Zu Besuch bei Occupy Kiel
Im Banken-Bermudadreieck
von Juri Klusak
Seit Ende Oktober wird ausgeharrt am Kleinen Kiel. Nachdem die Occupy-Wallstreet-Welle an norddeutsche Küsten gebrandet ist, geben auch Kieler Bürgerinnen und Bürger den Protesten gegen das bestehende Finanzsystem ein Gesicht. Julia ist von Anfang an dabei. Doch was bewegt sie, trotz Minusgraden die Stellung zu halten? GeoZeit besuchte die Okkupanten und stellte fest: für Schlaflosigkeit sorgt nicht nur der Bodenfrost.
Grade hat es aufgehört zu regnen. Ich bin froh, dem stickigen Bus zu entkommen, noch nass vom Einsteigen, dass keine zehn Minuten her ist. Die Haltestelle heißt Lorentzendamm, auf dem Rasen davor steht ein Lager von kleinen, bunten Kuppelzelten, gruppiert um zwei riesige NVA-Truppenzelte. Auf dem Grün liegen alte Fernseher. „WENIGER DENKEN MEHR KAUFEN“ ist auf einer Mattscheibe zu lesen. Der grell rot-gelbe Anti-Atomwimpel flattert vor den Zelten. „Würden die Menschen das GELDSYSTEM verstehen, hätten wir eine R3VoJUTION vor morgen früh!“ proklamiert ein anderes Schild.
Am 22. Oktober standen die ersten Zelte des Occupy-Camps. In den nächsten Wochen wuchs das Lager, von der Stadt geduldet, rasch an. Hauptkritikpunkt ist die Verwendung von Steuergeldern zur Rettung von Banken – wie der HSH-Nordbank, die sich in Sichtweite des Camps befindet. Auf Grund der Lage zwischen dieser und den Kieler Hauptfilialen der Deutschen Bank und Förde-Sparkasse, wird die kleine Rasenfläche im Volksmund nun „Banken-Bermudadreieck“ genannt.
Auf dem Weg zum vorderen NVA-Zelt beginne ich zu zweifeln. Kalt ist es hier schon jetzt, dort drinnen wird es bestimmt nicht wärmer sein. Vielleicht regnet es rein. Unter der Palette, die auf dem Boden zwischen Bürgersteig und Hauptzelt liegt, spritzt beim Auftreten schmatzend der Schlamm hervor. Doch mit dem Schritt durch den Eingang sind die Zweifel passé: in dem Zelt ist ein komplettes Wohnzimmer aufgebaut. Gemütliche Sofas säumen die Wände, ein Bücherregal steht neben dem Eingang – gelesen werden unter anderem Juli Zeh und Bernd Senf. Die Mitte des Raumes füllen einige Tische mit Kerzen und ein Holzmast. Er hält nicht nur das Dach des Zeltes, sondern auch eine Tafel: Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – das Recht auf einen angemessenen Lebensstandart. Direkt dahinter hängt ein roter Feuerlöscher.
Hinter dem Zelt schließt direkt das nächste an. Warme Luft schlägt mir beim Öffnen der Tür entgegen. Sie gibt den Blick frei auf einen weiteren Wohnraum, eingerichtet mit Büro- und Küchenzeile. Der Kühlschrank ist fast komplett unter Briefen und Postkarten verschwunden und das Papierchaos auf dem Schreibtisch macht einen geschäftigen Eindruck. Ein Gasstrahler verrichtet knackend seine Arbeit neben einem runden Tisch mit Sitzgelegenheiten. In der Wärme sitzen einige Okkupanten, eine von ihnen ist Julia.
- Stadtindianer im Tipi: Julia
Hergeführt hat mich die Frage, warum diese Menschen hier sind und Julia will sie mir beantworten. Blaue Augen schauen nachdenklich unter der kurzen, blonden Mähne hervor, die 42 Jahre sieht man ihr nicht an. Seit das Camp besteht ist sie hier, mal mehr, mal weniger. Occupy Kiel ist eine offene Gemeinschaft. Jeder kommt und geht, wie er möchte. Entscheidungen werden von den Anwesenden getroffen, wenn möglich im Konsens. Es ist immer jemand da, tagsüber als Ansprechpartner und nachts, weil die Partymeile der Bergstraße so nahe liegt. Schon öfter haben Betrunkene Fahrräder im See versenkt oder Heringe gezogen.
