Transparenz einer Hilfsorganisation für Trinkwasserprojekte
Spenden oder Verschwenden
von Tobias Röder
Gutes tun und Spaß dabei. So oder so ähnlich könnte das Motto vieler Freiwilliger und Enthusiasten bei Viva con Agua de Sankt Pauli lauten. Doch im Zeitalter der Spendengeldskandale und Veruntreuungsaffären macht sich bei den Spendern Skepsis breit, ob die Gelder dort ankommen, wofür sie bestimmt sind. Vieles scheint auf den ersten Blick unklar. GeoZeit hat sich auf den Weg gemacht und Spurensuche betrieben.

- Duell an der Bande
Anpfiff! Ein schriller Laut tönt durch die Halle. Er ist um ein Vielfaches lauter als das, was man aus dem Fernsehen gewohnt ist. Ein paar Kinder schrecken verstört zusammen bevor aus den großen Boxen wieder die Bässe der Musik des DJs wummern. Die Turnierleiterin steht unbeeindruckt mit der Trillerpfeife und dem Mikrophon in den Händen neben der Musikanlage, lässt den Blick über die Spielfelder schweifen und gibt ihren beiden Helfern ein Zeichen, die Zeit zu stoppen. Das Dreiergespann wird heute dafür sorgen, dass die über zwanzig Mannschaften aus dem Großraum Hamburg immer wissen, wo und wann sie auf ihre Gegner treffen. Sechs der insgesamt 24 Teams versuchen bereits mit aller Kraft und fest entschlossen, dem Gegner den Ball abzunehmen und in dessen Tor zu befördern. Ab jetzt geht es auf den drei schummrig beleuchteten Kunstrasenplätzen nur noch um den begehrenswerten Pokal, der nach dem Finale überreicht wird. Doch eigentlich geht es um viel mehr.
Ausrichter des Fußballturniers ist Viva con Agua de Sankt Pauli e.V., ein gemeinnütziger Verein mit Hauptsitz in Hamburg, der 2006 vom Profifußballer Benjamin Adrion gegründet wurde. Das Hauptziel des Vereins ist es, in Entwicklungsländern eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser zu ermöglichen. Konkret befasst sich Viva con Agua damit, Fundraising zu betreiben. Dabei organisiert der Verein zusammen mit verschiedenen Kooperationspartnern Events in facettenreichen Formen. Pfandbechersammelaktionen auf Konzerten, Fußballturniere, Benefizkonzerte mit nationalen und internationalen Künstlern sowie Tramprennen und die jährlich stattfindenden Wassertage sind nur einige Beispiele. Die erzielten Spendengelder stellt Viva con Agua zweckgebunden der Welthungerhilfe für Trinkwasserprojekte in aller Welt zur Verfügung.

- Erholung während der Spielpause
Dass Trinkwasser durch nichts zu ersetzen ist, weiß der 29jährige Tobias Rau, ehemaliger Student der Christian-Albrechts-Universität und Gründungsmitglied des Kieler Ablegers von Viva con Agua. Nach dem ersten Spiel seiner Mannschaft richtet sich sein erster Griff nach einer kühlen Flasche Wasser, das in großen Schlücken in seiner Kehle verschwindet. Verschwitzt und noch etwas abwesend wirkend setzt er sich auf einen der Biertische, die unter Pavillons am Rande des Spielfeldes für die Mannschaften aufgestellt sind. Er spielt für die Mannschaft von Viva con Agua im schwarzen Trikot mit dem edel wirkenden goldfarbenen Aufdruck des Logos, das den Erdball in Form eines Tropfens darstellt. Zwischen großen Sporttaschen und Klamottenhaufen gönnt er sich mit seinen Teamkameraden ein wenig Erholung. „Die Nacht war kurz“, erklärt er. „Wir haben gestern ja noch eine Party drüben im ‚Übel & Gefährlich‘ veranstaltet und vor 7 Uhr waren die letzten Gäste halt nicht draußen“, berichtet er mit einem Augenzwinkern.
Durch den Eintritt, den die Gäste gezahlt haben, und die Anmeldegebühr, die die Teams für das Turnier bezahlt haben, sollen in naher Zukunft im Norden Ugandas alte Brunnen instand gesetzt und Weitere neu errichtet werden. Doch diese Spenden machen nur einen Teil der benötigten Gesamtsumme von etwa 100 000 Euro aus. Daher sind sowohl für das laufende als auch das kommende Jahr viele weitere Aktionen geplant.
Die Helfer versprechen sich vom aktuellen Projekt im Oyamdistrikt in Norduganda eine sichere Wasserversorgung für rund 25 000 Menschen. „Im Grunde profitiert jeder davon“, ist sich Tobias sicher, „die, die mitmachen, und diejenigen, die durch das Hilfsprojekt sauberes Wasser bekommen“. Er würde Viva con Agua daher eher als eine All-Profit-Organisation als eine Non-Profit-Organisation bezeichnen. „Wir haben hier beim Kicken oder bei der Party unseren Spaß und können gleichzeitig durch den Eintritt und die Startgebühren dafür sorgen, dass es anderen Menschen auch besser geht.“, stellt er fest.

