Kutschfahrt auf dem Meeresgrund

von Martina Kriwy

Mit Gummistiefeln durchs Watt zu wandern kennen viele. Aber eine Fahrt mit der Kutsche über den Meeresgrund zwischen den Gezeiten ist etwas ganz anderes. Zwischen der Stadt Cuxhaven und der Insel Neuwerk ist das möglich. Doch die Überfahrt auf dem Grund des Meeres birgt so manches Abenteuer. Ein Härtetest für Passagiere und Kutscher.
Weil die Wattwagen so hoch gebaut sind, bekommen die Gäste eine Leiter, um aufzusteigen.

Knapp ein Dutzend Pferde stehen grasend auf der Wiese verteilt und lassen sich die Nachmittagssonne auf den Rücken scheinen. Mit einer Hand voll Brot und Führstricken unter dem Arm öffnet Rudolf Paarsch das Tor zur Weide. Der 55-Jährige geht auf zwei große Schimmel zu. Gierig nach den trockenen Brötchen lassen sie sich bereitwillig die Halfter überstreifen. Damit beginnt für Rudolf Paarsch der Arbeitstag. Keine gewöhnliche Arbeit, denn die Arbeitszeiten von Rudolf Paarsch richten sich nach den Gezeiten der Nordsee.

Paarsch ist Wattwagenfahrer. Er bringt Personen mit dem Pferdefuhrwerk von Cuxhaven zu der neun Kilometer entfernten Insel Neuwerk. Im 19. Jahrhundert diente dieser Transportweg der Postzustellung. Nach und nach erfreuten sich immer mehr Touristen daran, von den Postkutschen auf einen Ausflug mitgenommen zu werden. Mittlerweile erinnert lediglich die gelbe Farbe an die ursprüngliche Nutzung der Wagen. Die sieben Fahrgäste der heutigen Tour stehen schon bereit. Erwartungsvoll schauen sie zu, wie Rudolf Paarsch die zwei kräftigen Wallache Tide und Tabaluga vor einen Wagen führt und mit routinierten Handgriffen anschirrt. Schnell ist das Fuhrwerk fahrbereit und die Mitfahrer klettern über eine Leiter auf die Bänke in 1,60 Metern Höhe.

„Im Watt ist es ungefähr fünf Grad kälter, nehmen sie sich ruhig alle eine Decke“, rät Rudolf Paarsch und klemmt die Leiter unter den Wagen. Dann setzt sich „Rudi“, wie er sich seinen Gästen vorstellt, sein braunes Käppi auf und steigt über einen Reifen auf den Kutschbock. Auf sein zischendes Pfeifen setzen sich die zwei Alt-Oldenburger Friesen in Bewegung. Mit quietschender Deichsel biegt der Wagen vom Hof auf die Straße, die ein paar hundert Meter weiter direkt am Strand endet. Gleichmäßig klappern die Hufe auf dem Asphalt. Pferdegeruch verbreitet sich in der Luft. Vor der Strandauffahrt haben sich Kutschfahrer verschiedener Anbieter mit ihren vollbesetzten Wagen versammelt. Form und Farbe der Kutschen ist allen gemeinsam. Da in der Kolonne gefahren wird, wird erst gestartet, als alle Wagen eingetroffen sind.

Rudolf Paarsch muss sich auf den Weg konzentrieren
Rudolf Paarsch muss sich auf den Weg konzentrieren

Dann geht es endlich los. Der Wagen schiebt sich über den Deich und schaukelt von dem Asphaltweg auf den dunkelbraunen Wattboden. Das Hufgetrappel wird zu einem dumpfen schmatzenden Stapfen. Der Pferdegeruch vermischt sich mit der salzigen Meeresluft und dem schwefeligen Geruch des Schlicks. Unendlich weit erstreckt sich die Fläche des Wattenmeeres. Größtenteils ist es noch von Wasser bedeckt und reflektiert das Blau des Himmels. In der Ferne zeichnen sich die Umrisse von Neuwerk deutlich ab. Es scheint, als wäre sie nur einen kurzen Spaziergang entfernt. Tatsächlich muss man mit dem Pferdefuhrwerk jedoch gute eineinhalb Stunden für die Fahrt einplanen. Drei große Priele kreuzen die Strecke. Diese Wasserströme können nur an ihrer flachsten Stelle durchquert werden. Deshalb verläuft die Strecke in einem Bogen zur Insel. Man muss mit dem ablaufenden Wasser aufbrechen, um in einer Tide Hin- und Rückweg bewältigen zu können. Lange Weidenäste, die wie umgedrehte Besen in gleichmäßigen Abständen aus dem Boden ragen, geben dem Fahrer Orientierung. „Diese Büsche heißen Pricken“, erklärt Rudolf Paarsch. „Besonders bei plötzlich auftretendem Seenebel kann ich auf diese Wegweiser nicht verzichten.“ Da sich die Oberflächenstruktur des Bodens ständig verändert, müssen die Pricken jedes Jahr neu gesetzt werden.

