Zu Fuß über die Alpen

von Nele Meyer

Die Alpen kann man mit dem Flugzeug in nicht mal einer Stunde überqueren. Oder aber man fährt mit dem Auto innerhalb weniger Stunden in Tunneln durch die Berge hindurch. Zu Fuß ist die Strecke mehr als nur eine normale Reise. Der sogenannte „Traumpfad“ verläuft von München nach Venedig und man lernt viel über sich selbst.
Urlaub der anderen Art: Zu Fuß über die Alpen. Panorama und Strapazen inklusive.
Zu Fuß über die Alpen. Panorama und Strapazen inklusive.

„Nächster Halt Marienplatz“. Wir steigen aus der U-Bahn und entscheiden uns ein letztes Mal für die Rolltreppe. Auf dem Platz angekommen schmeißen Hanna, Jan und ich feierlich unsere Fahrkarten weg und schwören uns in den nächsten Wochen kein Verkehrsmittel mehr zu benutzen. Nur zu Fuß wollen wir drei in den nächsten 28 Tagen unterwegs sein. „Wo soll es denn hingehen?“, fragen uns Passanten. „Nach Venedig. Über die Alpen. Zu Fuß!“ Wir ernten nur verständnislose Blicke. Der so genannte „Traumpfad“ über die Alpen führt über insgesamt 550 Kilometer vom Marienplatz bis nach Venedig, wobei es insgesamt 20.000 Höhenmeter zu überwinden gilt. Der Wanderer kommt dabei durch drei Länder: Deutschland, Österreich und Italien.

Gut gelaunt machen wir uns auf den Weg, der uns schon bald aus der Stadt hinausführt. Durch Wälder und Dörfer folgen wir der Isar, die uns zu unserem Etappenziel Wolfratshausen führen soll. Wir kommen gut voran, machen schöne Pausen und kühlen unsere müden Füße in der Isar. Doch der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Nach jeder Pause wird es mühseliger sich wieder aufzumachen. Das ungewohnte Gewicht auf dem Rücken macht mir zu schaffen und die Füße beginnen zu schmerzen. Völlig erschöpft kommen wir in Wolfratshausen an. Wir haben Blasen und die Schultern sind von der ungewohnten Last aufgescheuert. Während wir erschöpft auf unseren Betten liegen fängt es an in Strömen zu regnen. Ich sehe Hanna an. Sie scheint das gleiche zu denken wie ich. Werden wir den Weg tatsächlich schaffen können? Oder haben wir uns zu viel zugemutet? Wir wagen beide nicht unsere Gedanken auszusprechen. Und am nächsten Morgen laufen wir trotzdem weiter.

Die Birkkarspitze ist einer der schönsten und höchsten Gipfel auf unserer Tour. Nach einigen Tagen im Voralpenland erreichen wir den Fuß dieses Gipfels. Der Anstieg ist anstrengend und führt teilweise über Klettersteige stetig nach oben. Jeder Schritt ist ermüdend aber dennoch treibt mich die Neugier, was sich wohl auf der anderen Bergseite befindet und verleiht mir immer wieder neue Energie. Dann stehen wir plötzlich auf dem Gipfel, der einen Blick auf das Panorama der anderen Bergseite erlaubt, auf die Gebirgsketten die noch vor uns liegen. „Da müssen wir noch rüber?", fragt Hanna.

Wetterumschwung und schmale Wege machen die Reise gefährlich.
Wetterumschwung und schmale Wege machen die Reise gefährlich.

Doch es ist eher Überwältigung als Entsetzen welches sie zu dieser Frage verleitet. In der Sonne glitzerten in der Ferne die schneebedeckten Gipfel und schüren die Vorfreude auf die kommenden Tage. Alle Zweifel sind vergessen. Hanna grinst mich an. Sie liebt den Nervenkitzel auf einem schmalen Grad zu stehen und neben sich den Abgrund zu haben. Mein Herz klopft. Überwältigt von diesem Augenblick bin ich unfähig den Blick von der Berglandschaft abzuwenden. Dennoch spüre ich einen gewissen Respekt vor dem Abgrund. Aber für diesen Moment hat es sich gelohnt Mühen und Zweifel in Kauf zu nehmen. „Die Berge sind schön, aber sie sind auch gefährlich“ , so werden wir einige Tage später beim Frühstück von der netten Hüttenwirtin gewarnt. Wie Recht sie doch haben sollte.

