Second Hand mal anders

Von fair getauschten Klamotten und viel Denkstoff

von Jenni Strote

Modekonzerne haben in der Vergangenheit vor allem durch Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht. Da ist die Rede von Ausbeutung, Kinderarbeit, Hungerlöhnen und Gesundheitsgefährdung. GeoZeit hat sich auf die Suche nach alternativen Konsummöglichkeiten gemacht.
Veranstaltungsort: Das Fincan in Berlin-Neukölln*

Es ist kurz nach 16 Uhr. Filip ist auf dem Weg ins Fincan, einem Ort für Jazz und Filmkunst in Berlin-Neukölln. Unter dem Arm trägt er Fingerfood, über dem Arm einen Anzug von Hugo Boss.
Die Hugo Boss AG ist ein Bekleidungshersteller mit Hauptsitz in Baden-Württemberg. Er ist bemüht, Sozialstandards groß zu schreiben. Laut der Kampagne „Aktiv gegen Kinderarbeit“, einem offiziellen Projekt der Weltdekade 2006/07, ist er bisher zumindest frei von Vorwürfen der Kinderarbeit. Andere Großunternehmen der Textilbranche sehen sich dahingegen mit massiven Vorwürfen konfrontiert, die auf intensiven Recherchen bei den Textilarbeitern vor Ort basieren und immer stärker in die Öffentlichkeit gelangen.

Filip, Student anfang 20, ist nicht auf dem Weg zu einem Meeting. Den Boss-Anzug, den er selbst erst vor einigen Jahren aus zweiter Hand erworben hat, wird er heute nicht tragen und auf dem Abendprogramm stehen weder Jazz noch Filmkunst. Nur von den gefüllten Weinblättern weiß man, dass sie heute noch gegessen werden.
Das Fincan besticht durch seine Wohnzimmeratmosphäre. Eigentlich ist es ein gemütliches Café, in dem man bei duftendem Mokka unter großen Lampenschirmen seine Zeitung und Nachmittage genießen kann.

Filmbeiträge und Kurzdokumentationen in Schale geworfen*

Heute ist es anders, das Café ist von einem Wohnzimmer zu einem begehbaren Kleiderschrank geworden. Die hohen Räume des Altbaus sind heute Schauplatz eines regen Treibens. Der DJ, versunken in seine Musik, steht mit einem neuen Schal hinter einem selbstgebauten Mischpult und unterhält die Tauschenden mit Funk und Soul der 70er und 80er Jahre; ganz im Stile des Retrochiques einiger Klamotten. Die bunte Mischung aus Sitzkissen, Polsterstühlen und Holztischen musste den Kleiderstapeln weichen. Sitzgelegenheiten findet man jetzt nur noch am Rand oder vor dem holzumschalten Fernsehgerät, das stille Bilder zeigt.
Jochen, Felix, Anne, Nora, Tine und Rasmus von der fairtauschen.-Initiative laden dazu ein, sich die Kopfhörer aufzusetzen, um zu erfahren, was der Fernseher zu sagen hat. „Wir zeigen Filmbeiträge und Kurzdokumentationen.“ Sie alle erzählen von unfairen, aber auch fairen Produktionsbedingungen für Textilarbeiter im, so nennt es Jochen, „globalen Süden“.
Die fairtauschen.-Inititative wurde von den Sechs gegründet. Sie studieren Internationale Soziale Arbeit und Politikwissenschaft. „Wie haben es uns zum Ziel gemacht, auf Missstände in der Industrie hinzuweisen und alternative Konsummöglichkeiten aufzuzeigen“ erklärt Felix. Im Vordergrund steht Nachhaltigkeit, die durch Wissensvermittlung gewährleistet werden soll.

Eine Kleiderspinne hat Filip den Anzug abgenommen. Sie trägt bereits schwer an den vielen anderen Stücken. Das Konzept der Veranstaltung ist so simpel wie sinnvoll: „Theoretisch kann hier jede und jeder so viel mitnehmen, wie er oder sie möchte, auch wenn man selbst nichts mitbringt“, erklärt Nora und sortiert ein paar der Klamotten. „Man trägt ja teilweise vieles aus seinem Schrank nicht mehr, was anderen aber gefallen könnte“, vermutet sie. „Wir tauschen hier ganz einfach.“ Ohne Marken, nicht im 1:1-Verfahren, dafür aber mit viel Denkstoff zur globalen Textilproduktion.
Im Fincan tummeln sich um 18 Uhr schon etwa 70 Leute. Das Café hat dabei nichts von seiner Gemütlichkeit verloren. Leichte Hintergrundmusik und Gesprächsfetzen begleiten einen durch die Kleidungsstücke und Räume hindurch. „Es waren letztendlich insgesamt etwa 180 tauschbegeisterte Gäste“, berichtet Jochen später. Ein großer Erfolg dafür, dass es sich um eine low-budget-Veranstaltung handelt, die kein Geld für große Werbeaktionen übrig hat.
Jedes der sechs Mitglieder der fairtauschen.-Initiative hat eine Einlage in Höhe von 20 Euro geleistet. Hiervon wurden Flyer, Broschüren und Plakate gedruckt, sowie Kleiderspinne und zahlreiche Kleiderbügel erstanden. „Die Veranstaltung soll so kostengünstig, wie möglich gestaltet werden“, sagt Felix und ergänzt: „Für uns hat sich der Kostenaufwand auf rund 150 Euro belaufen.“ Das Fincan unterstützt die Initiative der sechs Studierenden, Miete müssen sie an diesem Abend nicht zahlen.

