Der Versuch, nicht modern zu sein
von Sarah Nüdling
Ladakh - wahr gewordener Traum der Globalisierungskritiker oder nur ein weiteres Eldorado westlicher Rucksack-Buddhisten? In der nördlichsten Region Indiens liebäugelt Folkloretourismus mit regionaler Selbstbestimmung. Ein Reisebericht.

Ein Uhr nachts, die Luft ist kühl, der Himmel wolkenlos, klar umrahmt von den Spitzen der Himalayaausläufer. Ein kleiner Ort oberhalb der indischen 30.000 Seelen Stadt Manali. Direkt bei den heißen Quellen wird uns der Jeepfahrer einsammeln, der Mann am Busterminal hat uns sein Wort gegeben. Für sein Wort haben mein Begleiter und ich ihm je gut 1000 Rupees, umgerechnet circa 18€, gezahlt. Nun halten wir zwischen unseren frierenden Fingern ein zerknittertes, handschriftliches `Ticket`. Die Rucksäcke liegen neben uns auf der dörren Erde, die neu erworbenen Yakwolldecken haben wir gegen die Kälte eng um unsere Schultern geschlungen.
Wir warten. Wir werden nervös. Dann aufatmen. Ein Motorengeräusch hat die schleichende Vermutung verscheucht, ein weiteres Mal dem bisweilen gnadenlosen indischen Geschäftstrieb zum Opfer gefallen zu sein.
Ein weißer Jeep, besetzt bereits mit sechs Fahrgästen, hält in einer Staubwolke vor uns an. Die Rucksäcke aufs Dach, eine kurze Begrüßung, und wir zwängen uns dankbar auf den engen, zerschlissenen Vordersitz. Circa 16 Stunden soll die Fahrt dauern. Vier Hochpässe gilt es zu überqueren, unter ihnen der zweithöchste befahrbare Bergübergang der Welt, der 5303 Meter hoch gelegene Tanglang La. Dann werden wir da sein. In Ladakh. Einem kargen Landstrich auf dem tibetischen Hochplateau im Distrikt Jammu & Kaschmir.
Bereits ein paar Jahre zuvor hatte ich einen Artikel über die Region gelesen. Von hier aus, hieß es, sei der Buddhismus ins angrenzende Tibet gelangt. Und noch heute spielen Spiritualität und lokale Traditionen in Ladakh eine tragende Rolle. Man nennt es deshalb auch „kleines Tibet“. Eine Umschreibung, die, käme sie von einem Tourismusmarketingexperten, sicherlich einige Preise einheimsen würde.
Der Fahrer legt eine Kassette ein. Indische Folklore übertönt die müden Gespräche der Nacht. Das sei bestimmt die einzige Kassette an Bord, verkündet mein Reisepartner halb scherzend. Er soll Recht behalten. Ganze lange 16 Stunden.

- Auf der Strasse nach Ladakh: Das Himalaya-Panaorama erkauft man sich mit 16 Stunden Fahrt durch Staub, Steine und Schlaglöcher.
Am frühen Morgen gibt es heißen Chai-Tee in einer kleinen Siedlung am Wegrand. Die Kälte der Nacht weicht allmählich einem klaren, warmen Tag. Der Schein der zögernd aufgehenden Sonne kriecht über eine leblose, zerborstene Landschaft. Vereinzelt Hütten und kleine Dörfer, dazwischen lange nichts, Steine und Staub, keine Landmarke, die der Orientierung dienen könnte. Schon nach wenigen Stunden Fahrt verlieren wir jeglichen Bezug zu Raum und Zeit.
In 4253m Höhe liegt das Camp Sarchu, eine überschaubare Zeltstadt in einem überwiegend von Nomaden bewohnten Landstrich. Frauen in dicken Wollpullovern, die Röcke in mehreren Schichten übereinander und die Schals gegen die Kälte um den Kopf gewunden, servieren Linsen, Reis und Brot. Vor den flatternden Zeltwänden sitzen auf Plastikstühlen ganze Wagenladungen von Soldaten.
