Leben und Arbeiten in Kanada
Just another day in Paradise - Teil 1
von Tim Meinert
Mein Auslandsjahr in Kanada war voll von prägenden Erfahrungen, neuen Freundschaften und faszinierenden Eindrücken. Es führte mich von Toronto, über Vancouver in den Ort Whistler, wo mich ein ganz besonderes Leben erwartete. Ich durfte das Skigebiet nahe der kanadischen "Rocky Mountains" eine Wintersaison lang mein zu Hause und meinen Arbeitgeber nennen.
Es ist September 2007. Ich bin nervös. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl in einem College in Toronto hin und her. Ich habe gleich ein Vorstellungsgespräch. Viele junge Leute sitzen hier. Auch meine beiden Reisebegleiter und gute Freunde aus Deutschland wollen sich vorstellen. Das Skigebiet „Whistler Blackcomb“ hat zu dem Termin geladen. Wir haben von kanadischen Freunden erfahren, dass heute und in den kommenden Tagen viele junge Leute eingestellt werden. Ich möchte dazu gehören. Eine ganze Wintersaison lang in einem Skigebiet leben und arbeiten, das ist ein Traum. Heute kann er für mich wahr werden. Dann ruft jemand meinen Namen. Ich bin dran.
"Whistler Blackcomb" ist das größte Skigebiet Nordamerikas und zugleich eines der Beliebtesten für viele Prominente aus der Politik, Hollywood und der weltweiten Pro Skier und Pro Boarder - Szene. Dazu gehören die Berge "Whistler" und "Blackcomb". Es liegt in der Provinz British Columbia ungefähr 130 Kilometer nördlich von Vancouver. Die Gegend ist berühmt für ihren unvergleichlichen, weichen und trockenen Pulverschnee, den "Champagne Powder". Ganz besonders ist auch die Personalpolitik: Jedes Jahr stellt die Betreiberfirma etwa 1.200 junge Leute aus der ganzen Welt für eine Wintersaison ein, die dann im Skigebiet arbeiten und wohnen. Diese große Anzahl verdeutlicht, wie wichtig die Saisonarbeiter sind. Sie halten das Skigebiet am Laufen. Daraus resultiert auch ein angemessenes Gehalt und das Angebot einer sehr günstigen Wohnmöglichkeit im sogenannten "staff housing". Dieser Wohnkomplex besteht aus sieben Gebäuden mit jeweils vier Stockwerken und befindet sich ein paar hundert Meter über dem eigentlich Ort Whistler auf dem Berg "Blackcomb".
Es ist November und die Eröffnung des Skigebietes rückt immer näher. Ich bin gerade in meine Wohnung im "staff housing" mit meinen deutschen Freunden Nicklas und Lutz eingezogen. Es gefällt mir hier. Die Wohnung ist zwar klein, aber gemütlich und komfortabel. Den Ort lernen meine Mitbewohner und ich noch am gleichen Abend kennen. Es ist ein netter, moderner Ort. Er hat ein bisschen den Charakter eines Freizeitparks. Alles ist bis ins kleinste Detail herausgeputzt und dem Tourismus angepasst. Zusammen mit dem Bergpanorama, das den Ort umgibt, sieht es aus wie in einem Märchenland. Zugleich macht sich auch ein Gefühl in mir breit, das den Ort schon jetzt als mein zu Hause anerkennt und sehr schätzt. Auf dem Rückweg geraten wir in eine Situation, die faszinierend und gefährlich zu gleich ist. Keine vier Meter vor uns untersuchen eine Bärenmutter und ihr Junges einen der vielen Mülleimer. Eigentlich sind diese so konzipiert Gerüche im Inneren zu halten, um gerade keine Bären anzulocken. Die Technik hat leider versagt. Darauf ist keiner von uns vorbereitet. Zusammen mit den Anderen entferne ich mich langsam von den Tieren und doch spüre ich das Verlangen stehen zu bleiben, um sie zu beobachten. Die Bärenmutter ist groß, gewaltig und bedrohlich, das kleine Jungtier dagegen einfach niedlich, wie ein Teddybär. Dieses Treffen ist purer Nervenkitzel. Nach einiger Zeit ist die Gefahr aber gebannt, denn die Bären sind im angrenzenden Wald verschwunden. Ich bin erleichtert, denn gegen einen Bären hat keiner eine Chance.
Wieder im "staff housing" mit ruhigerem Puls angekommen, werden wir im ersten Stock von einer Kanadierin mit dem Namen Jess gestoppt. Sie lädt uns wie selbstverständlich zu einer Party ein. Damit habe ich nicht gerechnet. Wir sind gerade einmal einen Tag hier und haben schon Anschluss gefunden. Das stimmt mich sehr glücklich und ich fühle, dass ich hier eine ganz besondere Zeit haben werde. "Hey guys, that’s Tim from Germany", stellt Jess mich vor und keine Minute später sitze ich in einer Runde mit Menschen, die ich noch nie gesehen habe. Ich bin beeindruckt von der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die mich einfach einladen und willkommen heißen. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Mit vielen von ihnen bin ich heute noch sehr gut befreundet. Ebenso mit Jess, die, wie sich später herausstellt, meine Arbeitskolleginn sein wird.