Julia ist gerade in ein Gespräch vertieft, also setze ich mich in das vordere Zelt und warte. Viel Platz gibt es hier, um die wöchentlichen Plena abzuhalten. Eine Wandtafel dient als Terminkalender: Montags wird Infomaterial erarbeitet, Sonntagabends ist öffentliches Plenum. Die Kieler Okkupanten beschäftigen sich nicht nur mit dem Finanzsystem, sie sind auch Anlaufstelle und Forum für andere Protestbewegungen. Viele der regelmäßigen Campbesucher sind für den Schutz von Kieler Schrebergärten aktiv, die dem Neubau eines Möbelhauses weichen sollen.
Einige Gäste betreten das Zelt, ein Besetzer kommt hinzu. Bald wird rege diskutiert. Nils, 40 Jahre alt, ist einer der Besucher. Er hat eindeutige Ansprüche an das Camp. „Ich erwarte, wenn ich hier so ein Zelt sehe, dass mal mehr Ideen vorgeschlagen werden – wie kann man das System verbessern?“ Ihm gegenüber sitzt ein Okkupant, der darauf nicht so recht zu antworten weiß. Um Mitbestimmung ginge es, da sollte man anfangen um die Situation zu verbessern. Nils reicht das nicht aus. Er braucht eine konkrete Antwort, sucht die direkte Lösung. Auch in den nächsten 20 Minuten lässt sie sich nicht finden.
Inzwischen ist Julia hinzugekommen, bemüht sich, Fragen zu beantworten. Sie empfiehlt einige Bücher und ermuntert die Besucher, sich eingehender zu informieren. Nach einer knappen Stunde Gespräch ist Nils ein wenig enttäuscht. Er hatte gehofft, die Lösung finanzieller Ungerechtigkeit zu finden. „Andererseits,“ gibt er etwas verlegen zu bedenken, „ist ja auch klar. Es gibt nicht die eine Lösung."
- Gäste auf dem Sofa - das vordere Zelt bietet Raum für Diskussionen
Es wird noch eine Weile diskutiert, über Bernd Senf, der für ganzheitliches Denken und gegen Expertentum schreibt und das Zinssystem kritisiert. Über alternative Währungen, politische Lösungen, Lohnerhöhungen und Gewinnbeteiligung von Mitarbeitern. Am Ende bleibt die Frage nach der Lösung, eine Antwort scheint nicht in Sicht. Julia sieht in der Diskussion dennoch einen Erfolg. „Ich bin hier“, erklärt sie, „weil ich einfach schon mein Leben lang ein ziemlich starkes Empfinden dafür habe, dass etwas nicht stimmt, in diesem uferlosen Wachstum. Es geht zu Kosten des Menschen und unserer Lebengrundlage.“ Sie hat sich zuvor nie mit Finanzwirtschaft auseinandergesetzt und beginnt erst jetzt damit. Julia, die Frau mit dem nachdenklichen Blick, sieht im Camp eine Chance, Gleichgesinnte zu finden und mit ihnen Probleme zu überdenken. Sie möchte niemanden belehren, sondern Menschen dazu ermuntern, sich selbst zu informieren.
Neben mir schnattert eine Ente. Auf dem gemütlichen Sofa, den von Julia gebrühten Tee vor mir, hatte ich über die Diskussion ganz vergessen, dass ich seit Stunden in einem Zelt sitze und der Kleine Kiel nicht weit ist. Draußen ist es dunkel geworden. Nils und die übrigen Besucher verabschieden sich, zwar ohne Lösung, aber mit einigen neuen Ideen. Ich frage Julia, ob nicht vielleicht genau das ein gutes Ziel für Occupy sei, Denkanstöße geben. "Ja", antwortet sie, "das könne schon sein."
