Ein Tag im Waldkindergarten
Natur erleben bei Wind und Wetter
von Bettina Unverricht
Seit 18 Jahren ergänzen Waldkindergärten die umweltpädagogisch orientierten Bildungseinrichtungen in Deutschland. Im Waldkindergarten können Kinder nach Herzenslust laufen, rennen und spielen: Baumstämme werden zu Schiffen, Stöcke zu Schaufeln, Sträucher zu Höhlen. GeoZeit begleitete eine Kieler Kindergruppe im Vieburger Gehölz.

- Jan schmeißt mit Schnee- eine Schneeballschlacht beginnt.
Es ist kalt im Wald. Eine weiße Schneedecke bedeckt den Waldboden. Die Äste der Bäume biegen sich unter der Schneelast. Autos quälen sich den steilen Weg hoch zum Vieburger Gehölz. Heraus steigen Eltern mit ihren dick angezogenen Kindern. Sie bringen die Kinder in den Waldkindergarten. Die beiden Erzieher Heidi Pippert (48) und Roland Groth (47) und die Praktikantin Carolin Becker (25) warten schon. Sie werden wie jeden Tag den Vormittag mit den Kindern im Wald verbringen. In Deutschland gibt es derzeit ungefähr 500 Waldkindergärten. Hier wird, wie in einem Regelkindergarten, gespielt, gelernt, getobt und gesungen. Der Unterschied besteht darin, dass der Waldkindergarten bei Sonne, Wind und Wetter draußen im Freien stattfindet. Der Wald bietet aufgrund seiner vielfältigen Struktur ein unerschöpfliches Reservoir von Möglichkeiten zum Spielen, Entdecken und Lernen.

- Die Kinder im Waldkindergarten hacken das Holz für den Ofen selbst.
Die Kinder stapfen durch den dicken Schnee, einige haben Schlitten mitgebracht. Einer von ihnen ist Jan (4). Seine Wangen sind rot von der kalten Luft, in seinen Augen ist ein Blitzen zu erkennen. Er führt etwas im Schilde. Er greift sich eine handvoll Schnee, formt sie zu einer Kugel und rennt los. Sein Opfer ist Roland. Schnell ist eine Schneeballschlacht entfacht. Schon bald quieken alle Kinder vor Vergnügen und beschmeißen sich gegenseitig mit Schnee. Die Waldkindergärten in Kiel werden durch den staatlich anerkannten Verein Pädiko e.V. getragen. Neben den drei Waldkindergärten, zwei Waldkinderkrippen und mehreren Naturerlebnisgruppen bietet Pädiko seit 1986 vielseitige pädagogische Weiterbildungsmöglichkeiten an. Diese Kombination von Theorie und Praxis ermöglicht praxisorientierte Weiterbildung und qualifizierte Arbeitsmöglichkeiten.
An einer Lichtung angekommen, welche Indianerwiese genannt wird, versammelt sich die Gruppe zum Morgenkreis. Dabei erzählen sich die Kinder Geschichten, es wird gesungen und gegessen. Auf der Lichtung, auf der der Morgenkreis stattfindet, befindet sich auch ein Bauwagen. Er dient den Kindern und Erziehern bei sehr schlechten Wetterverhältnissen als Unterschlupf. In ihm befindet sich ein kleiner Holzofen. Das Holz dafür sägen und schlagen die Kinder selbst. Roland hilft ihnen- aber nur so viel wie nötig ist. Im Waldkindergarten wird auf selbständiges Lernen und Kreativität großen Wert gelegt. Die Kieler Waldkindergärten orientieren sich an Elementen der Reggio-Pädagogik. Dabei sollen die Kinder durch alltägliche Erfahrungen, durch Erkunden und Experimentieren selbständig lernen. Die Entdeckungen, Erlebnisse, Empfindungen und Deutungen werden durch verschiedene Sprachen zum Ausdruck gebracht. Das kann durch Worte, Bilder, darstellendes Spiel oder andere Ausdrucksformen geschehen.
Die Pädagogen sind dabei nicht Erzieher im eigentlichen Sinne, sondern eher Begleiter und Dialogpartner der Kinder. Sie schaffen eine Atmosphäre des Wohlbefindens, hören den Kindern zu und beobachten sie. Das eigene Interesse und das aktive Begleiten der Pädagogen stellt Ressourcen für die Aktivitäten der Kinder bereit und gibt ihnen Impulse. Die eigentliche pädagogische Kraft jedoch ist die Natur selbst. Durch unbegrenzten Raum, Stille und Zeit werden die Kinder in der Entwicklung ihrer emotionalen Stabilität unterstützt. In direktem und dauerndem Kontakt mit der Natur üben die Kinder Umsichtigkeit und Rücksicht und bilden ein Vertrauensverhältnis zu Erde, Pflanzen und Tieren. Das Fehlen vorgefertigter Spielzeuge fördert die Kreativität. Auch die motorischen Fähigkeiten werden in besonderer Weise geschult, da der Waldboden unregelmäßig und vielfältig ist. Jan hat einen großen Eiszapfen entdeckt, der hoch oben am Dach des Bauwagens hängt. Alleine kommt er dort nicht ran. Schnell sind ein paar andere Kinder zusammen gerufen, um eine Lösung des Problems zu finden. Dabei ist Kreativität gefragt. Kurzerhand wird ein Holzbock zu einem Podest umfunktioniert und an die richtige Position gerückt.

- Gemeinsam spielen und lernen.
Währendessen schmilzt im Bauwagen ein großer Klumpen Schnee in einer Schüssel auf dem Ofen. Als der Schnee geschmolzen ist, trägt Heidi die Schüssel raus und ruft laut „Es ist Mittagszeit, kommt alle her zum Hände waschen.“ Alsbald stehen die Kinder in einer Schlange, um sich die Hände im warmen Wasser zu waschen. Von Weitem ist Carolin zu sehen. Sie stapft durch den hohen Schnee, hinter sich einen Schlitten mit dem Mittagessen. Im Bauwagen herrscht reges Treiben. Das viele Spielen an der frischen Luft macht hungrig. Das Essen wird jeden Tag von einem Erzieher aus dem Verwaltungsgebäude des Waldkindergartens geholt. Die verwendeten Zutaten sind aus ökologischem Anbau, vollwertig und vegetarisch. Auch sonst achtet der Verein auf Nachhaltigkeit. Es werden recycelte und umweltschonende Materialien verwendet, Müll wird weitestgehend vermieden und mit Energie und Materialien wird sorgsam umgegangen. Die ständige Weiterentwicklung von Pädiko e.V. versucht der Verein durch Annahme von positiver und negativer Kritik zu erreichen. Nach dem Essen geht es wieder raus um bei Wind und Wetter im Wald zu laufen, balancieren, hüpfen, klettern, rollen, schleichen, schaukeln, singen, tanzen, bauen, basteln und entdecken. Schon bald tauchen die ersten Eltern auf um ihre Kinder abzuholen. Morgen werden sie wiederkommen um mit Kreativität und Eigenständigkeit den Wald und das Leben zu entdecken.







