Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn Teil 2
9.500 Kilometer Gleis trennen Berlin von Beijing
von Nikolai Rohmann
Jeden Tag startet in Moskau ein Zug mit dem Ziel Vladivostok. Zwei Mal in der Woche mit dem Ziel Beijing. Zwei Studenten aus Kiel wollen in einen dieser Züge einsteigen. Die Gleise führen die beiden durch Birkenwälder, Steppe, Halbwüste, Wüste und Gebirge von Russland nach China.
Mit einer alten und lauten Straßenbahn fahren wir durch Irkutsk zum Hostel. An den Häuserwänden kämpfen Antifa- und Hakenkreuzgraffitis gegeneinander. Fasst wie zu Hause, denke ich mir. Im Hostel öffnet uns ein sehr verschlafener Alexander die Tür. Er ist der Besitzer und gerade aufgestanden, erklärt er uns. Wir stehen in einer sehr alten Wohnung. Zwei Zimmer, kleine Küche und ein verschimmeltes Bad. In der Küche hängen jede Menge alte Propaganda-Plakate. Ich fühl mich sofort wohl in der Wohnung mache es mir auf der Couch gemütlich. Alexander erzählt uns, dass hier gerade sehr viel Trubel im Hostel ist und wir uns nicht davon stören lassen sollen. Grund dafür sei ein Filmfestival und die Veranstaltung eines sehr bekannten Joga-Gurus. Wir freuen uns darüber, denn so haben wir die Möglichkeit, junge aufgeschlossene Menschen aus Russland kennen zu lernen.
Nach erfolgreichem Ticketkauf fahren wir am nächsten Tag mit dem Bus zum Baikalsee. Ich steh am Ufer, sehe das andere nicht, denn es ist von Nebel verdeckt. Der See ist nicht der größte, aber der tiefste Süßwassersee der Welt. Das Wasser soll man angeblich direkt trinken können. Zumindest wird aus 400 Meter Tiefe Wasser gefördert und man kann es in Flaschen abgefüllt kaufen. Wir füllen uns eine Flasche Wasser ab und kosten. Es schmeckt gut, aber am Rand des Sees ein wenig alt und nach Hafen. Heute Abend werden wir sehen, ob es trinkbar ist, sage ich zu Sebastian. Abends verpassen wir den letzten Bus nach Irkutsk, obwohl wir neben ihm stehen. Wir haben die Busnummern verwechselt. Da hilft nur Daumen raus und hoffen. Ein Auto kommt und nimmt uns und weitere sieben Personen mit. Wir rasen über eine Landstraße. Aus zwei Spuren werden drei und die Mittlere für beide Fahrtrichtungen. Es geht den Hügel hoch, plötzlich kommt über die Spitze ein Auto auf uns zu, wir bremsen fahren zur Seite. Sebastian steht die Angst ins Gesicht geschrieben. So geht es die Straße lang weiter bis Irkutsk.
Diesmal funktioniert die Klimaanlage. Nach drei Tagen in Irkutsk sitzen wir für 33 Stunden im Zug nach Ulaanbaatar. Der Zug hält in Nauški. Fünf Stunden lang Grenzkontrolle. Vom russischen Militär bewacht versuchen wir die Zeit rumzukriegen. Die Stimmung im Waggon ist angespannt und genervt. Der Zug wird abgeklopft, jede Wand geöffnet. Ein Spürhund folgt dem nächsten. Endlich verlassen die Soldaten und Soldatinnen den Zug und wir fahren für 30 Minuten weiter. Ich gucke aus dem Fenster. Nichts ändert sich da draußen, nur das Land heißt jetzt anders. Wir sind in der Mongolei. Der Zug hält erneut für drei Stunden, Grenzkontrolle in Suchbaatar. Ich denke dabei über eine Welt ohne Grenzen nach, denn dann würden wir auch vorankommen.
