Virtuelles Wasser

Wie passen denn 13 Liter Wasser in eine Tomate?

von Alina Cornelissen

Das Thema Wasserverbrauch macht in Deutschland schon lange keine Schlagzeilen mehr. Doch die Wenigsten wissen, dass wir nicht ausschließlich das uns sichtbare Wasser gebrauchen. Dieses macht neben dem unsichtbaren, dem „virtuellen Wasser“ nur einen sehr geringen Teil des tatsächlichen Verbrauchs aus. Dieser ist in Wahrheit erschreckend hoch. Der folgende Artikel erklärt warum.
In einer Tasse Kaffee steckt mehr Wasser als man sehen kann
In einer Tasse Kaffee steckt mehr Wasser als man sehen kann

Michael seift sich unter der Dusche ein. Das Wasser hat er dafür abgestellt. Nur fünf Minuten stellt er sich morgens unter die Dusche. Zum Zähneputzen benutzt er einen Zahnputzbecher und auch bei anderen Dingen achtet er darauf, möglichst wenig Wasser zu verwenden. Michael ist kein Einzelfall. Die Deutschen nehmen innerhalb der Industriestaaten eine Vorreiterrolle beim Wassersparen ein. Durch den sorglosen Umgang mit den Wasserressourcen in den 60er und 70er Jahren wurde die Wasserproblematik ein großes Thema in Deutschland. Hierdurch veranlasst, wurden Einsparmöglichkeiten in Privathaushalten, aber auch in Gewerbe und Industrie umgesetzt. So konnte der Wasserverbrauch auf aktuell ca. 122 Liter pro Person und Tag herabgesetzt werden, Tendenz fallend. Vor etwa 20 Jahren lag der Wert bei rund 150 Litern. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt dem verantwortungsvollen Umgang der Verbraucher zu verdanken. In den USA liegt der Verbrauch heute bei 295 Litern. Im Vergleich zu beispielsweise Indien mit einem täglichen Wasserverbrauch von nur 25 Litern pro Person ist dieser Wert aber noch immer sehr hoch.

Zum Frühstück trinkt Michael nur einen Kaffee. Dazu blättert er in der Zeitung. Das ist sein morgendliches Ritual, auf das er nicht verzichten möchte. An einer Überschrift bleibt er schließlich hängen. „Alarmierend: Wasserverbrauch der Deutschen liegt bei 4000 Litern pro Tag und Person“. „Das entspricht der Wassermenge, die etwa in 23 Badewannen passt“, liest er weiter. „Unmöglich“, denkt Michael. „Das muss ein Druckfehler sein. Wo und wie soll man denn so viel Wasser verbrauchen“, fragt er sich.

Die Antwort lautet „virtuelles Wasser“. Das ist laut Vereinigung  Deutscher Gewässerschutz die Menge an Wasser, welche in einem Produkt oder einer Dienstleistung enthalten ist oder zur Herstellung verwendet wird. Das bedeutet, in den Waren, die wir täglich verwenden, ist Wasser enthalten, welches man den Produkten von außen nicht ansehen kann.

Sehen wir uns zum Beispiel den morgendlichen Kaffee von Michael einmal genauer an:
Kaffeepflanzen haben sehr spezifische Anforderungen. Sie benötigen große Mengen an Wasser und gleichzeitig ein warmes Klima. Deswegen müssen die Pflanzen oft künstlich bewässert werden. Außerdem ist bei der Ernte und durch die Trocknung der Bohnen ein großer Verlust zu verzeichnen. Für die hochwertige Nassaufbereitung werden 130 bis 150 Liter Wasser pro Kilogramm Kaffee benötigt. Hinzu kommen noch die Röstung, die Verschiffung und die Zubereitung. So ergibt sich schließlich für eine Tasse Kaffee ein virtueller Wassergehalt von 140 Litern. Dadurch ist bereits die Menge des durchschnittlichen Trinkwassergebrauchs pro Person und Tag in Deutschland überschritten. 

„Der internationale Handel mit Wasser ist nicht grundsätzlich problematisch“, erklärt der Diplom Biologe Rainer Berg, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz e.V. (VDG). „Das Problematische ist, dass mit dem globalen Handel von Produkten eine Verschiebung der Wassernutzung verbunden ist. Wenn diese Wassernutzung im Quellland nicht nachhaltig ist, können sich Wasserkrisen in trockenen Gebieten der Erde noch verschärfen“.

Durch den sogenannten Wasserfußabdruck kann die Menge an Wasser, die ein Land für sich beansprucht, gemessen werden. Hierbei können auch die Mengen an importiertem und exportiertem virtuellen Wasser berücksichtigt werden. Der Wasserfußabdruck der einzelnen Länder ist unterschiedlich groß. So steht Deutschland, trotz des relativ hohen Wasserreichtums, nach den USA an zweiter Stelle der Wasserimporteure weltweit. Kasachstan hingegen gehört zu den wasserarmen Ländern, exportiert aber trotzdem große Mengen an virtuellem Wasser. Durch das Konzept des virtuellen Wassers wird also deutlich, dass die Industrienationen große Mengen an virtuellem Wasser von ärmeren Ländern mit knapperen Wasserressourcen beziehen.      
Der Bevölkerung in diesen Ländern fehlt aber teilweise das Trinkwasser und das Wasser für die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln.

