Erst gewonnen, dann bezahlt!

Über eine gewonnene Busreise nach Dresden

von Holger Dreysel

Wer eine Reise tut, der kann etwas erleben. Bei „gewonnenen“ Reisen spricht dies oft nicht immer nur für die positiven Erlebnisse. Wenn die ganze Reise anders verläuft als erhofft ist die Enttäuschung groß. Versprochenes und Stattgefundenes liegen oft weit auseinander. So auch bei dieser Reise nach Dresden. Erst gewonnen, dann bezahlt.
Warten auf Weiterfahrt
Wenn der Regen die Pause zu lang werden lässt: Stau vor dem Bus.

Freundich wurden meine Frau und ich in der Stadthalle Neumünster zu einem Reise-Informationsabend begrüßt. Mit Powerpoint wurden herrliche Reise-Fotos präsentiert. Es gab ein warmes Gratisessen und einen „Gewinn“ für jeden, der wollte: Eine Gratisreise wahlweise nach Dresden oder in die Türkei. Das Essen aus dem Stadthallenrestaurant schmeckte hervorragend, Reiselust machte sich breit.
Ein bißchen merkwürdig waren die vielen Namen des Reiseunternehmens: Eigentlich wohl WOX-Travel, fast wie der Fernsehkanal VOX mit seinem Reiseprogramm VOX-TOURS, aber auch „schlagerreisen.de“, die Höhepunkte der Reisen seien nämlich meist  Musikevents, weiter auch „Romantik-Reisen“. Man arbeite zusammen mit den Fernseh-Reisesendern „Sonnenklar TV“, „Gute Laune TV“ und der Zeitschrift „Stars & Melodien".

Dresden und die Sächsische Schweiz kannten wir von früher. Uns lockte eine Reise dorthin: Die wieder aufgebaute Frauenkirche, die Waldschlößchen-Aussicht über Elbe und Altstadtzentrum, bevor die geplante Waldschlösschen-Brücke kommt, und ein Blick auf alles, was sich in Dresden sonst getan hat. Wechselnde „Alias-Namen“, wie sie das Reiseunternehmen führt, kennt man ja von Gaunern. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Es sollte ja eine „gewonnene“ Reise sein.

Also buchten wir unseren Gewinn, eine „4-Tage Konzert-Reise mit Weihnachtswunderland Dresden und Umgebung und mit Striezelmarkt“. Mitte Dezember 2007 sollte sie stattfinden.

Kostenlos war der Gewinn nicht. Für zwei Personen war noch am gleichen Abend eine Buchungsgebühr von 60 Euro  fällig; später forderte man günstige 198 Euro pauschal für die geplanten Veranstaltungen einschließlich Konzertkarten mittlerer Preisklasse und schließlich  60 Euro für Halbpension. Mit den Reiseunterlagen wollte man nochmal 130 Euro für einen „Sponsorenausflug“. Das zahlten wir nicht, denn die Reise hatte ja laut Informationsabend keinesfalls etwas mit einer Verkaufs- oder Werbefahrt zu tun. In den später zugesandten Unterlagen stand unser Name falsch, der Reisesicherungsschein für die zweite Person fehlte. Eine Auflistung der gebuchten Leistungen und das Programm der Reise ebenfalls. Unsere schriftliche Anfrage bei „WOX-Travel“ in Soltau blieb unbeantwortet.

Der Reisebus würde seniorengerecht gegen 9.00 Uhr losfahren, er solle nicht auf jedem kleinen Kleckerdorf Zusteiger aufnehmen, man wolle vielmehr zügig und ausgeruht in Dresden ankommen, hieß es auf dem Informationsabend. Die Abfahrtszeit wurde dann aber doch auf 6.35 Uhr angesetzt. Uns war das recht, wir freuten uns auf einen Abendspaziergang an der Elbe.