Ladakh ist auch militärstrategisch von Bedeutung. China beanspruchte jahrzehntelang ein circa 4.500 km² großes Gebiet Ladakhs an der Grenze zu Tibet. Erst seit ein paar Jahren versprechen Gespräche zwischen China und Indien eine Lösung des Konflikts. Trotz der offiziellen Annäherung unterhält Indien hier weiterhin unter horrenden Kosten einige der höchstgelegenen Militärposten der Welt. „Alle paar Kilometer ist ein Soldat positioniert“ berichtet einer unserer Mitreisenden. Auch er ist in Uniform, auf dem Weg zum seinem Dienst in knapp 4000 m Höhe.

- In über 4000m Höhe stehen die Zelte des Camp Sarchu, Unterschlupf für Reisende und Soldaten der indischen Armee.
Es sind diese sicherheitspolitischen Ambitionen Indiens gegenüber China, die Ladakh überhaupt erst mit der übrigen Welt verbunden haben. In den 70er Jahren baute das indische Militär die Strasse in die Bergregion aus und setzte so einen Prozess in Gang, der sich wie die Blaupause für die Thesen der Globalisierungskritiker liest: Subventionierte und in Massenproduktion hergestellte Güter drangen auf einen bis dahin weitestgehend agrarisch organisierten Markt. Die Bauern kämpften um ihre Existenz und eine lebendige lokale Kultur drohte von den billigen Konsumgütern und Bildern einer vermeintlich besseren Welt überrannt zu werden.
Ein Mikrokosmos der Globalisierung. Und ein Versuchsfeld.
Helena Norberg-Hodge ist schwedische Philosophin und Trägerin des alternativen Nobelpreises. 1975 bemerkte sie bei ihren ersten Besuchen in Ladakh die raschen Veränderungen der Region. Prozesse, die sie in ihren Publikationen später als „Hollywoodisierung durch die Monokultur des global village“ bezeichnet.
1978 gründet sie als Reaktion auf ihre Beobachtungen des zunehmenden Wertverfalls die „International Society for Ecology and Culture“ (ISEC). Inzwischen ist die ISEC in vier Kontinenten aktiv und führt seit mehr als 30 Jahren Projekte in Ladakh durch. Mit alternativen Tourismusangeboten und Seminaren zur globalen Nachhaltigkeit lockt sie Globalisierungskritiker und Idealisten jeder Couleur.
Leh, die Hauptstadt von Ladakh erreichen wir mit Kopfschmerzen am späten Nachmittag. Mit 3500 m Höhe über NN ist sie eine der höchstgelegenen ständig bewohnten Städte der Welt. Sie ist Warenumschlagsplatz für die komplette Region, Standort für Schule, Krankenhaus und den überlebenswichtigen Flughafen. Der Luftweg ist die einzige Verbindung zu den anliegenden Städten, wenn in den Monaten Oktober bis Mai die Pässe von Schnee bedeckt sind und auch am Tag Temperaturen von bis zu -30 Grad herrschen.
Jetzt aber ist es Sommer, die Strassen sind staubig, laut und voll. Und zwischen den braungebrannten Gesichtern der Ladakhis sticht immer wieder die weiße Haut der zahlreichen Besucher hervor.

- Touristen bestaunen einen traditionellen Festumzug: Folkore und Landschaft Ladakh locken jährlich bis zu 150.000 Besucher in das Hochland.
Mit dem Ausbau der Strasse kamen auch die Touristen, Alternativreisende auf der Suche nach unversehrter Natur und gelebter buddhistischer Tradition. Jährlich sind es ca. 150 000, viele davon bereiten sich in Leh für eine Wanderung in die umliegende Berglandschaft vor. Doch der Kontakt mit der ersehnten Unversehrtheit bleibt nicht nur für die Menschen ohne Folgen.
