Die Bedeutung der Natur für Kinder

Gastgeber Waldsofa

von Janina Löwe

Kinder verbringen immer mehr Zeit drinnen. Eine zunehmende Reizüberflutung durch die Medien, steigender Leistungsdruck in der Schule, die Anforderung nach unentwegtem Funktionieren, wachsende Entfremdung von der Natur – das alles könnte auf eine zivilisatorische Krise hinauslaufen. Immer mehr Kinder zeigen psychische Auffälligkeiten. Die Idee "Zurück zu den Wurzeln" erscheint da gar nicht mehr so abwegig.
Die Outdoorkids sammeln Harz von einem kranken Baum
Die Outdoorkids sammeln Harz von einem kranken Baum

Das Harz ist weich und klebrig. Es riecht nach Nadelbaum und lässt sich nur schwer wieder von den Fingern entfernen. Um sie zu säubern, reibt die 6jährige Karla* rasch etwas Erde eines Maulwurfhügels in ihren Händen und streift sie danach durch das nassfeuchte Gras. Dann läuft sie wieder zurück zur Gruppe. Ein ungewöhnlicher und seltener Anblick: Elf Kinder in bunter, wind- und wetterfester Kleidung schaben behutsam den aus dem erkrankten Baum tretenden kleistrigen Saft ab. Die Outdoorkids von Natur- und Erlebnispädagogin Marion Timmann (45) wollen heute Harzsalbe herstellen. Seit 2008 wird der Wald in Molfsee einmal pro Woche zum Spiel- und Lernraum für die 6- bis 8jährigen Kinder. "Die Natur bietet die idealsten Bedingungen dazu, die Kinder in ihrem Sinnesbereich und motorisch zu fördern, aber auch ihr Teamgefühl und andere soziale Kompetenzen zu stärken", erklärt Timmann. "Das, was in Räumlichkeiten oft durch Lärm und dem Gefühl der Enge bei vielen Kindern Stress auslöst, gibt es hier draußen nicht."
Stress ist besonders für Karla eine große Belastung im Alltag. Sie hat das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) mit Ausprägung der Aufmerksamkeitsschwäche. Sie ist damit eine von den fast 60 Prozent aller in Deutschland lebenden Kindern mit einer psychischen Auffälligkeit, weiß Prof. Dr. Wolf Gerber, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie Kiel. Etwa vier Prozent leiden an ADHS, die meisten von ihnen sind männlich. Während sich die Erkrankung bei Jungs vielmehr durch Impulsivität und Hyperaktivität auszeichnet, ist es bei Mädchen die Aufmerksamkeitskomponente, die gestört ist. ADHS-Kindern fällt es besonders schwer, in der Schule still zu sitzen und sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. "Grund dafür ist eine genetisch veranlagte Störung des Hirnstoffwechsels", schildert Gerber.

In der Schule ist Stillsitzen Pflicht - im Wald ist Herumtoben angesagt.
In der Schule ist Stillsitzen Pflicht - im Wald ist Herumtoben angesagt.

Hier draußen im Wald ist Stillsitzen nicht gefordert. Bevor die Harzsalbe in den Kochtopf kommt, wird ausgiebig getobt. Beim Spiel "Feuer, Wasser, Blitz" wird gerannt, gequiekt und gehüpft. Beim Kommando "Wasser" springen alle Kinder auf die Holzbänke am Eingang des Waldes, während "Blitz" bedeutet, dass alle in die Hocke gehen. Es ist erstaunlich, wie viel Energie Kinder aufbringen können, wenn sie sich frei bewegen können.
Danach geht es zum so genannten Waldsofa, ein selbst erbauter Sitzkreis aus Ästen und Stöcken, in dessen Mitte eine Feuerstelle ist. Hier erhitzt Marion Timmann nun in einem Kocher die Harzsalbe zusammen mit Bienenwachs und Olivenöl.

Beim Sägen ist handwerkliches Geschick gefragt.
Beim Sägen ist handwerkliches Geschick gefragt.