Pünktlich holte uns ein aus Kassel gekommener moderner Doppeldeckerbus in Neumünster ab. Aber er kam nur mühsam voran. Lange Zusteigepausen machte er in Hamburg, Seevetal, Soltau und in Bernburg kurz vor Halle. Dazwischen wurden Autobahnraststätten angelaufen, anfangs zum Essen und WC-Besuch, dann vor Dresden immer öfter. Als auf den Raststätten Plötzetal und Dresdner Tor kaum einer mehr aus dem Bus wollte, hörten wir vom Busfahrer, er dürfe noch nicht in Dresden ankommen, da sei die Reiseleitung noch mit vorangehenden Bussen beschäftigt. Bei Dunkelheit endlich Stopp vor einem Hotel in Dresden. Die Koffer blieben im Bus, es war nicht unser Hotel. Hier sollte es nur den Begrüßungscocktail geben. Den gab es aber nicht. Die örtliche Reiseleitung stritt mit den Teilnehmern um eine Kaution „für Sponsorenausflüge“ und ihre versprochene Rückzahlung. Gereizte Stimmung packte viele Reiseteilnehmer, von Verklagen wurde gesprochen. Klar, dass die vorangehenden Busse so viel Zeit gebraucht hatten. Jeder hatte wohl andere Vereinbarungen. Wir bummelten inzwischen durch die weihnachtliche Hotelhalle.

Endlich ging es weiter. Um 20.00 Uhr waren wir wirklich in unserem Hotel. Es war aber nicht das versprochene Hotel „Kaiserkrone“ im Städtchen Heidenau am Elbufer oberhalb Dresdens mit S-Bahn-Anbindung, sondern ein Hotel weit abgelegen im Gewerbegebiet Kesselsdorf, nur über ausgedehnte Straßenbaustellen zu erreichen. Rundum „tote Hose“, menschenleere Industriestraßen, kein Gasthaus oder Geschäft, keine Verkehrsverbindung, kein abendlicher Blick auf Dresden, keine Landschaft; dazu passend Regen, Kälte und Wind.

Im Hotel war ein leckeres Abendbuffet aufgebaut; einige Teilnehmer, ausgehungert nach der über 13-stündigen Busfahrt, wollten sich sogleich bedienen. Ein Kellner stoppte sie: „Das Buffet  ist nicht für Sie, es ist für eine andere Gesellschaft und ist abgezählt. Sie sind nicht eingeplant.“ Wir sollten erst einmal Getränke bestellen, man würde sehen, ob man uns dazu ein Tellergericht improvisieren könne. Das gab es dann auch. Unser 4-Sterne-Zimmer erwies sich als Dachkammer mit schrägen Wänden ohne Kleiderschrank. Das einzige schmale Semi-Kingsize-Bett darin mussten wir uns die nächsten Nächte zu zweit teilen.

Geschlossenes Schloss;
Vorher klären: Geschlossenes Schloss ausserhalb der Saison.;
Schloss Pilnitz im Regen;
Für das Wetter kann der Reiseveranstallter nichts: Schloss Pilnitz im Regen.;
Bastei mit Elbtal;
Weitblick: Der Blick von der Bastei aus über das Elbtal macht Busstunden gut.

Am zweiten Tag startete der Ganztagsausflug in die Sächsische Schweiz. Der Dresdner Reiseführer vorn im Bus war hervorragend. Schon auf der Fahrt durch Dresden erklärte er humorvoll und spannend alles Sehenswerte. Schloss Pillnitz wurde uns trotz Regen wunderbar gezeigt, gern würden wir nochmal dorthin, wenn die Sonne scheint und die Schlossräume offen sind. Der Blick von der Bastei auf das Elbtal, die wilden Sandstein- Felsformationen, die Tafelberge und ferne, hohe Berge in Böhmen: Das war richtiges Reisen. Es gab noch  Mittagessen im Polenztal. Plötzlich aber drängte die Zeit. Hohnstein, Schandau, Sebnitz, Pirna, Schloss Stolpe, der Königstein, alles was uns noch mündlich und schriftlich  versprochen war, fiel aus oder wurde im Vorbeifahren aus den Busfenstern gezeigt.

