Last Exit: Nickelsville

von Felix Wenning und Leopold Schick

Bankenkrise – Immobilienkrise – Wirtschaftskrise, der Begriff der Krise ließe sich gut in die Liste der Unworte der letzen Jahre einreihen. Wenige Nachrichtensendungen kamen und kommen ohne eine Meldung aus, in der nicht über aktuelle Auswirkungen der globalen Finanzkrise berichtet wird. Und immer wieder fällt der Name  eines Landes: USA. Zu zweit haben wir uns aufgemacht jene Auswirkungen in Form eines Filmes zu dokumentieren. In unserem Fokus liegt die Obdachlosenzeltstadt „Nickelsville“ in Seattle/Washington. Ein Erfahrungsbericht.

Skyline Seattle

Auch bei Regen muss auf dem Grill das Essen zubereitet werden

Die Zeltbewohner kämpfen für Nickelsville...

Dreharbeiten vorm Eingang von Nickelsville

Geweckt durch einen Artikel bei Spiegel Online, richtet sich unser Interesse schnell auf Obdachlose an der Westküste. „Aussteiger leben hier, Kleinkriminelle und Drogensüchtige. Und neuerdings auch immer mehr Menschen, die durch die Wirtschaftskrise ihr Heim verloren haben. Es ist ein Ort, an dem die Rezession unverhüllt ihre Fratze zeigt“, heißt es in diesem Artikel über die Zustände in einer Zeltstadt in Sacramento, Kalifornien, wo sich Obdachlose notdürftig organisieren.
Nach einigem Stöbern entdecken wir, dass es in den USA weitaus mehr Orte mit diesen so genannten „tentcities“ gibt. Wir durchforsten das Internet, lesen Artikel, sehen uns Videos von Berichterstattern vor Ort an und treffen auf den einen oder anderen Blog mit Erfahrungsberichten.
Durch die fehlende staatliche Unterstützung scheinen viele Obdachlose gezwungen zu sein, sich in Eigenregie zu helfen. Denn das Problem der Obdachlosigkeit wird von politischer Seite vielerorts kleingeredet oder schlichtweg ignoriert. Repressionen und oft auch die Vertreibung von Behelfssiedlungen sind an der Tagesordnung. Die Situation an der US-Westküste empört und beeindruckt uns so sehr, dass wir beschließen einen Dokumentarfilm über eine dieser Zeltstädte zu machen. „Nickelsville“ in Seattle.

Als erstes suchen wir uns Ansprechpartner vor Ort. Leute, die in direkter Verbindung zum Camp stehen oder etwas darüber wissen. Viele der Namen wiederholen sich in Berichten oder Blogs, woraufhin wir eine Email verfassen, die wir an alle offensichtlich beteiligten Personen schicken. Pastoren, Sozialarbeiter, Anwälte, Pressesprecher und ehrenamtliche Helfer wissen nun über unseren Plan Bescheid. Nach zwei Wochen haben wir jedoch immer noch keine Reaktion, und uns bleiben nur noch drei Wochen bis zum Abflug.

Umso größer ist die Erleichterung als das Emailpostfach eine Antwort für uns bereithält. Herr Ramos vom Church Council zeigt sich bereit uns in Seattle in Empfang zu nehmen und ein Interview zu geben. Nun haben wir vor Ort eine erste Kontaktperson. Mit neuer Motivation recherchieren wir weiter und finden in einem Artikel den Namen von Nadine Kasszian. Sie hat während eines Praktikums in den USA einen Bericht über Nickelsville verfasst. Von ihr erfahren wir viele wichtige Details über die „Nickelodeons“, wie sie sich nennen. „Die Antworten nie auf E-Mails! – Ihr müsst einfach vor Ort vorsprechen und dann entscheiden die Bewohner alle gemeinsam! – Das sind sehr nette Menschen und geben gerne Auskunft!“
Sie erzählt uns von ihrem Aufenthalt und von den verschiedenen Charakteren vor Ort. Nach dem Telefonat sind wir unserer Sache endgültig sicher, dass wir „Last Exit: Nickelsville“ in die Tat umsetzen wollen.

Die Finanzierung ist jedoch überhaupt noch nicht gesichert. Wir brauchen eine Filmausrüstung, ein Flugticket, einen Mietwagen, eine Unterkunft, eine Versicherung für uns und die Filmausrüstung, Verpflegung und vieles mehr. Eine Kalkulation der vorrausichtlichen Kosten bringt uns auf über 5.000 Euro. Eine Summe die für uns ohne Unterstützung nicht aufzubringen ist. Deshalb stellen wir einen Tag vor unserem Abflug noch einen Antrag auf Produktionsförderung bei der Filmförderung Schleswig-Holstein/Hamburg, ungewiss ob wir eine Förderung nach dem Beginn der Dreharbeiten überhaupt bekommen würden.

Lesen Sie Teil 2 von "Last Exit: Nickelsville"