Unsere Reisepässe haben wir zurück. Es ist kurz nach sieben Uhr. Wir sind in Ulaanbaatar angekommen. Diesmal freue ich mich, nicht mehr im Zug zu sitzen. Es ist warm in der Hauptstadt. Ich muss an den Schneesturm denken, durch den wir vor wenigen Stunden fuhren. Nach einem Tag in der Hauptstadt fahren wir mit dem Auto aufs Land. Die Blicke tasten den weit entfernten Horizont ab. Pferde-, Rinder- und Schafherden kreuzen die Straße. Im trockenen Gras sieht man Plastikmüll aufblitzen. Egal wo man hinguckt, zeugt dieser Müll von Menschen. Menschen wiederum sieht man eher selten. Nur vereinzelt tauchen Jurten in der Landschaft auf.
Wir halten an und steigen aus. Angekommen in der kleinen Gobi. Mitten durch das weite Grasland zieht sich ein breiter Sandstreifen. Barfuß rennen wir eine Sanddüne hoch. Ein angenehmer Wind weht und entspannt sitze ich im warmen Wüstensand. Ich bin erstaunt, dass gerade mal kein Plastikmüll zu sehen ist. Doch dann rollt ein alter Zigarettenfilter an mir vorbei. Er hinterlässt eine interessante Spur im Sand.
Den Abend verbringen wir hier draußen in einer Jurte. Es wird dunkel und über uns erhellt ein grandioser Sternenhimmel die Nacht. So viele Sterne habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Man kann fasst keine Lücken mehr zwischen den Sternen erkennen. Die Milchstraße durchzieht das Schwarz des Himmels. Ich fühle mich frei und sehr wohl. Selbst die Kälte der Nacht braucht lange, um mich in die Jurte zu bringen. Doch mit der Zeit bin ich völlig durchgefroren. Sebastian und ich machen den kleinen Ofen an. Ein wenig Wärme. Wir murmeln uns in die Schlafsäcke und fliehen vor der Kälte. Am Morgen wachen wir auf, leicht zitternd. Kondensierter Atem zieht durch die Jurte und meine Nase spürt die kalte Luft. Wir fahren zurück nach Ulaanbaatar, denn unser Zug nach Beijing fährt am nächsten Tag ab.
Mit dem Zug fahren wir durch die Wüste Gobi. Ich sehe zum ersten Mal eine richtige Wüste und bin beeindruckt von den Sandmassen und dem weiten Horizont. Kein einziger Hügel durchbricht die Linie des Horizonts. Wir stehen an der Grenze zu China. Salutierend verabschieden uns die mongolischen Soldaten. Zurückblickend sehe ich nur Dunkelheit. In der Mongolei ist es Nacht. Ich drehe meinen Kopf und sehe Helligkeit. Die erste chinesische Grenzstadt vertreibt die Dunkelheit. Leuchtreklamen, Laternen und Hochhausviertel erhellen die Nacht.
Es läuft die chinesische Nationalhymne während der Zug im Bahnhof einfährt. Die nächsten zwei Stunden knarzen Beethoven und Bach aus den Lautsprechern. Ungefähr alle zehn Meter steht ein chinesischer Soldat und bewacht den Zug. Stramm, kein Zucken der Gliedmaßen. Sie tun mir leid und ich denke mir nur, bewegt euch doch. Für mich braucht ihr nicht stramm stehen. Nach dem Aufenthalt fahren wir weiter. Vorbei an der Chinesischen Mauer fährt der Zug nach Beijing.

- Chinesische Flagge
Das Ziel der Reise ist erreicht. Wir sind in Beijing, der Hauptstadt von China. Nach den zwei Nächten in einer Jurte unter dem mongolischen Sternenzelt sind wir mit den Menschenmassen überfordert. Wir haben sechs Tage Zeit uns daran zu gewöhnen, bevor es mit dem Flugzeug nach Hause geht. Im Flugzeug vermisse ich sofort den Zug als Transportmittel. Hier in der Luft vergeht alles so schnell. Über 900 statt durchschnittlich 60 Kilometer pro Stunde. Ich muss mich entscheiden, ob ich schlafe, lese oder rede. Für alle drei Dinge ist nicht ausreichend Zeit. Zeit ist anscheinend wieder Geld. Ich habe Sehnsucht nach dem Langsamen, der Zeitlosigkeit sowie dem Rhythmus und dem Lied der Schienen.
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