Schon um 15.30 Uhr endete der Ganztagsausflug wieder auf der anderen Seite von Dresden im Gewerbegebiet Kesselsdorf. Am Abend war der Höhepunkt der Reise vorgesehen, das Konzert „Weihnachtswunderland“, im Kulturpalast Dresden, wie wir glaubten, denn da wäre es am Abend des ersten Reisetags gewesen. Die Busabfahrt um 16.30 Uhr schien uns sehr früh. Der Bus sammelte zunächst Mitfahrer aus anderen Orten ein. Dann aber fuhr er von Dresden weg, statt hin! Endlos lang fuhren wir auf der Autobahn im Dunkeln bei Regen durch das Erzgebirgsvorland. Ziel war Zwickau, etwa 110 km westlich von Dresden, immerhin gerade noch in Sachsen. Deshalb also der Abbruch des Tagesausflugs in die Sächsische Schweiz gleich nach dem Mittagessen.

In der neuen Stadthalle in Zwickau erlebten wir das „Weihnachtswunderland“, zwar nicht in der angekündigten mittleren Preisgruppe, sondern auf der letzten Reihe ganz hinten links außen. In der Pause suchten wir uns heimlich bessere Plätze im Rang, wo es noch frei war und man etwas sehen konnte. Nach langer Rückfahrt fielen wir um 1.00 Uhr nachts hungrig und todmüde in unser gemeinsames Hotelbett.

Müde waren wir auch noch am nächsten Morgen, aber das Frühstücksbuffet war gut. Einige Gäste packten nach den gestrigen Erfahrungen lieber verstohlen Brötchen in ihre Handtaschen. Trotz des gedrängten Programms und der Versicherungen des Reiseanbieters, es gebe keine Werbefahrt, war bis in den Nachmittag ein „Sponsorenausflug“ vorgesehen. Wir schwänzten ihn, wir wollten endlich Dresden ansehen. Damit verfiel natürlich unser schon bezahltes Mittagessen. Großzügig nahm man uns im Bus Richtung Dresden mit, bis wir in die Straßenbahn steigen konnten.

Blick von der Frauenkirche
Unterwegs zu Fuß: Blick von der restaurierten Frauenkirche über Dresden.

Dies wurde unser schönster Vormittag. Auf eigene Faust bestiegen wir die „Laterne“ auf der Frauenkirche mit einem unbeschreiblichen Blick die Elbe auf- und abwärts, über die Altstadt, über Türme, Bauwerke und Häuser bis zu den Höhen um die Stadt. Über allem schien die Sonne. Der Hauptraum und die Unterbauten der Frauenkirche waren früh noch angenehm menschenleer. Dann zogen wir über den Altmarkt, am Zwinger, am Fürstenzug, am Schloss und der Semper-Oper vorbei, über die Brühlsche Terrasse und über die Elbbrücken, die Weihnachtsmärkte in Alt- und Neustadt. Unsere Stimmung hob sich, fast waren wir mit der Reise versöhnt.

Blick auf die restaurierte Frauenkirche
Nicht im Vorbeifahren: Die restaurierte Frauenkirche.

Am Nachmittag kletterten wir wieder zu unserer Reisegesellschaft in den Bus. Nun kam die gebuchte Stadtrundfahrt mit Striezelmarkt. Im Verkehrsstau, bei einer Studenten-Demo und zunehmender Dunkelheit quälte sich der Bus mühsam einmal rund um den Stadtkern. Selbst die Stadtführerin war verzweifelt. Immerhin verließen wir einmal den Bus, um an der Semper-Oper, dem Zwinger und dem Fürstenzug vorbeizugehen. In der Frauenkirche drängten sich die Menschen, wir eilten durch. Die Zeit war um. Schön, dass wir beide die Stadt bereits morgens alleine in Ruhe und im Hellen angesehen hatten.