Zur Sicherheit wird in der Kolonne gefahren.
Zur Sicherheit wird in der Kolonne gefahren. Nur erfahrene Kutscher dürfen diese anführen..

Während die Fahrgäste begeistert Fotos in alle Richtungen schießen, hält Rudolf Paarsch die Zügel konzentriert in den wettergegerbten Händen. Bis auf sein regelmäßiges hohes Pfeifen und ein gelegentliches „Komm“ oder „Brrrr“, sind die Zeichen, die er seinen Pferden gibt, kaum wahrnehmbar. So einfach wie es scheint, ist es jedoch nicht. Was nach einer riesigen Freifläche aussieht, auf der sich Reiter oder Kutscher ohne Verkehrsregeln austoben können, hat seine Tücken. Zwischen den gleichmäßigen Riffeln des Watts haben sich vereinzelt tiefe Furchen gebildet. „Würden die Räder ungünstig in solche Furchen geraten, würde der Wagen sofort umkippen“, macht Rudi seinen Gästen bewusst. Deshalb ist die Ausbildung zum Wattwagenfahrer ein langer Weg. Nach einer ersten Prüfung darf man den Wagen lediglich im direkten Anschluss an einen anderen Wagen führen. Erst nach drei Jahren kann man sich die Ermächtigung zu Alleinfahrten ausstellen lassen und damit auch Kolonnen anführen. Rudolf Paarsch fährt die Neuwerktour seit vier Jahren fast jeden Tag. „Die Saison geht vom ersten Januar bis zum 31. Dezember. Letzten Winter bin ich bei minus acht Grad gefahren“, erzählt er.

„Mir macht das Spaß, aber Geld verdienen kann man damit nicht.“

Ein Handyklingeln unterbricht seinen Redefluss. „Wir müssen ein bisschen Gummi geben, eine Kollegin wartet mit ihrer Reitergruppe am Priel auf uns“, klärt er seine Mitfahrer über den Anruf auf und treibt seine Pferde zum Galopp an. In einiger Entfernung hat sich eine Gruppe von Reitern versammelt. „Dort vorne ist der erste Priel, den wir durchqueren müssen“, erklärt Rudolf Paarsch. Die Reiter überlassen ihm als erfahrenen Fahrer an dieser schwierigen Passage die Vorhut. Hier die falsche Stelle zu wählen kann fatale Folgen haben. Ein paar Schritte weiter fällt der Grund bis zu fünf Meter tief ab. Ruckelnd und schaukelnd senkt sich der Wagen ab. Konzentriert und mit der Hand an der Bremse leitet Rudolf Paarsch die beiden Schimmel durch das Wasser.

Da sich das Watt ständig verändert werden die Pricken, die als Wegweiser dienen, jedes Jahr neu gesetzt.

Angestrengt stemmen sich Tide und Tabaluga in ihr Geschirr. Deutlich zeichnet sich die Anspannung ihrer Muskeln unter dem Fell ab. Das Wasser schwappt ihnen über den Rücken. Durch die Ritzen des Wagens dringt Wasser und verteilt sich um die Füße der Passagiere. Spätestens jetzt versteht jeder, warum die Wagen so hoch gebaut sind. Die Reiter folgen dem Fuhrwerk. Ein paar von den kleineren Pferden müssen schwimmen. „Auf Neuwerk verkaufe ich euch trockene Unterwäsche“, ruft Rudi lachend den Reitern zu. „Auch die Kutschpferde müssen ab und zu schwimmen“, informiert er. Pferde sind gute Schwimmer und können sogar gleichzeitig den Wagen ziehen. „Sie haben übrigens eine Wasserfahrt gebucht, nur der Rückweg ist eine Wattfahrt“, scherzt Rudolf Paarsch. Da die Tide ihren niedrigsten Stand noch nicht erreicht hat, ist der Großteil der Strecke mit Wasser bedeckt. „So sehe ich natürlich den Boden nicht, und muss ganz genau aufpassen, wo ich langfahre. Ich behaupte aber, das Watt gut zu kennen“, sagt der Kutscher von sich selbst.

