bei Frau Dahl nicht auf sehr viel Begeisterung. Sie ist der Meinung: "Ein höherer Preis ist wichtig, um den Stellenwert der  Bio-Produkte zu markieren." Es sei durchaus angemessen, für eine bessere Qualität mehr zu bezahlen. Denn genau dafür steht Bio: gesunde Ernährung, vor allem aber eine hohe Qualität.

Ebenfalls im Mai wurde auch ein Bio-Kochkurs unter dem Motto "Grillen und Chillen mit Bio" angeboten. Die Kochtrainer verwenden Bioprodukte nicht wegen des Images, sondern weil Bio einfach besser schmeckt. Aber es bleibt beim Grundproblem mit der Bio-Qualität in den Mensen: Das knappe Budget lässt es nicht zu, dass Bio-Produkte unter Wert angeboten werden. Gleichzeitig werden viele Studierende durch höhere Preise abgeschreckt.

Ein Favorit bei den Mensaessern

Beim Essen merkt man nicht viel von einem studentischen Idealismus. Umfragen der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät an den Mensen in Kiel haben ergeben, dass "mehr Bio" gar nicht so sehr gefragt ist.
Als der "Bio-Burger" in der Mensa II angeboten wurde, fand er reißende Abnahme. Aber ob das nun am Bio lag oder doch eher am Burger ist nicht klar. Für die "normalen Hamburger" jedenfalls reisen laut Kristin Dahl sogar Esser von außerhalb der Uni an. Pommes und Co. bleiben trotz aller Fitness-Manie ein Renner. "Wir haben festgestellt, dass sich Studenten bei diesen Dingen ganz normal wie alle anderen Konsumenten verhalten", erklärt die Expertin vom Studentenwerk.

Manches Mal würde sie sich mehr positives Feedback wünschen. Als beispielsweise in den Cafeterien der Fair Trade Kaffee eingeführt wurde, kamen einige böse Emails. Studenten beschwerten sich, weil der Kaffee ein paar Cent teurer geworden war. Sind  Studenten so kurzsichtig oder liegt es vielleicht daran, dass viele gar nicht wissen, dass der Kaffee mittlerweile Fair Trade ist? Genauso geht wohl oft genug unter, wann das wöchentliche Bio-Gericht serviert wird. Auf dem kleinen DinA4-Ausdruck des Speiseplans überliest man den Bio-Hinweis auch mal schnell.

Für das Studentenwerk ist vor allem die Nachfrage entscheidend für das Angebot. Dies gilt auch für die Mensen, denn die finanzieren sich in Schleswig-Holstein zu fünfzig Prozent über den Verkauf der Mahlzeiten.  Die restlichen fünfzig Prozent werden von den Studenten über die Semesterbeiträge und durch Zuschüsse vom Land beglichen. In den kommenden Jahren werden diese Zuschüsse weiter gekürzt. Die Landesregierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, ab 2020 den Haushalt ohne eine Neuverschuldung auszugleichen.  Dazu wurde ein straffes Sparpaket geschnürt, das auch das Studentenwerk betrifft. Die Zuschüsse für das Studentenwerk sollen bis 2012 um 900.000 auf zwei Millionen Euro gekürzt werden. Wie mit dem knapperen Budget umgegangen wird, ist dem Studentenwerk selbst überlassen.

"Sparen ist bei uns nicht mehr möglich", da ist sich Kristin Dahl sicher. Im nächsten Jahr werden der Mensa die Gelder um zehn Prozent gekürzt, im darauf folgenden Jahr sind es sogar fünfzehn Prozent. Schon jetzt arbeitet nur ein Mindestmaß an Angestellten in der Mensa, die Anzahl der Mahlzeiten wird so knapp kalkuliert, dass es vorkommen kann, dass vor dem Ende der Mittagspause nichts mehr da ist. Einen Überschuss könne man sich schon lange nicht mehr leisten. Für die Zukunft der Mensa sieht sie nur zwei Möglichkeiten: Preise anheben oder mehr verkaufen. "Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Essen zu sozial verträglichen Preisen anzubieten. Daran halten wir fest", bekräftigt Kritin Dahl den Kurs des Studentenwerkes.

Also soll das Angebot optimiert werden. Regelmäßig werden in Umfragen der Kieler Ernährungswissenschaftler die Wünsche der Mensakunden erfragt. Für das kommende Semester ist deswegen etwas ganz neues geplant. Ein leichtes, ausgewogenes Gericht, das Studenten und Angestellte für einen Nachmittag voller Lernen und Lehren fit macht.

Wer kennt das nicht? Statt gestärkt aus der Mittagspause zu kommen, möchte man am liebsten nur noch schlafen. Der Körper muss erst einmal verdauen. Wie sagt man doch: Plenus venter non studet libenter - Ein voller Bauch studiert nicht gern. Da ist es kein Wunder, dass sich Studenten eine leichte Mahlzeit wünschen, mit der sie besser durch ihr Mittagstief kommen.

Gesund und günstig soll das Mensaessen sein. Dazu würde wohl niemand nein sagen. Die Umsetzung ist alles andere als leicht. Trotzdem bemüht sich die Mensa Schritt für Schritt Günstiges und auch mehr Gesundes anzubieten. Aber solange gegessen wird, was auf den Tisch kommt, bleibt es auch erst einmal beim gewohnten Speiseplan.

Was bedeutet artgerechte Tierhaltung?
Die artgerechte Tierhaltung orientiert sich an den natürlichen Verhaltensweisen der Tiere. Die reine Wirtschaftlichkeit der Haltung rückt in den Hintergrund. Über verschiedene Qualitätssiegel werden wichtige Kriterien der Tierhaltung definiert. Der Neuland e.V. hat strikte Auflagen für seine Betriebe. So dürfen beispielsweise Schweine und Rinder nicht auf Spaltenböden gehalten werden und keine genveränderten Futtermittel oder Tiermehl verwendet werden. Selbst beim deutschen Bio-Siegel ist das teilweise erlaubt.