Scheuklappen

Tourismus in Goa

von Robin Pfaff

Wie Heuschrecken-Schwärme fallen Pauschaltouristen über die letzten Paradiese her. Und bleiben zu kurz, um zu sehen, was wirklich los ist. Wenn sie gehen, ist alles kahl gefressen. So auch in Goa. Längst hat sich herumgesprochen, wo es noch schön ist. Im Informationszeitalter lassen sich die letzten Refugien bequem herausfinden. Der Lonely Planet, die Bibel der Backpacker, führt einen. Und der „Geheim-Tipp“ (der jeweils drei Ausgaben später zur Touristen-Hochburg avanciert ist) ist immer eine Reise wert. Auch der bisher jungfräuliche Süden wird gerade entdeckt. Und erschlossen.

Wer kurz bleibt schaut weg.

Das Paradies. Wo könnte es schöner sein?

Der Anfang vom Ende. Die erste Phase der Tragödie.

Calangute. In der letzten Phase kommen die Inder. Dann ist alles zu spät.

Das traditionelle Recycling-System ist zusammengebrochen, seit das Plastik eingeführt wurde.

Strandsand wird als Baumaterial verwendet. Die Strände werden immer schmaler.

Indische Frauen sind zäh. Auf ihnen lastet das Gros der Last.

Die Bote gehören zur Kulisse. Schon lange geht niemand mehr fischen.

Plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Nicht seine Welt.

Da kommen sie.
Sie haben die Müllhaufen nicht gesehen, die sich außerhalb des Dorfes türmen. Nicht die Frauen und Mädchen, die dabei sind, ihre Leben aus ihm zu klauben, hinten am Fluss. Sie haben keine scharfen Linsen zum Frühstück gegessen und immer Messer und Gabel benutzt. Haben nicht das verbrannte Plastik gerochen und die Kloake nicht gesehen, die sich in den Fluss ergießt.Zwei Wochen liegen sie dort, wo es schön ist. Im Paradies. Wie eine Sichel ist die Bucht geschwungen. Auf den Felsen ist der Sonnenuntergang besonders schön anzusehen. Sogar Delphine kann man beobachten, wenn auch immer seltener. Das Essen ist schön billig. Etwas mühselig war es, den Koffer über den Strand zu ziehen. Sand im Getriebe der komprimierten Regeneration. „Auch sind die Inder so laut und es riecht so komisch“. Aber jetzt sind sie hier. Endlich mal wieder so richtig entspannen.

Die Hippies waren zuerst da. Damals. Dann kamen die Backpacker. Da war alles noch etwas ungeplanter. Heute kann man bequem mit dem Flugzeug direkt nach Goa fliegen, dann weiter mit dem Taxi zum Strand. Um 10 Prozent wächst Indiens Tourismussektor jährlich, wobei sich der größte Teil auf Goa konzentriert. Und der Anteil der Pauschaltouristen wächst kontinuierlich. Das Landesinnere ist für die Kurz-Bleiber zu anstrengend, zu fremd. Hier in Goa sind die Preise am explodieren. Genau wie die Bauflächen.

Sie bemerken nicht, dass sie beobachtet werden. Räkeln sich im Bikini auf dem heißen Sand. Hinten im Dorf sind die Frauen gut eingepackt. Die Männer machen vorne „Business“ und genießen den Ausblick. Früher musste man hart arbeiten, um Geld zu verdienen, heute reicht es, ein paar Drogen zu verkaufen. Die Dorfjugend hängt rum und dreht den Touris Motorroller an. Abends dann Gras, Koks, LSD, was immer sie haben wollen. 

Auch die Inder selbst strömen nach Goa. Höhere Einkommen in der Mittelschicht, das westliche Vorbild, bessere Infrastruktur. Derzeit plant die Regierung eine sechsspurige Autobahn von Mumbai nach Goa. Eine Hinrichtung quasi. Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen strampeln sich vergebens ab, das „Erbe“ Goas zu retten. Profitgier und Korruption lassen die Vernünftigen verzweifeln. „Anstatt Goa auf einen nachhaltigen Weg zu führen, wandelt die Regierung immer mehr Grünflächen in Bauland um“, Heta Pandit, die Leiterin der Goa Heritage Action Group klingt entmutigt, „sogar Mangroven-Wälder werden abgeholzt!“.

Alles was nach Indien aussieht, wird von ihnen gekauft. Schon lange ist es billige Massenware aus Deli, aber das interessiert nicht. Ist ja auch zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Kapitalstarken. Dem Lockruf „Master, Master, come to look my shop“ folgend, kommen die Entspannten zum einzigen Kontakt mit den Einheimischen. Ein verzerrtes Bild. Das Lächeln der Feilbietenden ist nützlich.

Ohne Entwicklungsplan, fahren die politisch Verantwortlichen den Karren in den Dreck. „Sustainability???” Rahul Goswami, Schriftsteller und freier Journalist lacht, „Forget it. This government couldn't care less. Mangroves or salt plants or beach or agricultural land – no protection!” Ein jeder verschachert ein wenig Bauland und nimmt sich, was ihm zusteht. Auch die Ordnungshüter machen mit. Wer eine Party feiern will, muss bloß zahlen und es wird diskret weggehört. Das gleiche Spielchen bei den Drogen: 5000,- Euro und man entkommt dem indischen Knast. Eine lohnende Investition.

Sie lassen sich treiben und haben es sich verdient. Geschuftet in der Heimat, dürfen sie doch wohl einmal auch das Benehmen über Bord werfen. Frei sein. „Wenn doch bloß die Souvenir-Händler nicht wären, die nerven gehörig.“ Können die nicht woanders ihr Zeug verkaufen? Nette Leute kann man hier kennen lernen. Engländer, Franzosen, Israelis. Braun gebrannt, entspannt, Haut zeigend. Das Urlaubs-Feeling drängt sich einem quasi auf.

Es gibt auch die, die länger bleiben. Die sieht man aber kaum, vorn am Wasser. Sie wohnen hinten, bei den Einheimischen. Viele sind hängen geblieben. Und viele sind weiter gezogen, dorthin, wo es ruhiger zugeht. Nach Karnataka zum Beispiel. Da sind jetzt die Hippies. Dorthin kommen bald die Backpacker und so weiter und so weiter.

Jetzt fliegen sie wieder zurück.
Jetzt sind sie entspannt und braungebrannt und alles war so wunderschön. Und was sie nicht alles gesehen und erlebt haben. Viele Spannende Geschichten haben sie zu berichten. Waren ja in Indien. Die anderen werden sich die Bilder ansehen und staunen und sagen „boa“ und „ohh“. Und: „Da muss ich auch mal hin.“

Auf nimmer Wiedersehen du schönes Goa.