Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn Teil 1

9.500 Kilometer Gleis trennen Berlin von Beijing

von Nikolai Rohmann

Jeden Tag startet in Moskau ein Zug mit dem Ziel Vladivostok. Zwei Mal in der Woche mit dem Ziel Beijing. Zwei Studenten aus Kiel wollen in einen dieser Züge einsteigen. Die Gleise führen die beiden durch Birkenwälder, Steppe, Halbwüste, Wüste und Gebirge von Russland nach China.

Kremlmauer in Moskau

CBD in Moskau

Lomonossow Universität in Moskau

Verrosteter Sowjetstern

Nach 27 Stunden Fahrt mit dem Europa-Nachtzug erreichen wir Moskau. Sebastian Ehret, 23, und ich, Nikolai Rohmann, 21, haben uns von Berlin aus auf den Weg gemacht, um von Moskau aus mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Beijing zu fahren. Wir rollen langsam durch die Vororte und Randgebiete von Moskau. Ich bin gespannt, wie die Stadt ohne eine dreckige Fensterscheibe davor aussehen wird. Müde und leicht verkrampft wegen der zu kleinen Liege im Zug steigen wir aus. Der wehende kalte Wind aber weckt uns auf. Ich habe Blut geleckt und freue mich auf die bald kommenden Tage im Zug. 

Orientierungslos laufen wir los und suchen die richtige U-Bahnstation, um zum Hostel zu kommen. Das alle Informationen nur auf Russisch sind hilft uns bei der Suche nicht viel weiter. Doch mein Versuch, sich innerhalb eines Tages das Kyrillische Alphabet beizubringen erweist sich als halbwegs erfolgreich. So finden wir dann doch den Weg zur Station. Hier tappen Sebastian und ich in die erste Touristenfalle. Nach einem starken Rempler wird uns klar, auf der Rolltreppe steht man niemals nebeneinander. Eine Reihe für die Schnellen und eine für die Langsamen. Ich bin sehr beeindruckt, als wir nach der langen Rolltreppenfahrt am Bahnsteig ankommen. Marmor, Verzierungen und Prunk schmücken die U-Bahnstation. Die U-Bahn hingegen macht auf mich nicht den neuesten Eindruck und so poltern wir durch den Tunnel in die Innenstadt.

Wir stehen vor einem alten und kaputten Haus im städtischen Herzen Moskaus. Hier soll das Hostel sein. Im Haus riecht es nach Zigarette und nur ein wenig Licht erhellt das Treppenhaus. Der Fahrstuhl ist etwas für Mutige und so nehmen wir die Treppe. Wir klingeln, die Tür geht auf und wir sind im Hostel. Hier riecht es frisch und nach Kaffee. Sofort nehme ich mir eine Tasse, denn die Müdigkeit ist wieder da. Auf einer Couch in der Küche sitzt Carla. Sie ist 24 Jahre alt und kommt aus Texas. Sie erkennt sofort, dass wir aus Deutschland kommen und fragt uns ob wir Skat könnten. Ich antworte sofort ja und denke mir nur, dass ich eigentlich nicht damit gerechnet habe, in Moskau mit einer Texanerin Skat zu spielen. Sie hat gerade ihren Abschluss gemacht und arbeitet jetzt auf einer Ölplattform an der Ostküste Russlands, erwähnt Carla.

Nachdem wir Skat gespielt haben gehen wir raus in die Stadt. Gleich vor der Haustür schlägt mir der Reichtum in Moskau ins Gesicht. Vor einem Café parken Mercedes S-Klase, Lamborghini, Ferrari und Maserati. Der Hostelbesitzer erklärt uns später, dass in den S-Klassen nur die Security für die wirklich teuren Autos sitzt. Wir laufen weiter und sehen wie Frauen versuchen, sich mit der Höhe ihrer Absätze gegenseitig zu überbieten. Ich muss an die Vororte denken und finde den bisher gesehenen Kontrast von Arm und Reich sehr bedrückend. Wenn man durch die Straßen läuft scheint es, als hätte sich hier das letzte bisschen Sozialismus in den roten Backstein rund um den Roten Platz verkrochen. Zwischen all dem Reichtum in der Innenstadt verweisen Hammer, Sichel und roter Stern auf die vergangene Zeit. 

