Konsumkritik gegen Werbung und Kommerz
Lebenszeichen aus dem Sumpf
von Constantin Koch
Hier könnte ihre Werbung stehen. Ob beim Schlendern durch die Stadt, auf dem Weg zur Uni im Bus, oder beim Surfen im Internet. Werbung ist ein fester Bestandteil unseres Lebens. Sie ist zur Selbstverständlichkeit im Alltag geworden. Genau darin sieht Peter Marwitz große Gefahren für uns alle. Dafür will der Kieler nun ein Bewusstsein schaffen.

- Will nicht mit seinem Gesicht werben: Peter Marwitz.
Die Sonne über Kiel geht zögerlich auf. Ein rauer Wind weht. Es ist ein kalter Herbstmorgen in der Landeshauptstadt. Die Straßen sind wie ausgestorben. Ein unscheinbarer Mann kommt aus einem Hauseingang. Um seine Schultern trägt er eine große Umhängetasche. Er läuft von Briefkasten zu Briefkasten und platziert dort Reklame bekannter Discounter. Jeder Haushalt erhält ein Exemplar. Geld verlangt er dafür allerdings nicht. Dennoch sieht er nicht unzufrieden aus. Im Gegenteil, er lächelt. Erst bei genauerer Betrachtung der Werbeprospekte wird deutlich warum. Er leistet Widerstand. Nicht mit dem Verbreitung von Werbung, sondern mit „Anti-Werbung“. Er ist kein Prospektverteiler. Er ist Culture Jammer. „Mich stört es einfach ungemein, wenn Firmen sich total daneben benehmen, sich aber gleichzeitig als große Heilsbringer darstellen“, erklärt der selbstständige Webdesigner und Buchlayouter Peter Marwitz sichtlich verärgert. Er öffnet die Balkontür seines Arbeitszimmers, um frische Luft herein-zulassen. Soeben ist er auf die neue Imagekampagne einer bekannten Fastfood-Kette aufmerksam geworden. Diese wirbt nun mit ihrem sozialem Engagement und einer umweltverträglichen Unternehmensphilosophie. Wenige Wochen zuvor wurde zum wiederholten Male Kritik an einer zerstörerischen Firmenpolitik laut.

- Logos und Markennamen begegnen uns an fast jedem Ort.
In den Augen des 43jährigen Kielers läuft vieles schief in Wirtschaft, Ökologie, Politik und Gesellschaft. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Für ein paar Atemzüge betritt er den Balkon seiner Wohnung im 3. Stock und blickt nachdenklich in Richtung der unweit entfernten Einkaufspassage. In der linken Hand hält er eine lokale Tageszeitung und wirft einen flüchtigen Blick hinein. Werbung, Marketingmaßnahmen, kommerzielle Interessen, wohin das Auge schaut. Für Marwitz mehr als störende Begleiterscheinungen im Alltag. Vielmehr sieht er darin einen folgenschweren Eingriff in unsere Gesellschaft. Mit Blick auf die „unsichtbaren“ Werbefolgen argumentiert er am Beispiel der Modeindustrie: „Unerreichbare Schönheitsideale werden produziert, latente Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Leben geschürt und Kaufen, als Weg zum Glück propagiert.“ Dem zu entgehen scheint sich allerdings zunehmend schwieriger zu gestalten. Aus Sicht des Webdesigners sei eine klare Trennung von redaktionellen Informationen und Werbemaßnahmen in den Medien immer seltener vorzufinden. Mit einer Mischung aus Besorgnis und Wut über diesen Zustand stellt Marwitz beim Verlassen des Balkons klar: „Für mich ist das eine Entwicklung, die letztlich eine erhebliche Beeinträchtigung von Meinungsfreiheit und Demokratie zur Folge hat.“
Für ihn sind die Menschen in einem schleichenden Prozess zu passiven Empfängern von Botschaften geworden. Vom selbstbestimmten Bürger hin zum trägen Konsumenten. „Maßgeblichen Anteil daran hat eine zunehmende Konzentration von Marktmacht in den Händen weniger Konzerne“, legt der studierte Diplom-Kaufmann seine Sichtweise dar. Ein bedrohlich wirkendes Szenario, in dem der Einzelne machtlos erscheint. Doch immer mehr Menschen weltweit fordern ein Umdenken und wenden sich einer Gegenbewegung zu.
Der Begriff „Culture Jamming“ ist hierzulande bislang kaum jemandem geläufig. Wenige haben eine Vorstellung davon, was sich dahinter verbergen könnte. Die konsumkritische Bewegung richtet sich gegen eine wachsende Einflussnahme von Kommerz, Konzernen und ihrer überhand nehmenden Werbung im täglichen Leben. Culture Jammer lehnen es ab in einer Kultur zu leben, die primär auf den Konsum von Waren ausgerichtet ist. Die Bürger sollen beginnen zu hinterfragen, wer und was ihre Lebensweise tagtäglich beeinflusst.

