Leben und Arbeiten in Kanada
Just another day in Paradise - Teil 2
Die Seminare zur Vorbereitung auf die Jobs in Whistler starten zwei Wochen vor der offiziellen Eröffnung des Skigebietes. Jeder Mitarbeiter wird mit seinen Arbeitskollegen und –kolleginnen spezifisch in seinem Arbeitsbereich geschult und instruiert. Dann folgen noch zwei Tage allgemeine Workshops für alle zu den Themen "Hygiene am Arbeitsplatz" und "Service". Die Ausbildung ist sehr detailliert und lässt keine Fragen von Seiten der Mitarbeiter zum Arbeitsablauf offen. Das ist auch notwendig. Denn in Whistler bekommt der Satz, "der Kunde ist König", eine noch intensivere Bedeutung, als er ohnehin schon hat. Mit dem extrem kundenorientierten Service wirbt das Skigebiet weltweit. Dieser Unternehmensphilosophie ist es zu verdanken, dass viele Gäste jedes Jahr wieder kommen und das Skigebiet eines der beliebtesten weltweit ist.
Aber auch viele Mitarbeiter kommen jedes Jahr wieder her, sei es um den Winter über hier zu arbeiten oder aber um für immer sesshaft zu werden. In jedem Pausenraum in den Einrichtungen "Whistler Blackcombs" hängen Bilder von Mitarbeitern, die eigentlich nur eine Saison bleiben wollten und dann doch viele Jahre oder für immer geblieben sind. Mittlerweile gibt es schon viele Tabellen, die die Mitarbeiter mit den meisten Arbeitsjahren auflisten, obwohl sie nur ein paar Monate arbeiten wollten. Und diese Menschen rühmen sich damit.
Nach jedem Arbeitstag folgt unsere tägliche Belohnung: Kein Tourist befindet sich noch auf dem Berg. Auch die Bergwacht ist schon lange im Tal. Es herrscht eine unglaublich Stille. Wir kriegen unsere Abfahrtsroute jeden Tag vorgegeben, damit wir nicht auf die arbeitenden Pistenraupen treffen, die schon damit beginnen die Pisten für den nächsten Tag vorzubereiten. Ein letzter Check mit Hilfe des Walkie-Talkies und wir wissen, welche Abfahrten gerade nicht präpariert wird. Die Vorfreude auf diese letzte Abfahrt des Tages ist überall zu spüren. Auf Skiern hinunter fahrend, geht hinter den Bergen am Horizont die blutrote Sonne langsam unter. Ich schaue wie gebannt auf dieses atemberaubende Bild und ein Gefühl von Freiheit breitet sich in mir aus. "Beautiful B.C.!" so nennen sie hier die Provinz. Ich weiß jetzt warum.
Es ist März und ich nutze mit Nicklas und Lutz die Möglichkeit mit dem Bus nach Vancouver zu fahren. Während der Bus uns über den weltberühmten "Sea-to-Sky"- Highway bringt, bin ich fasziniert von der Schönheit dieses Landes. Riesige, mit Wald bedeckte Berge erheben sich aus dem tief ins Landesinnere vorgestoßenen Pazifik. Die Straße führt direkt an einem Berghang ein paar hundert Meter über dem Wasser entlang. Diese Fahrt alleine ist schon ein Erlebnis. Fleißig schieße ich Fotos und bestaune das Panorama. Vancouver näher kommend, sehe ich dann schon die "Lions Gate Bridge", die Brücke, die die auf einer Halbinsel im Meer gelegenen Innenstadt von Vancouver mit dem nördlichen Festland verbindet. Ein atemberaubender Anblick. Gleichzeitig die Skyline mitten im Pazifik zu erblicken, dazu startende Wasserflugzeuge, riesige Schiffe, die Brücke und manchmal auch Wale zu bestaunen, das ist ein einmaliges Schauspiel.
Später leihe ich mir mit meinen Freunden ein Auto und wir starten unseren geplanten "Road Trip" nach Vancouver Island, eine vor der Stadt selber gelagerten, großen Insel. Die Fahrt mit der Fähre lässt uns die Schönheit British Columbias und Vancouvers jetzt noch einmal aus einer völlig neuen Perspektive erblicken. Ich bin überwältigt.
Auf unserer weiteren Reise besuchen wir viele Orte und Schauplätze der einzigartigen Naturlandschaft. Die langen Strände mit den großen Wellen des Pazifiks, lange breite Straßen, die sich durch die bergige, mit Flüssen durchsetzte kanadische Provinz schlängeln, malerische, kleine Fischerorte mit Adlern, die uns von den hohen Bäumen aus beobachten und den Regenwald der gemäßigten Breiten. Dieser Wald wirkt fast außerirdisch, so dicht bewachsen und faszinierend ist er. Um ihn zu sehen, kämpfen wir uns über eine Stunde mit einem Boot durch die raue See des Pazifiks mitten im März. Aber nicht nur der Wald, sondern auch ein weiterer Höhepunkt der Reise ist jede Strapaze wert: Das Ziel unseres Weges durch den Wald sind nämlich die heißen Quellen in der Gegend. Durch die Erdwärme bis auf 60 Grad Celsius aufgeheiztes Wasser empfängt uns direkt an der Küste neben dem zwei Grad kalten Pazifik. Es fließt einen kleinen Wasserfall herunter und füllt mehrere, natürlich geschaffene "Steinpools". Ich bin der Erste, der ins Wasser geht. Als ich einen Schrei von mir gebe, fragen meine Freunde mich, ob es so kalt sei, dass ich schreien müsse. Ich lache laut und verneine. Denn das Wasser ist erstmal unglaublich heiß. Nach kurzer Zeit jedoch wird es zunehmend angenehmer. Wahrscheinlich durch die nur knapp 7 Grad Lufttemperatur um uns herum.
