Wasserversorgung in Kiel
Woher kommt unser Trinkwasser?
von Christian Höcke
Die Versorgung mit frischem Trinkwasser gehört heute, in einer Stadt wie Kiel, zu den alltäglichsten Dingen des Lebens. Das war jedoch nicht immer so. Wenn das Wasser heute beim Endverbraucher ankommt, hat es schon einen langen Weg hinter sich.

- Wasserwerk Schulensee
Zwischen 5:30 Uhr und 6:00 Uhr Morgens gehen in immer mehr Kieler Wohnungen die Lichter an und es kommt langsam leben in die Stadt. Damit nähert sich auch die tägliche Förderleistung der Wasserwerke ihren Spitzenwerten. In vielen Haushalten laufen jetzt die Wasserhähne und Duschen auf Hochtouren. Auch die vollautomatischen Anlagen der Wasserwerke müssen jetzt mehr Leistung erbringen um mehr Wasser in das 1754,5 Kilometer lange Leitungsnetz einzuspeisen. Gegen 9:00 Uhr kehrt wieder Normalität im Verbrauch ein, bis gegen Mittag und Abend wieder höhere Werte zu verzeichnen sind.
Die Trinkwasserversorgung in Kiel hat aber nicht immer so reibungslos funktioniert, wie es heute der Fall ist. Von der Gründung der Stadt bis zum Bau des ersten Wasserwerkes im Jahr 1880 stand nur Oberflächen- oder Flachbrunnenwasser zur Verfügung. Die Qualität war dabei meist äußerst mangelhaft. Auch gab es oft Engpässe der Versorgung durch fehlende Reservoirs und einen stetig steigenden Bedarf. So war beispielsweise das Wasser des Schreventeichs bis 1862 nur den Herrschenden Adligen vorbehalten.
Der Großteil der Kieler Bevölkerung bezog sein Wasser aus dem weitaus kleineren Galgenteich. Dieser existiert heute nicht mehr und befand sich in etwa zwischen Knooper Weg und Stiftsstraße. Das Wasser wurde dabei über Rohrleitungen, die erst aus durchbohrten Baumstämmen und später aus Eisen bestanden, in die niederen Lagen der Stadt geleitet. Die Entnahme des Wassers erfolgte entweder direkt aus dem See oder über eine der mehreren öffentlichen Zapfstellen in der Stadt. Auch nachdem der Schreventeich 1862 in den Besitz der Stadt überging, gab es immer wieder Versorgungsengpässe durch eine zu starke Entnahme. Erst mit dem Bau des zweiten und heute größten Kieler Wasserwerkes in Schulensee entspannte sich die Situation.
Anfänglich wurde auch hier und im Wasserwerk im Schwentinetal gefiltertes Oberflächenwasser aus flacheren Bodenschichten genutzt. Mit der Verfügbarkeit neuer Bohrtechniken gegen Ende der 1920er Jahre konnte auch in Kiel erstmals bis in eine Tiefe von über 200 Metern gebohrt werden. Hier befindet sich das dritte Grundwasserstockwerk, aus dem auch heute noch das Kieler Trinkwasser gefördert wird.
Die Bodenschichten, die so genannten Braunkohlesande, stammen aus dem Erdzeitalter des Tertiär. Sie wurden in Mulden und Senken abgelagert, die sich durch das Aufsteigen von Salzstöcken vor vielen Millionen Jahren gebildet haben. Eine besondere Bedeutung kommt den darüber befindlichen Ton- und Mergelschichten zu. Sie besitzen eine natürliche Filterfunktion, die das Durchdringen von Umweltbelastungen in diese Tiefenschichten verhindert. Ein weiterer Vorteil solcher Tiefbrunnen ist, dass das Wasser durch seinen langen Weg absolut keimfrei ist. Das Kieler Trinkwasser entspricht somit höchsten Qualitätsanforderungen. Denn auch Rückstände von Medikamenten, wie sie beispielsweise in Wasser aus Uferfiltrat zu finden sein können, sind hier nicht vorhanden. Einzig das auf natürliche Weise vorhandene Eisen und Mangan sowie Spuren der gelösten Gase Schwefelwasserstoff und Kohlensäure müssen in der Aufbereitungsanlage noch laut Trinkwasserverordnung und DIN 2000 minimiert werden, erklärt Oliver Deutner von der Stadtwerke Kiel AG. Er ist seit 14 Jahren bei den Stadtwerken tätig und zuständig für den Betrieb der Wasserwerke sowie für die Gewinnung von neuem Trinkwasser und dessen Überwachung.
Nachdem das Wasser durch die Brunnen gefördert wurde, gelangt es in eine Belüftungskammer und wird frei versprüht. In diesem sogenannten Verdüsungsvorgang nimmt es Sauerstoff auf, der in den tiefen Erdschichten nicht vorhanden ist. Das erfolgt über Zufuhr von Außenluft über eine Filteranlage. Der Schwefelwasserstoff und die Kohlensäure entweichen und werden mit der überschüssigen Luft wieder zurück nach außen transportiert. Durch den zugeführten Sauerstoff kommt es zu einem Oxidationsprozess, der das Eisen und Mangan herauslöst.

- Verdüsungsvorgang
Im nächsten Schritt fällt das belüftete Wasser auf einen Filter aus Spezialkies, der das ausgeflockte Eisen und Mangan zurückhält und damit das Wasser säubert. Dabei gilt, je älter der Kies, desto besser. Im Kiesfilter sammeln sich Bakterien, die das Wasser auf natürliche Weise reinigen. „Je älter also der Kies, desto mehr Bakterien sind darin enthalten. Daher wird auch neuer Kies stets mit etwas älterem vermischt, um eine ideale Filterung zu gewährleisten“, erklärt Oliver Deutner. Die letzte Station ist der Reinwasserbehälter. Das ist eine große Betonkammer, in die das Wasser nach der Filterung gelangt. Von dort kann es anschließend direkt ins Leitungsnetz eingespeist oder kurzzeitig gespeichert werden. Der ganze Prozess, von der Förderung über den Brunnen bis zur Einspeisung ins Leitungsnetz, dauert maximal ca. 1,5 Stunden.
Heute verfügt Kiel über insgesamt 4 Wasserwerke und 38 Tiefbrunnen. Das Wasserwerk Schulensee ist dabei das größte und bis auf das Wasserwerk Schwentinetal erfolgt die Förderung aus etwa 200 Metern Tiefe. In letzterem kann diese Tiefe durch eine Versalzung des 3. Grundwasserstockwerkes nicht erreicht werden. Dort kommt das Wasser zwar aus flacheren Schichten, hat aber eine nicht mindere Qualität. Die Umgebung ist zudem als Wasserschutzgebiet ausgewiesen. Insgesamt dauert es maximal 24 Stunden, bis das Trinkwasser in den Leitungsnetzen einmal ausgetauscht ist. Dabei erfolgt eine ständige Überwachung des gesamten Netzes, damit alle 81.199 Wohneinheiten des Versorgungsgebietes zu jeder Zeit bedient werden können.
Bis vor einigen Jahren flossen zu Spitzenzeiten noch über 100.000 Kubikmeter pro Tag in die Haushalte. Durch neue, den Verbrauch schonende Geräte und eine Änderung des Verhaltens im individuellen Umgang mit Wasser werden solche Zahlen heute nicht mehr erreicht. Dennoch sind es im Sommer immer noch bis zu 70.000 Kubikmeter kostbaren Trinkwassers pro Tag, das in Kiel verbraucht wird. Davon sind es jedoch nur 5 %, die auch wirklich zum essen und trinken genutzt werden.







