Nachhaltige Hochschulen

Leuphana - Universität der Zukunft

Von Lisa Körte

An Universitäten werden Akteure der Zukunft ausgebildet. Die Leuphana hat ein Konzept entwickelt, wie sie Nachhaltigkeit lehren kann. Dafür muss sie erst einmal selbst nachhaltig werden. Eine Universität die demonstriert, wie die Kombination von Theorie und Praxis den klimaneutralen Campus schaffen können.
Der Lüneburger Campus lädt zum Verweilen ein

Es ist grün zwischen den großen Backsteinhäusern. Auf der Wiese liegen Studenten und genießen entspannt die Sonne. Ganz in der Nähe sitzt ein junger Mann mit einer Oboe und komponiert ein Stück. Unistress? Davon merkt man nichts. Dabei wird hier nichts Geringeres als die Nachhaltigkeitselite Deutschlands ausgebildet.
Die Leuphana ist blutjung. 2005 fusionierte die Uni Lüneburg mit der Fachhochschule Nordostniedersachsen. In einem einzigartigen Kraftakt wurden diese zwei ungleichen Teile miteinander verschweißt. Man wollte etwas vollkommen Neues erschaffen und sich von der alten Idee einer Universität lösen. Die Hamburger Werbeagentur „Scholz & Friends“, die schon Kampagnen wie „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ entwickelt hatte,  wurde damit beauftragt diesem neuen Gebilde ein Gesicht zu geben. Was dabei entstand, war die Leuphana.

Leuphana - das klingt erst einmal wie ein Mittel aus dem Medizinschrank. Was verbirgt sich hinter diesem Namen? Der griechische Gelehrte Claudius Ptolemaeus schuf im 2. Jahrhundert nach Christus eine umfassende Darstellung der damals bekannten Welt – die Geographiké Hyphégesis. Dort ist er verzeichnet, der geheimnisvolle Ort Leuphana, am Unterlauf der Elbe tief im früheren Germanien. Der Literaturhistoriker Johann Graesse verknüpfte später das Örtchen Leuphana mit der Stadt Lüneburg. Ptolemaeus schrieb sein Werk gut 1000 Jahre vor der Gründung Lüneburgs, die Zweifel einiger Historikerkollegen an dieser Verbindung sind daher vielleicht nicht ganz unbegründet, da auch bekannt ist, dass Ptolemaeus sich an einigen Stellen geirrt hatte. Doch egal ob Lüneburg Leuphana war oder nicht, der Name gibt der jungen Universität eine Geschichte, die sie selbst noch nicht hat.

Der Letzte macht das Licht aus

Wenn man die Website der Leuphana das erste Mal besucht, ist man sich für einen kurzen Moment zunächst nicht sicher, ob man richtig ist.
Auf den ersten Blick scheint man bei einer teuren Privatschule gelandet zu sein. Klare Linien bestimmen das Bild, goldene Lettern suggerieren gleichzeitig einen Hauch von Vergangenheit.

Die Uni präsentiert sich modern, strukturiert und ganz und gar nicht langweilig. College, Graduate School, Professional School – das alles klingt nicht mehr nach einer deutschen Hochschule. Alles schreit förmlich „amerikanische Eliteuni“.
Das ist wohl auch so gewollt.
Gäste wie der Gouverneur von Kalifornien oder der Generalsekretär des Club of Rome lassen die kleine Leuphana internationale Luft schnuppern.
Ist die Leuphana eine Elite-Universität? Schwer zu sagen. Zumindest gehört sie nicht zu den deutschen Universitäten, die im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes gefördert werden. Will sie es sein? Ganz bestimmt. Kann sie es werden? Sie hat auf jeden Fall einiges zu bieten.

Den Studenten wird ein außergewöhnliches Studium geboten. Anstatt wie an anderen Universitäten mit der Bachelorumstellung für jedes Fach einen Bachelor auszuarbeiten, wurde an der Leuphana genau einer eingerichtet. „Unser Bachelor ist kein Grundstudium“, stellt Prof. Dr. Schaltegger, Professor für Nachhaltigkeitsmanagment und Leiter des Centre for Sustainability Management an der Leuphana, klar.

Es wurde nicht der Inhalt eines Diplomstudiengangs genommen und auf Bachelor und Master verteilt.  Hinter dem Leuphana-Bachelor steckt ein vollkommen neues Konzept des Studiums. Der Bachelor beginnt mit einem „Leuphana-Semester“, durch das alle Studierenden gehen, egal wie sie sich später spezialisieren wollen. Außerdem gibt es ein Komplementärstudium neben den gewählten Fächern – nach amerikanischen Vorbild Major und Minor genannt – in dem Dinge verankert sind, die für eine berufsqualifizierende Ausbildung wichtig sind. Dieser Teil des Studiums unterteilt sich in mehrere Bereiche, Perspektiven werden sie genannt. Hier kann man lernen, wie man ein Stück zeitgenössischer Klassik komponieren kann, oder man kann im Seminar „Business & Biodiversity“ Naturschutz aus unternehmerischer Sicht ergründen. Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und interdisziplinäre zu denken ist das Stichwort. In allen Bereichen des Studiums taucht ein Leitgedanke immer wieder auf: Nachhaltigkeit.