- Widerstand beginnt an der eigenen Haustür.
„Viele Leute zerbrechen sich alle vier Jahre den Kopf darüber was sie wählen sollen, gehen dann aber in den Supermarkt und unterstützen mit ihrem Geld täglich Dinge, die sie nie wählen würden, wenn sie auf einem Wahlzettel stünden“, veranschaulicht Peter Marwitz die Bedeutung des Konsumverhaltens. In der Küche befreit er währenddessen einen Stuhl von einem Einkaufskorb, der mit Obst und Gemüse gefüllt ist. Auf den wöchentlichen Gang zum nahegelegenen Discounter verzichtet er mittlerweile. Seine Einkäufe erledigt Marwitz vornehmlich in Bio-Märkten oder auf dem Wochenmarkt in der Stadt. „Warum soll ich eine Firma, die mich anlügt, mit meinem Geld unterstützen?“, fragt er rhetorisch und verweist dabei auf zahlreiche Fälle von „Greenwashing“ großer Konzerne. Beim Kauf von Zeitschriften achtet er daher darauf, dass diese nicht durch Werbung finanziert werden. Private TV-Sender werden ebenfalls boykottiert vom Konsumkritiker, der sich selber nur ungern so bezeichnet. Die Zuschreibung zu Rollen wie „Umweltschützer“ oder „Globalisierungsgegner“ lehnt er ebenso ab, wie die Zuordnung zu bestimmten politischen Lagern. „Ich versuche einfach, bei dem was ich kaufe und tue, zu sehen, welche negativen Auswirkungen es haben kann“, schildert Peter Marwitz seine Verhaltensweise im Alltag pragmatisch und muss schmunzeln, als er im Augenwinkel große Kartons von Elektrogeräten bemerkt. „Die sind noch aus meinem alten Leben“, scherzt er beim Gang ins Arbeitszimmer.

- Gelegentlich landen auch regionale Themen im „Konsumpf“.
Vom heimischen Büro aus betreibt der Webdesigner seit Oktober 2008 den Blog „Konsumpf“. Eine mittlerweile recht umfangreiche Informationsplattform im Internet. „Ich will einfach nicht die Firmen und Marketingagenturen mit ihrem Scheiß durchkommen lassen“, bringt der 43jährige seine Intention dahinter klar zum Ausdruck, während er seinen Computer hochfährt. Im Blog kommuniziert Peter Marwitz fast täglich ein breites Spektrum an konsum-kritischen und gesellschaftsrelevanten Themen. Er wolle den Besuchern der Seite vor allem die Dinge vor Augen führen, die in den Massenmedien verharmlost, verschwiegen oder ignoriert würden. Mal ernst, mal humorvoll verfasst er kurze und kritische Beiträge, die zum Nach- und Umdenken anregen sollen. „Ich möchte damit meinen Beitrag dazu leisten, ein Bewusstsein zu schaffen, dass man mit seinem Geld jeden Tag entscheidet, in welcher Welt man eigentlich leben will“, schildert Marwitz sein größtes Anliegen bei diesem Projekt. Mittlerweile erreicht die Plattform einige tausend Seitenaufrufe täglich. Anders als die meisten Webseiten verzichtet der „Konsumpf“ vollständig auf Werbeeinblendungen. Alles andere sei wohl auch ausgesprochen unglaubwürdig, gibt der Blogger scherzhaft zu bedenken und öffnet seine Homepage im Browserfenster.

