Forschungsreise in die Arktis

Das Geräusch von Eis

von Birke Ewig

Durch den weltweiten Anstieg der Lufttemperatur, nimmt die jährliche Ausdehnung des arktischen Eises rapide ab. Wissenschaftler aus aller Welt versuchen diese Veränderungen zu erfassen. Im Sommer 2009 kann ich an einer Expedition in die Arktis teilnehmen. Drei Wochen arbeite ich an Bord des Forschungsschiffes "Kapitan Dranitsyn". Die abenteuerliche Reise beginnt im norwegischen Kirkenes.
Durch das unendliche Eis brechen wir uns unseren Weg

„Deck five, number fourteen…that must be your cabin”, sagt eine blonde Russin mit einem starken Akzent zu mir und guckt mich erwartungsvoll an. Ich bedanke mich mit einem etwas angestrengten Lächeln und schiebe mich schwer beladen an ihr vorbei. Sie nickt zufrieden und reicht mir den Kabinenschlüssel. „My name is Margarita. If you need anything just let me know,“ dann ist sie auch schon um die nächste Ecke verschwunden. Ich stehe in meinem neuen Zuhause auf Zeit und lasse mein Gepäck auf den Boden fallen. Ich bin an Bord des russischen Eisbrechers Kapitan Dranitsyn. Das ehemalige Kreuzfahrtschiff aus Murmansk, wird mich auf eine 22-tägige Forschungsreise in die Arktis bringen. 

 Außer mir sind rund 30 Wissenschaftler aus Russland, den USA, Kanada und Großbritannien, sowie die russische Crew an Bord. Bisher habe ich nur flüchtig ein paar Hände geschüttelt, gelächelt, Namen gehört und gleich wieder vergessen. Noch ist mir alles fremd und die vielen Eindrücke überrollen mich. Obwohl ich schon vor zwei Tagen in Kirkenes angekommen bin, kann ich es immer noch nicht glauben: ich bin wirklich hier und werde im Auftrag eines Kieler Instituts in den nächsten drei Wochen Wasserproben in der Laptev See nehmen und diese zur Analyse mit nach Deutschland zurücknehmen. 

Mein Zuhause für die nächsten drei Wochen

Neugierig sehe ich mich in meiner Kabine um. Der Raum ist größer, als ich erst vermutet hatte. Bett, Schreibtisch, Schrank und ein Sofa passen rein. Sogar ein eigenes kleines Badezimmer entdecke ich hinter der offenen Kabinentür. Alles ist in Beige und verschiedenen Brauntönen gehalten. Das uralte gelbe Telefon auf dem Schreibtisch erinnert eher an DDR-Zeiten, als an die Einrichtung eines Kreuzfahrtschiffes. Mit meinem Hang zur Nostalgie, fühle ich mich sofort wohl. Über dem Sofa gibt es ein 50x70 cm großes Fenster, welches durch vier dicke Schrauben gesichert ist. Mit etwas Kraft gelingt es mir, die verrosteten Schrauben zu lösen und ich sehe hinaus. Ein Teil der technischen Crew ist noch mit Verladearbeiten beschäftigt und ich beobachte voller Spannung, wie drei große Container schwankend mit einem Kran an Deck gehoben werden. 

In weniger als zwei Stunden werden wir ablegen und ich beschließe noch einmal an Land zu gehen, um den Hafen und das Schiff zu fotografieren. Schnell ziehe ich mir eine dicke Jacke über und laufe die Innentreppen runter zu Deck vier, wo sich auch die Gangway befindet. Als ich die schwere Eisentüre nach draußen öffne, laufe ich einer zierlichen jungen Frau in die Arme, die einen riesigen blauen Seesack hinter sich herzieht. Sie hat ihr braunes glattes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt einen grauen Schlabberpullover mit der Aufschrift University of Alaska. Noch ehe ich ihr meine Hilfe anbieten kann, taucht wie aus dem Nichts ein großer, schlaksiger Russe auf, greift ohne große Worte nach ihr und dem Seesack und bugsiert beide durch die Eisentür in das Schiff. Etwas verdutzt sehe ich ihnen nach und muss dann lachen. Davon, dass Frauen auf diesem Schiff nichts Schweres tragen „dürfen“, habe ich bereits gehört.

