Als blinde Passagiere ins Paradies
von Deniz Göcen
Die Galapagos-Inseln sind eines der letzten unberührten Naturparadiese der Welt. Eine Reise auf die Inseln ist aber kompliziert und kostspielig. Zumindest trifft das auf Pauschalreisende zu. Doch es gibt noch andere Wege auf die Inseln. Das Frechheit manchmal doch siegt und wie erfinderisch ein knappes Budget machen kann zeigt unser Beitrag.

- Nah an der Natur - Auf den Galapagos Inseln kann man die Tiere aus nächster Nähe beobachten
Das Flugzeug setzt sich in Bewegung, langsam rollt es auf die Startbahn. Gespannt blicke ich aus dem Fenster: Gleich geht es los. Die Maschine bleibt kurz stehen und gibt Sekunden später Gas. Ich spüre die Beschleunigung, die mich nach hinten drückt. Nur noch ein paar Sekunden, dann werden wir fliegen. Es riecht nach Benzin und Öl, der Lärm in der Kabine, die eher wie ein Laderaum wirkt, wird immer ohrenbetäubender. Dicht gedrängt sitze ich mit etwa 15 Personen auf dem Boden. Regina schaut mich mit großen Augen an, ich weiß, dass auch sie überwältigt ist von dem, was uns gelungen ist: Wir sitzen in einer ecuadorianischen Militärmaschine, auf dem Weg zum Archipel Galapagos. Isabela heißt die Insel auf der wir hoffentlich ankommen werden. Ich spüre meine Unsicherheit und auch die von Regina. Natürlich lassen wir uns nichts anmerken, wir grinsen, lachen uns an und werfen abwechselnd immer wieder Blicke aus dem kleinen, zerkratzten Fenstern. Das Flugzeug steigt immer höher. Wir fliegen über die Anden, die immer kleiner werden und schließlich wie eine Playmobillandschaft aussehen. Immer wieder suchen wir lächelnd die Blicke der Mitreisenden. Meine Hände schwitzen. Ob alle anderen auch so aufgeregt sind?
Regina grinst mich immer noch an. Der Nebel, der aus den Düsen strömt, verbessert meine Nervosität nicht. Genauso wenig, wie die verwunderten Blicke der Mütter mit ihren Kleinkindern oder die des älteren Mannes, der direkt neben mir sitzt. Alle fragen sich was zwei „Gringitas“, wie “Weiße” hierzulande immer wieder bezeichnet werden, in einem dieser Flugzeuge suchen, die eigentlich eine Art Busverbindung für Inselbewohner sind. Für uns ist der Flug alles andere als eine gemütliche Busfahrt. Wie sind wir in die Militärmaschine gekommen? Noch vor ein paar Tagen saßen wir in Reisebüros, um uns nach Reisen auf die Galapagos-Inseln zu erkundigen. Fazit: Zu teuer für unser Studentenbudget. Aber Not macht erfinderisch. Wenn man hier schon als „Gringitas” eine Sonderrolle zugewiesen bekommt, warum sollte man nicht davon profitieren? Nachdem wir uns als Hamburger Biologen ausgegeben hatten und damit auch den General des Verteidigungsministeriums überzeugt hatten, wurde uns nur zwei Tage später ein Platz in einer Militärmaschine angeboten, die uns auf die Galapagos-Inseln bringen sollte.