Am Abend gehen Carla, Sebastian und ich auf ein Konzert im Gogol Club. Es ist warm, stickig und der Raum voll von Zigarettenqualm. Die Band ist gut und die Leute fangen an zu tanzen. Im Anschluss legt ein DJ auf. Mit den paar Wörtern Russisch die ich kann lerne ich junge Menschen kennen. Ich denke am meisten hilf mir mein russischer Vorname. Sobald ich den erwähne ist die Stimmung gut und man trinkt gemeinsam ein Bier tanzt. Wieder an der frischen Luft geht es schnell zurück zum Hostel, denn wir müssen in ein paar Stunden unseren Zug bekommen.

Transsibirische Eisenbahn

Nikolai beim Lesen im Zug

Verkaufsstand am Bahnhof

Bahnhof Kansk-Enisejsk

Güterzug auf dem Nachbargleis

Kiosk auf dem Bahnhof

Geschafft. Wir sitzen nun in der Transsibirischen Eisenbahn. Wir teilen uns mit der russischen Großmutter Tatjana und ihrem 8jährigen Enkel Daniel ein 4-Bett Abteil. Wir können uns zwar nicht mit Worten verständigen, aber auf einer Karte zeigt uns Tatjana wo die beiden hinfahren. Sie waren zu Besuch in Moskau und fahren jetzt nach Hause in ein kleines Dorf im Westen Sibiriens. Mir wird bewusst, dass wir mit einem ganz normalen Transportmittel reisen. Für uns ist es etwas besonderes, aber Tatjana und Daniel haben keine andere Möglichkeit, als fünf Tage mit dem Zug nach Hause zu fahren.

In unserem Abteil ist es so heiß wie in einer Sauna. Das Fenster geht nicht auf und eine funktionierende Lüftung gibt es nicht. Da wir die zwei oberen Betten haben, ist es besonders warm. Wir liegen da, schwitzen und lesen. Sebastian hat sich vorgenommen Krieg und Frieden von Tolstoi zu lesen. Es passe so gut zur Reise. Ich wette mit mir selbst, dass er es nicht schafft, das Buch durchzulesen. Einmal am Tag bekommen wir etwas zu essen. Trockener Reis, Huhn oder Schwein nach Wahl, kalten Fisch und zwei Scheiben Brot. Nicht sonderlich viel, aber ausreichend. Es erinnert mich an Flugzeugessen. Für den Fall weiteren Hungers gibt es Instantnudeln. Der Geruch davon hängt im ganzen Zug. Erholen von Wärme und Geruch kann man sich bei längeren Aufenthalten an Bahnhöfen. Beine vertreten, Luft schnappen und bei den kleinen Ständen auf dem Bahnsteig den Vodka- und Biervorrat auffüllen. 

Wir versuchen Daniel das Kartenspiel MauMau beizubringen. Mit Hilfe von Wörterbuch und Bildsprache gelingt es uns. Daniel hat sich in das Spiel verliebt und fängt an zu jubeln, wenn er zum Spielen zu uns hoch kommen kann. Nach fünf sehr heißen Tagen im Zug erreichen wir Irkutsk am Baikalsee. Wir verabschieden uns von den Menschen in unserem Waggon und schenken Daniel das Kartenspiel und er uns ein kleines Plastikauto. Ich finde es schade, dass wir wieder aus dem Zug müssen. Zuvor hatte ich gedacht, dass ich mich darauf sehr freuen würde, doch nun habe ich mich daran gewöhnt, den ganzen Tag nichts zu tun, außer Schlafen, Lesen, Denken und Vodkatrinken.

 

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