Nach einem erfrischenden Bad geht der "road trip" weiter, denn ein Ziel steht noch aus: Orcas. Ich möchte unbedingt Orca-Wale sehen. Glücklicherweise ist die Region um Vancouver Island eine Heimat von ihnen. Einige Tage später ist es dann soweit. Wir fahren mit einem Boot hinaus auf den Pazifik. Sehr lange finden wir keine Orcas. Die Biologin an Bord des Schiffes ist im ständigen Funkkontakt mit anderen Ausflugsbooten, um rechtzeitig informiert zu werden, wenn welche gesichtet werden. Die Wartezeit überrückt sie gekonnt mit interessanten Informationen zur Geschichte "Vancouver Island" und Fakten über die Wale, die wir nun endlich sehen möchten. Dann ist es soweit. Wir entdecken vor der Küste der Stadt Victoria eine Schule der faszinierenden Tiere. Mehr als eine Stunde lang haben wir die Gelegenheit sie zu beobachten. Die Bilder dieser majestätischen Tiere sind noch heute in meinem Kopf. Nur schwer können wir uns damit abfinden ihnen nicht mehr folgen und sie beobachten zu können. Aber wir müssen wieder zurück in den Hafen.
Zurück in Whistler bin ich überglücklich über die Erlebnisse der letzten Tage. Diese Region ist für mich ein einziges Abenteuer. Diese Naturlandschaften, schöne Städte und Orte, der Pazifik und die unglaubliche Tierwelt sind meine Nachbarn. Ich kann jederzeit mal vorbeischauen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Auch diese Erlebnisse haben einen großen Anteil an meiner Faszination für Kanada.
Ein paar Arbeitstage später habe ich frei und gehe mit Nicklas, Lutz und unserem australischer Mitbewohner Simon auf die Berge. Er ist ein typischer Australier, immer gut gelaunt und irgendwie liebenswert verrückt. Und gerade letzteres ist eine gute Eigenschaft, um sich immer wieder selber zu besseren Ski- und Snowboardfähigkeiten zu drängen. In der Gruppe fahren wir den ganzen Tag. Kein Waldstück, keine noch so steile Piste und kein anderer Abschnitt des Berges ist vor uns sicher. Hier Ski zu fahren ist unvergleichlich. Der weltberühmte Pulverschnee gibt uns die Möglichkeit einen weiteren unvergesslichen Tag hier oben zu erleben und unser Können immer wieder zu erweitern. Das ist auch gut so, denn Nicklas, Lutz und ich starten in wenigen Tagen unsere Skilehrerausbildung, die mich später zu einem offiziellen "Canadian Ski Instructor" machen wird.
Anfang April steht eine Mitarbeiterfeier von meinem Arbeitsplatz an. "Zipp-Trekking" steht auf dem Plan. Ich freue mich wahnsinnig, denn diese Actionsportart ist wie Fliegen. Fliegen mitten durch die Wälder in schwindelerregender Höhe über die Felsen und Flüsse der Berge hinweg. Nach kurzer Sicherheitsinstruktion geht es auch schon los. An einem Stahlseil hängend, schieße ich von der Startplattform an den Bäumen vorbei in Richtung Zielplattform. Diese sind wie Baumhäuser in den Wald gebaut und mit langen Holztreppen zu erreichen. Insgesamt stürze ich mich fünf Mal von der Plattform hinab und fliege durch die Landschaft. Eine Strecke ist sogar länger, als die zweimalige Höhe des Eiffelturmes zusammen und eine weitere ist so steil, dass ich Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometer pro Stunde erreiche. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Ich würde am liebsten gar nicht mehr aufhören, so viel Spaß macht es.
Mitarbeiterfeiern sind in Whistler sehr häufig, um die Teamarbeit zu verbessern und sich bei den, trotz aller Annehmlichkeiten, hart arbeitenden Menschen zu bedanken. Es finden wöchentliche Abende statt, an denen es Getränke und Essen kostenlos oder vergünstigt gibt. Über die Saison verteilt finden sich dazu verschiedene Events, wie Weihnachtsfeiern, unzählige Mottopartys, aber auch Actionsportausflüge, wie "Zipp-Trekking" oder Snowmobilfahren. "Whistler Blackcomb" leistet diesbezüglich viel für die Mitarbeiter, denn schließlich sind sie das Fundament des gesamten Skigebietes.
An einem Abend im April sitze ich mit meinen Arbeitskollegen und vielen Freunden in unserem Stamm-Pub. Es ist einer von vielen unvergesslichen Abenden. Das lebendige und international sehr berühmte Nachtleben in Whistler ist so einmalig, wie der Ort selber. Selbst einige DJs werden aus Los Angeles oder Las Vegas wöchentlich eingeflogen, nur um vor Ort zu spielen. Somit ist auch jeder Abend hier einzigartig. Während ich jetzt kurz vor Ende der Saison über die vergangenen Monate nachdenke, stelle ich zufrieden fest, dass alles nicht nur so ist, wie ich es mir vorgestellt habe, sondern meine Erwartungen sogar noch übertroffen wurden. Nicht einen einzigen Tag möchte ich aus meinem Gedächtnis streichen. Es ist perfekt hier. Ich bin einfach glücklich und freue mich schon auf die verbleibende Zeit. Mir fällt dazu ein Satz ein, der jeden Tag meines Lebens in Whistler beschreibt. Ein Satz mit dem mein Schweizer Kaffee-Freund immer antwortet, wenn ich ihn frage, wie es ihm geht: "It’s just another day in Paradise!"






























