Das Ökosystem ist fragil in dieser Höhe. Niederschlag fällt spärlich, Müll verrottet kaum, die Wachstumszeit ist auf wenige Sommermonate beschränkt. Mit 250 000 Bewohnern ist das 97,000 Quadratkilometer große Gebiet bereits ausgelastet, die zusätzlichen Touristen sind eine ernstzunehmende Bedrohung für das empfindliche ökologische Gleichgewicht. Seit Jahren wird in Ladakh deshalb über eine Beschränkung der Besucherzahl diskutiert. Als Vorbild könnte Bhutan dienen – dort werden begrenzte Besucherlizenzen für Touristen vergeben, die sich die Regierung teuer bezahlen lässt. Wie erfolgreich ein solches Vorgehen wäre, ist jedoch umstritten. Denn der Tourismus ist, neben der Herstellung von Schmuck, praktisch die einzige Einnahmequelle der Region. Und Dank einer Initiative der ISEC profitieren auch zunehmend lokale Guides und Familien von den Besuchern.
Zwei Tage gewöhnen wir uns an die dünne Luft des Hochlandes, dann brechen auch mein Begleiter und ich zu einer Wanderung auf. Wir haben uns gegen die übliche Hilfe von Lasttieren entschieden und lassen einen Großteil des Gepäcks in unserer Herberge zurück. Ein überfüllter Bus bringt uns in eines der umliegenden Dörfer. Auf dem Dach werden Einkäufe transportiert, Gemüse, Frischwasser und Hühner. Durch die schmutzigen Scheiben sehen wir die Landschaft vorbeiziehen, die braunen Felsen, die Berggipfel, eine uns langsam vertraut werdende Ödnis. Und immer wieder massiv und einsam aus dem Geröll herausragend die Chörten, jene hausgroßen, weiß getünchten Mausoleen, als äußeres Symbol des Buddhismus. Wenig erinnert hier an die für Indien typischen Bilder, kein Bollywood, keine Saris, keine Rikschas auf den trockenen Straßen.
Auf der Sitzbank neben uns, dicht aneinandergedrängt, sitzen zwei Frauen, die glatten, schwarzen Haare zu langen Zöpfen geflochten. Wir kommen ins Gespräch mit ihnen. Ein Gespräch, das mit Händen, sehr viel Mimik und ein paar wenigen Brocken Englisch funktioniert, und an dessen Ende eine Einladung zur Übernachtung steht. Wir nehmen dankbar an und sitzen so ein paar Stunden später in einem massiv gebauten Steinhaus mit angrenzender, kleiner Viehzucht. Am Abend servieren unsere Gastgeber selbstgebrautes Bier, wir bereiten gemeinsam in der geräumigen Wohnküche Essen zu, und unsere von vielen Gesten getragene Unterhaltung dauert bis tief in die Nacht.
Das von Rucksacktouristen so ersehnte Bild des selbstlos hilfsbereiten Einheimischen bleibt intakt bis zum Morgen. Dann fordern die Hausherren freundlich aber bestimmt ein Entgelt für die Nacht.
Auch in den folgenden Tagen finden wir problemlos Unterkünfte in der spärlich besiedelten Gegend. Wir zahlen ein paar Euro pro Bett, für uns nicht viel, für die Gastgeber sicher eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle. Es scheint aufzugehen, das von der ISEC unterstützte Konzept des lokalen Tourismus. Und es geht einher mit einer unverblümten Selbstverständlichkeit. Keine falsche Bescheidenheit, keine Übervorteilung und auch kein unterwürfiges Gieren nach dem Geld der reichen Touristen aus dem Westen.

- Erhalt der lokalen Kultur: Ein Mann schwenkt Räucherwerk bei einem Festakt in Leh.
Zurück in Leh besuchen wir den Sitz der ISEC. Vor dem Gebäude, das auch der Women’s Alliance of Ladakh ein Zuhause bietet, finden Vorbereitungen für einen Festumzug statt. Alte Trachten werden aufgebessert, prächtige Hüte, bestückt mit massiven Türkisen, stapeln sich auf den Tischen, über allem liegt der schwer duftende Qualm glimmender Räucherstäbchen. In den Räumen der ISEC wird Aufklärungsarbeit geleistet. Norberg Hodges globalisierungskritischer Film „Ancient Futures-Learning from Ladakh“ wird hier täglich gezeigt. Im Anschluss finden Diskussionen mit Besuchern und Mitarbeitern statt. Broschüren informieren über traditionelle Landnutzung und bitten den Besucher, sich dem lokalen Verhaltenskodex anzupassen.