Im Laufe des Abends lerne ich dann weitere Leute und ihre vielen verschiedenen Jobs kennen. Sie kommen aus der ganzen Welt: Engländer, Mexikaner, Amerikaner, Argentinier, Japaner und Australier. Gerade letztere sind in Whistler sehr stark vertreten. Die Jobs, die sie alle haben, klingen interessant, aber ich bin mit meinem sehr glücklich und würde nicht tauschen wollen. Ich darf als "Cappuccino Bar Worker" auf den Bergen arbeiten. Es ist genau das, was ich wollte und wofür ich mich beworben habe.
Vorstellungsgespräche hält "Whistler Blackcomb" in ganz Kanada, in den USA, Australien, Neuseeland, England und jährlich variierend in anderen Staaten ab. Es muss sich jedoch gezielt auf einen Job beworben werden. Die Homepage des Skigebietes gibt jeden Spätsommer Auskunft über mögliche Arbeitsplätze: Ski- und Snowboardlehrer, Personal an den Liftanlagen, Mitarbeiter im Gastronomiebereich auf den Bergen oder im Tal, Mitarbeiter der Bergwacht, im Skiverleih, im Wartungsbereich, als Ticketverkäufer, in Souvenirshops, in Bekleidungsgeschäften, in Skiwerkstätten und noch viele andere. Die Gehälter starten bei 8,50 Dollar die Stunde, werden jedoch im Laufe der Saison nach festgeschriebenen zeitlichen Intervallen erhöht. Gehaltserhöhungen durch besondere Leistungen oder aber Beförderungen sind nicht selten. Eine Arbeitswoche besteht aus vier bis fünf Tagen und jedem stehen zusätzlich Urlaubstage zur Verfügung. Zugleich gibt es verschiedene Vergünstigungen für alle Mitarbeiter: Sie reichen von Coupons und Ermäßigungen für Bekleidungs- und Lebensmittelgeschäfte im Ort, über Sonderpreise bei Actionsportarten und Veranstaltungen bis hin zu Busfahrten nach Vancouver.
Es ist Februar und ich arbeite mittlerweile seit vier Monaten im Restaurant "The Rendezvous" in 1.800 Metern Höhe. Jeden Morgen genieße ich die Abfahrt vom "staff housing" ins Tal zu dem Lift, der mich und Jess dort hinaufbringt. Auf Skiern zur Arbeit fahren, das ist für mich ein wahr gewordener Traum. Während der Liftfahrt geht langsam die Sonne auf. Dieser Anblick und der noch leere Berg ohne Touristen und Lärm lassen mich nur an eines denken: Ich habe den schönsten Arbeitsweg der Welt. Jeden Tag stehe ich auf Skiern und das insgesamt ein halbes Jahr. Oben angekommen starte ich wie immer meinen Arbeitstag: Als "Cappuccino Bar Worker" arbeite ich hier mit meinen englischen und australischen Arbeitskolleginnen Sophie und Hayley zusammen. Nachdem der Kaffee gekocht, die Kaffee-Bar aufgefüllt und startbereit ist, ist es Zeit für ein unschlagbares, tägliches Ritual: Auf der Panoramaterrasse des Restaurants trinke ich mit meinen Kollegen einen Kaffee und genieße den Anblick der schönen Berglandschaft und des noch immer touristenfreien Berges. Ich bin kein Tourist. Ich bin ein "local", ein Ortsansässiger. Und genau solche Momente, meine Kollegen und meine Arbeit verdeutlichen mir das. Ein Deutscher, eine Engländerin und eine Australierin stehen zusammen auf einer Restaurantterrasse mitten in weiten Berglandschaften Kanadas und fühlen sich heimisch. Ein schönes Gefühl.
Später versuchen Sophie und ich uns gegenseitig immer wieder durch neue, mit Milch "gemalten" Bildkreationen im Kaffee zu übertreffen, die uns später auch eine beträchtliche Gehaltserhöhung einbringen. Auch die Gäste sind sehr begeistert. Oft werden wir von ihnen angesprochen und gelobt für unser fröhliches Auftreten und das einzigartige Engagement mit dem jeder hier arbeitet. Viele Menschen kommen jeden Tag, wie zum Beispiel ein älterer Herr, ein gebürtiger Schweizer, der immer einen "Vanilla Latté" trinkt. Ich unterhalte mich gerne mit ihm und es entsteht eine Art Freundschaft. Er ist ein richtiger Bergmensch mit einem riesigen, grauen Bart, einem Gesicht, das schon viele Winter erlebt hat und einer ausstrahlenden, ruhigen Art. Er lebt seit 30 Jahren in Whistler. Als er herkam, übte er einen ähnlichen Job aus wie ich. Bei ihm blieb es jedoch nicht bei nur einer Saison. Er blieb für immer, so wie es viele tun, die einfach mal nur ein Jahr hier sein wollten. Auch ich kenne diese Gedanken. Dieser Ort und das Leben hier schafft eine besondere Atmosphäre, die jeder spürt und jeder genießt. Whistler lässt mich bis heute nicht mehr los.












