Das Salzwasser tut Haut und Haaren der Pferde gut, so dass auf Putzen oder Waschen verzichtet werden kann. „Nur die Menschen denken immer, das ist schlecht“, kritisiert Rudolf Paarsch die Leute, die sich oder ihr Tier zu sehr verhätscheln. Das Leben in Offenstallhaltung und die regelmäßigen Wattgänge haben die Zugpferde robust gemacht. Dirk Fock, Besitzer des Fuhrunternehmens, besitzt zu seinen sechs Wattwagen 19 Pferde. So können sie abwechselnd je nach Belastbarkeit eingesetzt werden. Die Gesundheit der Tiere wird regelmäßig durch einen Amtstierarzt bestätigt. Auch die Wagen und das Zubehör müssen jedes Jahr den TÜV passieren.

Man merkt, dass Rudolf Paarsch die Kommunikation mit seinen Gästen Spaß macht. Durch sein Wissen und seine rhetorischen Fähigkeiten wird die Fahrt gleichzeitig eine interessante Bildungstour. Er erklärt, wie sich verschiedene Möwenarten unterscheiden, wie eingeschleppte Austern die Miesmuschel verdrängen und dass manche Priele auch als Schifffahrtswege genutzt werden. Aus der Ferne ist das Brummen eines Motors zu hören. Ein Traktor mit Anhänger rattert der Pferdekolonne entgegen. Tabaluga, der „ein wenig kuckig“ ist, wie es sein Führer ausdrückt, legt die Ohren an und scheut vor dem riesigen Gefährt. Damit in solchen Situationen nichts passiert, ist das Pferd durch einen Zügel mit Tide verbunden, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.

Im Notfall kann man von Rettungsbaken aus auf sich aufmerksam machen.
Im Notfall kann man von Rettungsbaken aus auf sich aufmerksam machen.

Der Geruch von Abgasen überdeckt die frische Nordseeluft. „Mit dem Anhänger wird das Gepäck von Touristen transportiert“, kommentiert der Kutscher. „In der Hochsaison sieht man gelegentlich auch einen Trecker, von dem aus Bier verkauft wird. „Das ist Touriabzocke“, findet Rudolf Paarsch, „aber die Wanderer freuen sich, wenn sie mitten auf der Strecke eine Erfrischung bekommen können. Für Wattwagenfahrer herrscht absolutes Alkoholverbot. Gelegentlich macht die berittene Polizei sogar Alkoholkontrollen mitten im Watt. „Das ist auch richtig so“, betont Rudolf Paarsch und erzählt, dass vor Jahren einem betrunkenen Fahrer die Pferde vor seinem festgefahrenen Wattwagen ertranken. „Normalerweise hat jeder Fahrer ein Messer griffbereit, um im Notfall die Pferde freizuschneiden.“

Für die Instanthaltung und Sicherheit der Wattwege ist die Hansestadt Hamburg verantwortlich. Neuwerk gehört zur Hansestadt Hamburg. Für Notfälle bei einsetzender Flut gibt es deshalb drei Rettungsbaken auf der Strecke. Wie überdimensionale Vogelkäfige ragen sie aus dem Boden. Im Notfall kann man hinaufklettern und aus vier Metern Höhe mit Leuchtraketen auf sich aufmerksam machen.

Inzwischen kann man schon die Farben der Insel wahrnehmen. Das satte Grün des Deiches und das Rot des Backsteinturms heben sich von den Blautönen der Umgebung ab. Der Wattboden steigt Richtung Neuwerk an, deshalb kommt jetzt der Wattboden wieder zum Vorschein. Eine lange Muschelbank hebt sich als weißer Streifen von dem dunklen Untergrund ab. Überall machen sich Möwen, Zug- und Watvögel auf Futtersuche. Für sie stellt das Watt eine wichtige Nahrungsquelle dar. Austernfischer staksen mit ihren langen orangefarbenen Beinen umher. Der leicht fischige und schwefelige Wattgeruch hat sich verstärkt.

Schließlich ist die Insel erreicht. Eine steile geteerte Auffahrt, die einzige von Neuwerk, führt über den Deich zum Leuchtturm. Laut schnattern die Kanadagänse, die sich zu Hunderten auf einer Wiese versammelt haben. Gelegentlich hört man das Muhen von Milchkühen. Wenn die Touristen mit den gelben Kutschen eintrudeln, wird es für die 36 Einwohner Neuwerks etwas lauter und hektischer. Nach einer Stunde Aufenthalt wird die Reisegruppe den Heimweg antreten. Genau nach Gezeitenplan, denn die Flut wartet nicht. Doch alle Mitfahrer freuen sich auf den zweiten Teil einer aufregenden und faszinierenden Kutschfahrt über den Meeresgrund.

Die Insel liegt wie eine grüne Oase im Watt.
Erst aus der Nähe erkennt man das satte Grün der Insel, die wie eine Oase im Watt liegt.