Couchsurfing
Zum Nulltraif im Urlaub übernachten - GeoZeit erklärt, wie es geht
von Jesko Mühlenberend
Von Ankara bis Zürich, Kiel oder Kapstadt - mit Couchsurfing ist man nirgends allein. Über 1,5 Millionen Mitglieder aus allen Ländern der Erde zählt nach eigenen Angaben die Gemeinschaft derer, die sich gegenseitig im Internet Schlafgelegenheiten anbieten. Doch wie funktioniert das System und wer macht mit?

- Malte erhält Unterstützung beim Trampen
Malte, Geographiestudent im ersten Semester, ist einer von ihnen. Als er nach dem Abitur günstig reisen will, meldet er sich beim Hospitality Club, dem zweitgrößten der sogenannten Online-Gastgeberdienste an. Er beschließt Italien zu entdecken und reist nach Bologna. Kurze Zeit später steht er mit hundert anderen Menschen auf einem der größten Plätze Bolognas und singt das alte Partisanenlied „Bella Ciao“. Eigentlich wollte sein Gastgeber ihm nur die Stadt zeigen, doch dann überredet dieser alle Anwesenden mit dem Lied gegen die Politik der Regierung zu demonstrieren. „Das war ein prägendes Erlebnis. Danach wusste ich, dass Couchsurfen das richtige für mich ist“, erzählt Malte.
Das größte Portal um einen Schlafplatz zu finden oder anzubieten ist couchsurfing.org. Die non-Profit Organisation besteht bereits seit 1999 und zählt aktuell 1.554.000 Mitglieder. Gegründet wurde sie von dem US-Amerikaner Casey Fenton. Als er Ende der 1990er Jahre einen Flug nach Island bucht, möchte er seine Nacht nicht in einem anonymen Hotel verbringen. Er schreibt kurzerhand eine Massenmail an 1.500 Studenten der Universität Reykjavik und fragt ob er auf ihrer Couch schlafen kann. Mehr als 50 Studenten erklären sich bereit ihn aufzunehmen.
Begeistert von der eigenen Idee beschließt Fenton die Internetseite couchsurfing.org aufzubauen und begründet damit eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Die Community der Couchsurfer lebt von gegenseitigem Geben und Nehmen. Man ist nicht nur Gastgeber (Host) sondern auch Gast (Surfer), stellt Fremden die eigene Couch zur Verfügung und weiß im Gegenzug, dass man selber in einer fremden Stadt kostenfrei übernachten kann.

- Malte als Backpacker in Italien
Nicht nur in Deutschland, Dänemark oder der Schweiz hat Malte so eine Bleibe gefunden, auch exotischere Ziele wie Guatemala, Ecuador und Costa Rica hat er bereist. Dabei geht es ihm nicht nur darum das Geld für ein Hostel zu sparen. "Umsonst zu Wohnen ist okay, interessant wird es aber erst durch die Menschen. Du weißt nie, wen du kennenlernst." Damit meint Malte Menschen wie den Diplomatensohn, der ihn in München aufnimmt und ihn kurzerhand weiter nach Budapest fährt. Natürlich umsonst. "Viele passen halt auch nicht in das eigene Schema". Ganz im Gegensatz zu dem professionellen Bergsteiger in Budapest, der ihn und andere Couchsurfer in seiner riesigen Jurte aufnimmt. Ein Drittel seiner Freunde und Bekannten hat Malte, der gerne couchsurfen und per-Anhalter-Fahren kombiniert, so kennengelernt.
Selbst Couchsurfer zu werden, ist relativ einfach. Nach der kostenlosen Anmeldung auf der Internetseite erstellt der Nutzer ein Profil mit persönlichen Informationen und lädt ein Foto hoch. Das Verlassen der Anonymität hilft anderen Nutzern, mehr über den potentiellen Gastgeber oder Gast zu erfahren. Um bei einem anderen Mitglied zu übernachten schickt man diesem eine möglichst überzeugende Anfrage.
Dabei macht einen die Internetseite immer wieder darauf aufmerksam, dass eine größere Fülle an persönlichen Informationen die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Übernachtungsmöglichkeit erhöht. Wer selbst als Gastgeber fungieren möchte kann wählen, ob er "auf jeden Fall" oder nur "vielleicht" seine Couch zur Verfügung stellt. Wer keine Übernachtungsmöglichkeit bereitstellen kann oder will, hat die Möglichkeit, andere Mitglieder lediglich "auf ein Getränk" zu treffen.