Ich setze meinen Weg fort und kurze Zeit später stehe ich unten am Kai und krame meinen Fotoapparat aus der Jackentasche. Ein Wassertropfen fällt mir ins Gesicht und ich blinzele in den mit grau schimmernden Regenwolken verhangenen Himmel. Der Wind hat aufgefrischt und ich ziehe fröstelnd den Reisverschluss meiner Jacke bis unters Kinn. Hier am fast nördlichsten Punkt Norwegens, sind die Sommer deutlich kühler als in Deutschland und das Thermometer steigt selten über 15 Grad. Ich lasse meinen Blick an der Kapitan Dranitsyn nach oben wandern. 

Der russische Eisbrecher Kapitan Dranitsyn

Von hier unten sieht der Eisbrecher mit seinen neun Decks aus wie ein Hochhaus. Ich muss den Kopf ganz zurück in den Nacken legen, um bis hinauf zur Brücke gucken zu können. Langsam gehe ich zum Bug des Schiffes vor und inspiziere den 130 Meter langen Rumpf. An einigen Stellen ist der schmutzig gelbe Lack bereits abgeblättert. Der dadurch freigelegte Stahl ist durch Rost angefressen und verleiht dem Schiff ein leicht schmuddeliges Aussehen. 

Ich laufe weiter am Kai entlang und fotografiere das emsige Treiben bei den Containern und die anderen Schiffe, die in einiger Entfernung am Ende des Hafens ruhig im Wasser schaukeln. Mir wird bewusst, dass ich das letzte Mal für die nächsten drei Wochen festen Boden unter den Füßen habe. Ich spüre leichte Wehmut aufkommen. Gedankenvoll mache ich mich auf den Rückweg. 

Als ich zurück auf Deck fünf komme, treffe ich die junge Frau mit dem Pferdeschwanz wieder. Wir stellen fest, dass wir Nachbarn sind und kommen schnell ins Gespräch. Ich erfahre, dass sie Rebecca heißt, 23 Jahre alt ist und in Alaska Ozeanographie studiert. Wir sind uns sofort sympathisch und verabreden uns für 30 Minuten später oben an Deck neun, um beim Auslaufen des Schiffes dabei zu sein. Ich fange an meine Sachen auszupacken und mich einzurichten. Langsam fühle ich mich fast ein wenig Zuhause. 

Die Rosette kommt wieder an Bord

Eine Stunde später stehe ich mit Rebecca und den anderen oben an der Reling. Schwarzer Rauch kommt aus dem gewaltigen Schornstein und hüllt uns immer mal wieder in eine Wolke aus Abgas. Trotzdem bleiben wir stehen und gucken zu, wie Kirkenes allmählich kleiner wird und dann hinter einem Felsvorsprung vollständig verschwindet. Wir gehen vor zum Bug des Schiffes. Rechts und links erstreckt sich eine zerklüftete, bis auf einzelne Büsche nur mit Moos bewachsene Felslandschaft. Ab und zu tauchen vereinzelt kleine Inseln neben uns auf, welche zum Teil bewohnt zu sein scheinen. Immer wieder entdecken wir die landestypischen roten Holzhäuser, was uns jedes Mal in Begeisterung versetzt. Wir umfahren eine schroffe Landzunge und plötzlich erstreckt sich vor uns der offene Ozean. Kurze Zeit später nimmt die Dünung zu und das Schiff beginnt stark zu schwanken. Wir haben die Barentssee erreicht und gucken aufgeregt in die Richtung, in der wir Spitzbergen vermuten. In zwei Tagen werden wir auf gleicher Höhe sein. Wir grinsen uns an. Das Abenteuer Arktis kann beginnen.