Rund 180 Tauschbegeisterte an einem Abend*

An den Wänden hängen Plakate. Selbstgemacht dienen auch sie dem low-budget-Prinzip. Eines zeigt die Reise einer Jeans. „Vom Baumwollanbau bis zur fertigen Hose soll man genau verfolgen können, welche Stationen sie durchläuft, in welchen Ländern sie war und durch welche Hände sie ging, bevor sie auf einem der unzähligen Verkaufstische des globalen Nordens landet“ schildert Nora und deutet auf ein weiteres Plakat, es zeigt ein aus Jeansstoff hergestelltes Diagramm. „Hier sieht man, dass tatsächlich nur ein Prozent auf die Lohnkosten und ganze 50 Prozent auf den Einzelhandel entfallen.“ Es geht darum, wie sich der Preis einer Jeans tatsächlich zusammensetzt.
Die Aufbereitung der Informationen rund um die Güterproduktion soll möglichst eingängig sein, so die fairtauschen.-Initiative. Die Leute sollen allein beim Vorübergehen genau erkennen können, worum es auf den Plakaten geht. „Sie sollen so viel wie möglich mitnehmen und das nicht nur in Form von Kleidungsstücken“, sagt Nora. Auch Lese- und Denkstoff soll sie später nach Hause begleiten.
Ein neues Kleidungsstück hat Filip noch nicht ertauscht. Lediglich ein Stück Kuchen hat den Besitzer gewechselt. Es wurde jedoch nicht getauscht, sondern zum selbstgewählten Preis erstanden. Das gespendete Essen soll, zusammen mit der Möglichkeit, seine neue Klamotte direkt vor Ort bedrucken zu lassen, den Eigenaufwand der fairtauscher decken.
Wer möchte, kann sich ein Motiv aussuchen und es via Siebdruckverfahren auf sein getauschtes Kleidungsstück drucken lassen, um dem fairen Tauschen auch außerhalb der Wände des Fincan Ausdruck zu verleihen. Der Preis liegt je nach eigenem Budget bei 50 Cent bis zu drei Euro.

Siebdruck: verleiht fair Getauschtem Ausdruck*

„Das Konzept ist aufgegangen“, sagt Felix später. Die 150 Euro Kostenaufwand wurden durch Kuchen und Siebdruck komplett gedeckt. Doch viel wichtiger scheint den sechs fairtauschern der Hinweis auf die Liste des Emailverteilers zu sein: „Alleine heute Abend haben sich schon 50 Tauschinteressierte eingetragen“, zählt Jochen.
Dass das Interesse groß ist und stetig wächst lässt sich zusätzlich auch an der Gästezahl bemessen. Beim ersten Kleidertausch von fairtauschen. kamen etwa 100 Leute, beim zweiten schon rund 180. „Woher die Leute von unserem Kleidertausch wissen, können wir nicht genau sagen. Wir haben zwar viel Mund-zu-Mund-Propaganda betrieben“, lächelt Felix. „Eine ganz genaue Evaluation stand bisher aber nicht im Fokus.“  
Dass ein weiterer Kleidertausch stattfinden soll, steht für die fairtauschen.-Initiative fest. „Wir peilen die letzte Aprilwoche 2011 an, ein genaues Datum gibt’s aber noch nicht“, sagt Jochen und hofft, dass sie es schaffen etwa zweimal jährlich interessierte Leute zum Tauschen einzuladen. Dass Jochen und seine fünf Mitstreiter ein langfristiges Projekt planen, zeigt sich nicht nur an dem Willen, weitere Kleidertauschveranstaltungen zu organisieren, sondern auch daran, dass zur Zeit an einem eigenen Logo gearbeitet und ihr Blog weiter ausgebaut wird.
Die Zukunft ihrer Projekte soll sich jedoch nicht nur mit den Missständen in der Textilindustrie beschäftigen. „Wie planen zusätzlich noch andere Konzepte, die sich mit den generellen Konsumauswirkungen des globalen Nordens befassen“ sagt Felix und betont: „wir gehen davon aus, dass Lebensbedingungen für Arbeiter im globalen Süden nur verbessert und Ungerechtigkeit nur gemindert werden kann, wenn über die Auswirkungen des Konsums aufgeklärt und zu einem bewussteren, ökologischen und sozialverträglicheren Handeln aufgefordert wird.“

Die Ziele der fairtauschen.-Initiative sind klar geworden. Die Plakate, die Filmbeiträge und der Tausch stehen für alternative Konsummöglichkeiten. Die 180 Gäste spiegeln das große Interesse an diesen Alternativen wider. Die Tatsache, dass Filips Boss-Anzug, für den er in seinem momentanen Leben keine Gelegenheiten sieht, in den Händen eines neuen Besitzers liegt, steht dafür, dass das Konzept funktioniert. „Ich weiß zwar noch nicht, wofür ich den gebrauchen kann“ schmunzelt Jan „aber er passt, wie angegossen.“
Mit einer fair getauschten Mütze und viel Denkstoff darunter geht der Abend für Filip zu Ende. Auf die letzte Frage, was mit den Klamotten, die keiner mitnimmt passiert, sagt Nora: „Naja, jetzt verpacken wir sie erst mal und stellen sie unter.“ Zuversichtlich und froh ergänzt sie: „das neue Jahr steht ja schon vor der Tür und damit auch weitere Kleidertausch-Veranstaltungen.“

 

*Bilder zur Verfügung gestellt von der fairtauschen.-Initiative

Links

Blog der fairtauschen.-Initiative:
http://fairtauschen.wordpress.com

Seit Januar gibt es einen Klamottentauschladen im ehemaligen Lessingbad in Kiel:
http://kielerktl.blogsport.de/

Für weitere Hinweise auf Tausch-Veranstaltungen:
http://www.klamottentausch.net/