Last Exit: Nickelsville - Teil 2

von Felix Wenning und Leopold Schick

Bankenkrise – Immobilienkrise – Wirtschaftskrise, der Begriff der Krise ließe sich gut in die Liste der Unworte der letzen Jahre einreihen. Wenige Nachrichtensendungen kamen und kommen ohne eine Meldung aus, in der nicht über aktuelle Auswirkungen der globalen Finanzkrise berichtet wird. Und immer wieder fällt der Name des einen Landes: USA. Zu zweit haben wir uns aufgemacht jene Auswirkungen in Form eines Filmes zu dokumentieren. In unserem Fokus liegt die Obdachlosenzeltstadt „Nickelsville“ in Seattle/Washington. Ein Erfahrungsbericht.
Unser Schlafzimmer...

Nach einer stressigen letzten Woche vor dem Abflug stehen wir jetzt am Hamburger Flughafen beim Zoll. Wir müssen unsere Filmausrüstung vorzeigen, genau erklären, was wir mitführen und was wir damit vorhaben. Die Zollbeamtin geht unsere detaillierte Equipmentaufstellung (4 Seiten) durch. Sie macht glücklicherweise nur Stichproben, sodass wir die mühsam verpackte Technik nicht komplett vorzeigen müssen. Nach kurzem Blättern gibt es den wichtigen Stempel, der uns bei der Wiedereinreise eine zollfreie Einfuhr des Equipments garantiert.  Es geht reibungslos und schnell, die Zollbeamtin scheint sich mehr für uns, als für das Filmequipment zu interessieren. Nur der Zollbeamte am Sicherheitscheck misstraut unserer Kamera. Eine Wischprobe soll mithilfe des Sprengstoffscanners Aufschluss geben, ob wir eventuell gefährliche Absichten verfolgen. Nach einem grimmigen „alles in Ordnung“ geht es dann jedoch zum Gate und die Reise kann beginnen.

Von der Brücke zur Westseite Seattles überblickt man die riesigen Hafenanlagen, worin irgendwo unsere Zeltstadt „Nickelsville“ liegen soll. Der letzte Eintrag im Nickelsville Blog hat uns verraten, wo wir sie zu suchen haben. Acht Mal hat das Camp, seit seiner Gründung im September 2008, schon den Platz wechseln müssen. Immer auf der Suche nach einer permanenten Bleibe. Jetzt müssen wir nur noch durch den Dschungel der Freeway- Auf- und Abfahrten finden, Brücken hinauf und hinunter, kreuz und quer. Unser Mietwagen erleichtert die Suche trotz seiner Luxusausstattung auch nicht. Außerdem überkommt uns der Gedanke, dass es vielleicht unangemessen auf die Obdachlosen wirken könnte, dass wir mit solch einer Karosse vorfahren. Schließlich finden wir jedoch das Schild der Parkanlage und entgegen unserer Erwartungen wird das Auto nur beiläufig registriert.

Die Parkanlage ist eine Oase im farblosen, industriellen Hafenviertel Seattles. Ursprünglich vom Duwamish Tribe, einem indigenen Stamm besiedelt, erinnert das Areal heute nur noch durch ein paar Schautafeln an diese Zeiten. Zwei Männer in zerrissener Kleidung sitzen an einem Picknicktisch, rauchen Pfeife und unterhalten sich angeregt. Große Beachtung wird uns nicht geschenkt.
Während des 100 Meter Fußwegs hinüber zum Camp steigt unsere Anspannung noch höher. Wie wird man auf unsere Idee reagieren? Schließlich wollen wir über die nächste Woche lang sehr persönliche Fragen stellen und durch unsere Präsenz den sowieso schon beschwerlichen Alltag auch noch behindern.

Der Registrierungsdesk am Eingang von Nickelsville

„Welcome to Nickelsville, I’m Raymond. How can I help you guys? “, fragt uns ein netter etwas rundlicher Herr in einer orangenen Leuchtweste. Er sitzt an einem Schreibtisch in einem Bretterverschlag aus Bauplanen und Palettenholz. Neben ihm sein Kollege, welcher ebenfalls zur „Security“ eingeteilt ist. Während einer kurzen Rundtour durch das Camp fangen wir an ihm von unseren Plänen zu erzählen und zu fragen ob es möglich wäre im Camp zu filmen. Er wirkt sehr interessiert, überraschend aufgeschlossen und entlarvt uns erst einmal als Deutsche. „I love your accent“, sagt er und vertröstet uns dann aber auf das allabendliche Meeting. „That‘s group business I cannot decide on my own. Come back at 6 p.m.“ Denn in Nickelsville wird jeden Abend um 18.00 Uhr mit allen Campbewohnern die aktuelle Lage besprochen und über zukünftige Maßnahmen entschieden. Wir müssen also warten…

18.00 Uhr. Es geht zum zweiten Mal an diesem Tag voller Spannung den Weg vom Parkplatz zum Camp herunter. Wieder stellen wir uns die Frage: Wie reagieren die „Nickelodeons“ wohl auf unser Vorhaben?
Schätzungsweise 50 Leute, offensichtlich größtenteils Campbewohner sind in einem Kreis aufgestellt um „external und internal buisness“ des Camps zu besprechen. Zum external buisness gehören wir. Doch zuerst wird sich der Reihe nach namentlich vorgestellt. Nach einer kurzen Ansprache des heutigen Moderators kommen wir dann zu Wort. Noch etwas scheu erklären wir unseren Plan. Ein, zwei Fragen nach unserem Hintergrund, der Motivation für den Film und schon wird abgestimmt. Mit einem lauten „Aight“ wird die Erlaubnis zu filmen besiegelt.

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