- Der torgefährliche Linksaußen
Mit von der Partie ist auch ein Team der Blindenfußballmannschaft Blinde Leidenschaft des 1. FC Sankt Pauli. Sie gelten als Geheimfavorit, denn das letzte Turnier haben sie gewonnen. Der nächste Gegner ist Viva con Agua. Als die Partie zwischen ihnen und Blindenfußball angepfiffen wird, herrscht in der Halle fast absolute Stille. Einzig die beiden Torguides beider Teams geben Kommandos und versuchen ihre Spieler über das Feld zu lenken. Da alle Spieler die Augen verbunden haben, herrscht für sie absolute Dunkelheit. So entstehen scheinbar gleiche Bedingungen für beide Teams. Das wirkt jedoch anders. Denn wie flink sich einige Spieler des Blindenfußballteams mit dem Ball über den Platz bewegen, erstaunt nicht nur viele der Umstehenden. Die Spieler vom Blindenfußball sind es gewohnt, den Ball nicht zu sehen. Es reicht ihnen, ihn zu hören. Im Innern ist er mit kleinen Kugeln präpariert, damit er beim Rollen Geräusche verursacht. „Das ist vielleicht unser härtester Gegner“, analysiert Tobias und fügt mit kritischem Blick hinzu: „Bisher haben sie kein einziges Gegentor kassiert. Und dazu hat ihr Linksaußen einen ziemlich guten Schuss“. Und nur kurz dauert es, bis sich auch die Zuschauer davon überzeugen können, was Tobias schon vorhergesehen hat. 0:1. Der Rückstand für Viva con Agua.
Doch was die Transparenz angeht, ist Viva con Agua ein gutes Beispiel. Sie spielen quasi ganz oben mit. Auf der Internetseite werden Kalkulationen für neue Projekte, Einnahmen und Ausgaben detailliert aufgeführt. Die Spendengelder, die Viva con Agua generiert, werden auf einem Spendenkonto gesammelt. Ist der für das zu finanzierende Projekt notwendige Betrag erreicht, wird er der Welthungerhilfe überwiesen. Ab hier ist Viva con Agua darauf angewiesen zu vertrauen, dass keine Gelder missbraucht werden. Um jedoch ein gewisses Maß an Kontrolle zu haben, werden jedes Jahr Projektreisen organisiert. Projektkoordinatoren der Welthungerhilfe, Abgesandte von Viva con Agua und die einheimische Bevölkerung treffen sich vor Ort. In der Regel reist jemand aus dem Kern des Vereins mit, doch kann sich jeder freiwillig melden, um auf eigene Kosten mit dabei zu sein. Auf diese Weise kann direkt festgestellt werden, ob die Anzahl an Brunnen, die zu restaurieren war, restauriert wurde, ob genug neue Brunnen errichtet wurden und ob die Situation sich für die Bevölkerung verbessert hat. Auch Tobias hat eine Reise mitgemacht. „Die Früchte der Arbeit vor Ort zu sehen erfüllt einen schon mit ein wenig Stolz, aber vor allem auch mit Freude“, erinnert er sich gerne an seine Reise nach Nicaragua im Frühjahr 2009. In Auyha Pihni, wo 2007 der Hurrikan „Felix“ wütete, haben Tobias und fünf weitere Engagierte so den Baufortschritt der 35 zu schaffenden Brunnenanlagen begutachtet und sich ein Bild der Arbeit vor Ort machen können.

- Tobias Rau verleiht die Urkunden an die Gewinner
Heute hat es für Tobias und sein Viva con Agua Team nicht gereicht, ins Finale einzuziehen. Nach und nach leert sich die Halle, in der ein leichter Schleier von Schweißgeruch, dem Duft von abgeriebenem Gummi und den belegten Brötchen des Buffets in der Luft liegt. Als Gruppenzweiter erreichte man immerhin noch einen weiteren zweiten Platz in der Trostrunde. Den ersten Platz des Finales belegten die Fußballer des Soccer Hamburg, die die Backspin Allstars auf den zweiten und die Mannschaft „Blinde Leidenschaft“ des FC Sankt Pauli auf den dritten Platz verwiesen. „Wir sind immerhin Fünfter von 24. Damit kann ich leben“, gibt er sich zufrieden, ist sichtlich entspannt und fasst zusammen: „Hier geht’s doch um Fairplay und den Spaß an der Sache.“
Weitere Informationen
- GeoZeit: In der Mitte vom Nichts
- Viva con Agua http://www.vivaconagua.org
- Welthungerhilfe http://www.welthungerhilfe.de