„Wie erfolgreich ist die Arbeit der ISEC?“ will eine Besucherin mit spanischem Akzent wissen. „Es gibt keine Zahlen“, antwortet ein Mitarbeiter der Organisation, „aber schaut Euch doch nur um: So viel Engagement und Stolz seitens der Bevölkerung. Das Tragen der traditionellen Kleider, der Erhalt unserer traditionellen Agrarprodukte, der Zuspruch von außen. Das alles spricht doch für sich.“

- Die LEDeG unterstützt die Bauern in Ladakh auch mit Programmen zum Erhalt des traditionellen Ackerbaus.
Trotz der starken traditionellen Bezugspunkte sind die Ladakhis nicht rückständig oder technikfeindlich. Die 1983 gegründete Ladakh Ecological Development Group (LEDeG), die wir am Folgetag aufsuchen, arbeitet mit mittlerweile 55 Mitarbeitern an der Einführung alternativen Energien. Solaranlagen sind aufgrund der intensiven Sonneneinstrahlung in diesen Höhen wie geschaffen für das Gebiet. Auch an Konzepten zur Wasserversorgung und -aufarbeitung wird gearbeitet, hier finden Schulungen für Bauern statt und die kleine Bibliothek bietet Literatur zu verschiedensten Themen nachhaltiger Agrarentwicklung. Eine größtmögliche Autonomie der Region ist dabei vorrangiges Ziel.
„2005 haben wir eine Auszeichnung bekommen für den Einsatz alternativer Energien“ berichtet Herr Sewa, jahrelanger Chef der LEDeG mit gelassener Selbstverständlichkeit, „und wir bekommen viel Unterstützung aus aller Welt.“ Aber er gibt auch zu, dass nicht alles so idyllisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint. „Wir machen hier wirklich viele Fortschritte, und sicherlich sind wir hier weiter als an manchen anderen Orten, aber es gibt auch eine andere Seite."
Bei einem Besuch auf dem Markt bekommen wir diese andere Seite zu Gesicht. Es herrscht jenes Verkehrschaos, das entsteht, wenn innerhalb weniger Jahre zu viele Autos in eine dafür völlig ungeeignete Infrastruktur drängen. An den Marktständen werden billige Armbanduhren aus China und T-Shirts mit Amerikamotiven verkauft. Touristen feilschen um Souvenirs, der Boden ist mit Plastiktüten und Müll übersät.
Wir buchen einen Platz für die Heimreise. Als wir am frühen Morgen den Jeep besteigen, sitzt eine junge Frau mit einer kleinen Pappkiste auf dem Schoss neben mir. Eine Weile später erwache ich von einem leisen Wimmern. Der Jeep hält an, die junge Frau wärmt eine Flasche auf. In der Kiste liegt, eingebettet in warme Decken, ein Neugeborenes. Es muss für eine Operation nach Manali. "Seine Mutter ist zu schwach, deshalb bringe ich es nun dort hin", erzählt die Frau. "Das Krankenhaus in Ladakh ist nicht gut, es gibt viel zuwenige Ärzte".
Wir erreichen Manali in der Nacht, aufgewühlt von der langen Fahrt und widersprüchlichen Eindrücken. Hier sind sie wieder, die Saris und die lauernden Rikschafahrer, die uns zu ihrem „Freund“ ins Hotel einladen möchten. „Very cheap for you, my friend“ beteuert der junge Mann, der uns quer über den Platz zieht. Selbst so spät abends sind noch Bettler unterwegs. Im Hotel angekommen waschen wir den Staub der Fahrt von unserer gebräunten Haut. Ein Ventilator kämpft surrend mit der dichten Luft. Zögerlich schlafen wir ein.
Weitere Informationen:
International Society for Ecology and Sustainability
www.isec.org.uk
Ladakh Ecological Development Group
www.ledeg.org