Am Abend treffen wir uns alle im Vortragsraum auf Deck sieben um uns kennen zu lernen und um die Fahrt zu besprechen. Es sind mehrere Gruppen an Bord, welche in den nächsten Wochen Wasserproben nehmen und meteorologische sowie biologische Daten sammeln werden. Es sind ebenfalls einige Techniker dabei, die für das Einholen und Aussetzen von Messgeräten verantwortlich sind. Wir stellen uns alle einander mit einigen kurzen Sätzen vor und erklären unsere Funktion an Bord. Meine Aufgabe wird es sein, an allen Stationen Wasserproben aus unterschiedlichen Tiefen zu nehmen und diese zum Teil direkt an Bord zu filtern. Dazu habe ich einiges an Equipment mitgebracht, mit dem ich mir in den nächsten Tagen ein eigenes kleines Labor einrichten werde. Die Wasserproben werden direkt im Anschluss der Expedition auf Zusammensetzung untersucht und die daraus gewonnen Daten ausgewertet. So erhofft man sich, neue Erkenntnisse zu gewinnen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Meer-Eis und das arktische Ökosystem hat. 

Wasserentnahme an der Rosette

Nach der Besprechung gehen wir runter an die auf Deck vier befindliche Bar und haben dort Gelegenheit uns näher kennen zu lernen und uns an einem kalten Büffet zu bedienen. Anfangs beäugen wir uns noch recht scheu, aber dann legt jemand Musik auf und schon bald bilden sich Grüppchen und es wird bis spät in die Nacht viel gelacht und erzählt.

Früh am nächsten Morgen laufe ich noch vor dem Frühstück nach hinten zum Hangar-Deck. Bis auf zwei Möwen, die sich lautstark streiten, liegt es verlassen da. Normalerweise starten und landen hier Hubschrauber, die den Wissenschaftlern zur Eisaufklärung dienen. Ich öffne die große Eisentür, die in eine kleine Halle führt, und gucke nach den Kisten mit meinem Equipment.

Mir wurde auf Deck sechs eine zweite Kabine zugewiesen, wo ich mir mein Labor einrichten kann und mit Rebeccas Hilfe schaffe ich die fünf Kisten im Laufe des Vormittags nach oben. Die zahlreiche Versuche der russischen Crew, uns die Kisten abzunehmen, können wir dabei nur mühsam abwehren. Ich mache mich gleich daran, alles auszupacken und die Filteranlage aufzubauen. Wir erreichen die erste Station gegen zwei Uhr früh. Ich ziehe ich die Vorhänge zurück und blinzele ins gleißende Licht. Draußen ist es taghell. Im arktischen Sommer verschwindet die Sonne immer nur kurz hinter dem Horizont, was die nächtliche Arbeit sehr erleichtert. Verschlafen stapfe ich zum Hangar-Deck hinüber. 

Die Eisschollen sind rund einen Meter dick

Die Rosette steht schon draußen und wird gerade vorbereitet. Die Rosette ist ein Gestell, an dem 24 5-Liter Flaschen befestigt sind und welches mit Hilfe eines Krans in das Wasser herabgelassen wird. Die anfangs geöffneten Flaschen lassen sich nach Bedarf computergesteuert schließen und ermöglichen eine Wasserentnahme in unterschiedlichen Tiefen. Bei einer Tiefe von 1000 Metern dauert das Herablassen und Hinaufziehen der Rosette ungefähr eine Stunde. Ist die Rosette wieder an Bord, lässt sich mit einem Schlauch das Wasser entnehmen.