- Mit einer Militärmaschine ging es für die beiden Touristinnen zu den Traumstränden
Wir landen. Zwischenstopp. Wo wissen wir nicht genau, wir vermuten in Guayaquil, es sieht nach einer großen Stadt aus und wir sind an der Küste, das merkt man an der Feuchtigkeit. Ein Jeep wird in unsere Kabine geladen. Er ist weiß, glänzt und hat keinen Kratzer. Ein enormer Gegensatz zu unserer Militärmaschine, wie so vieles in diesem Land. Wenn wir uns nicht schon seit acht Monaten daran gewöhnt hätten, würde uns wohl die Verständnislosigkeit überwältigen. Regina klagt über Kopfschmerzen. Kein Wunder in dieser Blechkiste. Doch schon geht es wieder auf die Startbahn. Wir sind die einzigen, die aufgeregt sind – der Rest schläft, alle sind absolut entspannt. Die Vorfreude steigt mit jeder Minute: So lange haben wir geredet über diese Reise und uns ausgemalt, wie es wäre, endlich los zu dürfen. Bei jedem lauten Knacken, Rattern oder Schwanken lächelt Regina unsicher. Wie können nur alle um uns herum so unglaublich entspannt schlafen?
Uns kribbelt es in den Beinen, man weiß ja, wie viele Unfälle selbst bei Busfahrten passieren. Mit welchem Verantwortungsbewusstsein die Wartung eines Flugzeugs dieses Landes durchgeführt wird, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Durch das kleine Fensterchen sehe ich Land. Das muss Isabela sein. Ich tippe Regina an, gemeinsam bewundern wir die kleinen Inseln unter uns. Es dauert nicht lange und wir verlieren an Höhe. Die veraltete Militärmaschine setzt zur Landung an, noch einmal jagt uns die Angst durch die Knochen, doch dann spüren wir, wie die Räder auf dem Boden aufsetzen. Als wir aus dem Flugzeug aussteigen, schlägt uns eine trockene Hitze entgegen. Willkommen auf den Galapagos-Inseln. An jeder Stelle der Inseln herrschen andere Witterungsverhältnisse. Wir sind angekommen, doch für Freude bleibt gar keine Zeit. Außer uns werden alle von Jeeps abgeholt und wo sind unsere Rucksäcke? So unauffällig wie möglich folgen wir den anderen. Doch wir kommen nur ein paar Meter weit: Es werden Pässe kontrolliert. Ein in Uniform gekleideter Mann sitzt an einem kleinen Holztisch.

- Die vermeindlichen Hamburger Biologen am Kraterrand des Sierra Negra Vulkans
Alle zeigen ihre ecuadorianischen Pässe. Wir sind an der Reihe. „Wir sind deutsche Studenten. Wir besitzen eine Spezialerlaubnis für den Park”, erklären wir auf Spanisch. Mit diesen Worten überzeugen wir ihn. Nach einem kurzen misstrauischen Blick auf unsere „Spezialgenehmigung“ des Generals werden wir durch gewunken. Wir grinsen in uns hinein: Einfach unglaublich, 100 Dollar Nationalparkeintritt für Ausländer mit einem frechen Satz umgangen. Unsere verschollenen Rucksäcke sind schnell wiedergefunden und dann sitzen wir schon auf der Ladefläche eines Jeeps, der uns mit ins Küstendorf nimmt. Das ist der schönste Ort der Welt. Mir läuft eine Träne über die Wange, wir sind gerade einmal 20 Jahre alt und haben das Glück, dieses Paradies zu erleben. Wir stehen mit unseren weißen Füßen im türkisblauen Meer. Es ist angenehm kühl und unfassbar sauber, keine Schiffe und dreckige Häfen und ein 3000 Seelendörfchen direkt am Strand. Wir können unser Glück nicht fassen. Unsere Habseligkeiten lassen wir im erstbesten Hostel. Wir laufen los, den Strand entlang, der Sand ist warm und weich. Es ist ein wundervolles Gefühl am Strand entlang zu laufen. Keine Menschenseele weit und breit. Isabela ist mit 4640 Quadratkilometern Größe und einer Länge von 120 Kilometern die größte Insel des Archipels. Und ganz ohne Touristen. In Europa undenkbar. Normalerweise kann Galapagos nur mit gemieteten Booten in Reisegruppen besucht werden. Aber Isabela ist selten das Ziel dieser Luxusjachten. Die folgenden Tage genießen wir überwiegend in den Hängematten unseres Hostels. Nur die Mücken stören unser Paradies auf Erden. Sie stechen sogar durch die Kleidung hindurch. Das Gefühl von Freiheit ist kaum zu beschreiben. Es gleicht einem Vögelchen, das sich einfach gleiten lässt. Wann unser Rückflug geht, wissen wir nicht. Normalerweise hält alle vier Wochen eine Maschine. Wir haben also viel Zeit für Bootsausflüge, Tauchen oder wir reiten zum Kraterrand des 1490 Meter hohen Sierra Negra Vulkans. Der Krater hat einen Durchmesser von zehn Kilometern, er ist der zweitgrößte der Welt und Regina und ich stehen an seinem Fuße.