- Juliana freut sich auf Couchsurfer aus aller Welt
Seit 2008 ist Juliana aus Lübeck, Geowissenschaftlerin im ersten Semester, Mitglied. Sie zieht es nach dem Abitur zum Arbeiten und Reisen nach Neuseeland. Als sie in einer Zeitschrift über couchsurfing liest, ist sie sofort begeistert von der auf Gegenseitigkeit beruhenden Idee. "Man lernt nicht nur viele Einheimische kennen, sondern setzt sich auch mit dem eigenen Land und der eigenen Mentalität auseinander."Um bei ihrer Reise durch Neuseeland ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verpackt Juliana Kiwis oder arbeitet auf einer Farm. „Am besten hat mir dir Arbeit auf einem Reitbetrieb gefallen. Ich wurde herzlich aufgenommen und fand schnell Anschluss an die Familie.“
Die neuseeländische Art hat Juliana dabei schnell schätzen gelernt. „Die Mentalität ähnelt der Englischen. Die Menschen sind insgesamt entspannter als in Deutschland und verfügen über viel Selbstironie.“ Sobald wie möglich möchte Juliana zurück nach Neuseeland oder Australien, um die Unterschiede zwischen den beiden Ländern zu entdecken. Während sie in Neuseeland unterwegs ist, nutzt sie couchsurfing zum Übernachten und macht durchweg positive Erfahrungen. „Mittlerweile ist es zu einer Art Hobby geworden. Ich freue mich immer, wenn ich etwas zurückgeben kann."
Damit der Aufenthalt für Gast und Gastgeber zufriedenstellend verläuft gilt es einige Regeln einzuhalten. „Ein kleines Mitbringsel und etwas Hilfe im Haushalt machen sich immer gut“, weiß Malte zu berichten. „Man sollte sich nicht verstellen und auf den Host Rücksicht nehmen. Viele sind berufstätig und müssen früh raus. Man ist mehr Mitbewohner als Gast.“ Mit Glück besteht aber immer die Möglichkeit, dass der Gastgeber Zeit und Lust hat, dem Besuch seine Stadt zu zeigen.
Verläuft ein Aufenthalt für beide Seiten positiv, besteht die Möglichkeit, für den anderen zu bürgen, „vouchen“ heißt das im Couchsurfingnetzwerk. Dadurch erfahren die anderen Mitglieder, dass der Couchsurfer vertrauenswürdig ist. Meist sind die Bewertungen gegenseitig positiv und geben einen Überblick über die gemeinsam unternommen Tatigkeiten. „Am besten man kommt ohne Erwartungen“, rät Juliana. „Alles was noch dazukommt sollte man als positives Extra sehen.“ Bedenken um ihre eigene Sicherheit haben weder Malte noch Juliana. „Warum sollte ich wegen 0,1 Prozent Risiko 99,9 Prozent sausen lassen?“, fragt Malte.
Um das System sicherer zu machen, besteht die Möglichkeit sich freiwillig „verifizieren“ zu lassen. Darunter versteht man den Abgleich des Namens und, je nach Stufe, auch der Adresse mit der realen Welt. Profilen mit Fantasienamen und erschwindelten Adressen soll so den Garaus gemacht werden. Nachdem man seine Adresse angegeben hat, wird um eine Spende von mindestens 21,34 US Dollar per Kreditkarte gebeten. Nach Aussage der Betreiber sei der Betrag notwendig, um die laufenden Kosten zu decken. Über die Kreditkartenfirma werde die Identität abgeglichen.
Laut eigenem Ein- und Ausgabennachweis entstehen so im Jahr 2008 immerhin Einnahmen von 780.000 US Dollar. Die Kritik aus verschiedenen Internetforen richtet sich auch gegen den Umgang mit den persönlichen Daten der Mitglieder. In den allgemeinen Geschäftsbedingungen wird unter anderem festgehalten, dass jeglicher Inhalt der Profile genutzt, geändert, reproduziert und weltweit durch den Betreiber vertrieben werden darf.
Trotz aller Kritik scheint der Trend zum couchsurfen jedoch ungebrochen. Während sich 2004 im Schnitt 120 neue Mitglieder pro Woche anmelden sind es 2009 bereits über 13.000.