Sie führt mich durch das Lager. Vor der beleuchteten Kieler Skyline steht ein großes, rotes Zelt mit der Aufschrift „No Drugs“. Im Gegensatz zu anderen Camps haben die Kieler Okkupanten Drogenkonsum im Lager untersagt. Zwischen den Schlafplätzen finden sich Fahrräder, Stühle und allerlei andere Spenden. Auch die NVA-Zelte sind gespendet, Nahrungsmittel werden von Unterstützern in Körben geliefert. „Es gibt Hochrechnungen, nach denen 70 Prozent der Bevölkerung mit Occupy sympathisieren. Ich weiß nicht, wie viele es in Kiel sind, aber wir leben fast ausschließlich von Spenden“, verrät sie.
Unter den Spenden ist auch ein Tipi, in dem wir uns dankbar ans prasselnde und warme Feuer setzen. Der Rauch beißt in den Augen, das Holz ist feucht vom Regen. Um die Feuerstelle liegen Matratzen, auf einer schläft schon jemand. Julia schaut in das Feuer und beginnt zu erzählen. Wie sie als Ergotherapeutin in einer Einrichtung für Demenzkranke gearbeitet hat. Wie sie festellen musste, dass es der Leitung nicht in erster Linie um die Betreuung der Patienten, sondern um Profit ging. Und wie sie daran verzweifelte, den Menschen aufgrund der Arbeitsbedingen nicht geben zu können, was sie ihnen geben wollte. „Nach vier Jahren in einer psychatrischen Tätigkeit hatte ich ein Erschöpfungssyndrom“, berichtet sie. „Da habe ich mir erlaubt, nicht mehr zu funktionieren, in diesem System. Damit war mein Problem natürlich nicht gelöst.“ Sie spricht langsam und bedächtig, manchmal macht sie mehrere Sekunden Pause, als würde sie in sich hinein horchen. Für sie spiegelt sich die Ungerechtigkeit des Finanzsystems in den Handlungen und Auswirkungen derer wider, die sich mit aller Macht bereichern wollen.
Im Sommer nahm sie sich eine Auszeit und pilgerte 740 Kilometer auf dem spanischen Jakobsweg, von Pamplona nach Santiago de Compostela, in Sandalen. Dort traf sie auf die Occupy-Bewegung. „Mir ging es da in erster Linie um Weggefährten“, sagt sie. Nach der Rückkehr schloss sie sich dem Kieler Camp an. Von Klein auf hatte sie sich für Dinge, die ihr wichtig waren, engagiert. Sie wurde umweltbewusst erzogen, Naturschutz war das Lebenswerk ihres Großvaters. Occupy war für sie nur der logische Schritt in einer Entwicklung. Sie suchte Menschen, die sich einsetzten. „Es geht ja hier um Empörung und um Engagement. Das ist fast so stark wie Hunger, wie das Bedürfnis nach Essen – das Bedürfnis nach Gleichgesinnten. Das ist der Grund, warum ich hier bin."
Wir reden noch einige Zeit, dann verabschiede ich mich. Auf der Busfahrt hallen Julias Worte noch eine Weile in meinem Kopf. Zwar habe ich heute keine Lösung gefunden, niemand hat mir erklärt, warum das System nicht funktioniert wie es soll. Dennoch habe ich verstanden, was das kleine Camp im Banken-Bermudadreieck zu suchen hat. Es geht nicht darum, das System auf einen Schlag zu verändern. Es geht um Protest. Protest braucht vielleicht gar keine sofortige Lösung - Protest macht aufmerksam. Und das ist Julia bei mir gelungen, so wie es schon bei vielen anderen Passanten gelungen ist.
Occupy Kiel löst keine Finanzprobleme, nicht die der Wallstreet, nicht die der deutschen Wirtschaft und auch nicht die der Landeshauptstadt Kiel. Aber es regt dazu an, sich mit der Situation zu befassen und bietet Raum für Diskussionen. Der Bus hält an, natürlich regnet es inzwischen wieder. Nächste Woche werde ich nochmal vorbei schauen im Camp, vielleicht auch etwas mit diskutieren, aber vor allem Leute treffen, die sich für ihre Sache engagieren. Aber dann, das nehme ich mir fest vor, fahre ich mit dem Rad.
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