Die CO2-Ampel hängt fast in jedem Raum

„Ich finde es immer wieder interessant, wie viele Universitäten Umweltfragen behandeln, aber das dann im eigenen Betrieb kaum umsetzen“, sagt Prof. Schaltegger. An der Leuphana hat man den Worten Taten folgen lassen. Mit der Fusion wurde auch ein Grundsatz für die neu entstandene Universität formuliert: Die Leuphana soll eine humanistische, handlungsorientierte, nachhaltige Universität sein. Durch Bildung und Forschung soll ein Beitrag für eine nachhaltige Gesellschaft von Morgen geleistet werden, wie auch immer diese aussehen mag. Die Leuphana fängt dazu erst einmal bei sich selbst an. Neben dem Studienkonzept, in dem eben diese drei Punkte fest verankert sind, wurde ein weiteres großes Ziel gesetzt. Bis 2012 soll die gesamte Uni klimaneutral sein. Energieverbrauch, Pendelverkehr, Dienstreisen – alles Dinge, die den CO2-Ausstoß einer Uni in die Höhe treiben, alles Dinge, die reduziert und optimiert werden sollen.

Es beginnt mit Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Ausschaltbare Steckerleisten für Studenten und Angestellte, „Licht aus“-Aufkleber auf den Lichtschaltern und viele weitere Projekte. Eine kleine CO2-Ampel hängt in fast jedem Raum der Leuphana und zeigt an, wann wieder gelüftet werden muss. Über regelmäßiges Stoßlüften können die Heizkosten gesenkt werden.

Solche Kleinigkeiten summieren sich schnell, wenn man das Konzept auf eine gesamte Universität ausweitet. In diesem Jahr hat die Leuphana mit der CO2-Ampel nicht nur einen Preis gewonnen, sondern ein Zeichen für Nachhaltigkeitsforschung an einer Universität gesetzt. Die Ampel ist nicht nur eine kleine technische Gerätschaft, die anzeigt, wann man mal wieder die Fenster aufreißen sollte. Dahinter stecken viele Prozesse des Austausches zwischen der Verwaltung, den Lehrenden und Forschenden. Die Universität optimiert ihren Betrieb und stellt dadurch ein ganz neues Forschungsfeld zur Verfügung. „Man kann direkt ausprobieren, was funktioniert und was nicht“, so Prof. Schaltegger.

Heizung aus vorm Lüften!

Natürlich reichen diese Maßnahmen allein nicht aus, um eine Universität klimaneutral zu machen. Auch die Solaranlage auf dem Dach, die zusätzlich noch zu Lehrzwecken genutzt wird, ist nicht genug, um den Energiebedarf dieser kleinen Stadt in der Stadt zu decken. Bisher wurde deswegen der übrige CO2-Ausstoß über die Förderung zertifizierter Klimaschutzprojekte kompensiert. Zum Beispiel wurde ein kleines Wasserkraftwerk in Karnataka in Indien unterstützt. Der Leuphana reicht es aber nicht, sich freizukaufen.

Ein neues Zentralgebäude ist geplant. Beauftragt wurde niemand geringeres als der Stararchitekt Daniel Libeskind. In vielen Sitzungen wurde er immer wieder dazu gebracht, seinen Entwurf abzuändern. Die Klimaschutzbeauftragten haben ihn schließlich davon überzeugt, dass weder wenig Energieverbrauch noch kein Energieverbrauch für das Gebäude ausreichen, sondern nur ein Kraftwerk wirklich der Leuphana gemäß ist. In Zukunft soll das Biogas-Blockheizkraftwerk im Zentralgebäude die Wärme- und Stromversorgung des gesamten Campus übernehmen.

In diesen Zeiten wird immer öfter die Frage gestellt, welche Rolle die Universitäten auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft der Zukunft  übernehmen. An der Leuphana Universität ist man sich sicher. Gemeinsam mit Angestellten und Studenten will man eine der Hauptrollen in Deutschland, in Europa und auch der ganzen Welt spielen. Die Leuphana hat viel zu bieten. Sie hat es nicht nötig, sich an ihren amerikanischen Vorbildern zu orientieren. Vielleicht erkennt sie das, wenn sie etwas älter geworden ist.

Die CO2-Ampel
Im Rahmen des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen“ wird ein Jahr lang jeden Tag eine außerordentliche Idee gekürt. Am 21. Mai wurde der Leuphana ein Preis für ihre CO2-Ampel verliehen. Die kleine Ampel misst, wie hoch der CO2-Gehalt in der Luft ist, und zeigt über grüne, gelbe und rote Lichter an, ob gelüftet werden sollte. Spätestens wenn das rote Lämpchen leuchtet heißt es, Fenster ganz weit aufgemacht, denn nur so funktioniert die Idee, die hinter den Ampeln steckt. Statt stundenlang über gekippte Fenster zu lüften, während im schlimmsten Fall auch noch die Heizung bollert, können über kurzes regelmäßiges Stoßlüften bis zu 20 Prozent Heizenergie eingespart werden. Es spart Geld und stärkt das Bewusstsein für die scheinbar selbstverständlichen Dinge im Uni-Alltag. Das ist Klimaschutz live.