Aus Totholz vom Holunder und heruntergefallenen Ästen sägen und schnitzen die Kinder Behälter für die Salbe. Die eigentlich verhaltensauffällige Karla schmirgelt akribisch an einem Stück Holz. Frau Timmann hält das Naturerleben für einen wichtigen Baustein ihrer Arbeit: "Die Kinder lernen, sich als Teil des Ganzen wahrzunehmen. Vielen Kindern fehlt es Zuhause an grundlegenden, elementaren Erfahrungen. Oft müssen Kinder schlicht nur noch funktionieren und werden vor den Fernseher gesetzt, um still zu sein." Dass Reizüberflutungen durch zu viel Fernsehen, zu viel Handy und Computer für ADHS-Kinder schädlich sind und einen negativen Einfluss auf die normale Entwicklung haben, ist wissenschaftlich bewiesen. Das sieht auch Prof. Gerber so, obwohl bei Kindern mit ADHS das Konzentrationsvermögen vor einem PC aufgrund der Stimulation und der damit einhergehenden vermehrten Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin paradoxerweise zunimmt. Andere behaupten dagegen, diese Stimulationen seien ein Beweis für eine entwicklungsbedingte Sucht der Kinder nach andauernden Reizen wie zum Beispiel einem Computerspiel. Auch Frau Timmann hat während ihrer Arbeit erlebt, dass Kindern diese Flut von Reizen, die uns die Werbe-, Elektronik- und Medienwelt entgegenschwemmt, nicht gut tut.

Eine bunte Gruppe
Eine bunte Gruppe

Rund um das Waldsofa herrscht auch am späten Nachmittag noch reger Betrieb. Die Waldkinder schauen gespannt zu, wie der noch heiße, flüssige Balsam in die dünnen Holzröhrchen fließt, während Frau Timmann noch einmal die Herkunft und Wirkung des Harzes erklärt. Die ätherischen Öle helfen bei Erkältung - genau das richtige nach einem Nachmittag im Matsch. „Umweltbildung ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit hier.“, schildert die Pädagogin. „Die Kinder lernen, sich als Teil des Ganzen wahrzunehmen.“ Das hat auch Karla erkannt. Sie lernt etwas über die Natur und die Umwelt. Drei Baumarten kennt sie bereits: Fichte, Haselnuss und den Holunderbaum, aus dessen Ästen sie ihr Döschen formt. Und obwohl so viele Kinder auf einem Haufen durch den Wald flitzen oder gerade deshalb, scheint das Zappeln und Herumtoben plötzlich gar nicht mehr so unnormal. 

 

 

* Name geändert  

Weitere Informationen

Was ist ADHS?

ADHS = Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, im Volksmund auch ADS genannt für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität

Nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand handelt es sich bei ADHS wahrscheinlich um eine Regulationsstörung im Frontalhirn auf genetischer Grundlage. Die Reizweiterleitung wird durch sogenannte Neurotransmitter bewirkt (u. a. Dopamin und Noradrenalin), die der Körper selbst produziert. Die Ausschüttung und Aufnahme dieser Botenstoffe befindet sich bei ADHS-Betroffenen nicht im Gleichgewicht.

Die Kennzeichen der Störung betreffen die Bereiche Aufmerksamkeit (leichte Ablenkbarkeit, Tagträumerei, mangelndes Durchhaltevermögen etc.), Sozialverhalten (Impulsivität, niedrige Frustationstoleranz etc.) und die Motorik (Zappeligkeit, Ungeschicklichkeit). Begleitend kommen ein extremer Gerechtigkeitssinn und/oder seelische Entwicklunsgverzögerungen hinzu.

Weiterführende Links:

Programm Outdoortage: http://www.outdoortage.de/

Homepage Marion Timmann: www.mariontimmann.de

VIFA – Ambulanz für Verhaltensprävention in Familien: home.wtnet.de/~bkloster/kiek/kiek2005/ViFa-Flyer.pdf

Medizinische Psychologie Kiel: www.uni-kiel.de/med-psych/cgi-bin/cms/user/

 

Buchtipps:

Kind und Natur: Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung. Ulrich Gebhard. 

Last Child in the Woods: Saving our Children from Nature-Deficit Disorder. Richard Louv.