Auch bei der Produktion von Pommes wird Wasser benötigt
Auch bei der Produktion von Pommes wird Wasser benötigt

Um das Ausmaß noch einmal zu verdeutlichen, begleiten wir Michael zu seinem Mittagessen in die Kantine. Er entscheidet sich heute für ein Steak mit Pommes. Dazu isst er einen kleinen Tomatensalat. In der Intensivhaltung von Rindern haben die Tiere nach drei Jahren ihr Schlachtgewicht erreicht. Bis dahin hat ein Rind etwa 1.300 Kilogramm Kraftfutter, 7.200 Kilogramm Raufutter und 24.000 Liter Wasser zum Trinken verbraucht. Hieraus ergibt sich ein Wert von 15.500 Litern virtuelles Wasser für ein Kilogramm Rindfleisch. Ein Steak wiegt ungefähr 250 Gramm. Das entspricht einem virtuellen Wasseranteil von 3.875 Litern, der Wassermenge, die ungefähr in 21,5 Badewannen passt. Der Tomatensalat besteht aus circa drei Tomaten die 39 Liter virtuelles Wasser beinhalten. Die Pommes wurden aus ungefähr 200 Gramm Kartoffeln hergestellt. Diese Menge hat einen Wasserfußabdruck von 51 Litern. Das heißt also, dass Michael nur durch den Verzehr seines Mittagessens mehr als 3965 Liter virtuelles Wasser in Anspruch nimmt. 
Die Problematik hierin ist eindeutig. Jeder hat einen gewissen Kalorienbedarf. Um diesen zu decken müssen nun einmal Nahrungsmittel konsumiert werden, die für ihre Erzeugung Wasser benötigen. Wo und wie diese Lebensmittel erzeugt werden, ist aber ökologisch und sozial oft nicht tragbar.

So werden zum Beispiel nur 6% der in Deutschland verzehrten Tomaten auch hier zu Lande erzeugt. Der Großteil wird mit Hilfe künstlicher Bewässerungssysteme im Süden Spaniens produziert. Diese Region gehört aber zu den trockenen Gebieten der Erde. Das jährliche Defizit des Wasserangebots liegt hier mittlerweile bei rund 270 Milliarden Liter Wasser. Da die Grundwasserreserven bald erschöpft sind, wird schon jetzt auf fossiles Grundwasser zurückgegriffen, das über Jahrtausende unter der Erde eingeschlossen war, und nicht in den derzeitigen Wasserkreislauf eingebunden ist. Eine Versalzung des Grundwassers wird hierbei in Kauf genommen.

All diese Fakten sind bedenklich. Aber die momentane Entwicklungstendenz lässt sich ändern. Jeder kann seinen persönlichen Wasserfußabdruck beeinflussen, indem er beim Einkaufen ein paar Dinge beachtet. So werden für regionale und saisonale Produkte Wasserressourcen im eigenen Land genutzt und nicht diejenigen anderer, vielleicht sowieso schon wasserarmer Staaten, verschwendet. Für die Erzeugung vieler Produkte wird in den gemäßigten Breiten generell weniger Wasser benötigt als in wärmeren Klimaten. Außerdem gilt die Faustregel, dass tierische Produkte grundsätzlich mehr Wasser für ihre Erzeugung benötigen als pflanzliche.

Die Tomaten in deutschen Supermärkten stammen häufig aus Spanien
Die Tomaten in deutschen Supermärkten stammen häufig aus Spanien

„Es ist wichtig, dass sich die Verbraucher über die Herstellungsbedingungen von Produkten im Klaren sind“, betont Rainer Berg. „Man kann ja erst dann eine spezifische Auswahl  von Produkten treffen und so seinen Wasserfußabdruck beeinflussen. Wer nämlich weiß, dass Tomaten aus Spanien ökologisch sehr problematisch sind, wird im Winter öfter auf ein saisonales und regionales Produkt wie z.B. Wirsing zurückgreifen und auf Tomaten lieber im Sommer.“

In der Theorie des virtuellen Wassers wird eine Möglichkeit gesehen, die Ungleichverteilung der natürlichen Wasserressourcen auf der Erde auszugleichen. „Hier liegt auch eine Chance des internationalen Wasserhandels“, erklärt Rainer Berg. „Durch den Import von Produkten mit einem hohen Wasserbedarf könnten wasserarme Staaten ihre eigenen Ressourcen schonen.“

Die Vereinigung deutscher Gewässerschutz möchte die Bevölkerung für diese Thematik sensibilisieren. Aber auch Politik und Handel sollen langfristig  beeinflusst werden.
„Einen nachhaltigen Umgang mit den globalen Wasservorräten auf internationaler Ebene zu verwirklichen, das ist eines der wichtigsten Ziele der Zukunft“, betont Rainer Berg.

Die Verbraucher spielen hierbei eine wichtige Rolle. Michael ist sich dessen bewusst und will in Zukunft mehr auf die Herkunft seiner Produkte schauen. Ein wenig darauf zu achten, was man kauft ist gar nicht so schwer und kann eine große Wirkung haben. Auf seinen morgendlichen Kaffee möchte Michael auch in Zukunft nicht verzichten. Diesen will er aber nun noch bewusster genießen.