- Beim Schnorchelm kann man die Unterwasserwelt von Galapagos perfekt erorschen
Das absolute Highlight dieser Reise ist allerdings das Schnorcheln. Beim ersten Mal sitze ich noch leicht verängstigt auf der Reling des kleinen Bootes. Der einheimische Reiseführer, dem wir 10 Dollar dafür bezahlt haben, dass er uns mit seinem Boot einen halben Tag mit aufs Meer nimmt, ist schon längst in die bunte Welt abgetaucht. Regina grinst mich an, wie sie es immer tut, wenn sie nicht mehr weiß, was sie sagen soll. Normalerweise redet sie viel, sehr viel, aber in diesen Momenten weiß auch sie nichts zu sagen. Miguel, unser Reiseführer, taucht auf. „Kommt“, fordert er uns auf „Hier sind Robben.“Ich werde unruhiger. Jetzt müssen wir rein. Das war doch mein Traum, mit Robben zu schwimmen, rede ich mir selbst Mut zu. Ich schließe meine Augen und springe ins Wasser. Als ich meine Augen wieder öffne, befinde ich mich mitten in der bunten Welt der Meerestiere. Mit jedem Meter, den mich meine Flossen vorantreiben und ich im Augenwinkel Miguel sehe, der auf Isabela aufgewachsen ist und der sich absolut leicht und geschwungen bewegt, werde ich sicherer. Regina scheint sich auch schon wohler zu fühlen, sie versucht schon wieder durch Zeichensprache mit mir zu kommunizieren. Und dann ist er da, ein kleiner Lobo, eine Babyrobbe. Er schwimmt direkt an mir vorbei und schaut mich mit großen, klaren Augen an, als wolle er mich etwas fragen oder mich auffordern, mit ihm zu spielen. Ich werde mutiger, lasse meine Hand direkt an seiner glatten Haut entlang streifen, drehe mich, schwimme schneller. Der Kleine imitiert mich. Alles ist bunt, die Formen, Tiere, Pflanzen, die Fischschwärme so schnell und wendig. Was für ein faszinierendes Paradies.

- Entspannen in der Einsamkeit, fern von Müll und Massentourismus
Nach vier Wochen habe ich das Zeitgefühl völlig verloren auf einer Insel, auf der es weder Internet noch Handynetz gibt. Wir forschen bei Dorfbewohnern nach, ob sich die Militärmaschine angekündigt hat. Aber nichts, sie wird nicht kommen. Man sagt uns sie würde wohl auch die nächsten Wochen nicht mehr kommen. Man weiß nie, ob es stimmt, in Ecuador kann alles passieren. Sie hätte gestern hier gewesen sein können und keiner hätte es gewusst. Wir warten, verbringen weitere Tage auf den Inseln. Unser Problem ist das Geld. Es gibt keine Geldautomaten auf Isabela, dazu müsste man auf die Insel Santa Cruz übersetzten, denn dort ist der offizielle Flughafen. Die Überfahrt dorthin würde vier Bootsstunden dauern und 30 Dollar kosten. Doch was bleibt uns für eine Alternative? Also fahren wir los. Santa Cruz ist die zweitgrößte Insel, allerdings mit etwa 15 000 Einwohnern. Hier hat man alle Probleme, die man über die „Islas“ hört, vor Augen: Straßen voller Müll, im Hafen schwimmt ein Ölfilm, es gibt einfach zu viele Touristen und Einwohner für einen so wundervollen Ort, der so empfindlich auf Eingriffe reagiert. Die nächsten Tage nimmt alles seinen Lauf und wir sitzen im Flugzeug. „Möchten Sie noch etwas?“, fragt uns die freundliche Stewardess, aber Regina verneint. Wir grinsen uns an, denn soviel Luxus im Vergleich zu unserer Hinreise amüsiert uns. Diesmal schauen wir zusammen aus einem sauberen Flugzeugfenster, während die Reifen unserer Chartermaschine den Kontakt zum Boden der „Islas Encantadas“ verlieren. Zurück bleiben Traumstrände, Palmen und herrliche Unterwasserwelten. Doch sie werden in unserer Erinnerung weiterleben. Es war eine der bedeutendsten Reisen unseres jungen Lebens.