Gegen Mittag schlägt das anfänglich gute Wetter plötzlich um. Der Wind peitscht Hagel in mein Gesicht und fegt über den Bergkamm. Wir sind bereits völlig durchnässt als wir einen Klettersteig erreichen. Die Felsen sind rutschig und das Wasser strömt von oben hinab. Plötzlich ein lautes Poltern und danach wieder Stille. Entsetzt sieht Hanna mich an. Wir müssen so schnell wie möglich hier weg. Während ein starkes Gewitter über uns hinein bricht versuchen wir den Klettersteig so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. „Fass die Drahtseile nicht an!“ schreit Hanna. Ich kann die Angst in ihrer Stimme spüren. Ich finde keinen Halt an den glatten Felsen und rutsche immer wieder ab. Meine Beine zittern und bei jedem Donnern zucke ich zusammen. Völlig erschöpft erreichen wir den höchsten Punkt und retten uns mit letzter Kraft unter einen Felsvorsprung. Das erste Mal begreife ich, dass unser Abenteuer gefährlich ist und man die Berge nicht unterschätze darf. Während das Gewitter sich langsam entfernt legen wir die letzten Kilometer rennend zurück.

Das Meer zu sehen gibt den Wanderern neue Kraft.
Das Meer zu sehen gibt den Wanderern neue Kraft.

Die Alpen zeichnen sich durch klimatische Besonderheiten aus. Das ausgeprägte Relief stellt ein Hindernis in der Atmosphäre dar, welches zu einem unruhigen, wechselhaften Wettergeschehen führt. Ein plötzlicher Wetterumschwung ist daher in den Alpen keine Seltenheit. „Es hat geschneit“, ruft Hanna voller Begeisterung als wir eines Morgens einen Blick aus dem verstaubten Hüttenfenster werfen. Tatsächlich sind die Berge bedeckt mit einer dicken Schneeschicht. Der Schnee, auch wenn er unsere Reise als anstrengender und gefährlicher gestaltet, wird von uns mit Freude angenommen. Hoch über den Tälern wandern wir durch eine bezaubernde Schneelandschaft über das Sella-Hochplateau. Plötzlich werde ich von einem Schneeball getroffen und schon ist eine wilde Schneeballschlacht in 3000 Metern Höhe in Gange. Vergnügt rennen wir durch den Schnee und lassen uns von unserer Anstrengung ablenken. Das Sella-Plateau gehört zu den Höhepunkten des „Traumpfades“. Nicht nur aus geomorphologischen Aspekten weist dieses Massiv aufgrund extremer Felsformationen viele Besonderheiten auf, auch bietet die Sella dem Wanderer schöne Aussichten auf die Dolomiten. Zu den höchsten Gipfeln dieses Massivs gehört der Piz Boè, der mit 3152 Metern den höchsten Punkt auf der Tour von München nach Venedig darstellt.

Am Zeil: Venedig ist erreicht.
Am Ziel: Venedig ist erreicht.

Die letzten Wandertage legen wir im italienischen Voralpenland zurück. Es ist warm und oft finden wir weder Schatten noch eine Möglichkeit unsere leeren Trinkflaschen aufzufüllen. Vor mir schlurft Hanna und versucht ein Lied anzustimmen um mich bei Laune zu halten. Aber so kurz vor dem Ziel hat mich sämtliche Motivation verlassen. Nach all den schönen Tagen, dem Spaß aber auch der Angst und den Zweifeln in den Bergen sehne ich nun das Ende der Tour herbei. Doch dann erblicke ich plötzlich das Meer, das mir neue Kraft verleiht. Vergnügt planschen wir im Wasser bevor es weiter geht. Jetzt kann es bis Venedig nicht mehr weit sein. Venedig ist eine historische Stadt, die auf über 100 Inseln in der Lagune erbaut wurde. Zahlreiche Kanäle verbinden diese Inseln miteinander, wobei insbesondere der Canale Grande den Hauptverkehrsweg darstellt. Seit 1987 zählt diese Stadt zum UMESCO-Weltkulturerbe. Sie stellt das Ziel des Traumpfades dar. Wir haben es geschafft. Erschöpft setzen wir uns auf die Stufen vor dem Markusplatz. Vier Wochen lang waren wir unterwegs um Venedig zu erreichen. Wir sind zufrieden aber dennoch hält sich unsere Euphorie in Grenzen. Denn wir beginnen zu begreifen, dass hier lediglich das Ende unserer Reise ist, das Ziel aber war der Weg.