Striezelmarkt Dresden
Geschlossene Veranstalltung: Pünktlich zum Feierabend kamen wir am Striezelmarkt an.

Der Bus fuhr uns 17.30 Uhr ins Waldschlösschen-Restaurant. Das war gut gewählt, wir hatten einen Blick auf die beleuchteten Elbufer und genossen das leckere Abendessen im rustikalen Brauerei-Gastraum. Da wagte sogar die örtliche Reiseleiterin sich mal kurz zu zeigen. Rechtzeitig eine halbe Stunde vor dessen Ende brachte man uns noch zum Striezelmarkt, so dass wir wenigstens das Schließen dieses berühmten Weihnachtsmarktes miterleben konnten.

Der nächste Tag war der Heimfahrtstag. Zwei von uns bezahlte Besichtigungen unseres Ausflugspaketes standen noch aus: das erzgebirgische Spielzeugmuseum und die Stadt Meißen mit der Albrechtsburg und der berühmten Porzellanmanufaktur. Vom Besuch des Spielzeugmuseums wurde gar nicht mehr gesprochen. Aber Meißen, da machte der Bus auf der Heimfahrt nach Norddeutschland noch eine eineinhalbstündige Pause am Rande des Stadtzentrums: „Wer möchte, kann hier noch etwas herumgehen“. Das wollten wir. Flotten Schrittes schafften wir es, einen kurzen Blick in die Manufakturausstellung zu werfen, ein WC aufzusuchen und den Weihnachtsmarkt zu durcheilen, dann schnell zurück zum Parkplatz. Das war der gebuchte Ausflug nach Meißen, Einzelpreis angeblich 39 Euro pro Person.

Nach Hause ging die Busfahrt nun mit weiteren Pausen. In Seevetal, etwa 100 Kilometer vor unserem Ziel, kam sogar Ablösung für den Busfahrer. Der war wohl erledigt von den langen Fahrstrecken, obwohl er immer tadellos und ruhig den Bus gelenkt und tapfer die Reiseleitung vertreten hatte.

Meissen im Vorbeifahren
Schnell noch: Das schöne Meissen im Vorbeifahren.

Dresden hätte eine tolle Reise werden können. Das Programm war gedrängt, wie wir es lieben und von anderen Reisen kennen. Es hätte klappen können bei guter Planung, ohne die nicht vorgesehene Werbeveranstaltung und die völlig irre Nachtfahrt nach Zwickau. Mit schlechter Planung, vielleicht auch Überbuchung, unaufrichtigen und falschen Versprechungen hat das Reiseunternehmen WOX-Travel und Co. an den falschen Enden gespart. Informationen fehlten, ebenso eine begleitende Reiseleitung. Als Reiseleitung diente eine Hotline-Nummer. Einen kleinen Wissensvorsprung hatte manchmal der Busfahrer. Es gab laufend böse Überraschungen, die Stimmung der Reisenden und des Fahrers sank in den Keller.

Trotzdem gab es für uns erfreuliche Höhepunkte: Unser freier Vormittag mit Besuch der Dresdner Alt- und Neustadt, besonders dem Besteigen der Frauenkirche, der erste Teil der Fahrt in die Sächsische Schweiz, das Abendessen im urigen Waldschlösschen, der moderne Bus und nette Mitreisende. Viele schöne Fotos haben wir mitgebracht. Dresden hat uns Appetit gemacht; da wollen wir bald wieder hin, aber nie wieder mit einer „gewonnenen“ Reise von WOX-Travel alias schlagerreisen.de alias Romantik-Reisen.

Weitere Informationen:

Website der Landeshauptstadt Dresden mit vielen Informationen und Reisetipps:
http://www.dresden.de/

Fragen und Antworten zum Thema Verbraucherschutz:
http://www.verbraucherschutz-forum.de/

Gewinner... oder? Bevor es los geht, lohnt hier ein Blick hinein....
http://www.solic.de/tuerkei/forum/