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Die Stationen kommen oft im Zweistunden-Takt und ich laufe ununterbrochen zwischen Labor und Hangar-Deck hin und her, um zu filtern und um neue Proben zu holen. Zwischendurch beobachte ich, wie sich die Landschaft um uns herum verändert. Erst tauchen vereinzelte Eisschollen auf, aber je nördlicher wir kommen, desto kälter wird es auch. Als wir eine Tages-Durchschnittstemperatur von -4 Grad erreichen, wird auch das Eis immer dichter. Schließlich bahnen wir uns unseren Weg nur noch durch eine kalte weiße Wüste. Mit einem lauten Krachen bricht das Schiff die bis zu einen Meter dicken Schollen. Oft stehe ich minutenlang an der Reling und lausche dem Geräusch. Es kratzt, knistert und klirrt. Manchmal klingt es, als ob Glas zerspringt.

Durch die ständige Helligkeit vergeht das Gefühl für Tag und Nacht und schon nach einer Woche rätselt man beim Frühstück, welcher Wochentag wohl gerade ist. Ohne die vier festen Mahlzeiten täglich wäre es mittlerweile auch schwer zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Alles ist durcheinander. Ich schlafe selten länger als drei Stunden am Stück und bin ansonsten mit Arbeiten und Essen beschäftigt.

Nach zehn Tagen hat sich Routine an Bord eingestellt und es ist ruhig auf dem Schiff geworden. Inzwischen kennt man sich, hat den schiffseigenen Swimmingpool ausprobiert, Filmabende veranstaltet und einige Tischtennis-Turniere bestritten. Alle an Bord hat eine bleierne Müdigkeit befallen und viele verkriechen sich in ihren Kabinen um zu lesen oder am Schreibtisch zu arbeiten.

Eisbärin mit ihrem Jungen

Eines Morgens ertönt eine Lautsprecherdurchsage durch die Kabinen. Eisbär in Sicht. Plötzlich kommt Leben in das Schiff. Alle rennen mit Kameras und Fernglas bewaffnet nach draußen und suchen angestrengt den Horizont ab. Die Freude ist groß, als eine Eisbärin mit ihrem Jungen auftaucht. Neugierig schaut das Junge zum Schiff herüber, während Kameras klicken und Videokameras den Moment auf Film festhalten. Gemächlich wandert die Bärin weiter und beachtet uns kaum. Ihr Junges schaut neugierig zu uns herüber, zieht es aber vor dicht bei der Mutter zu bleiben. Es kommt sicher nicht oft vor, dass die Tiere in dieser unwirtlichen Gegend Menschen zu Gesicht bekommen. Als alle genug Fotos gemacht haben und die Eisbären fast nicht mehr zu sehen sind, wird es wieder ruhig an Bord. In den nächsten Tagen kreuzen immer mal wieder Eisbären unseren Weg, was für alle eine angenehme Abwechslung bedeutet und immer mit viel Aufregung verbunden ist.

Nach fast drei Wochen auf See, bricht unser letzter Tag im Eis an und der Kapitän hat eine schöne Überraschung für uns. Am Abend ist eine Eisstation geplant, bei der wir unter Aufsicht für eine Stunde das Schiff verlassen und das Eis betreten dürfen. Für mich ist das der Höhepunkt der Expedition und als die Gangway herabgelassen wird, kann ich kaum erwarten, dass es losgeht. Als ich meinen Fuß auf das Eis setze, durchströmt mich ein Glücksgefühl und ich sehe auch Rebecca und den anderen an, dass es für sie ein großes Erlebnis ist. Mit fröhlichen Rufen und viel Lachen begießt man den außerplanmäßigen Stopp mit Sekt und stößt auch auf die bisher sehr erfolgreich verlaufende Expedition an.

Eisstation. Für eine Stunde das Schiff verlassen

Zurück an Bord erwartet uns auf dem Hangar-Deck ein BBQ und es wird bis früh am Morgen getanzt und gesungen. Schon am nächsten Tag erreichen wir wieder das offene Meer und machen uns auf den Heimweg. Als wir in Kirkenes einlaufen, empfängt uns trübes Regenwetter und ich beginne mich auf zu Hause zu freuen. Ich habe in den letzten Wochen viel erlebt und auch wenn es manchmal sehr anstrengend und viel Routine dabei war, hatte ich sehr viel Spaß. Die Arktis werde ich sicher wieder sehen.