- "Adbuster" setzen auf Konfrontation.
Bereits auf der Startseite des „Forum für kreative Konsumkritik“ wird der Betrachter mit Beispielen für „Adbusting“ konfrontiert. Es ist die praktische Umsetzung des Culture-Jamming-Gedankens. Dabei werden Werbe-botschaften von Produktanzeigen, Logos oder Wahlplakate gezielt umgestaltet. Enthaltene Botschaften oder Konzernnamen werden parodiert und teilweise umgekehrt. Ein neuer Sinninhalt entsteht. So wird „Shell“ zu „hell“, oder „bp“ zu „bpissed“. Die Werbeindustrie soll mit ihren eigenen Mitteln untergraben und demaskiert werden. Ziel ist es, den Betrachter zu verwirren, ihn wach zu rütteln. Er soll anfangen darüber nachzudenken, wie ihn Werbebotschaften tagtäglich belügen und Konzerne daraus Profit schlagen. Im Internet dienen Soziale Netzwerke der Verbreitung von Kurzvideos und neu gestalteter Reklame. Ganze Werbe-kampagnen werden in eigens hergestellten Clips imitiert und in neuem Licht dargestellt. Außerhalb des Cyberspace werden Inhalte überklebt, bemalt oder in anderer Form verändert. Ein Trend, der mittlerweile auch vereinzelt in Kiel zu beobachten ist. Potenzielle Angriffsflächen scheinen dabei im Übermaß vorhanden zu sein. „Öffentlicher Raum wird immer mehr, immer unverhohlener von Konzernen und Markenfetischen beansprucht“, klagt Marwitz in seinem Blog an. Ob im Internet, oder im öffentlichen Raum. Adbusting ist nicht zuletzt als eine Form des Widerstands gegen diese Besetzung durch Industrie und Kommerz zu verstehen.
Auch die anfänglich erwähnten Werbezettel von Discountern wurden von unbekannten Culture Jammern „gebusted“. Die üblichen Produktinformationen wurden entfernt. Stattdessen haben „Adbuster“ Hinweise auf Produktionsbedingungen und dessen negative Auswirkungen platziert. Die Werbung wurde zur „Anti-Werbung“ umfunktioniert. Einige der Empfänger werden beim Lesen mit bis dahin unbekannten Informationen konfrontiert worden sein. Möglicherweise hat es sie sogar zum Umdenken bewegt. Andere werden diesen Versuch der „Aufklärungsarbeit“ gar nicht erst als solches wahrgenommen haben. Die vermeintliche Reklame wird ungelesen dort deponiert worden sein, wo Werbung aus Sicht von Culture Jammern wie Peter Marwitz eigentlich auch hingehört – im Mülleimer.
Infobox: Culture Jamming

- "shop less - live more".
Culture Jamming versteht sich als eine subversive kulturelle Praxis. Die zunehmende Einflussnahme mächtiger Konzerne im Alltag soll gestoppt und letztlich gebrochen werden. Die Zielvorstellung ist der Wandel. Von einer auf Konsum basierenden Kultur, hin zu einer selbstbestimmten Lebensweise. Die Ursprünge des Begriffs liegen in den USA der 80er Jahre. Größere Bekanntheit erlangte er jedoch erst durch Kalle Lasn, in Kanada. Lasn, 70, gilt als Gallionsfigur der Bewegung. Er gründete das „Adbusters Magazine“ und ver- öffentlichte 1999 das Buch „Culture Jamming“. Darin beschreibt der aus Estland stammende Kanadier: „Kultur entsteht nicht mehr von unten nach oben, durch die Menschen – sie wird uns von oben nach unten zugeführt“. Um dem entgegen zu wirken zeigt er eine Vielzahl von konkreten Möglichkeiten auf. Eine davon ist der „Buy Nothing Day“. Ein konsumkritischer Aktionstag, an dem zu einem 24-stündigen Konsumverzicht aufgerufen wird. Erstmals 1992 in den USA organisiert, findet die Protestaktion mittlerweile in etwa 45 Ländern weltweit statt.
Die deutsche Übersetzung von Lasns Buch erschien 2006 als „Culture Jamming – Das Manifest der Anti-Werbung“. „Ein moderner Klassiker und Standartliteratur, die jeder gelesen haben sollte“, urteilt Peter Marwitz. Nach dem Lesen der Lektüre hat bei ihm ein Umdenken eingesetzt. Die eigenen Konsumgewohnheiten wurden hinterfragt und gezielt verändert. Um die neu gewonnen Sichtweisen und Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln zu können, entstand der Blog „Konsumpf“.
Weitere Informationen
* Adbusters Magazine www.adbusters.org/magazine
* Konsumpf – Forum für kreative Konsumkritik konsumpf.de
* Video: Adbusting (ZDF.Kultur) kultur.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,8335952,00.html
* Video: Coca Cola Adbusting www.youtube.com/watch
* Video: Culture Jam – Documentary video.google.com/videoplay
* Video: Werben gegen Werbung (ARD) www.youtube.com/watch







